Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Spektakulär!» – Swisscom ermöglicht erstmals Einblick in die eigenen Nutzerdaten

Swisscom ermöglicht den Einblick in die eigenen Vorratsdaten der letzten sechs Monate. Der Schweizer Anwalt Martin Steiger hat die über ihn gespeicherten Daten angefordert – und eine CD-ROM mit zehntausenden Einträgen zu seiner Handy- und Internet-Nutzung erhalten.



Seit 2002 wird jede Bewegung von Schweizer Handybesitzern ein halbes Jahr lang aufgezeichnet. Insbesondere die Mobilfunkprovider müssen im Auftrag des Bundes von jedem Kunden folgende Rand- bzw. Metadaten ohne Anlass und Verdacht auf Vorrat speichern:

Bild

Mit Überwachungsprogrammen wie Remote Control System können Polizisten Standorte und Verbindungen zwischen Zielpersonen visualisieren. Darum speichern Swisscom und Co. wer, wo mit wem kommuniziert hat oder wer wann welche Apps und Websites nutzt.

CD-ROM mit «zehntausenden von Zeilen an Nutzerdaten»

Anfang März 2018 lehnte das Bundesgericht eine Beschwerde des Vereins Digitale Gesellschaft gegen die anlasslose Vorratsdatenspeicherung, also die generelle Überwachung sämtlicher Bürger ohne Anfangsverdacht, ab. Allerdings hat neu jeder Schweizer das Recht, Einsicht in seine von Swissom, Salt, Sunrise, UPC und Co. auf Vorrat gespeicherten Daten zu erhalten. 

Rechtsanwalt Martin Steiger hat seine von Swisscom gespeicherten Vorratsdaten angefordert und diese auf einer CD-ROM erhalten. Das sei «spektakulär», schreibt er auf Twitter. Denn zuvor hatten sich Swisscom, Sunrise und Salt stets geweigert, die gespeicherten Nutzerdaten herauszugegen.

Die CD-ROM enthält laut Steiger «zehntausende von Zeilen an Vorratsdaten über die gesamte Mobilfunknutzung sowohl für den Internet-Zugang als auch für Telefongespräche sowie teilweise auch für Roaming im Ausland».

Der folgende Screenshot zeigt einen kleinen Ausschnitt der Daten, die auf der CD-ROM geliefert wurden.

Bild

Die angeforderten Daten zeigen unter anderem Steigers Standorte der letzten sechs Monate sowie wann, wo und mit wem er kommuniziert hat. screenshot: steigerlegal

«Mit den nun verfügbaren Vorratsdaten ist es für jeden Menschen in der Schweiz möglich zu erfahren, was es bedeutet, von der Massenüberwachung mit der Vorratsdatenspeicherung betroffen zu sein», schreibt Steiger. 

So kommst du an deine Vorratsdaten

Der Verein Digitale Gesellschaft, dem auch Steiger angehört, stellt auf seiner Website eine Mustervorlage für ein Datenauskunftsbegehren bei Swisscom und Co. zur Verfügung.

Bild

Der Text der Mustervorlage kann hier kopiert werden. screenshot: digitale-gesellschaft

Vor Martin Steiger ist es erst Nationalrat Balthasar Glättli gelungen, von seinem Provider die gespeicherten Vorratsdaten zu erhalten. Obwohl bei der Vorratsdatenspeicherung die Inhalte der Kommunikation nicht gespeichert werden, lässt sich mit den Metadaten (Standorte, Kontakte) ein umfassendes Bewegungs- und Beziehungprofil erstellen. watson hat dies 2014 anhand der folgenden interaktiven Karte aufgezeigt.

Auf Basis seiner Daten kannst du in unserer interaktiven Grafik alle Bewegungen von Nationalrat Glättli in einem Zeitraum von sechs Monaten nachvollziehen. Die Ortungsdaten haben wir zusätzlich mit frei im Internet verfügbaren Informationen aus dem Leben des Parlamentariers (Twitter, Facebook und Webseiten) verknüpft.

Mit der Play-Taste startest du die Reise durch Balthasar Glättlis Leben. Du kannst die Reise an beliebigen Punkten verlangsamen und mit der Pause-Taste anhalten. Zoome in die Karte, um genauer zu verfolgen, wo sich der Politiker befindet. Der Kalender zeigt dir, an welchen Tagen Glättli in welcher Stadt war. Das Netzwerk zeigt dir, mit wem Glättli in Verbindung steht.

Die interaktive Karte zeigt, wo Nationalrat Glättli unterwegs war und mit welchen Journalisten, Politikern und Familienangehörigen er kommuniziert hat. Die Personendaten wurden von uns anonymisiert. (Die Karte funktioniert am besten auf einem grossen Bildschirm oder auf Smartphones im Querformat.) Grafik: watson.ch, «Schweiz am Sonntag», OpenDataCity, Digitale Gesellschaft

BÜPF 2.0 ist bereits in Kraft

Am 1. März 2018 trat das revidierte Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) in Kraft. Im neuen Gesetz wurde die anlasslose Überwachung auf weitere grosse Internet-Provider und Anbieter öffentlicher WLANs wie etwa die SBB ausgeweitet. Viele kleine Internet-Firmen mit einem Umsatz von weniger als 100 Millionen pro Jahr sind vom BÜPF ausgenommen. Wer jedoch das SBB-WLAN nutzt, muss damit rechnen, dass nicht nur gängige Metadaten (Standort, Zeitpunkt der WLAN-Nutzung etc.), sondern auch die besuchten Webseiten bzw. genutzten Apps gespeichert werden.

