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Augen zu und durch. Naughty Dog ist mit «The Last of Us Part II» sehr viele Risiken eingegangen. Deshalb wird das Spiel in die Geschichte eingehen. bild: screenshot TLOU2

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«The Last of Us 2»: Das beste und vor allem wichtigste Spiel, das ich je gespielt habe



Minuten nachdem «The Last of Us Part II» in den Regalen stand, hagelte es Negativbewertungen. Die Userwertung auf metacritic.com, der wichtigsten Kompassnadel in der Gamerwelt, sackte ins Bodenlose. Die Vorwürfe: Das Spiel sei zu brutal, übe Verrat an den Charakteren des ersten Teils, es sei männerfeindlich, fahre eine radikal feministische Agenda, habe sich von politisch überkorrekten Social Justice Warriors manipulieren lassen, sei politisch motiviert, und, und, und.

Es war ein Echo des Aufschreis, der bereits Wochen vor dem Release ertönt war.

Der erste Teil, «The Last of Us», war ein Meisterwerk. Noch nie erzählte ein Game das Verhältnis zweier Menschen so feinfühlig. Es war Liebe. Trotzdem, vielleicht aber genau deshalb, dauerte es Jahre, bis sich Hersteller Naughty Dog an einen Nachfolger wagte. Die Entwicklungsarbeit dauerte ebenfalls Jahre, der Releasetermin wurde immer weiter nach hinten verschoben, die Erwartungshaltung der Fans stieg ins Unermessliche.

Als wenige Wochen vor dem Erscheinungstermin ein Hacker Videomaterial leakte, stürzten sich die Fans darauf wie die Hyänen. Was sie zu sehen bekamen, war für einen Teil von ihnen mehr als nur ein Schlag ins Gesicht. Sie fühlten sich verraten und hintergangen. Einige sprachen gar von Missbrauch. Schnell war der Schuldige gefunden: Neil Druckmann, der israelisch-amerikanische Creative Director von Naughty Dog.

Die Bewertung der professionellen Gamekritiker sieht anders aus: 95 von 100 möglichen Punkten erhält die Apokalypse-Saga auf metacritic. Auch unser Game-Tester Simon Dick ist von «The Last of Us Part II» begeistert. Zum Zeitpunkt seines Reviews durfte er aufgrund des strikten Embargos nicht auf alle Aspekte des Spieles eingehen. Wir werden das nun nachholen. Das bedeutet aber, dass diese Besprechung nicht ganz spoilerfrei ist. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

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Ist hier, um so ziemlich alles zu zerlegen. Auch Vorurteile: Abby. bild: screenshot «TLOU2»

In der Populärkultur existiert eine klare Hierarchie. Bücher gelten als gescheit und bildend und sind deshalb gesellschaftlich wertvoll. Deutlich unter den Büchern rangieren Filme und Serien.

Etwa fünfzehn Stockwerke unter den Filmen dümpeln Games. Zwar hat die Videospielindustrie mit Abstand die höchsten Umsätze, bedeutende oder gar als gesellschaftlich wertvoll anerkannte Games gab es bisher nicht. Derart seichte Unterhaltung kann nicht relevant sein. Eher das Gegenteil. Noch heute werden Games verteufelt und müssen in regelmässigen Abständen als Sündenböcke – auch für politische Verfehlungen – in Sippenhaft.

«The Last of Us Part II» (TLOU2) könnte das ändern. Und der Grund dafür sind die bereits erwähnten Schläge ins Gesicht.

Diese erfolgen zu Beginn des Spiels durch die muskelbepackte Abby mit einem Golfschläger. Damit beendet sie das Leben von Joel – ausgerechnet von Joel. Dem verehrten und geliebten Protagonisten des ersten Teils ist es nicht vergönnt, wie ein Held zu gehen. Nein, er wird primitiv und entwürdigend geschlachtet. Es ist Rache. Im ersten Teil hat er Abbys Vater umgebracht.

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Abby: Eine Mischung aus Cris Cyborg und Ronda Rousey. bild: Screenshot TLOU2

Abbys Vater war nur einer von hunderten von Gegnern, die in «The Last of Us» im Weg standen. Namenloses Kanonenfutter. Die Anonymisierung der Pixelgegner ist typisch für Games. Damit schaffen die Hersteller die Distanz zum Akt des virtuellen Tötens, die es braucht, um den unverfänglichen spielerischen Rahmen zu erhalten. Es soll ja Fun machen. Hihiheadshot. Der seichten Unterhaltung ist nicht geholfen, wenn der Spieler weiss, dass der soeben umgenietete Pixelkerl ein alleinerziehender Vater war. Man braucht sich nicht zu wundern, dass Games in der Relevanz-Hackordnung derart tauchen.

