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Identitätspolitik, Identity Politics (Symbolbild)

Identitätspolitik geht auf Kosten universaler Anliegen. Bild: Shutterstock

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Die Tücken der Identitätspolitik

Der politische Alltag wird zunehmend von Identitäts-Grabenkämpfen zwischen Gruppen bestimmt; universale Anliegen verlieren wir aus den Augen. Davon profitieren jene, die bereits übermässig viel wirtschaftliche und politische Macht haben.

Marko Kovic



Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von grossen politischen Kämpfen für universale Anliegen und Rechte. Auf der Weltbühne standen sich westliche, kapitalistisch geprägte Demokratien und östliche marxistisch-leninistische Diktaturen gegenüber, die sehr unterschiedliche Visionen von der gerechten und egalitären Gesellschaft zeichneten. Innerhalb westlicher Länder kämpften Menschen für gerechte materielle Umverteilung, für gleiche Rechte für Frauen, für nicht-heterosexuelle Menschen, für Menschen mit gesundheitlichen Gebrechen, für Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Aussehens. Wir können sagen, dass die übergeordneten moralischen Projekte der vergangenen rund 70 Jahre universale Gleichheit und Gerechtigkeit waren.

Diese Motive sind im weitesten Sinn natürlich auch heute noch eine gesellschaftliche Priorität, aber die politische Landschaft hat sich gewandelt. Die politischen Kämpfe, die wir heute ausfechten, befassen sich immer öfter nicht mit universalen, gesamtgesellschaftlichen Anliegen, welche uns alle betreffen, sondern mit den Partikularinteressen und Erfahrungen einzelner Gruppen, die als unterdrückt und als kategorisch anders und ungleich erachtet werden. Diese als Identitätspolitik bekannte Tendenz, welche sowohl im linken als auch im rechten politischen Milieu existiert, birgt eine grosse Gefahr: Wir sind mit Grabenkämpfen zwischen einzelnen Gruppen beschäftigt und verlieren dabei übergeordnete, universale Probleme aus den Augen.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic
denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Das Monokel.
kovic.ch

Identitätspolitik von Links

Der emeritierte marxistische Professor Adolph Reed sollte im Mai 2020 an einer Veranstaltung der Democratic Socialists of America in New York, einer sozialistischen Kleinpartei in den USA, einen kritischen Vortrag über über die Coronavirus-Pandemie halten. Im linken politischen Spektrum, so die These des Vortrags, wurde zu sehr betont, wie verheerend die Folgen der Coronavirus-Pandemie für Schwarze sei, anstatt eine breite Koalition in der Arbeiterklasse aufzubauen.

Doch Reed wurde wieder ausgeladen, mit dem für eine sozialistische Organisation überraschendem Vorwurf, er sei «Klassenreduktionist»: Reed betone in seiner akademischen Arbeit allgemein und in diesem Vortrag im Besonderen zu sehr die ökonomische Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die (Petite) Bourgeoisie, und er sei zu wenig auf andere Formen der Diskriminierung wie Sexismus und Rassismus bedacht. Das Kuriose an diesem Vorwurf: Reed ist selber schwarz, also kein unbedarfter alter weisser Rassist.

Diese Episode ist sinnbildlich für den latenten Wandel der Prioritäten im linken politischen Lager. Anstatt universalistische Anliegen stehen immer stärker die Anliegen einzelner marginalisierter Gruppen im Vordergrund, und zwar oft losgelöst von alten ökonomischen Bedenken. Das ist nicht grundsätzlich und immer schlecht. So war etwa die sogenannte zweite Welle des Feminismus in den 1960er und 1970er Jahren sehr spezifisch auf die Emanzipation und Gleichstellung von Frauen fokussiert. Dieser Feminismus, dem wir u.a. das Wahl- und Stimmrecht für Frauen in der Schweiz zu verdanken haben, war auch eine Form der Identitätspolitik, aber eine, deren Ziel universale Gleichstellung war.

