Coronavirus
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Medical staff are monitoring a patient with Covid-19 before a transfer with a Rega medical helicopter from the intensive care unit at the the University Hospital (CHUV) to the Inselspital of Bern during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Lausanne, Switzerland, Friday, November 6, 2020. The number of Covid-19 hospitalisations and capacity continues to be a major concern in Switzerland. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) Discussion du personnel soignant autour d'un patient atteint de Covid-19 qui recoit des soins avant un transfert par un helicoptere de la Rega, de l'unite des soins intensifs du Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, CHUV, a l'Hopital de l'Ile a Berne lors de la crise du Coronavirus (Covid-19) le vendredi 6 novembre 2020 a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Medizinisches Pflegepersonal überwacht einen Patienten mit Covid-19 vor dem Transfer mit einem Helikopter der Rega. Bild: KEYSTONE

«Werde meiner Arbeit kaum mehr gerecht» – 3 Intensiv-Pflegefachfrauen über ihren Alltag



Marianne Haggenmacher

Gruppenleitung Intensivstation Viszeral-, Thorax- und Transplantationschirurgie, Zürich

«Wir haben im Universitätsspital sechs Intensivstationen. Zwei davon sind aktuell nur für Covid-Patientinnen und Patienten reserviert. Ich bin normalerweise für die Pflege von Patienten verantwortlich, die kein Corona haben. Flexibel muss ich trotzdem sein. Manchmal braucht es mich auch auf einer der Covid-Stationen. Die Pflege der Patientinnen und Patienten dort ist sehr aufwändig. Will man kurz aufs WC oder einen Schluck Wasser trinken, dauert es zehn Minuten bis nur schon die Schutzausrüstung aus- und wieder angezogen ist.

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Die Situation ist eine grosse Herausforderung für das gesamte Team auf den Intensivstationen. Unser Wissen ist sehr fachspezifisch. Nun muss ich auf meiner Station beispielsweise auch Patienten betreuen, die einen schweren Unfall hatten. Der Austausch unter den Pflegenden und mit den Ärztinnen und Ärzten funktioniert sehr gut. Wir sind uns gewohnt, dass wir nicht immer alles wissen und auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sind. Die Pandemie hat die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt unglaublich gestärkt.

So was wie jetzt habe ich trotzdem noch nie erlebt. Und ich arbeite schon seit 13 Jahren als Pflegefachfrau auf der Intensivstation. Als die ersten Warnungen vor einer Ebola-Epidemie vor sechs Jahren kamen, hat das Unispital eine Spezialstation aufgebaut. Diese Erfahrungen von damals waren bei der Corona-Pandemie sicherlich hilfreich bei der Strategiefindung. Die zweite Welle traf uns aber viel schneller als erwartet.

«Es macht mich richtig wütend, wenn ich Leute höre, die Corona mit der Grippe gleichsetzen.»

Auch als Gruppenleiterin liegt mein Fokus bei der Pflege der Patientinnen und Patienten. Die Corona-Pandemie hat dies aber etwas verändert. Ich bin viel mehr in die Koordination des Personals eingebunden. Wir müssen ständig schauen, dass wir genügend Fachpersonal vor Ort haben. Irgendwie klappt es immer. Aber nur dank dem riesigen Engagement des Teams.

Trotz hoher Arbeitsbelastung wegen mehr Patienten und weniger Personal versuchen wir alles, um die Behandlungsqualität zu gewährleisten. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Alle leisten, was sie können. Es macht mich richtig wütend, wenn ich Leute höre, die Corona mit der Grippe gleichsetzen.

Im September vor einem Jahr bis im März 2020 hatten wir vielleicht zehn bis 15 Patienten mit einer Grippe auf der Intensivstation. Aktuell sind 24 der 64 IPS-Plätze mit Covid-Patientinnen belegt. Das kann man nicht einmal ansatzweise miteinander vergleichen. Und es geht ja nicht nur um die Covid-Patientinnen und Patienten. Es geht auch um Leute mit einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einem Skiunfall. Auch diese Menschen brauchen einen IPS-Platz und die nötige Pflege.»

Muriel Hafner*

Intensivpflegefachfrau, Bern

«Mit der Schicht beginnt der Stress. Ich bin nur am rotieren. Ich renne von Intensivbett zu Intensivbett, schaue zu den Patienten, hetze meinen Aufgaben hinterher. Immer wieder habe ich Angst, dass mir ein Fehler passiert. Dass mir ein paar wenige Sekunden fehlen, um rechtzeitig da zu sein.

Offiziell arbeite ich 40 Prozent. Aktuell sind es aber eher 60. Oft springe ich ein, schiebe Extraschichten. In meiner Freizeit kann ich meistens gut abschalten. Aber immer wieder leuchtet mein Handy-Bildschirm: Leute fallen aus, wir werden für Extraschichten angefragt. Das belastet zusätzlich.

Immer wieder habe ich Angst, dass mir ein Fehler passiert. Dass mir ein paar wenige Sekunden fehlen, um rechtzeitig da zu sein.

Das Spital hat die Kapazität der Intensivbetten auf 150 Prozent hochgeschraubt. Zwar wurde auch beim Personal aufgestockt. Doch es fehlt an allen Ecken und Enden am Fachpflegepersonal. Wir werden unterstützt aus der Anästhesie, von ehemaligem Intensivfachpflegepersonal. Doch das sind Hilfsarbeitende. Sie können nicht alle Tasks ausführen. Am Ende des Tages trage ich die Verantwortung. Der Druck ist enorm.

