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Offen gesagt

«Lieber Herr Berset, das wird eine kurze Party ...»

Der Bundesrat öffnet nach eigenen Angaben «vorsichtig», aber viel weitgehender, als erwartet worden ist. Und pfeift dabei auf die von ihm selbst festgelegten Öffnungskriterien, die weitgehend unerfüllt sind. Ein fatales Signal.



Lieber Herr Berset

In der Geschichtswissenschaft lehrt man die Studis, dass man aus der Geschichte nicht in die Zukunft prognostizieren kann. Zu viele verschiedene Faktoren wirken auf die Geschehnisse in verschiedenen Epochen ein.

Bestimmt wären Sie froh, wenn dieses Prinzip auch in der Virologie gälte. Zwar sind verfrühte Öffnungen und frohe Botschaften bei tiefen Fallzahlen im Herbst oder in Sardinien nicht so gut herausgekommen. Daraus dürfte man aber nun nicht schliessen, dass das ein paar Monate später bei hohen Fallzahlen oder in der Schweiz genauso schiefgeht.

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Leider ist die Virologie eine sehr viel weniger komplexe Materie als die Geschichtswissenschaft. Ein Coronavirus, das sich ausbreitet, breitet sich exponentiell aus. Ein bisschen rascher in Innenräumen, ein bisschen zögerlicher draussen. Aber bis es keine Wirte mehr findet, tut es das halt. Überall dort, wo Menschen sich treffen.

Nun hat die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat sich durchgesetzt und beschlossen, dass die Zahl dieser Kontakte wieder erhöht werden soll. Die Begründung, dass wegen der Impfkampagne eine Überlastung des Gesundheitssystems auch bei steigenden Fallzahlen unwahrscheinlicher werde, leuchtet vordergründig ein.

In einer idealen Welt müssten auch nur vorerkrankte Alte hospitalisiert werden, alle anderen würden sich genau so vorsichtig verhalten, wie wenn noch niemand geimpft wäre, und ein Grossteil der Bevölkerung wäre auch schon geimpft.

Leider entspricht nichts davon der Realität.

Die breite Masse ist nach einem langen Winter zunehmend massnahmenmüde, geimpft sind im Vergleich zu ähnlich geöffneten Ländern erst die ganz Alten und hospitalisiert werden nun halt hauptsächlich die 50- bis 70-Jährigen.

Nun hinzugehen und Kinos, Konzertsäle, Fitnesscenter zu öffnen, maskenloses Singen zuzulassen und die eigenen, unerfüllten Öffnungskriterien einfach zu ignorieren, setzt ein zweierlei fatales Signal:

Einerseits ist klar, dass der Bundesrat unter Druck auf seine eigenen Lockerungs-Kriterien pfeift. Das beschädigt seine Glaubwürdigkeit und damit das Schlüssel-Instrument der Pandemie-Bekämpfung massiv.

Andererseits bestärken Lockerungen nach Durchimpfung der Risikogruppe ein falsches Anything-goes-Gefühl. Wie man beim Impf-Spitzenreiter Uri sieht, kann das sehr rasch in eine kritische Situation münden. Solange keine Herdenimmunität erreicht ist, bleiben dem Virus immer genug Wirte, um ein Gesundheitssystem an den Anschlag zu bringen.

Der deutsche Virologe Christian Drosten hat ein solches Szenario für Deutschland ziemlich exakt vorausgesagt: Risikogruppe geimpft, hoher Lockerungsdruck, Lockerungen, Inzidenz-Anstieg, Gesundheitssystem wieder am Anschlag.

Der Historiker in mir hofft natürlich, dass das nicht passiert und der Herbst nicht mit jetzt und Deutschland nicht mit der Schweiz vergleichbar ist.

Aber ich fürchte, der Virologe hat recht. Und dann wird das eine eher kurze Party.

Hochachtungsvoll

Maurice Thiriet

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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quelle: keystone
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