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Hätte Trump ohne sie die Wahl verloren?

Bei der Datenfirma Cambridge Analytica arbeitete Brittany Kaiser am Jahrhundertcoup mit: Donald Trump zum US-Präsidenten zu machen. Dann stieg sie aus. Im Interview warnt sie: «Wir sind heute noch weniger geschützt als damals.»

Fabian Hock und Deborah Gonzalez / ch media



Es war einer der grössten Datenskandale überhaupt: Der Fall Cambridge Analytica. Das Unternehmen hatte vor der US-Wahl 2016 private Daten von 87 Millionen Facebook-Profilen abgesaugt. Sie sollen benutzt worden sein, um ausgewählten Wählergruppen personalisierte Botschaften zu senden. Das Ziel: Donald Trump sollte Präsident werden.

This undated image released by HarperCollins shows Brittany Kaiser, the former Cambridge Analytica employee who spoke out on alleged ties between the data firm and the Brexit campaign for Britain to leave the European Union. HarperCollins announced Tuesday, May 7, 2019, that Kaiser will share the story of her time at Cambridge Analytica in her upcoming book, “Targeted: My Inside Story of Cambridge Analytica and how Trump and Facebook Broke Democracy” coming out Oct. 22. (juliantse.com/HarperCollins via AP)

Brittany Kaiser verhalf als Cambridge-Analytica-Mitarbeiterin Donald Trump zum Wahlsieg. Bild: AP/HarperCollins

Bekanntlich ging das Rennen so aus, wie die Cambridge-Leute gehofft hatten. Die Firma selbst meldete nach Bekanntwerden des Skandals im Mai 2018 Insolvenz an. Welchen Anteil sie an Trumps Wahlsieg tatsächlich hatte, ist nicht bewiesen. Brittany Kaiser jedoch warnt: Für sie sind Datenfirmen wie Cambridge Analytica eine Bedrohung der Demokratie. Sie hat selbst dreieinhalb Jahre für die Firma in hochrangiger Position gearbeitet. Nachdem sie gekündigt hatte, ging sie als Whistleblowerin an die Öffentlichkeit.

In der Netflix-Dokumentation «The Great Hack», die Chancen auf einen Oscar hat, tritt sie als Hauptfigur auf. Ihre Aussagen trugen dazu bei, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress erklären musste, warum private Daten auf seiner Plattform nicht sicher sind. Und Kaiser ist längst nicht fertig: Via Twitter hat sie nun begonnen, neue Dokumente zu veröffentlichen. Sie sollen Verstrickungen ihres Ex-Arbeitgebers in 68 Ländern belegen, darunter Brasilien und Iran.

Nächste Woche kommt Kaiser in die Schweiz. Sie tritt am Worldwebforum in Zürich auf. Vorab hat sie mit der «Schweiz am Wochenende» über Wählerbeeinflussung, über die Macht von Facebook und ihre Zeit bei Cambridge Analytica gesprochen.

This image released by Netflix shows Brittany Kaiser, former Director of Business Development for Cambridge Analytica, in a scene from

Kaiser in einer Szene der Netflix-Dokumentation «The Great Hack». Bild: AP

Wäre Donald Trump ohne Ihre Hilfe Präsident geworden?
Brittany Kaiser: Ein Wahlkampf besteht aus vielen Puzzleteilen. Besonders bei einer Wahl, die mit sehr geringem Vorsprung gewonnen wird. Wenn Sie Teile des Puzzles entfernen, ist es möglich, dass die Wahl anders ausgeht. Als das Wahlkampfteam von Donald Trump mir präsentiert hat, was sie genau gemacht hatten, konnte ich sehen, wie effektiv ihre Strategie war. Das lässt mich vermuten, dass, wenn Cambridge Analytica nicht Teil der Wahlkampagne gewesen wäre, Donald Trump sehr wahrscheinlich nicht gewonnen hätte.

Es ist schwer vorstellbar, dass Sie Menschen wirklich so stark beeinflussen können.
Menschen glauben nicht gerne, dass sie beeinflussbar sind. Manche sind leichter zu beeinflussen als andere. Genau das verstehen Datensammler wie Cambridge Analytica: herauszufinden, wer die Personen sind, die anfällig für Beeinflussung sind.

Wie funktioniert das?
Menschen werden in kleine Gruppen eingeteilt, je nachdem, wie wahrscheinlich sie zur Wahl gehen, welchen Kandidaten sie wahrscheinlich unterstützen, welche Themen für sie am wichtigsten sind. Sind sie aufgeschlossen oder anfällig für angstbasierte Botschaften? Sind sie eingeteilt, erhalten sie auf sie zugeschnittene Botschaften.

«Es ist nicht Facebooks Aufgabe, zu moderieren, was es selbst für ethisch oder unethisch hält.»

