Interview
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Interview

«Impfungen sind dringender als jede Nachkommastelle bei den Impfzahlen»

Die Schweiz hat mit dem Impfen begonnen – doch nicht alles läuft rund. Impfexperte Jürg Utzinger zieht ein erstes Fazit und lobt trotz aller Kritik den Impfstart.



Die Schweiz hat jetzt schneller mit dem Impfen angefangen als erwartet. Wie zufrieden sind Sie soweit?
Jürg Utzinger:
Die Tatsache, dass wir bereits jetzt zwei Impfstoffe haben, die von der Swissmedic zugelassen wurden, ist schlicht sensationell. Anfangs der Pandemie gingen die kühnsten Schätzungen davon aus, dass innerhalb von 12 bis 18 Monaten ein erster Impfstoff in der Schweiz zur Verfügung stehen würde. Und jetzt – weniger als ein Jahr später – sind bereits tausende Personen geimpft, wobei die beiden Impfstoffe genauster Prüfung unterzogen wurden, bevor Swissmedic die Impfstoffe bewilligt hatte.

Klappt denn alles, wie es sollte?
In der momentan nach wie vor sehr angespannten Situation kann es nicht schnell genug vorangehen, aber insgesamt können wir zufrieden sein. Man muss aber auch sehen: Von über einem Dutzend Impfstoffkandidaten, die in der engeren Wahl waren, hat die Schweiz auf drei Rösser gesetzt: Auf die beiden mRNA-Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna, die beide bewilligt und bereits verabreicht werden und das Vakzin von Oxford-AstraZeneca, welches zurzeit von Swissmedic geprüft wird und in anderen Ländern bereits zugelassen ist.

Zur erfolgreichen Impfstrategie gehört auch eine funktionierende Logistik. Hier haben die Kantone einen grossen Spielraum bei der Ausgestaltung. Schlug die Landesregierung da die richtigen Pflöcke ein?
Auf alle Fälle. Die nationale Impfstrategie wurde vom Bundesamt für Gesundheit und der Eidgenössischen Kommission für Impffragen ausgearbeitet. Hinter dieser Strategie kann ich voll und ganz stehen: In einem ersten Schritt müssen die schweren Krankheitsverläufe und die Todesfälle reduziert und damit auch das Gesundheitssystem entlastet werden. Da die Impfstoffdosen limitiert sind, konzentriert man sich auf die besonders gefährdeten Personen. In einem zweiten Schritt wird das Gesundheitspersonal bedient, und mittelfristig die Bevölkerung als Ganzes. Dann rückt das Eindämmen der Pandemie in den Fokus.

Sie sehen also keine Kritik, dass der Bundesrat hier den Kantonen auch zeitliche, logistische Details vorschreiben müsste? Bei der Bevölkerung ist eine gewisse Verwirrung spürbar, weil man nicht weiss, wer den Impfstoff erhält und wann und wo.
Diese Kritik ist sicherlich berechtigt. Eine bessere Vorbereitung im vergangenen Sommer und Herbst hätte die logistischen Engpässe verringern können. Trotz aller Kritik, möchte ich aber auch einen Vorteil in einer solchen Situation sehen: Man kann von Kantonen, in denen die Impfkampagne besser angelaufen ist sofort lernen und in anderen Kantonen Korrekturen vornehmen. Die Frustration vor Ort kann ich nachvollziehen in der angespannten Situation, aber wir dürfen nicht vergessen: Es ist die grösste Impfkampagne in der Geschichte, und dabei kommen erst noch neue Impftechnologien zum Einsatz. Da kann man auch in einem der teuersten Gesundheitssysteme dieser Welt nicht erwarten, dass alles von Anfang rund läuft.