Abby nimmt also auf schockierende Art und Weise eine der beliebtesten Spielfiguren des gesamten Playstation Universums aus dem Rennen. Eine Figur, mit der Millionen durch die Hölle gingen. Einfach so. Gleich zu Beginn von «TLOU2». Und die Hersteller haben noch die Chuzpe, den Spieler dazu zu zwingen, Abby zum Tatort zu führen. Sie machen die Spieler quasi zu Mittätern.

Selten hat ein Hersteller seiner Klientel derart viel zugemutet. Nicht wenigen wurde der Boden unter den Füssen weggerissen. Logisch hagelt es Kritik.

Und «TLOU2» führt das Konzept weiter: Die Hälfte der Spielzeit wird ebendieser Abby gewidmet. Mit ihrer Geschichte erzwingt das Game vom Spieler Verständnis für ihr Handeln. Gleichzeitig werden sämtliche Sympathieträger und Überfiguren aus dem ersten Teil langsam aber stetig vom Sockel geholt.

Der Perspektivwechsel wirkt. Der Spieler wird aus der gametypischen Schwarz-Weiss-Kolorierung von Gut und Böse gerissen und knietief in einem Sumpf aus moralischen Dunkeltönen versenkt. Vorbei ist das lustige Headshotten. Der Mief von Selbstzweifeln steigt auf. Diese werden durch die grauenhaften Gewaltdarstellungen zusätzlich genährt.

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Ellie ist auf einem Rachefeldzug – und nicht nur der Spieler muss leiden. bild: screenshot tlou2

Auch der Vorwurf der übermässigen Gewaltdarstellung ist berechtigt. Doch gleichzeitig muss erwähnt werden, dass Gewalt nie verherrlicht wird. Im Gegenteil. Sie wird dazu benutzt, die Orientierungslosigkeit des Spielers weiter zu nähren. Sie ist Mittel zum Zweck.

Wieso beschreibt Remarque in «Im Westen nichts Neues» den langsamen Tod eines Franzosen im Schützengraben derart akribisch? Sicher nicht, um den Leser aufzuheitern. Gräuel als Mittel zur Abschreckung. Es funktioniert.

Naughty Dog tut sein Bestes, den Spieler möglichst weit von seiner Komfortzone zu halten. Heldin Ellie foltert. Heldin Ellie tötet – ausgerechnet den Hund, mit dem der Spieler später als Abby liebevoll spielt. Nichts lässt das Publikum fassungsloser zurück als ein toter Hund. Siehe John Wick. Doch während sich Wick im gleichnamigen Film aus Unterhaltungszwecken durch namenloses Menschenmaterial arbeitet, trägt in «TLOU2» jeder NPC (Non-Player-Character) einen eigenen Namen. Diesen erfährt man von seinen aufgeregten Freunden, wenn sie ihn leblos vorfinden. NPCs nehmen Tote nicht einfach achselzuckend hin – so wie in den meisten anderen Spielen. Sie leiden mit. Und streuen damit Salz in die Wunden des sowieso schon geschändeten Spielers.

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«TLOU2» wird auch für die Story kritisiert. Wie viel davon Nebelpetarden sind, um Homophobie, Misogynie und Enttäuschung über Joels Tod zu kaschieren, ist nicht eruierbar. bild: screenshot TLOU2

«TLOU2» verlangt viel vom Spieler. Aber das tat Erich Maria Remarque auch. Der ging so weit, dem sterbenden Franzosen nicht nur einen Namen (Gérard Duval), sondern auch einen Beruf (Buchdrucker) zu geben – das Gegenteil von Anonymisierung. Naughty Dogs Taktik ist nicht neu. Doch wer Remarque in die Hand nimmt, weiss, dass er strapaziert wird. Der Ruf eilt ihm voraus. Bei Games ist das noch etwas anders. Viele Zocker suchen nicht die Auseinandersetzung mit sich selbst, wenn sie die Playstation anwerfen. Vielmehr wollen sie davor fliehen – kurz in die Haut eines Überhelden schlüpfen und ein paar Abenteuer erleben.

In «TLOU2» gibt es keine Haut eines Überhelden. Es gibt zwei Protagonistinnen – eine homosexuelle und eine muskulöse. Sexuelles Desinteresse gegenüber Männern und der Verlust der letzten Männerbastion – überlegene Körperkraft – triggern die toxische Schauderecke der Gamerszene. Schnappatmung. Die Schauderecke der Gamerszene ist zwar überschaubar, im Netz aber eine Macht. Schützenhilfe erhalten sie von beleidigten Christen. Sie nehmen die Darstellung der rückständigen Gruppierung der «Scars» persönlich und sehen darin grundsätzliche Religionskritik. Dabei zeichnet sich der Kult vor allem durch eine unreflektierte Vergötterung seiner Führerin aus: der perfekte Spiegel für den Personenkult rund um Joel. Naughty Dog hat den Shitstorm bereits vor dem Release antizipiert und ihn gleich im Game verarbeitet. Herrlich.

