International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ireland's Prime Minister Leo Varadkar arrives to cast his vote at a polling station as the country goes to the polls to vote in the referendum on the 8th Amendment of the Irish Constitution, in Dublin, Friday, May 25, 2018. Voters throughout Ireland have begun casting votes in a referendum that may lead to a loosening of the country's strict ban on most abortions. (Niall Carson/PA via AP)

Dürfte sich freuen: Premierminister Leo Varadkar, ein Befürworter der Liberalisierung. Bild: AP/PA

Das katholische Irland lockert sein striktes Abtreibungsverbot – 68 Prozent dafür



Die Iren haben mit deutlicher Mehrheit für die Lockerung der strikten Abtreibungsregelungen gestimmt. Nachwahlbefragungen bei dem Referendum am Freitag ergaben eine Zweidrittel-Mehrheit für die von der Regierung unterstützte Liberalisierung.

Das «Nein»-Lager gestand am Samstag seine Niederlage ein. «Es gibt keine Aussicht darauf, dass das Gesetz nicht verabschiedet wird», sagte der Sprecher der Anti-Abtreibungskampagne, John McGuirk, dem staatlichen Radio RTE.

Ministerpräsident Leo Varadkar, der sich vehement für die Gesetzesänderung einsetzt, hatte schon Freitagabend getwittert: «Es sieht so aus, als ob wir morgen Geschichte schreiben werden.» Die Auszählung der Stimmen begann um 10.00 Uhr MESZ. Mit einem Ergebnis des Referendums wird im Laufe des Tages gerechnet.

Ältere Wähler eher gegen Lockerung

Wie die Befragung von Ipsos/MRBI ergab, votierten 70 Prozent der Frauen für eine Lockerung, 30 Prozent sprachen sich dagegen aus. Bei den Männern stimmten demnach 65 Prozent mit «Ja» und 35 Prozent mit «Nein».

Die Auszählung der eigentlichen Stimmen beginnt am Samstagmorgen, das definitive Ergebnis soll im Laufe des Tages bekanntgegeben werden.

Bei älteren Wählern überwog demnach die Ablehnung: Eine Mehrheit der Wähler über 65 Jahre stimmte gegen die Liberalisierung. Bei den 18- bis 24-Jährigen dagegen überwog dem Institut zufolge das «Ja» mit 84 Prozent.

Offizielles Ergebnis am Samstag

Fast 3,5 Millionen Bürger waren aufgerufen, über den achten Zusatzartikel der Verfassung zu entscheiden, der Schwangerschaftsabbrüche strikt untersagt. Die Auszählung der Stimmen beginnt erst am Samstagmorgen, mit einem Ergebnis wird nicht vor Samstagnachmittag gerechnet.

In Umfragen hatten die Befürworter einer Lockerung zuletzt vorne gelegen, viele Stimmberechtigte waren aber noch unentschlossen. In der katholisch geprägten Republik Irland hat das strikte Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen seit einem Referendum 1983 Verfassungsrang. Seit 2013 sind Abtreibungen erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist.

Emotionale Kampagne

Die Kampagne wurde sehr emotional geführt. Anders als vor dem Referendum 1983 hielt sich die katholische Kirche diesmal zurück - mehrere Skandale um Kindesmissbrauch hatten den Einfluss der einst in Irland übermächtigen Institution zuletzt schwinden lassen.

Die Regierung hatte angekündigt, im Falle eines Siegs des Ja-Lagers Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei zu stellen. Bei bestimmten Indikationen soll sie bis zum sechsten Monat erlaubt sein. Im irischen Parlament gibt es eine Mehrheit für das Ende des Abtreibungsverbots. Auch Ministerpräsident Leo Varadkar ist dafür. (sda/afp)

Gesellschaftlicher Wandel

Nach dem Sieg des Ja-Lagers soll zunächst der achte Zusatzartikel aus der Verfassung gestrichen werden. Die Regierung müsste dann alles weitere gesetzlich regeln. Ihr Entwurf sieht vor, Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei zu stellen. Bei bestimmten Indikationen soll sie bis zur 24. Woche erlaubt sein.

Nachdem die Iren 2015 in einem Referendum für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe gestimmt hatten, ist das Abtreibungsreferendum nun ein weiterer Gradmesser für den grossen gesellschaftlichen Wandel in Irland: Während die meisten europäischen Länder den Schwangerschaftsabbruch nach und nach entkriminalisiert haben, stimmten bei dem Referendum 1983 noch zwei Drittel der Iren für die Aufnahme des Abtreibungsverbots in die Verfassung.

