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Nora Kronig, Vizedirektorin BAG und Leiterin Abteilung Internationales BAG, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur aktuellen Situation des Coronavirus, am Dienstag, 12. Januar 2021 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Bild: keystone

Interview

Oberste Impfverantwortliche: «Die Schweiz hat nicht versagt»

Nach Wochen der Kritik an der Schweizer Impfkampagne kommt sie mit der Zulassung des Moderna-Impfstoffes nun langsam in Fahrt. Nora Kronig, Vize-Direktorin des BAG und Verantwortliche für die Schweizer Impfstrategie, will nichts von einem Versagen wissen.



Frau Kronig, die Schweizer Impfkampagne ist in den letzten Wochen heftig unter Beschuss geraten. Man habe zu wenige Impfdosen bestellt und das auch zu spät. Hat die Schweiz versagt?
Nora Kronig: Nein, im Gegenteil. Wir sind auf Kurs. Wir haben bereits im März 2020 angefangen, die Impfkampagne vorzubereiten. Die Schweiz hat sich genau die drei Impfstoffe gesichert, die zuerst auf den Markt gekommen sind. Im Vergleich waren wir sogar sehr früh dran mit den Kaufverträgen.

Trotzdem war man zögerlich mit den bestellten Mengen. Bei Moderna musste erst kürzlich nachbestellt werden. Das hat jetzt zur Folge, dass wir Anfangs nur wenige Dosen bekommen.
Das ist eine Fehlinterpretation. So funktioniert das nicht. Die zusätzlich bestellten Mengen stellen den ursprünglich abgeschlossenen Vertrag nicht in Frage, die Lieferkonditionen und Preise sind gleich geblieben. Wir haben nachbestellt, weil wir nach den ersten Forschungsergebnissen gesehen haben, wie effizient der Moderna-Impfstoff ist. Das hat nichts an der Vereinbarung mit Moderna geändert, wir sind vorne mit dabei in der Lieferkette.

Bei Pfizer und Biontech war sogar schon früher klar, wie wirksam ihr Vakzin ist. Trotzdem kam die Bestellung erst sehr spät. Hat man aufs falsche Pferd gesetzt?
Wir waren früh dran und haben bereits Mitte Oktober einen Vorvertrag mit Pfizer und Biontech abgeschlossen. Vorverträge werden aber prinzipiell nicht öffentlich kommuniziert. Trotzdem: Auch Vorverträge sind verbindlich. Sie müssen sehen, dass bei einem solchen Vertrag nicht nur Volumen, Preis und Lieferdatum verhandelt wird. Da gibt es noch Zulassungs- und Haftungsdimensionen, um ein paar Beispiele zu nennen. Deswegen dauerte es noch bis zum 1. Dezember, bis wir den fixfertigen Vertrag kommunizieren konnten.

Trotzdem sind die Pfizer-Lieferungen für die Schweiz momentan ein Tropfen auf den heissen Stein. In Israel hingegen werden 150'000 Dosen täglich verabreicht. Was macht Israel besser?
Es ist für mich nach wie vor ein Rätsel, wie es in Israel zu Beginn zu einer solch hohen Lieferung gekommen ist. Ich kenne die Details des Vertrages nicht. Man kann jedoch ein Land wie Israel mit einem zentralisierten Gesundheitssystem auch nur bedingt mit einem föderalistischen Land wie der Schweiz vergleichen. Ich glaube, wir müssen uns damit abfinden, dass Israel einfach eine weltweite Ausnahme ist.

Die Schweiz ist ja nicht das einzige Land, das mit Lieferengpässen zu kämpfen hat.
Richtig. Man hat schon immer gewusst, dass es zu Beginn zu einer Produktionsknappheit kommen wird. Weltweit. Es brauchen in einer Pandemie ja auch alle einen Impfstoff.