Jürg Utzinger is the Director of the Swiss Tropical and Public Health Institute (Swiss TPH) and Professor of Epidemiology at the University of Basel. He holds an MSc in environmental science, a PhD in epidemiology and pursued several years of postdoctoral research in demography and epidemiology at Princeton University in the USA. His research, teaching and training interests pertain to the epidemiology and integrated control of neglected tropical diseases and health impact assessments of large footprint projects in low- and middle-income countries. He is engaged in trans-national global health research consortia with ongoing projects in China, Côte d’Ivoire, South Africa and Tanzania.

Jürg Utzinger ist der Direktor von Swiss TPH. Bild: ZVG

Noch vor Silvester plante der Bundesrat seine eigene Impfung. Andere Gruppen, etwa die Lehrpersonen, fordern ebenfalls eine Vorzugsbehandlung. Wie erleben Sie diese Diskussion?
Da muss man unterscheiden. Zur Umsetzung der Impfstrategie gehört es auch, dass es «Botschafter» gibt, die in ihrer Vorbildfunktion Vertrauen in der breiten Bevölkerung schaffen und zeigen: Schaut her, der Impfstoff ist da und die Impfung ist sicher und wirksam. Ich sehe das Vorpreschen des Bundesrates deshalb eher als Teil der Informationskampagne.

Wer ist Jürg Utzinger?

Jürg Utzinger ist Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH) und Professor für Epidemiologie an der Universität Basel. Er besitzt einen MSc in Umweltwissenschaften und einen PhD in Epidemiologie.

Und was ist mit der Forderung der Lehrpersonen?
Grundsätzlich sollten alle Personen gleichbehandelt werden, egal ob Lehrerin, Verkäufer oder Bundesratsmitglied. Die Diskussion über allfällige Vorzugsbehandlungen müssen wir aber führen – auch über die Gruppe der besonders gefährdeten Personen hinaus. Die erwähnten Berufsgruppen haben tatsächlich eine besondere Rolle, weil sie einen wichtigen Beruf ausüben und weil sie mit vielen Menschen an mehreren Stunden am Tag auf relative kleinem Raum in Kontakt treten. Eine gewisse Priorisierung könnte da sicher sinnvoll sein. Diese Diskussion wird sich aber hoffentlich bald erübrigen, sobald wir genug Impfdosen haben.

Gerade das ist derzeit die grössten Herausforderung. War es richtig, dass wir hier auf drei «westliche Impfstoffe» gesetzt haben – oder müssten wir auch die Zulassung vom chinesischen Sinovac oder russischen Sputnik-Impfstoff prüfen, um schneller genug Impfungen im Land zu haben?
Geopolitische Überlegungen gibt es da bestimmt nicht (lacht). Es ist ein offener Markt mit vielen Anbietern – durch die Zulassungsprüfung müssen aber alle gehen. Wir fragen uns aber bis heute, wo die Resultate der gross angelegten Phase 3 Studien vieler angepriesener Impfstoffe sind. Sie müssen offengelegt werden, bevor man mit diesen Herstellern ernsthaft verhandeln kann. Und rückblickend muss man anerkennen: Die Schweiz hat bei der Auswahl der Corona Impfstoffe bis anhin ein glückliches Händchen gehabt.

Letzte Woche kam die Diskussion auf über eine «Belohnung» jener Kantone, die schneller die Vakzine verimpfen. Ist das sinnvoll?
Ich finde den Begriff «Belohnung» falsch aber ich sehe durchaus Potential für eine rollende Prozedur. Wir haben zurzeit eine begrenzte Anzahl des Impfstoffs, und dieser muss so schnell wie möglich an die besonders gefährdeten Personen verabreicht werden. Eine dynamischere Verteilung über die Kantonsgrenzen hinweg ist durchaus denkbar. Auch hier sage ich: Wenn es in einem Kanton gut läuft, dann müssen wir von ihm lernen.

