Unvergessen
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Bildnummer: 10906293  Datum: 30.06.1990  Copyright: imago/Pressefoto Baumann
Argentinien - Jugoslawien 3:2 i.E. - Dragan Stojkovic (Jugoslawien) entt

1990 tritt Jugoslawien zum letzten Mal geschlossen an einer WM an und scheitert im Viertelfinal an Argentinien. bild: imago images / Pressefoto Baumann

Unvergessen

Jugoslawiens Nati schliesst die Kroaten aus – es ist das Ende der «Brasilianer Europas»

15. August 1991: Auch der Fussball wird vom Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates erfasst. Damit zerfällt eine erfolgreiche Nationalmannschaft - mit Dänemark als grossem Profiteur.

Marcel Hauck / Keystone-SDA



Die Meldung, die am 15. August 1991 von der Schweizer Nachrichtenagentur Sportinformation verbreitet wurde, war 94 Wörter lang. Die Kernaussage: «Sportler der abtrünnigen jugoslawischen Teilrepublik Kroatien werden künftig nicht mehr in jugoslawischen Nationalteams berücksichtigt und von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dieser Beschluss des Sportministeriums in Belgrad gilt auch für die Olympischen Spiele in Albertville und Barcelona.»

Es war der Schlusspunkt einer erfolgreichen Fussballtradition - und das nur zweieinhalb Monate nach dem Höhepunkt mit dem Meistercup-Triumph von Roter Stern Belgrad.

Finale Europapokal der Landesmeister 1990/1991 in Bari, Sieger Roter Stern Belgrad, die Spieler rennen hocherfreut mit dem Cup über das Spielfeld

Final European Cup the National champion 1990 1991 in Bari Winner red Star Belgrade The Players Race delighted with the Cup above the Playing field

Der grösste Erfolg des jugoslawischen Klubfussballs: Roter Stern bejubelt den Sieg im Europapokals der Landesmeister, der späteren Champions League. Bild: imago sportfotodienst

Jugoslawien hatte im internationalen Fussball immer eine gute Rolle gespielt. 1930 war es eines von nur vier europäischen Teams an der ersten WM in Uruguay - und dank eines 2:1-Sieges gegen Brasilien das einzige im Halbfinal. Die uruguayischen Fans waren begeistert von «Los Ichachos». Konflikte gab es aber schon damals. Wegen der Verlegung des Hauptquartiers des jugoslawischen Fussballverbands von Zagreb nach Belgrad boykottierte der kroatische Teilverband die WM.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für Jugoslawien zwei Olympia-Silbermedaillen und 1960 (gegen die Sowjetunion) und 1968 (in einem Wiederholungsspiel gegen Italien) Finalniederlagen bei der EM.

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Die Highlights der Finalniederlage Jugoslawiens gegen Italien. Video: YouTube/sp1873

Für ein paar Jahrzehnte funktionierten der Vielvölkerstaat und seine Nationalmannschaft ziemlich gut. Noch 1990 standen die Jugoslawen im WM-Viertelfinal, wo sie im Penaltyschiessen gegen den späteren Finalisten Argentinien ausschieden, und für die EM 1992 qualifizierten sie sich als Gruppensieger souverän. Die dunklen Wolken waren aber schon längst nicht mehr zu übersehen.

Jugoslawische Hymne in Zagreb unerwünscht

Im Frühling 1990 begann sich der Zerfall Jugoslawiens abzuzeichnen, als in den Teilrepubliken Kroatien und Slowenien bei ersten freien Wahlen die Nationalisten klare Mehrheiten erzielten; der Wunsch nach Unabhängigkeit war klar. Schon bei der Hauptprobe für die WM 1990 gegen die Niederlande im Zagreber Maksimir-Stadion wurde die jugoslawische Nationalhymne von den heimischen Fans ausgepfiffen und demonstrativ niederländische Flaggen geschwenkt.

