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Bild: watson/shutterstock/keystone

Analyse

Warum der verwundete Löwe Donald Trump an Napoleon erinnert

Donald Trump liegt am Boden, aber er ist noch nicht erledigt. Braucht auch er ein Waterloo?



Natürlich ist Donald Trump kein brillanter Militärstratege, wie Napoleon Bonaparte dies war. Natürlich besitzt er niemals die Intelligenz, halb Europa eine neue Verfassung zu verpassen. Doch es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den beiden: Trump und Napoleon waren vom Establishment verachtete Aussenseiter; der Korse, weil er bis zu seinem Lebensende nie richtig Französisch sprechen konnte. Trump, weil er als Hochstapler und Möchtegern-Playboy belächelt wurde.

Beide besitzen zudem eine unglaubliche Kaltblütigkeit, die es ihnen möglich macht, enorme Risiken einzugehen. Beide sind letztlich daran gescheitert.

Napoleon Rückzug aus Moskau 1812, Gemälde von Adolph Northen

Napoleon und sein Heer auf der Flucht aus Russland. Bild: PD

Aber zuerst zur Geschichte, vielmehr zu Adam Zamoyski. Der begnadete Historiker schildert in seiner epochalen Biografie «Napoleon» den Sturz des Kaisers. Nach einem katastrophalen Russlandfeldzug, den er planlos angezettelt hatte, setzten sich die unterdrückten Europäer zur Wehr. Nach einer Reihe von verlorenen Schlachten musste sich der Kaiser nach Paris zurückziehen. Dort erwarteten ihn seine innenpolitischen Feinde. Napoleon musste zurücktreten.

Zamoyski schildert die Gemütsverfassung Napoleons nach dieser Schmach wie folgt:

«Nachdem er seine Abdankung unterschrieben hatte, verfiel Napoleon in einen Zustand der Apathie, der nur von gelegentlichen Wutanfällen und einer gewissen Fassungslosigkeit unterbrochen wurde. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er die Kontrolle nicht nur über den Gang der Ereignisse, sondern auch über Menschen verloren, die er als Bestandteil einer gut geölten Maschinerie zu betrachten gewohnt war. Seit Jahren hatte er triumphiert, indem er das Wagnis wagte, indem er sich weigerte, aufzugeben, und indem er am Ende immer einen Weg fand, Hindernisse zu überwinden oder zu umgehen und Misserfolge dadurch ungeschehen zu machen, dass er eine Version der Ereignisse erdichtete, in der sie nicht vorkamen. Nun musste er sich einer Realität stellen, die seinem Willen gegenüber vollkommen immun war.»

Wie könnte man die aktuelle Situation von Donald Trump besser schildern? Innert weniger Tage ist der noch amtierende Präsident der Vereinigten Staaten in ein veritables Loch gestürzt. Eine grosse Zahl seiner Kabinettsmitglieder und seines Stabes haben ihn verlassen, immer mehr Republikaner wenden sich öffentlich von ihm ab, die Wirtschaftselite will nichts mehr von ihm wissen, Twitter, Facebook & Co. haben seine Konten gesperrt, und die Mehrheit der Amerikaner verlangt seinen sofortigen Rücktritt.

Wie Napoleon mit dem Russlandfeldzug hat sich Trump mit seiner Wiederwahl-Kampagne total verzockt. Scott Reed, ein langjähriger Stratege der Republikaner, drückt es in der «Washington Post» wie folgt aus: «Die Art und Weise, wie er sich in den letzten 60 Tagen aufgeführt hat, haben seinen Ruf und seinen Anspruch, ein künftiger Leader zu sein, beeinträchtigt – und weil er die Wahlen in Georgia vermasselt hat, werden auch seine wirtschaftlichen Erfolge durch den Senat ausgelöscht werden. Er ist abgestürzt, wie es niemand für möglich gehalten hätte.»

Trump ist nicht nur abgestürzt, er muss sich auf eine politische und juristische Abrechnung gefasst machen. Die Demokraten verlangen ein erneutes Impeachment, Staatsanwälte bereiten Klagen vor. Immer deutlicher wird nämlich, dass der Sturm auf das Kapitol weder harmlos noch spontan war. Es war ein geplanter Umsturzversuch, bei dem noch mehr Tote nur mit Glück verhindert wurden, und bei dem Trump und seine Getreuen eine aktive Rolle gespielt haben.

Roz Heise, left, and Greg Eisler display placards during a gathering calling for the impeachment of President Donald Trump at South High School before a car rally through the streets of downtown Sunday, Jan. 10, 2021, in Denver. More than 150 vehicles were guided by motorists calling for the removal from office of Trump as well as for the resignations of Colorado Republican U.S. Representatives Lauren Boebert and Doug Lanborn for their support of Trump. (AP Photo/David Zalubowski)
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«Weg mit dem Verräter», fordert diese Demonstrantin. Das will auch die Mehrheit der Amerikaner. Bild: keystone

So hat das «Wall Street Journal» nachgezählt, dass der Präsident, seine Familienmitglieder und seine Anwälte zwischen dem 3. November und dem 6. Januar mehr als 200 Mal auf Twitter angebliche Wahlmanipulationen gepostet haben. Diese Posts sind beinahe 3,5 Millionen Mal retweetet und mehr als 9 Millionen Mal geliked worden. Der Präsident, sein Sohn und sein Anwalt haben am 6. Januar den Mob offen zum Sturm auf das Kapitol aufgefordert und dabei auch explizit Gewalt gutgeheissen.

Über diese Verbrechen kann man nicht einfach hinwegsehen. Gerade wer eine langfristige Versöhnung anstrebt, muss entschieden fordern, dass Trump und seine Handlanger zur Rechenschaft gezogen werden. Ansonsten verkommen die USA tatsächlich zu einer Bananenrepublik.

Nochmals zurück zu Napoleon. Nach seinem Rücktritt wurde er zunächst auf die Insel Elba verbannt, dort aber so schlampig bewacht, dass er fliehen und erneut ein grosses Heer um sich scharen konnte. Es brauchte die Schlacht bei Waterloo im Juni 1815, um ihn endgültig zu besiegen.

Auch Trump rechnet immer noch mit einem Comeback. Er soll bereits versprochen haben, einen Teil der in den letzten Wochen gesammelten Millionen für seine Wiederwahl einzusetzen. Ein grosser Teil der rund 75 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner, die ihn gewählt haben, stehen nach wie vor hinter ihm. Es wird geschätzt, dass rund 15 Millionen bereit sind, Gewalt einzusetzen.

Trump abzuschreiben wäre daher ein verhängnisvoller Irrtum – und ein modernes Waterloo braucht nun wirklich niemand.

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Trump-Anhänger stürmen Kapitol

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