A demonstration on the occasion of a petition for women's suffrage in Berne, Switzerland, in 1929. On the federal level, the active and passive women's right to vote was introduced in 1971 only. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Anonymous)


Demonstration anlaesslich der Einreichung einer Petition fuer das Frauenstimmrecht 1929 in Bern. Das aktive und passive Stimm- und Wahlrecht der Frauen wurde (auf Bundesebene) erst 1971 eingefuehrt. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Anonymous)

Feministinnen demonstrieren 1929 in Bern für das Frauenstimmrecht. Es sollte noch lange dauern, bis ihre Forderung erfüllt wurde. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Ebenso sind Bürgerrechtsbewegungen grundsätzlich Formen von Identitätspolitik, welche moralisch gesehen aber sehr wünschenswert sind. Dass beispielsweise Menschen mit nicht-weisser Hautfarbe, mit nicht-heterosexueller Orientierung oder mit «unkonventioneller» Geschlechtsidentität die gleichen Rechte wie andere Menschen geniessen dürfen sollen, ist in moralischer Hinsicht absolut vernünftig und richtig. Damit diese formal gleichen Rechte gelebte Realität werden, ist es zudem manchmal notwendig, einzelne Gruppen in der ein oder anderen Hinsicht anders zu behandeln. Zum Beispiel wurden die schwarzen Sklaven in den USA zwar befreit, aber sie wurden in die totale Armut entlassen, was ihre Nachfahren bis heute spüren. Gleichheit kann darum durchaus bedeuten, benachteiligte Gruppen mit Förderprogrammen zu unterstützen, damit die Spiesse für Erfolg und Glück im Leben gleich lang werden.

This photo released by the High Museum of Art, shows Dr. Martin Luther King Jr. and his wife Coretta Scott King leading freedom marchers in Montgomery, Ala. in 1965, in a photo by Morton Broffman, which is part of one of two exhibits, one at the High Museum of Art opening in Atlanta on Saturday,June 7, 2008, focusing on the civil rights movement. (AP Photo/ High Museum of Art ,Gift of the Broffman Family, Morton Broffman)

Martin Luther King (M.) und seine Gattin Coretta Scott King führen 1965 einen Marsch von Bürgerrechtlern in Montgomery (US-Staat Alabama) an. Bild: AP high Museum of Art ,Gift of t

Doch linke Identitätspolitik erschöpft sich nicht in diesen positiven Beispielen. Der Historiker Francis Fukuyama argumentiert in seinem Aufsatz «Against Identity Politics», dass gewisse Formen der linken Identitätspolitik Unterschiede zwischen Gruppen nicht zum Anlass nehmen, diese zu tilgen, sondern sie im Gegenteil geradezu zementieren, weil nicht mehr grundsätzliche Gleichheit angestrebt wird. Stattdessen wird reale und wahrgenommene Ungleichheit als eine Art grundsätzliche Unterschiedlichkeit ausgelegt: Minderheiten und sonstige Gruppen sehen sich als kategorisch anders, als in grundsätzlich anderen Lebenswelten als der Rest der Bevölkerung lebend. Das Ziel ist nicht mehr, Unterschiede aufzuheben, sondern im Gegenteil, sie als unüberwindbar zu betonen.

Der linke Politologe Mark Lilla argumentiert in seinem Buch «The Once and Future Liberal», die ursprüngliche Ausprägung linker Identitätspolitik habe zum Ziel gehabt, historische Missstände zu korrigieren, während neuere Formen linker Identitätspolitik sich zu Ideologien der ausgrenzenden Selbstdefinition gewandelt hätten. Ein erstaunliches Beispiel hierfür sind segregierte Campus-Unterkünfte in den USA. Zahlreiche Universitäten in den USA bieten für ihre Studierenden nach Hautfarbe, Religion, Geschlecht und anderen Merkmalen getrennte Unterkünfte an. Damit werden genau jene Formen der Ausgrenzung, welche Bürgerrechtsbewegungen jahrzehntelang bekämpft haben, von den betroffenen Minderheiten selber wieder eingeführt.

Mark Lilla, Politologe an der Columbia University, bei einem Vortrag 2015 an der Uni Zürich.
http://www.siaf.ch/2015/05/19/prof-dr-mark-lilla/

Lilla bei einem Vortrag 2015 an der Uni Zürich. Bild: SIAF.ch

Der linke Historiker und Publizist Asad Haider argumentiert in seinem Buch «Mistaken Identity», dass Identität und Identitätspolitik sich von greifbaren materiellen Verhältnissen losgelöst haben. Es gehe nicht mehr darum, materielle Bedingungen marginalisierter Gruppen zu verbessern und Gleichheit zu erlangen. Stattdessen habe linke Identitätspolitik heute zur Folge oder sogar zum Ziel, dass Individuen ihre Marginalisierung und ihren Status als Unterdrückte als primäre Quelle ihrer Identität ansehen. Unterdrückung gilt nicht mehr als etwas, was zu überwinden ist. Sie wird zum Fundament für das Verständnis von sich selber und der Welt. Darum ist an ihr auch nicht zu rütteln.