WM 1990 Deutschland - Jugoslawien Italien, Mailand, 10.06.1990, Fussball, FIFA WM 1990 in Italien, Vorrunde 1. Spieltag, DFB Deutschland - Jugoslawien 4:1: Tomislav Ivkovic Jugoslawien. *** World Cup 1990 Germany Yugoslavia Italy, Milan, 10 06 1990, Football, FIFA World Cup 1990 in Italy, preliminary round 1 matchday, DFB Germany Yugoslavia 4 1 Tomislav Ivkovic Yugoslavia

1990 hütete noch der im heutigen Kroatien geborene Tomislav Ivkovic das jugoslawische Tor. Bild: www.imago-images.de

Der Fussball brauchte allerdings eher lange, ehe sich die politischen Verwerfungen auswirkten. In der Qualifikation für die EM 1992 schossen die Jugoslawen 24 Tore, elf durch Mazedonier (10 von Darko Pancev), sechs durch Kroaten, drei durch Serben, zwei durch Montenegriner und je eines durch den Slowenen Srecko Katanec und den Bosnier Mehmed Bazdarevic.

Das Team von Roter Stern Belgrad, das 1991 den Meistercup gewann, bestand zwar überwiegend aus serbischen Spielern, doch auch der kroatische Mittelfeldstar Robert Prosinecki trug massgeblich zum Titel bei. Er wechselte im selben Sommer zu Real Madrid und kam damit der Verbannung aus Serbien und der verbleibenden jugoslawischen Vertretung zuvor.

ARCHIVBILD ZUM KEYSTONE-SDA-TEXT ZUM ZERFALL DER JUGOSLAWISCHEN NATIONALMANNSCHAFT 1992 --- Newly appointed Red Star Belgrade soccer club Coach Robert Prosinecki poses for photographers in Belgrade, Serbia, Thursday, Dec. 9, 2010. Red Star Belgrade has appointed former Croatia international Robert Prosinecki as the club's new coach. Prosinecki played for Red Star in 1991 when the most popular Serbian club was the European champion. He later joined Real Madrid, Barcelona, Sevilla and Portsmouth before returning to Croatia to become an assistant coach of the national team. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Vereinslegende Robert Prosinecki kehrte 2010 als Trainer nach Belgrad zurück. Bild: keystone

Als sich die Nationalmannschaft Ende Mai in einem Trainingslager in Schweden auf die EM vorbereitete, bestand sie nur noch aus Serben und Montenegrinern. Nach dem Beschluss der UNO-Sanktionen gegen Jugoslawien wurden sie jedoch zehn Tage vor dem Start der Europameisterschaft von allen sportlichen Wettkämpfen ausgeschlossen. Dänemark, das in der Qualifikation Gruppenzweiter war, kam sehr kurzfristig zum Handkuss und nützte seine Chance zum sensationellen EM-Titel.

Die daenische Fussballnationalmannschaft bejubelt am 26.6.1992 in Goeteborg ihren ueberraschenden Sieg im Endspiel der Europameisterschaft. Abwehrspieler Kim Christofte (M) haelt triumphierend den eroberten EM-Pokal in die Hoehe. Er wird flankiert von den Stuermern Flemming Povlsen (l) und Brian Laudrup (2.v.l) sowie von Mittelfeldspieler Kim Vilfort (2.v.r; verdeckt) und Abwehrspieler John Sivebaek (r). Der Aussenseiter Daenemark besiegt vor 38.000 Zuschauern den Weltmeister Deutschland mit 2:0. (KEYSTONE/EPA/BERND WEISSBROD)

Das dänische Fussball-Märchen gibt es nur, weil Jugoslawien nicht an der EM 1992 teilnehmen konnte. Bild: EPA

Kroatiens erstaunliche Erfolge

Die wegen ihrer Spielkunst einst bewundernd «die Brasilianer Europas» genannte jugoslawische Nationalmannschaft existierte damit auch auf dem Papier nicht mehr, die Region versank endgültig in Chaos und unsäglichem menschlichem Leid.

Die Fussballtradition ging aber nicht verloren. Vor allem Kroatien, das mit seiner Unabhängigkeitserklärung am 25. Juni 1991 wohl den letzten, unumkehrbaren Schritt zur Auflösung des Vielvölkerstaates gemacht hatte, überrascht die Fussballwelt immer wieder mit Erfolgen, die weit über die zu erwartenden Kapazitäten eines Staates mit nur vier Millionen Einwohnern hinausgehen.

