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People wearing Scientology Volunteer Ministries logos walk near Hollywood and Highland during the coronavirus outbreak Thursday, May 14, 2020, in the Hollywood section of Los Angeles. (AP Photo/Mark J. Terrill)

Scientologen nutzen jede Gelegenheit, um auf sich aufmerksam zu machen: hier als Corona-Helfer unweit von Hollywood. Bild: keystone

Sektenblog

Die Sektenlandschaft ist nicht mehr, was sie einmal war (– aber besser wurde sie nicht)

Der Jahresbericht der Zürcher Sektenberatungsstelle InfoSekta dokumentiert die Segmentierung der Sektenszene.



Die Sektenlandschaft wurde in den letzten 20 Jahren in der Schweiz fundamental umgepflügt. Das gilt auch für Europa und weite Teile der Welt. Beherrschten früher totalitäre Grossgruppen und Sektendramen die Schlagzeilen, wird die Sektenszene heute vor allem von kleinen Gruppen geprägt. Mit dem Resultat, dass Sektenthemen in den Medien nur noch selten aufscheinen.

Diese Tendenz kommt auch im Jahresbericht 2019 der Zürcher Sektenberatungsstelle InfoSekta zum Ausdruck. Die Institution, die ihr 30jähriges Jubiläum feiert, hat die meisten Anfragen zu kleineren spirituellen und religiösen Gruppen mit problematischem Hintergrund erhalten.

Susanne Schaaf, die Leiterin der Beratungsstelle schrieb dazu: «Die Anfangszeit war geprägt durch wenige Gruppen wie die Vereinigungskirche, die Hare-Krishna-Bewegung, die Kinder Gottes und Scientology. Die Sektendramen in den 90er Jahren (Davidianer, Sonnentempler, Õmu Shinrikyõ, Heaven’s Gate) rückten die Gefahr und das Radikalisierungspotenzial sektenhafter Gemeinschaften auf dramatische Weise ins öffentliche Bewusstsein.»

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Doku über die Zeugen Jehovas, die die «Hitliste» der Sektenberatungsstelle von InfoSekta anführen.

In den 2000er Jahren habe sich die Weltanschauungsszene pulverisiert, erklärt Schaaf weiter. Seither stünden Anbieter aus dem Bereich Esoterik und alternative Spiritualität, dogmatische freikirchliche Milieus und psychologische Lebensberater im Fokus der Anfragen. An Bedeutung würden auch rechtsesoterische Bewegungen, Verschwörungstheorien und der Islamismus gewinnen.

Die Problematik bleibt

Die Fragmentierung der Sektenszene führte nicht dazu, dass sich die Problematik entschärft und an Brisanz verloren hat. Im Gegenteil: Die Zahl der Gesamtkontakte, die InfoSekta 2019 verzeichnet hat, stieg um volle acht Prozent auf 2800 an.

Unrühmlicher Spitzenreiter sind die Zeugen Jehovas mit 103 Anfragen (14%). Die superfrommen Christen provozieren mit ihren fundamentalistischen Dogmen Konflikte, die vor allem Angehörige und Freunde ängstigen und verstören.

Anlaesslich des Kongresses der Jehovas Zeugen vom 16. bis 18. Juli 1999 im Stadion Letzigrund in Zuerich, fand am Samstag, 17. Juli 1999, im Hallenbad Altstetten die Taufhandlung statt. Rund 50 Personen unterzogen sich diesem Ritual, bei welchem der Koerper ganz unter die Wasseroberflaeche gedrueckt wird und das Auftachen einen Neuanfang symbolisiert. (PATRICK KRAEMER/KEYSTONE)

Taufe bei den Zeugen Jehovas nach biblischem Vorbild. Bild: KEYSTONE

Ebenfalls Dauergast in der Hitliste von InfoSekta ist Scientology. 31 Anfragen (4%) betreffen die amerikanische Sekte. Die aggressiven Missionsmethoden und die Indoktrinationspraktiken führen immer wieder zu Konflikten.

Aktuell sollen uniformierte Scientologen Broschüren zum Coronavirus breit streuen und vorgeben, mit dem Bundesamt für Gesundheit verbunden zu sein. So berichten es mehrere Medien. Scientology bestreitet dies.

Mit je zwei Prozent folgen die grosse Freikirche International Christian Fellowship (ICF) (14 Anfragen), die rechtsradikale russische Gemeinschaft Anastasia (13) und Fiat Lux (12) der verstorbenen Sektenführerin Uriella.

Sektenphänomene haben im Kern eine Suchtproblematik. Für Alkohol- und Drogensucht gibt der Staat Millionen aus. Für die Sektenprävention haben die Behörden nur ein paar Brosamen übrig.