Die Logik der modernen linken Identitätspolitik führt dazu, dass sie nicht selten in leerer Symbolpolitik ohne reale materielle Konsequenzen mündet. Ein absurdes Beispiel hierfür ist das Phänomen des «Wokewashing» bei Grossunternehmen. Es gehört heute zum guten Ton jedes grösseren Unternehmens, öffentlichkeitswirksam zu betonen, wie wichtig «Diversität» und «Inklusion» für sie seien. So, wie früher das «Greenwashing» funktionierte (Unternehmen geben sich «grün» und umweltbewusst), wird jetzt betont, wie offen man für Menschen jeglicher wortwörtlicher sowie sprichwörtlicher Couleur sei; jede und jeder ist willkommen, ungeachtet von Geschlechtsidentität, Hautfarbe, Sexualität, Religion, und so fort.

Das ist wirksame PR, aber an der systematischen materiellen Unterdrückung von Minderheiten ändert das rein gar nichts. Wenn etwa mehr Frauen in Verwaltungsräten sitzen und der Anteil an Frauen unter den Superreichen steigt, ändert das nichts an der grundsätzlichen wirtschaftlichen Ausbeutung von Frauen in unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Ausbeutung wird nicht plötzlich akzeptabel, wenn die Klasse der Ausbeutenden ein bisschen bunter zusammengesetzt ist.

Identitätspolitik von Rechts

Der Rassemblement National (früher Front National) in Frankreich, die AfD in Deutschland, die Lega Nord in Italien, die SVP in der Schweiz, die FPÖ in Österreich, die Brexit-Tories und die UKIP im Vereinigten Königreich, die PiS in Polen, die Fidesz in Ungarn, die Trump-Republikaner in den USA, die BJP in Indien, die Yedinaya Rossiya in Russland, Bolsonaros ALIANÇA in Brasilien, die Likud in Israel: In zahlreichen Ländern auf der ganzen Welt setzen sich politische Parteien und Akteure aktiv gegen Einwanderung, gegen Flüchtlinge, gegen das angeblich korrupte politische Establishment im Inland, gegen boshafte politische Eliten im Ausland ein – weil das Volk vor diesen Feinden und Gefahren geschützt werden soll.

epa08514997 Incumbent President and candidate of the ruling right-wing Law and Justice (PiS) party, Andrzej Duda, celebrates with supporters after learning from the initial projections that he appears to have qualified for the second round following the first round of the presidential election in Lowicz, central Poland, 28 June 2020. As polling stations closed at 9 pm, Duda and the centrist candidate of the Civic Coalition Rafal Trzaskowski are projected to move on to the second round after garnering around 41.8 percent and 30.4 percent of the vote, respectively, according to the Ipsos exit poll.  EPA/RADEK PIETRUSZKA POLAND OUT

Rechte Identitätspolitik: Der polnische Präsident Andrzej Duda von der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (PiS, dt. Recht und Gerechtigkeit). Bild: keystone

Eine derartige Weltsicht galt noch in den 1990er Jahren als antiquiert, aber Rechtspopulismus und Rechtsnationalismus haben in den letzten rund 20 Jahren einen globalen Siegeszug hingelegt. Es gehört für uns heute zum politischen Alltag, darüber zu diskutieren, ob und wie unsere «westliche Kultur» anderen «Kulturen» überlegen sei; warum Menschen anderer Ethnien kulturell und hinsichtlich ihrer Werte inkompatibel mit «dem Westen» seien; ob unsere «Kultur» durch Einwanderung gefährdet sei; oder sogar, ob ein gezielter «Bevölkerungsaustausch» stattfinde, um weisse Menschen durch braune zu ersetzen.