Nichtsdestotrotz gibt es Länder wie Kanada oder Grossbritannien zum Beispiel, die Kaufverträge abgeschlossen haben, die ein Volumen umfassen, um die ganze Bevölkerung bis zu fünf Mal zu impfen. Ist das westliche Überheblichkeit? Für was soll das gut sein?
Die Schweiz hat immer mit dem Ziel vor Augen verhandelt, jeden impfen zu können, der das will. Wir wollten aber nie anderen Ländern die Impfdosen wegnehmen. Das macht auch aus epidemiologischer Sicht keinen Sinn. Die Schweiz ist in der Mitte Europas, wir sind extrem verflechtet mit anderen Ländern, haben viele Grenzgänger et cetera.

Wieso machen es dann andere Länder?
Das kann ich nicht sagen. Ich gehe davon aus, dass diese Länder eine Weitergabe oder eine Umverteilung anstreben.

Wieso setzt die Schweiz eigentlich nur auf westliche Hersteller? Sputnik V aus Russland oder Sinopharm und Sinovac Biotech aus China wurden ja auch schon in einigen Ländern zugelassen.
Wir sind prinzipiell offen gegenüber allen Impfstoffen. Dazu braucht es jedoch verlässliche klinische Daten. Die Schweiz würde ohne erste Ergebnisse nie in ein Vakzin investieren. Und bei den von Ihnen genannten Impfstoffen war genau das das Problem. Dazu kommt, dass der Hersteller von sich aus eine Zulassung in der Schweiz beantragen muss.

Wenn diese Daten in Zukunft nun also verfügbar wären, dann würde man in der Schweiz auch auf Sputnik V setzen?
Wir setzen auf jene Impfstoffe, die sicher und wirksam sind und uns bei der Pandemiebekämpfung helfen.

Laufen denn bereits Gespräche mit anderen Impfstoffherstellern?
Ja.

Mit welchen denn?
Zu laufenden Gesprächen kann ich mich nicht äussern. Nur so viel: Nur weil wir jetzt zwei zugelassene Impfstoffe haben, heisst das nicht, das wir uns zurücklehnen und abwarten. Die Situation ändert sich ständig, nun macht uns die neue Virusmutation zu schaffen. Momentan sieht es so aus, als ob die jetzigen Vakzine auch gegen die Mutation wirkt, aber vielleicht gibt es in Zukunft Varianten, für welche man neue Mittel braucht.

Epidemiologinnen sprechen davon, dass man mit einem sehr viel ansteckenderen Virus auch eine höheren Anteil der Bevölkerung impfen muss, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Bisher war von 60 bis 70 Prozent die Rede. Nun könnten bis zu 80 Prozent nötig sein. Wie will man das erreichen?
Die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber der Impfung ist für uns ein sehr wichtiger Punkt. Wir sind momentan sehr erfreut über den riesigen Andrang für einen Impftermin. Das zeigt, dass sich die Bevölkerung wirklich impfen lassen will. Um die Impfbereitschaft weiter zu erhöhen, setzen wir auf komplette Transparenz und Information. Wir veröffentlich neue Erkenntnisse sofort und begleiten den ganzen Prozess sehr eng. Das ist nötig, da wir in der Schweiz keinen Impfzwang haben und auch keinen wollen.

Ein indirekter Impfzwang könnte aber sehr wohl kommen. Dann zum Beispiel, wenn private Veranstalter nicht geimpften Personen die Dienstleistung verweigern. Wie stehen Sie dazu?
Es wird eine Diskussion brauchen, ob und wann eine Ungleichbehandlung von geimpften und nicht geimpften Personen zulässig sein könnte. Rein rechtlich ist hier aktuell für Private durchaus ein Spielraum vorhanden. Aber heute gibt es noch viele offene Fragen: Zum Beispiel ob die Impfung verhindern kann, dass Geimpfte das Virus weitergeben können.

Müsste der Staat da nicht mitreden, einen gesetzlichen Rahmen dafür schaffen?
Ob es bei privaten Veranstaltern und Dienstleistern eine generelle Regelung braucht, wird zur Zeit beim Bund intensiv diskutiert. Das BAG ist hier in intensivem Austausch mit dem Justizdepartement und dem Datenschutzbeauftragten.

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