Interview
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Franziska Summermatter arbeitete zehn Jahre lang als Spitalhebamme.

Interview

«Viele Frauen haben die Illusion, dass Geburten völlig natürlich und normal ablaufen»

Gewalt bei der Geburt ist zunehmend ein mediales Thema. Die Hebamme Franziska Summermatter begleitet immer wieder traumatisierte Mütter, die oft falsche Erwartungen hätten.



Gewalt im Gebärsaal – was ist das?

Viele Frauen erleben bei der Geburt psychische und physische Gewalt durch das medizinische Personal. Dazu gehören etwa grobe und unnötig häufige vaginale Untersuchungen, dass der Katheter schmerzhaft gelegt wird, Anschreien, Auslachen, Drohungen oder dass die Wünsche der Gebärenden ignoriert werden.

In Deutschland schätzt die Soziologin Christina Mundlos in ihrem Buch, dass mindestens 40 bis 50 Prozent der Frauen Gewalt während der Geburt erleben. Auch in der Schweiz erzählen immer mehr Frauen öffentlich von traumatischen Erlebnissen im Gebärsaal.

Frau Summermatter, es gibt mittlerweile zahlreiche Berichte über Frauen, die bei der Geburt Gewalt erleben. Sie handeln auch von unsensiblen, ruppigen, respektlosen Hebammen.
Franziska Summermatter: Das höre ich auch immer wieder. Ich pflege Frauen im Wochenbett. Etwa eine von zehn Frauen erzählt mir, dass sie sich im Spital nicht gut behandelt fühlte. Meiner Meinung nach kommt es daher, dass Hebammen, Ärztinnen und Ärzte unter Zeitdruck stehen und sie die Frauen deshalb zu wenig informieren können.

Diese Tage läuft schweizweit eine Aktion, um auf Gewalt an Frauen aufmerksam zu machen. Wen sollte man auf Gewalt bei Geburten mehr sensibilisieren – das Gesundheitspersonal oder die Gebärenden?
Beide Seiten: Einerseits muss sich das medizinische Personal unbedingt mit diesem Thema auseinandersetzen. Andererseits aber auch die Schwangeren, denn die Geburt ist etwas Wuchtiges, sie ist nie ‹gewaltfrei›. Darauf sollte man sich vorbereiten. Aber das ist einfacher gesagt als getan.

Wie bereitet man sich auf die eigene Geburt vor?
Es beginnt eigentlich bei der Erwartungshaltung: Viele Frauen haben die Illusion, dass Geburten völlig natürlich und normal ablaufen, weil sie das irgendwo so gelesen haben. Unsere Gesellschaft romantisiert die Geburt total. Es braucht eine realistische Geburtsvorbereitung, in der man weder die medizinischen Eingriffe verteufelt noch der Frau sagt: «Wenn du genug fest willst, schaffst du das schon.»

Wäre das nicht die Aufgabe der Hebamme?
Frauen kommen zum Teil mit dem klaren Ziel ins Spital, dass sie eine natürliche Geburt ohne medizinische Eingriffe wollen. Und klar, wir Hebammen stützen diesen Wunsch. Wir wollen den Frauen schliesslich ermöglichen, dass sie so gebären können, wie sie sich das wünschen. Nur stehen wir selber auch unter Druck.

«Ein Arzt verdient mehr Geld mit einem Kaiserschnitt, als wenn die Geburt ohne Eingriffe abläuft. Das finde ich bedenklich.»

Was meinen Sie damit?
Die Spitäler geben vor, dass die Geburt in einem gewissen Zeitraum nach Eintritt der Frau passieren muss. Man versucht, Personalressourcen zu sparen und die Kosten tief zu halten. Ich habe zehn Jahre als Spitalhebamme gearbeitet und dann aufgehört, weil ich meine Gebärenden nicht mehr so begleiten konnte, wie ich das gelernt hatte. Heute betreuen Hebammen zum Teil zwei bis drei Frauen gleichzeitig. Das ist enorm stressig für das betreuende Personal.

Machen das Ärztinnen und Ärzte nicht auch?
Klar! Nur ein Arzt greift dann eben zum Messer oder lässt die Geburt einleiten, wenn es zu lange geht. Ein Arzt verdient auch mehr Geld mit einem Kaiserschnitt, als wenn die Geburt ohne Eingriffe abläuft. Das finde ich ethisch sehr bedenklich.

Liegt das Problem also bei den Ärzten?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keine grüne Hebamme, die partout gegen den Kaiserschnitt ist. Die Natur macht viele Fehler und sie tötet. Ich glaube, das medizinische Personal gibt sich grundsätzlich Mühe, aber der Zeitdruck in den Spitälern und die geringe Personaldotierung heute ist ein grosses Problem.

Gibt es Projekte, die dieser Entwicklung entgegenwirken?
Im Zürcher Triemli-Spital gibt es die Hebammengeburtshilfe. Es ist quasi ein Geburtshaus, das in das Spital integriert ist. So können Hebammen die Geburt leiten und Ärztinnen eingreifen, wenn es Komplikationen gibt. Das ist einiges freundlicher und weniger invasiv. Ich finde, das geht in eine gute Richtung.

Zurück zur Gewalt im Gebärsaal: Was führt heute meistens zu einer traumatischen Geburt?
Das kann ich so nicht sagen, da gibt es keine verlässlichen Zahlen. Was ich am meisten sehe, sind Traumata bei Frauen, denen das Baby gleich nach der Geburt weggenommen wurde. Das liegt zum Teil daran, dass das Kind auf die Neonatologie muss, um beatmet zu werden. Die erste Bindung ist für Mutter und Kind extrem wichtig und kann so nicht stattfinden.

Gibt es ihrer Ansicht nach auch unnötige Eingriffe, die vermeidbar wären?
Medizinische Eingriffe haben zwar meistens ihren Grund, müssten aber häufig nicht sein, wenn man der Natur und der gebärenden Frau die nötige Zeit geben würde. Dass sich Frauen zu wenig informiert fühlen, könnte sicher vermieden werden.

«Sagen Sie der Hebamme, dass sie nicht kompliziert sind, aber gut informiert sein wollen.»

Wie können sich werdende Eltern, insbesondere Mütter, während der Geburt schützen?
Indem sie von Anfang an ehrlich kommunizieren. Sagen Sie der Hebamme, dass sie nicht kompliziert sind, aber gut informiert sein wollen. Dann kann sich die Hebamme darauf einstellen und selber auch proaktiv und offen kommunizieren. Ich empfehle allen Schwangeren ausserdem ein Atmungstraining oder eine Geburtshypnose, bei der sie lernt, sich während der Geburt zu entspannen.

Wie kann sich die Geburtshilfe verbessern?
Wir müssen gesunde Frauen und Frauen mit Vorbelastungen oder Komplikationsgefahr trennen. Gesunde Frauen gehören in Hebammen-Hände. Und ein Arzt soll gleich viel Geld erhalten für einen Kaiserschnitt wie für eine nicht-instrumentelle Geburt.

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