Rechtsnationale Politik deutet die Welt, wie der Soziologe Jens Rydgren beschreibt, durch eine ethno-nationalistische Brille: Das Ziel ist ein wie auch immer geartetes «ursprüngliches» Volk vor all den Gefahren, welche es zu korrumpieren drohen, zu bewahren. Anders als klassischer Rassismus wird dabei aber nicht eine biologische Überlegenheit des eigenen Volkes behauptet. Stattdessen kommt die Ideologie des Ethnopluralismus zum Zuge: Es gebe einfach unterschiedliche Kulturen, und es sei für alle am besten, wenn diese sich nicht vermischen.

Die rechtspopulistische und rechtsnationalistische Politik der Gegenwart bedient sich damit offenkundig und zentral einer Form der Identitätspolitik. Die Identität, welche im Fokus steht, ist dabei nicht wie im linken Milieu die Zugehörigkeit zu marginalisierten, unterdrückten Minderheiten, sondern die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, das angeblich bedroht wird. Und die Bedrohungslage wird dabei als sehr akut verstanden, wie die Linguistin Ruth Wodak in ihrem Buch «The Politics of Fear» beschreibt. Die rechte Identitätspolitik von heute funktioniert zu grossen Teilen über das Wecken und Bedienen von Ängsten: Angst vor dem Jobverlust, Angst vor Überfremdung, Angst vor Dichtestress, Angst vor dem Verlust der Heimat.

ZUR ABSTIMMUNG GEGEN MASSENEINWANDERUNG VOM SONNTAG, 9. FEBRUAR 2014 STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Zwei Befuerworter der Schwarzenbach-Initiative, aufgenommen im Juli 1970. Am 7. Juni 1970 stimmten die Schweizer Stimmbuerger ueber die Volksinitative 'gegen die Ueberfremdung', die von Dr. James Schwarzenbach lanciert wurde, ab. Die Initiative forderte eine Reduktion des Auslaenderanteils und wurde nach einem intensiven Abstimmungskampf mit 54% Nein-Stimmen abgelehnt. (KEYSTONE/ARCHIV/Str)

Angst vor Überfremdung: Zwei Befürworter der Schwarzenbach-Initiative «gegen die Überfremdung», 1970. Bild: KEYSTONE

Rechte Identitätspolitik hat gefährliche Konsequenzen, von denen wir einige in der Coronavirus-Pandemie erleben. So zeigt sich in den USA, dass Menschen mit rechtsnationalen Einstellungen die Gefahr des Coronavirus und von Covid-19 als massiv geringer einschätzen als Leute, die sich eher in der Mitte oder im linken Teil des politischen Spektrums identifizieren. Einer der Gründe dafür dürfte sein, wie erste wissenschaftliche Evidenz andeutet, dass rechtsnational eingestellte Menschen sich in einer medialen Filterblase bewegen, in der die Pandemie beschwichtigt oder sogar als linke oder chinesische Verschwörung gegen Donald Trump abgetan wird. Darum wurde der Verzicht auf das Tragen von Masken, auf Distanzierung und auf sonstige Präventionsmassnahmen gegen Corona-Infektionen zu einer Cause célèbre im rechtsnationalen Lager in den USA – wenn die ganze Pandemie ein Komplott gegen die eigene Gruppe, das gute Volk, ist, dann ist der Kampf gegen die Coronavirus-Massnahmen wortwörtlich ein Kampf von Gut gegen Böse.

Die Gefahr rechter Identitätspolitik ist nicht auf die Coronavirus-Pandemie beschränkt. Ganz allgemein bedeutet rechte Identitätspolitik, dass ein gutes Volk von schädlichen Einflüssen geschützt werden soll. Bei der für rechte Identitätspolitik zentralen Frage der Einwanderung bedeutet das, dass der optimale Zustand im Grunde gar keine Einwanderung und gar keine Vermischung von Ethnien und Kulturen ist.