1998 wurde Kroatien bei seiner ersten WM-Teilnahme als unabhängiger Staat gleich Dritter, bei der letzten WM vor zwei Jahren in Russland sogar Zweiter. Seine erste Länderspieltore hatte Davor Suker, der heutige kroatische Verbandspräsident und WM-Torschützenkönig von 1998, noch für Jugoslawien erzielt. (dab/sda)

Unvergessen

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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Stumpfer Winkel 15.08.2020 18:58
    Highlight Highlight Ist zwar Basketball, meiner Meinung aber einer der besten Sportdokumentarfilme:

    http://www.documentarymania.com/player.php?title=Once%20Brothers

    Aufstieg und Fall einer serbo-kroatischen Freundschaft und der jugoslawischen Nationalmannschaft.
  • Quo Vadis 15.08.2020 14:32
    Highlight Highlight "Im Frühling 1990 begann sich der Zerfall Jugoslawiens abzuzeichnen, als in den Teilrepubliken Kroatien und Slowenien bei ersten freien Wahlen die Nationalisten klare Mehrheiten erzielten"

    Der Zerfall Jugoslawiens fand schon viel früher statt! Meine Mutter wurde bereits um 1970 bei 'inoffiziellen' Befragungen an der Haustüre gefragt, welche Nationalität sie denn habe. Als sie mit 'Jugoslawin' antwortete, bestanden die Leute darauf die Nationalität 'Kroatin, Serbin, Slowenin, Bosnierin' etc. zu wissen.

    Jugoslawien hätte im Grunde genommen nie kreiert werden dürfen. Ein Fehler von Anfang an!
    • PaLve! 15.08.2020 16:51
      Highlight Highlight Ein Jugoslawien oder eine Balkanföderation sind die einzige Möglichkeit, Jugoslawien unter Tito war das beste was dem Balkan je passieren konnte. Alle heutigen Politiker, von Kroatien bis Bulgarien sind Abschaum.
  • Ardle 15.08.2020 11:33
    Highlight Highlight Na ja Krotiens Erfolge nach der Unabhängigkeit sind nicht wriklich erstaunlich. Es gab schon immer hervorragende kroatische Sportler, aber die politische Führung in Belgrad forcierte halt immer Serben, von Sportwettbewerben, über Songcontests bis Misswahlen. Nach der Unabhängigkeit, konnten die talentierten Spieler endlich spielen und die Erfolge kamen, nicht nur in Fussball, sondern auch in Handball, Basketball (Silber Olymische Spiele 92), Wasserball, Tennis usw.
    • fluxx 15.08.2020 14:49
      Highlight Highlight Während 37 (von 42 Jahren) war jeweils ein Kroate an der politischen Spitze des Landes. „Belgrad“ für eine systematische Unterdrückung hier die Schuld zu geben ist etwas weit her geholt
    • Lordone 15.08.2020 17:21
      Highlight Highlight @Ardle Ihr Kommentar ist ein trauriges Beispiel vom Balkan-Nationalismus. Zusammen wären wir sportlich sowie wirtschaftlich eine der stärksten Länder Europas. Nationalistische Lügenpropaganda führte zu x1000 Toten und zu heute korrupten Regierungen mit einer verarmten Bevölkerung, die ins Ausland flüchtet. Bravo.
  • Pipikaka Man 15.08.2020 10:56
    Highlight Highlight Schade ist Jugoslawien auseinander gebrochen. Aber ich habe grössten Respekt was Kroaten (und Serben aber um die geht es nicht) im Sport leisten obwohl sie nicht mehr Einwohner als wir haben. Sie bringen immer Weltklasse Spieler hervor. Schade schaffen wir das nicht.
    • Glenn Quagmire 15.08.2020 17:59
      Highlight Highlight Wille und Mentalität machen auch viel aus..
    • Nelson Muntz 15.08.2020 18:01
      Highlight Highlight Der beste Kroate ist ja ein SFV/FCB Nachwuchsspieler 😉
    • kupus@kombajn 15.08.2020 20:37
      Highlight Highlight Luka Modrić war beim FCB? 😳

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