Für mich ist die zweite Welle viel anstrengender als die erste. Zwar wird jetzt darauf geachtet, dass wir nicht mehr 12,5 Stunden-Schichten schieben müssen wie noch im Frühling. Doch die Anzahl Patienten ist viel höher. Sobald jemand genügend stabil ist, um die Intensivstation zu verlassen, kommt bereits der nächste Patient. Und den betroffenen Patientinnen geht es wirklich sehr schlecht.

Ich merke oft, dass ich meiner Arbeit kaum mehr gerecht werden kann. Zeit zum Durchatmen gibt es nicht. Wie es den Patienten nach der Zeit in den IPS-Betten geht, erfahren wir selten. Hinzu kommt die Ungewissheit. Sie nagt an meinen Nerven. Wann verbessert sich die Situation? Wie lange geht das noch so weiter?

10.11.2020, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Intensivpflegekräfte und eine Ärztin (hinten) versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Rolf Vennenbernd)

Für die Betreuung einzelner Covid-Patienten braucht es manchmal mehrere Personen. Hier auf einer Intensivstation im der deutschen Stadt Bonn. Bild: DPA

Mehr Fachpersonal für die Intensivstationen würde vieles erleichtern. Manchmal wünsche ich mir aber auch, dass die Bevölkerung die Situation wirklich ernst nimmt und sich an die Vorgaben hält. Die Spitäler sind ausgelastet. Und jeder will und sollte einen Platz auf der IPS erhalten.»

Andrea Roberta Schmid

Diplomierte Expertin Intensivpflege, Luzern

«Vieles läuft jetzt, in der zweiten Welle, besser als während der ersten. Wir konnten viele Erfahrungen aus dem Frühling mitnehmen. Einerseits wissen wir heute mehr über die Behandlungen der Covid-Patientinnen und Patienten. Andererseits war das fachübergreifende Personal, das wir im Frühling geschult haben, nun von Anfang an startklar. Es mussten nur noch die logistischen Vorarbeiten justiert werden.

Im März fand ich die Situation psychisch belastender. Von heute auf morgen war ich dafür verantwortlich, andere Mitarbeitende aus dem Spital für die Arbeit auf der Intensivstation vorzubereiten. Gleichzeitig musste ich ein Auge auf die Patienten haben und die Verantwortung insgesamt übernehmen. Das war fordernd.

Medical workers treat a patient with COVID-19 in the intensive care unit at the Geneva University Hospitals (HUG) during the state of emergency of the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, in Geneva, Switzerland, Thursday, April 09, 2020. Countries around the world are taking increased measures to stem the widespread of the SARS-CoV-2 coronavirus which causes the Covid-19 disease. (KEYSTONE/Martial Trezzini)

Hunderte Kabel, komplexe Geräte und 24-Stunden-Überwachung: Blick in eine Intensivstation am Genfer Universitätsspital. Bild: KEYSTONE

Seither ist viel passiert. Unsere Arbeit hat sich schon sehr verändert. Die ganzen Schutzmassnahmen, das ständige Maskentragen, das war alles neu. Und es ist anstrengend, die FFP2-Maske nur ausziehen zu können, wenn ich kurz etwas essen oder trinken will.

Es ist für uns nicht immer einfach, die Covid-Patientinnen und Patienten zu betreuen. Sie sind alle schwer krank und machen nur langsam Fortschritte. Manchmal müssen wir die Therapie einstellen. Die Betreuung der Angehörigen ist viel schwerer. Pro Patient dürfen nur zwei Angehörige unter strengen Auflagen maximal eine Stunde täglich zu Besuch kommen. Das ist hart. Besonders dann, wenn der Zustand des Patienten kritisch ist.

«Es ist für uns nicht immer einfach, die Covid-Patientinnen zu betreuen. Sie sind alle schwer krank und machen nur langsam Fortschritte.»

Vor zwei Jahren habe ich meine Ausbildung zur Expertin Intensivpflege abgeschlossen. Mir gefällt die Teamarbeit und die Spontanität, die der Job mit sich bringt. Bei Schichtbeginn mache ich häufig einen Plan. Den werfe ich meist 30 Minuten später wieder über den Haufen, weil alles anders kommt. Es ist extrem spannend, am Puls des Lebens zu sein.

Bis jetzt kam es zum Glück noch nicht so weit, dass wir zu wenige IPS-Plätze und zu viele Patienten hatten. Schwierige Situationen gibt es aber immer wieder. Beispielsweise dann, wenn den Angehörigen mitgeteilt wird, dass die Überlebenschance minim ist. Manchmal steht die Frage im Raum, wie sinnvoll es noch ist, die Behandlung eines Patienten oder einer Patientin fortzusetzen. Solche Situationen werden immer mit den Angehörigen besprochen und im Willen des Patienten entschieden.

Mir ist es auch schon passiert, dass ich Patientinnen oder Patienten wieder getroffen habe, bei denen ich nicht geglaubt habe, dass ich sie jemals wieder in einem so guten Zustand sehe. Das motiviert und man lernt auch viel über sich selbst.

Ich würde mir etwas mehr Anerkennung wünschen für unseren Beruf. Vor allem auch auf politischer Ebene. Und es wäre schön, wenn wir mehr Ruhezeiten nach einem Schichtwechsel hätten. So könnten wir uns länger erholen und wären fitter wieder zurück im Spital.»

* Name von der Redaktion geändert

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