Noch wissen wir aber nicht, wo es gut funktioniert. Für solche Vergleiche braucht es Daten, und diese werden vom BAG und einzelnen Kantonen nicht geliefert. Auch gab es Verzögerungen wegen der IT-Lösung bei den Impfanmeldungen. Sehen das nur wir Journalistinnen und Journalisten als Problem – oder ist das nur ein Nebenschauplatz?
Ein zeitnaher und transparenter Datenaustausch ist absolut zentral, um eine Krise effizient zu bewältigen. Wir dürfen aber nicht denken, dass mit der perfekten IT-Lösung dann auch alles funktioniert. Am Ende arbeiten Menschen mit solchen Programmen und es handelt sich wie gesagt um die grösste Impfkampagne, die die Schweiz – ja die Welt – je gesehen hat. Sicher stimme ich Ihnen zu: Wir müssen jetzt vorwärts machen, die Kinderkrankheiten der Anmeldesysteme beheben und die Impfdosen zügig an die Bevölkerung bringen. Auch ist es wichtig, die Lehren aus der momentanen Pandemie zu ziehen im Hinblick auf die nächste Pandemie. Dass eine solche kommen wird, ist keine Frage; die Frage ist lediglich, wann und wie wir sie besser antizipieren und bewältigen können.

Sie sagen, eine flexible Verteilung des Impfstoffs wäre notwendig. Angefangene Impfdosen wegzuwerfen, weil alle Impftermine an einem abgearbeitet wurden, wäre doch ein Skandal. Eine funktionierende IT-Lösung würde genau sowas ermöglichen!
Ja, die Kantone müssen ihre Hausaufgaben besser und schneller lösen. Es ist aber ein Nebenschauplatz, wenn wir uns jetzt darüber ärgern, dass wir nicht die Impfzahlen bis auf die zweite Stelle nach dem Komma kennen. Die jüngst kommunizierten Zahlen zeigen uns auf, wo wir ungefähr stehen, auch im europäischen Vergleich. Es wurden bereits über 100'000 Impfungen verabreicht. Und das ist momentan dringender als die Errichtung eines perfekt funktionierenden IT-Systems, bei dem Datenschutz-Fragen nicht passend zu unserem demokratischen Gesellschaftssystem geklärt werden.

Man sollte aus Fehlern und von jenen, die es besser können, lernen. Welche Schlüsse soll die Schweiz von anderen Ländern wie Israel ziehen?
Der Premierminister Israels hat die Corona-Impfung in seinem Land zur Chefsache erklärt – dies spielte sicher eine wichtige Rolle. In den Medien war ausserdem die Rede, dass Israel einen höheren Preis pro Impfdosis bezahlt hat als andere Länder, der Datentransfer gut funktioniert und genügend Personal zur Verfügung stand, um den Impfstoff schnell zu verabreichen. Die Schweiz könnte aber beispielsweise auch von Deutschland oder Dänemark lernen. Gerade im Hinblick auf eine nächste Pandemie müssen wir uns besser aufstellen, die nötige Fachexpertise bündeln, um zeitnah und effizient zu reagieren.

Ist das eine Kritik am Föderalismus?
Nein, das Beispiel aus Deutschland lehrt uns ja, dass Föderalismus und national koordinierte Wissenschaft funktionieren kann. Seit über 100 Jahren gibt es das Robert-Koch-Institut, an dem sich Wissenschaftlerinnen und Experten mit pandemischen Fragen beschäftigen und die Bundesländer beraten. Ein solches Gremium gibt es bei uns mit der Eidgenössischen Kommission für Impffragen nur in einem kleineren Rahmen. Sie wurde jetzt während der Corona-Krise durch eine Taskforce ergänzt. Was mir vorschwebt, ist ein nationales Referenzzentrum für Epidemien und Pandemien, welches Fachexpertise in der Epidemiologie und Virologie, Mathematischer Modellierung aber auch in der Ökonomie und den Sozialwissenschaften vereint.

So wird in Luzern geimpft

Herr Impfexperte, was wird uns da eigentlich gespritzt?

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