Es ist paradox.

Wir leben in einer Welt, in der die Risse zwischen den verschiedenen Interessengruppen immer grösser werden. Wir ziehen uns zurück in Echokammern und Bubbles. Demagogen treiben munter Keile in die Spalten und in den sogenannt «sozialen» Medien wird Hass gesät.

Und da kommt dieses Game, das vor lauter Wut, Hass und Brutalität nur so strotzt – und trotzdem steht es komplett quer.

Der einfache Kniff des Perspektivenwechsels dreht das Narrativ um 180 Grad. «TLOU2» ist ein einziger Werbespot für Empathie und Verständnis, dafür die eigenen Vorurteile und Überzeugungen immer und immer wieder in Frage zu stellen und dafür sowohl Zeit als auch Energie aufzubringen. Statt mit dem Moralfinger zu wedeln, wird mit eindrücklichen Bildern demonstriert, was passiert, wenn Empathie und Verständnis verloren gehen: die totale Entmenschlichung. Und schon wieder der Vergleich zu Remarque. Es passt.

Noch nie hat ein Game derart intensiv mit dem Spieler gespielt. Gesellschaftliche Probleme vor Augen zu führen, ist das eine, diese dem Spieler bis zur körperlichen Reaktion in die Gedärme zu impfen, hat eine neue Qualität. Dass das nicht nur auf Gegenliebe stösst, ist verständlich. Man muss schon etwas gefestigter im Leben stehen, um diesem Stahlbad Genuss abgewinnen zu können.

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Hat ihr Joel beigebracht: Gitarre spielen. Und irgendwie lebt er so in Ellie weiter. screenshot TLOU2

«TLOU2» ist nicht ohne Fehl und Tadel. Vielleicht ist die Darstellung von Abby ein My übers Ziel hinausgeschossen. Vielleicht sind Levs Probleme etwas gar offensichtlich.

Die Lawine der Kritik, welche von Incels, Misogynen, Homophoben und Antisemiten angeführt wird, war aber eine gezielte Sprengung. Naughty Dog hat es darauf angelegt. Und das ist gut so. «Im Westen nichts Neues» löste auch nicht nur Gegenliebe aus. Vor der Erstveröffentlichung wurden zuerst einmal die zahlreichen Beschreibungen der Kriegsgräuel zusammengestrichen. Später gehörte es zu den Büchern, die verwirrte Studenten ins Feuer warfen.

Wie Remarques Werk ist «TLOU2» keine leicht verdauliche Lektion. Aber sie setzt in Sachen Intensität und Relevanz für Computerspiele neue Massstäbe. Die Zeit wird zeigen, ob dies ein neuer Trend wird. Denn so einfach lässt sich ein solches Meisterwerk nicht wiederholen.

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Video: watson/leb

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148 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Kaktus Salat
28.06.2020 14:28registriert October 2019
"Die Lawine der Kritik, welche von Incels, Misogynen, Homophoben und Antisemiten angeführt wird, war aber eine gezielte Sprengung."
Fand den Artikel eigentlich sehr gut bis hierhin. Das ist nicht differenziert, das ist einfach nur quatsch. Damit werden alle Kritiker quasi Mundtot gemacht. Kanns ja auch nicht sein oder? Kritik sollte möglich sein ohne gleich diffarmiert zu werden und zwar auf beiden Seiten.
Im Endeffekt ist es doch auch Geschmackssache. Eye of the Beholder und so.
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hemster (eidg. dipl. Rechtschreibfehler)
28.06.2020 14:30registriert January 2016
Ich bim komplett anderer Meinung und die hat nichts mit LGBT, Brutalität etc. zu tun.
Eines Vorweg. Grafik, Sound, Leveldesign sind Top.
Aber mein Hauptproblem ist, das Spiel will mich nicht unterhalten, es will mich erziehen und politisieren.
Ab hier gibts SPOILER!
John Wicks (Ellie) Hund (Joel) wird im Prolog! getötet. John schwört Rache und tötet alle, ausser Iosef (Abby). Denn er findet heraus, dass Rache doof ist. Der Spieler darf Iosef 10+h spielen um auch seine Beweggründe zu verstehen.
SERIOUSLY?
Das Spiel hat genau soviel Tiefe/Inhalt wie meine Zusammenfassung länge hat, KEINEN!
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Hayek1902
28.06.2020 14:24registriert December 2019
Was mir TLoU2 gezeigt hat ist vor alllem, wie irelevant Spiele Reviews von klassischen Medien sind. Man kann das Spiel mögen (wieso such immer, ist ja nicht wirklich ein Spiel, eher ein Film), aber wie gewisse checkmarks das ganze überhöhen zu einem Meisterwerk werde ich nie verstehen. In ein paar Wochen wird sich keine Dau mehr darum kümmern, Wiederspielwert gleich null.
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