Gespeichert werden die Vorratsdaten insbesondere, damit sie im Rahmen eines Strafverfahrens für eine rückwirkende Überwachung genutzt werden können.

Bild

Das international genutzte Programm Remote Control System zeigt den Ermittlern Verbindungen zwischen Verdächtigen auf. Hierfür werden von den Providern gespeicherte Verbindungs- und Standortdaten (Randdaten) genutzt.

Die Direktüberwachung einer verdächtigen Person, sprich das Mithören von Telefongesprächen, Abfangen von E-Mails etc., wird hingegen weiter nur durchgeführt, wenn dies von den Strafverfolgungsbehörden explizit beantragt wird.

Datenspeicherung auf Vorrat laut obersten Schweizer Richtern zulässig

Das Bundesgericht hält es für zulässig, wenn Swisscom und Co. Vorratsdaten sechs Monate lang speichern. Es hat eine Beschwerde von sechs Privatpersonen – Mitglieder des Vereins «Digitale Gesellschaft Schweiz» – im März 2018 abgelehnt. Es liege ein gewichtiges öffentliches Interesse an der Randdatenspeicherung vor, da sie dem Aufklären von Strafdaten und der Suche von vermissten Personen diene. 

Die Beschwerdeführer ziehen das Urteil weiter und wenden sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Unter den Beschwerdeführern ist unter anderen Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne/ZH).

Grundlage für die Vorratsdatenspeicherung ist das Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF). Es verpflichtet die Telekomanbieter, die Randdaten der Telekommunikation ihrer Kundschaft zu speichern und sechs Monate lang aufzubewahren. Ein Referendum gegen das BÜPF war nicht zustande gekommen. Dem Referendumskomitee war es nicht gelungen, die notwendige Zahl an beglaubigten Unterschriften rechtzeitig einzureichen.

Vorratsdatenspeicherung verstösst gegen EU-Recht

Der Europäische Gerichtshofs hatte der Speicherung von Metadaten auf Vorrat (wer mit wem, wie lange und von wo aus telefoniert, Textnachrichten schickt bzw. das Internet nutzt) bereits in einem Urteil von 2016 enge Grenzen gesetzt. Konkret wurde die «anlasslose Vorratsdatenspeicherung», also ohne Anfangsverdacht, verboten.

In Deutschland hat die Bundesregierung 2015 ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Telekommunikationsanbieter werden darin verpflichtet, Internet- und Telefonverkehrsdaten jedes Bürgers zehn Wochen lang zu speichern. Im April 2018 hat der deutsche Gesetzgeber beim Tauziehen um die Vorratsdatenspeicherung eine weitere Schlappe erlitten. Nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln ist die Deutsche Telekom nicht verpflichtet, auf Grundlage des Gesetzes Verbindungsdaten ihrer Kunden zu speichern.

Damit bestätigten die Kölner Richter die Auffassung des Oberverwaltungsgerichts für Nordrhein-Westfalen (OVG), das ein entsprechendes Urteil schon im Sommer vergangenen Jahres gefällt hatte. Danach wurde die Pflicht zur Vorratsdatenspeicherung von der deutschen Bundesnetzagentur ausgesetzt.

Das Kölner Verwaltungsgericht entschied im April, die nationale Regelung, die eine «allgemeine und unterschiedslose Vorratsspeicherung sämtlicher Verkehrs- und Standortdaten aller Teilnehmer und registrierter Nutzer in Bezug auf alle elektronischen Kommunikationsmittel» vorsehe, stehe der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs entgegen. Das Urteil bezieht sich nur auf die Klage der Deutschen Telekom, die die Entscheidung begrüsste.

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und DPA.

So schaltest du die versteckte Standort-Karte auf deinem iPhone aus: Auch das iPhone verfolgt dich auf Schritt und Tritt

Video: watson/Lya Saxer

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

66 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Toerpe Zwerg
07.05.2018 12:03registriert February 2014
Wann klingelts bei den Meschen, was für eine gigantische Zeitbombe da tickt?
Und wer überprüft wie, ob die Daten nach 6 Monaten gelöscht werden?
38717
Melden
Zum Kommentar
ARoq
07.05.2018 13:26registriert September 2014
Der Verein "Digitale Gesellschaft" hat mich gerade als Mitglied gewonnen, merci.
753
Melden
Zum Kommentar
Filzstift
07.05.2018 12:05registriert August 2016
Kann man diese Vorlage auch an watson.ch (oder sonst irgendwohin, wo man Daten hinterlässt) abschicken?
Z.B. lässt sich über mein Kommentier-, Umfrage-, (Werbe)-Klick-Verhalten usw. sicher ein gutes Profil generieren können.
650
Melden
Zum Kommentar
66

Schweizer Sektenführer Sasek von Anonymous brutal vorgeführt

Netzaktivisten haben die Schweizer OCG-Sekte gehackt. Veröffentlichte Dokumente zeigen, welche Spenden die Sekte von ihren Mitgliedern erhält. Sektenführer Ivo Sasek macht derweil mit Panikvideos gegen Corona-Schutzmassnahmen mobil.

Wie lukrativ ist es Sektenführer zu sein? Dank des Hacker-Kollektivs Anonymous kennen wir nun die ungefähre Antwort. Die Netzaktivisten haben in den letzten Wochen und Monaten mehrere Server der Schweizer Sekte Organische Christus-Generation (OCG) von Sektenführer Ivo Sasek gehackt und tausende E-Mails, Dokumente und insgesamt rund 300 GB an Dateien erbeutet, ausgewertet und Teile davon veröffentlicht. Darunter Tabellen, die fein säuberlich die Spenden der Sektenmitglieder aufführen. Wir …

Artikel lesen
Link zum Artikel