Einige Gruppen sollen Botschaften erhalten haben, die sie überzeugen sollten, gar nicht zur Wahl zu gehen.
Ja. Das ist der besorgniserregendste Teil. Die Trump-Kampagne hat eine Gruppe identifiziert, die von der Wahl ferngehalten werden sollte. Das waren Leute, die nie für Donald Trump gestimmt hätten, sondern wenn überhaupt für Hillary Clinton. Sie hätten niemals davon überzeugt werden können, Trump zu wählen, aber sie konnten überzeugt werden, gar nicht zu wählen. Es wurde viel Zeit und Geld investiert, um diesen Leuten Nachrichten zu schicken. In den meisten Ländern ist das verboten, auch in den USA. Trotzdem sind die Leute davor nicht geschützt.

Warum nicht, wenn es doch gegen das Gesetz verstösst?
Weil Technologie und Gesetze noch nicht gut zusammenpassen. Plattformen wie Facebook haben keinen Weg gefunden, wenigstens die Gesetze, die wir längst haben, umzusetzen. Es ist Besorgnis erregend, wenn Facebook nun sagt, dass auch künftig bei politischer Werbung die Fakten nicht überprüft werden sollen.

Es würde noch mehr Sorgen bereiten, wenn ein Konzern wie Facebook entscheidet, was wir im Internet sehen dürfen und was nicht.
Nein, das ist ein krasses Missverständnis. Meine freie Meinungsäusserung ist moderiert. Mein Recht auf freie Meinungsäusserung endet dort, wo Ihre Menschenrechte beginnen. Ich darf mein Recht auf freie Meinungsäusserung nicht gebrauchen, um Menschen rassistisch oder sexistisch zu diskriminieren. Oder um Sie vom Wählen abzuhalten. Diese Dinge, die ich persönlich nicht tun darf, sollte ich auch im Internet nicht tun dürfen. Tech-Konzerne müssen unsere Gesetze auch online geltend machen. Weiter sollten sie allerdings nicht gehen. Es ist nicht Facebooks Aufgabe, zu moderieren, was es selbst für ethisch oder unethisch hält.

«Ich habe bei Cambridge gekündigt, weil ich deren unethisches Verhalten nicht mehr ertragen konnte.»

Sie haben dreieinhalb Jahre für Cambridge Analytica gearbeitet. Warum sind Sie so lange geblieben?
Ich habe meine gesamte Karriere als Campaignerin gearbeitet. Es ist schwer zu beurteilen, ob man effektiv war, wenn man an Kampagnen für Menschenrechte oder Umweltschutz arbeitet. Ich dachte, wenn ich lerne, mit den Werkzeugen von Cambridge Analytica zu arbeiten, kann ich mich wirkungsvoller für soziale Themen einsetzen.

Sie wussten aber, für wen Sie zu der Zeit arbeiteten.
Cambridge Analytica hat Klienten auf der ganzen Welt, darunter demokratische Parteien, grüne Parteien, Regierungen und Unternehmen. Donald Trump war einer von hundert Klienten. Unglücklicherweise sind das die prominentesten Klienten. Wir hatten aber auch eine Menge Projekte, die wirklich gut und aufregend waren. Ich blieb, weil ich dachte, ich könnte die Methoden für etwas Gutes einsetzen. Das war aber letztlich nicht der Fall.

Schliesslich haben Sie das Unternehmen aber verlassen.
Ich habe bei Cambridge gekündigt, weil ich deren unethisches Verhalten nicht mehr ertragen konnte. Zwei Monate nachdem ich ging, kamen die ersten Medienberichte heraus, dass Cambridge ihre Facebook-Datensätze nicht gelöscht hat. Ich dachte, wenn alle so aufgebracht wegen dieser spezifischen Sache sind, dann verstehen sie nicht, wie gross das Problem tatsächlich ist. Es geht nicht um Cambridge Analytica und um Facebook-Daten. Es geht um die gesamte Datenindustrie und darum, dass die Menschen keine Transparenz darüber haben, welche Daten über sie gesammelt werden und was damit gemacht wird. Ich dachte, es sei meine Pflicht, den Menschen zu sagen, was damals wirklich passiert ist.

Fürchteten Sie um Ihre Sicherheit?
Ja. Das war definitiv die beängstigendste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Ich wusste nicht, was passieren würde oder ob mir etwas zustossen könnte. Es gibt viele Whistleblower, die keinen Frieden mehr finden. Die keinen Job mehr bekommen und bedroht werden – genau wie ihre Familien.

FILE - In this May 1, 2018, file photo, Facebook CEO Mark Zuckerberg delivers the keynote speech at F8, Facebook's developer conference, in San Jose, Calif. Zuckerberg is again appearing before Congress to face questions about his company's massive market power, privacy lapses and tolerance of speech deemed false or hateful. Zuckerberg will testify at a hearing Wednesday before the House Financial Services Committee about Facebook's plan to create a global digital currency, which has stirred opposition from lawmakers and regulators in the U.S. and Europe. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez, File)
Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg ist der Ansicht, dass gewisse Standards nicht für Politiker gelten – eine Bedrohung für die Demokratie. Bild: AP

Im Mittelpunkt des damaligen Skandals stand Facebook. Ist die Plattform eine Bedrohung für die Demokratie?
Absolut. Facebook ist die wichtigste Kommunikationsplattform der Welt. Mark Zuckerberg sagt, dass gewisse Standards nur für uns Normalbürger gelten, nicht aber für Politiker. Auch Werbung wird nicht nach Fakten gecheckt. Das ist eine grosse Bedrohung für die Demokratie.