Wohin eine solche Ideologie führen kann, zeigt sich am Beispiel Indien. Indien war seit der Staatsgründung ein kulturell, sprachlich und religiös sehr pluralistisches Land, das in erster Linie durch die demokratische Verfassung zusammengehalten wurde. Unter Narendra Modi und der Hindu-nationalistischen BJP hat sich diese allerdings verändert. Hetze, Gewalt und regelrechte Pogrome gegen die muslimische Minderheit sind heute in Indien fast an der Tagesordnung.

epa08667752 A handout picture made available by the Indian Press Information Bureau (PIB) on 14 September 2020 shows Indian Prime Minister Narendra Modi addressing the Media at the beginning of the monsoon session of the Indian Parliament in New Delhi, India, 14 September 2020. The monsoon session of the Indian parliament started, the first since the outbreak of coronavirus.  EPA/PIB HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Hindu-Nationalismus: der indische Premierminister Narendra Modi. Bild: keystone

Rechte Identitätspolitik gipfelt auch im Westen in Gewalt. Jüngere Beispiele dafür sind Terroranschläge wie jene in El Paso in den USA und in Christchurch in Neuseeland von 2019, bei denen die Täter auch Bezug auf den angeblichen Bevölkerungsaustausch sowie auf Memes und Witze aus hasserfüllten Alt-Right- und rechtsnationalistischen Ecken des Internets nahmen.

Wenn sich aus rechter Identitätspolitik (tödliche) Gewalt speist, ist das zwar tragisch, aber letztlich eine logische Konsequenz: Nimmt man die Anliegen rechter Identitätspolitik ernst, führt an ethnischer Säuberung letztlich kein Weg vorbei.

Wenn universale Anliegen aus dem Fokus rücken

Die neuen Formen der Identitätspolitik schaden der Demokratie. Die Gesellschaft wird tief, vielleicht sogar unumkehrbar gespalten, und die fragmentierten Gruppen, egal, ob gross oder klein, kämpfen gegen ihre jeweiligen ideologischen Windmühlen und manövrieren dabei immer stärker weg von den Problemen, die ihnen tatsächlich zu schaffen machen.

Ein solches Problem ist die für viele Menschen schwierige wirtschaftliche Situation. Auch in reichen westlichen Ländern gibt es ein tendenziell wachsendes wirtschaftliches Prekariat: Menschen, die sich vielleicht gerade irgendwie von Monat zu Monat hangeln, die aber keine Aussicht auf eine Stabilisierung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse haben, geschweige denn auf eine nennenswerte Besserung der Situation. Gleichzeitig wurden die 500 reichsten Menschen der Welt alleine 2019 rund 1,2 Billionen Dollar reicher – nicht 1,2 Milliarden, sondern ganze 1200 Milliarden.

Amazon-Chef Jeff Bezos bleibt mit einem Vermögen von 179 Milliarden US-Dollar der reichste US-Bürger. Auf den weiteren Plätzen der Reichenliste

Reich, reicher, Bezos: Der Amazon-Chef führt die «Forbes»-Liste der reichsten Menschen an. Bild: sda

Und ausgerechnet in der Coronavirus-Pandemie, welche viele Arbeiterinnen und Arbeiter an den Rand des materiellen Ruins treibt, bleiben die Superreichen nicht nur superreich – ihr Vermögen wächst und wächst. Nicht zuletzt die Pandemie offenbart also, dass die heutige kapitalistische Gesellschaftsordnung zu einer systematischen Benachteiligung einer grossen Bevölkerungsschicht führt.

Das Problem der wachsenden Ungleichheit und des wirtschaftlichen Prekariats betrifft einerseits Menschen und Gruppen, die sich linker Identitätspolitik hingeben. Universale ökonomische Bedenken und Unterdrückung sind in mancherlei Hinsicht nämlich das zentrale Problem marginalisierter Gruppen – eben weil marginalisierte Gruppen oftmals zu den am meisten ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern gehören. Die schlimmsten Jobs werden von jenen verrichtet, die materiell bereits am stärksten depriviert sind.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch zusätzliche nicht-universale Probleme wie Rassismus, Sexismus und dergleichen gibt, die es zu bekämpfen gilt. Aber der beste Weg, um ganz konkreten materiellen, nicht bloss symbolischen Fortschritt zu zeitigen, ist, die wirtschaftliche Situation universal für alle Arbeiterinnen und Arbeiter zu verbessern. Wenn das Prekariat überproportional stark aus marginalisierten Menschen und Gruppen besteht und wir dafür sorgen, dass es dem Prekariat universal besser geht, geht es damit automatisch den marginalisierten Menschen und Gruppen besser.