Womit wir bei der These der Segmentierung der Sektenlandschaft wären. Denn volle 76 % (539) der Anfragen bezogen sich auf unzählige Gruppen und Einzelanbieter aus dem evangelikalen Umfeld, der Esoterik (Lebensberatung, Heilung), psychologische Angebote wie Persönlichkeitstrainings, Psycho-Seminare und Direktvertriebe, wie es im Jahresbericht heisst.

Wer sucht Rat bei der Beratungsstelle? 78 % aller Anfragen stammten von Privatpersonen, vor allem von Angehörigen, die sich um ein Familienmitglied sorgen, das sich immer mehr von ihnen entfremdet. (Es kommt oft zu mehrfachen Kontakten). Bei sieben Prozent handelt es sich um Aussteiger. Aktive Anhänger von Sekten erkundigen sich naturgemäss selten (2%) bei InfoSekta. Für Sekten ist die Beratungsstelle des Teufels.

Auffälliges Verhalten der Sektenmitglieder

Die grosse Zahl der privaten Ratsuchenden bestätigt die zentrale Problematik des Sektenphänomens: Wer frisch in die Fänge einer problematischen religiösen oder spirituellen Gruppe gerät, zeigt nach kurzer Zeit ein verändertes Verhalten, das Angehörigen und Freunden rasch auffällt. Die Lebensperspektive, das Alltagsverhalten und die primären Interessen verschieben sich.

Oft kommt es zu einer radikalen Wesensveränderung. Was früher wichtig war – Beruf, Sport, Hobby, Freunde –, wird plötzlich vernachlässigt. Solche Verhaltensänderungen, die sich in kurzer Zeit vollziehen, sind immer ein Alarmzeichen.

Junge Menschen machen zwar auch sonst Entwicklungsphasen durch, bei denen sich die Interessenlage verschieben kann, doch sie erfasst meist nur einzelne Aspekte, die sich nachvollziehen lassen. Bei einem Sekteneinfluss betreffen die radikalen Veränderungen meist auch das Verhalten gegenüber Angehörigen und Freunden schlagartig.

Beschränkte finanzielle Ressourcen bei InfoSekta

Die Veränderung wird meist von wachsendem Misstrauen begleitet, weil die Nahestehenden eben nicht den richtigen Glauben haben und somit angeblich falsche Wertvorstellungen vertreten. So zumindest wird es den neuen Anhängern von den Sektenführern eingetrichtert, die eine Entfremdung von der Familie anstreben.

Sektenphänomene haben im Kern eine Suchtproblematik. Für Alkohol- und Drogensucht gibt der Staat Millionen aus. Für die Sektenprävention haben die Behörden nur ein paar Brosamen übrig.

InfoSekta ist die einzige unabhängige Beratungsstelle in der Deutschschweiz. Sie leistet hochprofessionelle Arbeit. Da ihre finanziellen Ressourcen sehr beschränkt sind, sind Präsenzzeit und Präventionsmöglichkeiten limitiert. Das ist beschämend und ein Armutszeugnis für die reiche Schweiz.

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Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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219 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
bbelser
06.06.2020 09:27registriert October 2014
Lieber Hugo Stamm,
danke für diesen unaufgeregten und informativen Bericht zur Sektensituation in der Schweiz.
Die Zersplitterung der Sekten-Szene verlief vermutlich analog zur allgemeinen gesellschaftlichen Atomisierung und Individualisierung. Die grossen Ideologien haben ausgedient und sind einer individuellen Konsum-Mentalität (auch im spirituellen Bereich) gewichen. Damit wird Sektenhaftes ungreifbarer und wohl noch gefährlicher unterm Radar der Beobachtung.
Gut, bleiben Infosekta und du dran. 😉
Erstaunlich, dass Scientology als abstruse Ideologie da immer noch vorne mitmischt...
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Burdleferin
06.06.2020 08:37registriert February 2017
Ich hatte an der PH eine Freundin, die ich sozusagen an ICF verloren habe.
Plötzlich war ich ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr würdig. Bei den wenigen Kontakten fragte sie mich jedes Mal, ob ich am Montag um 19.00 Uhr auch ans Treffen käme.
Ganz am Anfang erzählte sie mir, dass sie der Sekte den Zehnten abgibt.
Ich war schockiert!
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Atavar
06.06.2020 10:49registriert March 2020
War in so einer Situation. Habe direkt.mit Frau Schaaf sprechen können. Mehr Ressourcen wären schön, dafür sind diese Gläubigen aber gesellschaftlich halt noch zu funktional
Leider ist die Zeit, die man hat sehr limitiert und man muss früh erkennen, wie man den Zugang zu einst geliebten Menschen verliert.
Es war in meinem Fall ein persönliches Drama. Kein Fussbreit gebe ich solchen Spinnereien heute in meinem Leben mehr Platz.
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