Wie sollten wir mit Facebook umgehen? Sollten wir unsere Accounts löschen?
Selbst wenn Sie Ihren Account löschen, hat Facebook noch immer Ihre Informationen. Löschen bringt da nicht viel.

Wie können wir uns und unsere Daten denn schützen?
Wir müssen verstehen, was Fake News sind, und diese identifizieren. Uns fragen: Wie können wir kritischer sein? Was sind unsere Daten wert? Ein Beispiel: Die meisten Leute, die sich eine App runterladen, lesen die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht. Dabei ist das sehr wichtig, denn man gibt so vieles frei. Facebook bekommt über die App Zugriff auf die Handykamera, auf das Mikrofon, auf die Kontaktliste. Gerade deswegen hatte ich jahrelang kein Facebook auf meinem Handy. Ich will all diese Informationen nicht freigeben. Der nächsten Generation müssen wir eines mitgeben: Sie muss besser aufpassen.

«Ich habe grosse Angst davor, was dieses Jahr in den USA passiert. Ich denke, dass es schlimmer wird als vor der Wahl 2016, es sei denn wir unternehmen etwas sehr Drastisches.»

Zurück zur Politik. Sie haben für Trump und für die Brexit-Kampagne gearbeitet. Haben Sie auch mit der Alternative für Deutschland (AfD) gesprochen?
Steve Bannon hat versucht, uns dazu zu bringen, mit Leuten der Alternative für Deutschland zu sprechen. Einige meiner Kollegen und ich haben uns entschieden, dass wir mit ihnen nichts zu tun haben wollen.

Warum nicht?
Wegen ihrer rassistischen Ansichten. Ich weigere mich, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Stattdessen hatten wir ein Treffen mit der CDU. Bannon wollte unbedingt, dass wir uns mit einer politischen Partei treffen, um die Möglichkeit auszuloten, an der deutschen Wahl zu arbeiten.

Was ist in dem Meeting passiert?
Die CDU hat gesagt, dass die Nutzung von persönlichen Daten nicht zur politischen Kultur Deutschlands passe, dass sie da nicht mitmache und nicht mit uns arbeiten könne.

Hatten Sie Kontakt zu politischen Kampagnen in der Schweiz?
Ich glaube, dass es Gespräche gegeben hat. Ich bin nicht sicher, mit wem oder ob es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit gekommen ist, denn die Schweiz hat solch strikte Datenschutzgesetze, dass eine Menge Strategien unmöglich gewesen wären.

Cambridge Analytica existiert nicht mehr, die Methoden schon. Was haben wir vom kommenden US-Wahlkampf zu erwarten?
Wir müssen uns bewusst sein, dass wir noch weniger geschützt sind als vor vier Jahren. Die Technologien sind heute besser entwickelt, ausserdem existieren viel mehr Daten über uns. Mark Zuckerberg hat entschieden, dass Politiker auf seiner Plattform nicht moderiert werden. Ich habe grosse Angst davor, was dieses Jahr in den USA passiert. Ich denke, dass es schlimmer wird als vor der Wahl 2016, es sei denn wir unternehmen etwas sehr Drastisches.

Das heisst, andere werden die Lücke füllen, die Cambridge Analytica hinterlassen hat?
Es gibt heute sicher viel mehr Cambridge Analyticas als vor vier Jahren.

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46 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Varanasi
12.01.2020 07:06registriert August 2017
Die AfD ist ihnen zu extrem, aber Steve Bannon nicht?
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Nume no eis, bitteee!
12.01.2020 07:06registriert January 2019
Sehr interessante Doku, welche etwas aufmerksamer im Umgang mit Daten macht. Sei es die Offenlegung der eigenen oder das Bewusstsein, dass ich datenbasiert angegangen werden. Ich dachte einer Generation anzugehören, welche, weil sie das Vorher noch kannte, quasi unterscheiden kann, sensibel ist und daher grundsätzlich kritisch ist aber es gab den Moment in der Doku, als ich anfing zu zweifeln, warum gerade ich schnallen sollte, was echt mit mir passiert, wenn ich datenbasiert tendenziös auf allen Kanälen mit Informationen zugeballert werde. - Warum sollte gerade ich nicht „drauf reinfallen“?🤔
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MartinZH
12.01.2020 07:48registriert May 2019
Ich finde es interessant, wenn Brittany Kaiser, eine ehemalige US-amerikanische Direktorin für Geschäftsentwicklung bei Cambridge Analytica, meint, dass die Schweiz solch' strikte Datenschutzgesetze hat, dass eine Menge Strategien unmöglich gewesen wären.
Ich frage mich aber, wie ist das konkret im Jahr 2020? Klar, das Datenschutzgesetz ist noch immer dasselbe. Aber lässt sich dieses in der Praxis auch wirklich durchsetzen?
Zwar gibt es auf Stufe Bund (EDÖB) und in den Kantonen allerorts Datenschutzbeauftragte. Aber haben diese überhaupt die Mittel, um "Datenkraken" im Zaum zu halten? 🤔
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