Dasselbe gilt aber auch für das rechte und rechtsnationale Milieu. Menschen in diesem Umfeld beklagen zurecht ihre schwierige wirtschaftliche Situation und die oftmals trübe Aussicht auf Besserung. Doch sie verorten die Ursachen für ihre Situation an der falschen Stelle: Schuld seien die eingewanderten, kulturell fremden Menschen (oftmals mit tiefem sozio-ökonomischen Status), von denen eine diffuse Gefahr ausgehen soll. Sie nähmen Jobs weg, aber sie seien auch eine Gefahr für die Kultur und Tradition des Volkes und Landes. Das Land, in dem man aufgewachsen ist, ist in der subjektiven Wahrnehmung nicht mehr so wie früher, denn damals gab es noch sichere Jobs und die ursprüngliche, traditionelle Kultur. Schuld an diesem Verlust der Heimat müssen die Eingewanderten sein, denn sie sind ja ganz konkret das, was sich verändert.

Diese diffuse Angst vor dem Fremden ist kein Zufall. Es handelt sich dabei um ein typisches «Wedge Issue», also eine Art politischen Keils: Ein politisches Anliegen, das gezielt konstruiert und eingesetzt wird, um die Bevölkerung zu spalten und vom eigentlichen Problem abzulenken. So stehen rechtsnationale Parteien und Akteure nicht selten ziemlich direkt im Dienst von Grossunternehmen und kämpfen damit für das Grosskapital, was ihrer wirtschaftlich darbenden Wählerschaft eigentlich sauer aufstossen müsste. Mit Wedge Issues als Ablenkungsmanövern wird aber, nach dem Schema divide et impera, erfolgreich Identitätspolitik betrieben, dank der die ökonomischen Interessen hinter rechtsnationalen Parteien unbeachtet bleiben.

Zurück zu universaler Politik?

Es ist einfach, Identitätspolitik, egal, ob von links oder rechts, zu kritisieren. Doch was ist die Lösung? Ein weg zurück zu mehr universaler Politik dürfte schwierig werden.

Im linken Spektrum ist Identitätspolitik nicht nur ein politisches und kulturelles Phänomen. Das permanente Beackern marginalisierter Gruppen ist, nicht ganz ironiefrei, zu einer eigentlichen Industrie geworden. So grassieren etwa Seminare, Trainings Workshops zur Bekämpfung «unbewusster Verzerrungen» in der Privatwirtschaft genauso wie in der öffentlichen Verwaltung, obwohl solche Interventionen bestenfalls nichts bringen, schlimmstenfalls Schaden anrichten. Ob diese Trainings und Workshops nutzen, spielt im Grunde aber auch gar keine Rolle, denn wenn sich Identitätspolitik auf diese Art mit kapitalistischen Anreizen verknüpft (mit Diversity lässt sich gutes Geld machen), ist die Identitäts-Lawine kaum mehr zu stoppen. Sogar dystopische KI-Überwachungsapparate, die am Arbeitsplatz Menschen rund um die Uhr aushorchen und melden, wenn jemand verbal oder nonverbal etwas Falsches sagt, tut, oder vielleicht nur schon denkt, sind im Rahmen der Identitätspolitik-Industrie akzeptabel und in Vorbereitung.

Im rechten Spektrum ist die Herausforderung nicht kleiner. Der Zugang zu Menschen, welche sich rechter Identitätspolitik hergeben, ist schwer, weil rechte Identitätspolitik oft verschwörungstheoretische Elemente beinhaltet. All jene, die eine andere Sicht der Dinge haben, werden schnell als Teil des Problems abgestempelt; als «Globalisten», die darauf erpicht sind, das Volk und die Kultur auszulöschen; als Lügenpresse, die die eigentliche Wahrheit verheimlicht und das Volk belügt; als «kulturelle Marxisten», die den hehren moralischen Kompass des Volkes vergiften. Es ist enorm schwierig, Menschen mit rationalen Argumenten aus einer Ideologie herauszuholen, zu der sie nicht über rationale Argumente, sondern aus Angst und Unbehagen gefunden haben.

Und trotzdem müssen wir es versuchen. Es gibt nach wie vor universale Probleme, die gelöst werden müssen. Versäumen wir dies, überlassen wir die Bühne den politischen und wirtschaftlichen Profiteuren des Status Quo, deren Macht durch Fragmentierung und Grabenkämpfe weiter wächst.

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