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In this photo provided by the New York Stock Exchange, traders work on the floor, Friday, Feb 26, 2021. Stocks wobbled between small gains and losses on Wall Street Friday as rising technology stocks offset a slide in banks and energy companies. (Courtney Crow/New York Stock Exchange via AP)

Ihre Nervosität verändert Schweizer Lebenswelten: Händler an der New Yorker Börse. Bild: keystone

Folgt nach der Krise ein Boom? An den Börsen herrscht Hysterie

Die Schweizer Wirtschaft übersteht das Coronajahr vergleichsweise gut – doch die Börsen sind bereits wieder hysterisch. Mehr Inflation könnte bevorstehen und ein mächtiger Wachstumsschub.

niklaus vontobel / schweiz am wochenende



Noch im Sommer wurde mit einem Einbruch von dramatischen 6,2 Prozent gerechnet. Nun kommt es weit weniger schlimm, wie die Ökonomen im Bundesberner Staatssekretariat für Wirtschaft bekanntgaben. Um inflationsbereinigte 2,9 Prozent gibt die Wirtschaft nach.

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Damit steht die Schweiz im Vergleich gut da. Gegen Ende des Coronajahres 2020 ist ihre Wertschöpfung bloss noch um 1,7 Prozent geringer, als sie vor Krisenausbruch war. In Bundesbern glauben die Ökonomen, dieser Rückstand werde schon dieses Jahr aufgeholt sein.

Wirtschaftseinbruch im Vergleich

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Bruttoinlandprodukt im 4. Quartal 2020 zu 4. Quartal 2019. quelle: seco / eurostat; grafik: nav

Um die Schweiz herum dürfte dieser Aufholprozess ungleich länger dauern. In Österreich ist die Wirtschaft noch um 7,8 Prozent kleiner als im vierten Quartal 2019. Damit ist der Weg bis zur Erholung viermal länger als in der Schweiz. Deutschland liegt um 3,6 Prozent hinter der alten Wirtschaftsgrösse zurück, hat also einen doppelt so grossen Rückstand aufzuholen wie die Schweiz. Die gesamte Eurozone hat einen weiteren Weg zu gehen als die Schweiz.

Zahlen zur gesamten Wertschöpfung überdecken Gegensätze, die sich letztes Jahr aufgetan haben. So hatten Haushalte, die sonst mit 4000 Franken monatlich auskommen müssen, ab dem Frühling etwa 20 Prozent weniger Einkommen. Besserverdienende Haushalte traf es weniger hart. In Genf war das Ansteckungsrisiko in ärmeren Gemeinden grösser als in wohlhabenden.

In dieser Hinsicht ist die Schweiz kein Sonderfall, die Krise traf Arm und Reich weltweit ungleich. Die internationale Finanzpresse zeigte Erklärvideos – gesponsert von der UBS, dem weltgrössten Vermögensverwalter. Die reichsten fünf Menschen auf dem Planeten wurden um 269 Milliarden Dollar reicher. Dazu gehören Jeff Bezos, Gründer des Onlinegiganten Amazon, oder der Chef von Tesla, Elon Musk.

In dieser Hinsicht ist die Schweiz kein Sonderfall, die Krise traf Arm und Reich weltweit ungleich. Die internationale Finanzpresse zeigte Erklärvideos – gesponsert von der UBS, dem weltgrössten Vermögensverwalter. Die reichsten fünf Menschen auf dem Planeten wurden um 269 Milliarden Dollar reicher. Dazu gehören Jeff Bezos, Gründer des Onlinegiganten Amazon, oder der Chef von Tesla, Elon Musk.

Der Euro wird teurer

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quelle: finanzen.net; grafik: let

All diese Dramen kümmern die globalen Finanzmärkte wenig. Die Investoren blicken längst voraus. Was sie da sehen, machte sie diese Woche vor lauter Nervosität leicht hysterisch. Mehr Inflation und ein Boom könnten ihre Normalität umkrempeln. Also verschieben sie ihre Milliarden. Dabei verändern sie nebenbei die schweizerische Lebenswelt: von Kleinaktionären und Hauseigentümern oder von Einkaufstouristen.