Nach einer Reihe von Tragödien

Das langsame Abrücken von den strengen Gesetzen in den Jahrzehnten danach war eng mit den Namen von Frauen verbunden, die besonders unter diesen Gesetzen zu leiden hatten. Anlass für eine erste Lockerung des Abtreibungsverbots 2013 war die Empörung nach dem Tod der schwangeren Savita Halappanavar, die bei einer Fehlgeburt in der 17. Schwangerschaftswoche starb. Eine Abtreibung war ihr untersagt worden.

Die Kampagne gegen das Abtreibungsverbot erhielt Auftrieb durch den Fall von Amanda Mellet, die für die Abtreibung eines tödlich missgebildeten Fötus ins benachbarte Grossbritannien ausweichen musste. Mellet brachte den Fall vor die Uno-Menschenrechtskommission, welche die Angelegenheit als Verstoss gegen die Grundrechte einstufte. (sda/afp/apa/reu)

Mehrheit der Iren stimmt für die Homo-Ehe

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

16
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ökonometriker 27.05.2018 03:11
    Highlight Highlight Warum hetzt Watson immer gegen Katholiken? Ja, Irland ist mehrheitlich katholisch. Aber auch die meisten Südeuropäischen Länder und die meisten Südamerikanischen Länder.

    Das hat weder mit dem wirtschaftlichen Erfolg Irlynds noch mit der Armut Südamerikas noch mit gesellschaftlichen Strömungen etwas zu tun. Es ist nur eine Religion, sie macht keine Politik. Die Zeit der Gottesstaaten ist vorbei.
    • Fabio74 27.05.2018 11:04
      Highlight Highlight Die Zeit des Absolutismus ist endlich vorbei. Der Kampf gegen die Kirche kostete genug Menschenleben. Daher sind Entscheide gegen die Kirche Entscheide für die Freiheit
  • Ale Ice 26.05.2018 07:22
    Highlight Highlight #WellDone
    • Walser 26.05.2018 08:17
      Highlight Highlight So wie in den hier zitierten zwei Fällen ist es richtig. Der Schutz der gefährdeten schwangeren Frauen wegen Komplikationen muss das Ziel sein. Die Realität ist dann aber in der Praxis überwiegend, auch hier in der Schweiz, eine andere. Die meisten Abtreibungen werden gemacht weils grad nicht in die Lebensplanung passt.
    • Fabio74 26.05.2018 09:40
      Highlight Highlight @walser Darum verhütet man ja. Gummi drum und gut ist
    • Tepesch 26.05.2018 09:52
      Highlight Highlight @Walser
      So wie es schon immer war, egal ob mit oder ohne Verbot. Mit dem Unterschied, dass beim Verbot viele Frauen starbe weil diese irengwelche Hausmittelchen schluckten oder sonstiges Taten um Abzutreiben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Dubliner 26.05.2018 00:41
    Highlight Highlight Ja zur Homo-Ehe und jetzt offenbar ein deutliches Ja zur Aufhebung des strikten Abtreibungsverbots - da könntet ihr den Zusatz „erzkonservatives Land“ eigentlich beiseite lassen.

    Thank you Ireland!
    • Stichelei 26.05.2018 08:49
      Highlight Highlight Herzlichen Glückwunsch!!! Ein bedeutender Schritt des Landes, sich aus dem moralischen Würgegriff der religiösen Institutionen zu lösen und das antiquierte Wertesystem nach und nach mit einer Ethik, die des 21. Jahrhunderts würdig ist, zu ersetzen.
    • Sandro Lightwood 26.05.2018 10:25
      Highlight Highlight Den Titel übernimmt nun die Schweiz. 🙈

Interview

Jean Ziegler zu Moria: «Im ersten Moment dachte ich: Endlich wird dieses Lager liquidiert»

Jean Ziegler kennt die Leiden der Ärmsten auf dieser Welt. Sein Besuch auf der griechischen Insel Lesbos hat den 86-Jährigen dennoch zutiefst erschüttert. Ein Gespräch über die europäische Migrationspolitik und die Rolle der Schweiz.

Herr Ziegler, vor etwas mehr als einem Jahr haben Sie Moria auf Lesbos besucht. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder des brennenden Lagers gesehen haben? Ich darf es fast nicht sagen. Im ersten Moment dachte ich: Endlich wird dieses schreckliche Lager liquidiert. Gottseidank ohne Todesopfer. Gleich danach packte mich eine grosse Angst um die Leute, die vor dem Feuer in die Hügel geflohen sind. Ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Medikamente, nichts. Ein Flüchtling ist der …

Artikel lesen
Link zum Artikel