Diese Woche gab der Franken nach, der Euro kostete zwei Rappen mehr als zu Jahresanfang. So wird es für Einkaufstouristen teurer, sobald sie wieder in Konstanz frei shoppen können. Dafür wird der schweizerische Detailhandel weniger leiden unter der deutschen Konkurrenz. Und leichter lebt es sich als Mitarbeiter in Industriebetrieben, die ihre Produkte im Euroraum verkaufen wollen.

Banken verlangen wieder höhere Hypothekarzinsen

Und die Zinsen sind gestiegen. Es gab 0,3 Prozentpunkte mehr Rendite auf Anleihen, die der Bund über 10 Jahre schuldet. Auch jener Zins kletterte in die Höhe, zu dem schweizerische Banken ihre Hypothekarkredite refinanzieren. Damit werden die Banken künftig ihren Hypothekarschuldnern höhere Zinsen abverlangen wollen. Die allertiefsten Hypothekarzinsen dürfte die Schweiz fürs Erste hinter sich gelassen haben.

Schwächerer Franken, höhere Zinsen – dahinter steht die Erwartung eines zünftigen Booms, sobald das Virus unter Kontrolle ist. Die globalen Finanzmärkte rechnen für 2021 mit einem Wirtschaftswachstum, das ein Mehrfaches über dem sonst Üblichen liegt. Die Zürcher Kantonalbank zum Beispiel prognostiziert für die USA fast 6 Prozent. Das ist dreimal mehr als das, was die USA in den zehn Jahren davor durchschnittlich geschafft hat. In der Eurozone wäre es ein Wachstum von 4,6 Prozent und auch in der Schweiz noch stolze 4 Prozent.

Zinsen in der Schweiz steigen

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quelle: vz / grafik: let

Das sind an sich schöne Aussichten. Mehr Wachstum heisst weniger Arbeitslosigkeit. In der einen oder anderen Branche gibt es mehr Lohn. Die Investoren müssen sich weniger verkriechen in sicheren Häfen, wie dem Schweizer Franken. Doch die Börsianer sind ein nervöses Volk, und so sorgen sie sich dermassen, dass Händler laut Nachrichtenagenturen schon Vergleiche ziehen zu den Wutanfällen von Kleinkindern.

Dann gnade der liebe Gott den Börsianern

Was die Börsianer hysterisch machte, ist dies: Das Wachstum könnte rasch zu mehr Inflation führen. Und dies würde die Chefs von Notenbanken in den USA oder in Europa zum Handeln zwingen. Jerome Powell und Christine Lagarde erhöhen die Leitzinsen, früher als sie es heute versprechen. Und wenn das geschähe, dann gnade Gott. All die Anleihen von Staaten und Unternehmen, die heute hoch bewertet sind, verlören an Wert. Auch die Aktien fielen von ihren luftigen Höhen herab.

Darum verlangten die Investoren diese Woche höhere Renditen, um Anleihen des US-Staates zu halten. Einen Prozentpunkt mehr wollen sie haben als zu Jahresanfang. Und darum gaben vorübergehend auch die Aktienmärkte stark nach.

US-Börsen werden auf dem Hoch nervös

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quelle: finanzen.net / grafik: let

Wenn Börsen aus ihrer Hysterie erwachen, hören sie vielleicht auf besonnene Stimmen. Etwa jene des ehemaligen Chefs der regionalen Notenbank von New York. Bill Dudley sieht erst einen vorübergehenden Inflationsschub kommen, dann nimmt die Inflation langsam zu. Erst wenn diese nahe von 2 Prozent ist und die Wirtschaft die Vollbeschäftigung erlangt, erhöhen die Zentralbanken ihre Leitzinsen. Das könne noch ein oder zwei Jahre dauern.

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