International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08094637 (FILE) - World leaders including (L-R) Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu, Mali's President Ibrahim Boubacar Keita, French President Francois Hollande, German Chancellor Angela Merkel, President of the European Council Donald Tusk and Palestinian President Mahmoud Abbas walk at the start of a march to honor the victims of the terrorist attacks and to show unity, in Paris, France, 11 January 2015 (reissued 30 December 2019). January 2020 sees the fifth anniversary of a row of terrorist attacks in Paris, with the storming of armed Islamist extremists of the satirical newspaper Charlie Hebdo on 07 January 2015 starting three days of terror in the French capital. A total of 17 people lost their lives in attacks that began with the gunmen invading the French satirical magazine Charlie Hebdo and continued with the shooting of a policewoman and the siege of a Jewish supermarket. The slogan 'Je suis Charlie' (I am Charlie) that was seen on spontaneous demonstrations all over the world became the universal synonym for the solidarity with France, the tribute to the victims and the support to fight for the freedom of expression and against terror.  EPA/OLIVIER HOSLET *** Local Caption *** 51731575

Staatschefs aus aller Welt bekunden ihr Beileid nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, 11. Januar 2015. Bild: EPA

Er überlebte den Anschlag auf Charlie Hebdo – nun erzählt der Chefredaktor vom Terror

Vor fünf Jahren stürmten Terroristen die Redaktion des Pariser Satiremagazins. Jetzt äussert sich der Überlebende und heutige Chefredaktor Laurent Sourisseau zum Anschlag.

Stefan Brändle aus Paris / ch media



Wenn Blicke wirklich töten könnten, wäre Laurent Sourisseau, alias Riss, wohl nicht mehr am Leben. «Wir schauten uns in die Augen», beschreibt er die Szene, als die Gebrüder Kouachi am 7. Januar 2015 mit ihren Kalaschnikows in die Redaktionssitzung platzten. «Eine Sekunde lang, vielleicht zwei.» Der schwarz gekleidete Attentäter schien überrascht, in dem kleinen Raum so viele Leute vor­zufinden. «Sein Staunen wurde aber gleich von seiner Aufgabe weggewischt: Er sollte töten.»

Riss tauchte reflexartig ab, «wie ein Kind, das sich fallen lässt». Unter dem Bürotisch vergrub er den Kopf in den Armen. Ein Schuss traf ihn in die Schulter. Aber Riss überlebte – anders als zwölf Freunde, darunter fünf Karikaturisten, ein Polizist, eine Chronistin, ein Korrektor: Sie starben in der Attacke von «einer Minute und 49 Sekunden», wie der Titel von Riss’ Werk lautet.

epa08094638 (FILE) - A woman holds a pencil, a candle and a sign in French reading 'I am Charlie' as people pay their respect for the victims of a shooting at the Paris-based French satirical magazine 'Charlie Hebdo', in Brussels, Belgium, 09 January 2015 (reissued 30 December 2019). January 2020 sees the fifth anniversary of a row of terrorist attacks in Paris, with the storming of armed Islamist extremists of the satirical newspaper Charlie Hebdo on 07 January 2015 starting three days of terror in the French capital. A total of 17 people lost their lives in attacks that began with the gunmen invading the French satirical magazine Charlie Hebdo and continued with the shooting of a policewoman and the siege of a Jewish supermarket. The slogan 'Je suis Charlie' (I am Charlie) that was seen on spontaneous demonstrations all over the world became the universal synonym for the solidarity with France, the tribute to the victims and the support to fight for the freedom of expression and against terror.  EPA/JULIEN WARNAND *** Local Caption *** 51728834

«Je suis Charlie» war der Slogan einer grossen Solidaritätsbewegung mit dem Satiremagazin. Bild: EPA

«Zwei lebendig Begrabene»

Heute setzt sich der Zeichner mit übereinandergelegten Händen an den Tisch, verbergend, dass er den rechten Arm nicht mehr heben kann. Noch am Nachmittag, als er aus dem Albtraum aufwachte, war er überzeugt, dass ihn die Terroristen wegen seiner Mohammed-Karikaturen im ­Spital aufspüren würden, um ihr Werk zu vollenden. Der Frühling danach war kein Fest. Gestützt von einer Massendemo und dem Solidaritätsslogan «Je suis Charlie» machte das Magazin weiter. An der wöchentlichen, von der Polizei schwer bewachten Redaktionssitzung waren sie aber gelegentlich nur noch zu zweit. «Zwei lebend Begrabene.»

Aber eben: lebend. «Man versucht, sich nicht überwältigen zu lassen, kein Gefangener dieses Ereignisses zu sein», sagt der damalige Zeichner und heutige Chefredaktor von «Charlie». Das Gleiche gilt für das Blatt mit einer aktuellen Auflage von 55000 (20000 mehr als vor dem Attentat): So wie Riss gerne wieder einmal ohne Polizeibegleiter ausgehen würde, wäre das Satiremagazin gerne wieder ein ganz normales Satiremagazin. Natürlich schön ­provokativ, ja unflätig: Mit der grauslichen Zeichnung des ertrunkenen Migrantenbuben Aylan trat Riss noch im Jahr des Attentates eine neue Polemik los.

Mohammed lässt er aber links liegen. Nicht aus Feigheit: Der 53-Jährige macht keine Konzessionen; aber er will loskommen vom Opferstatus und vom Image eines Anti-Islamisten-Magazins. Lieber verteidigt er einen bekannten TV-Mann, der wegen eines sexistischen Witzes entlassen worden war. «Bürger werden wie kleine Kinder bestraft, nur weil sie Schimpfwörter brauchen», ärgert sich Riss.

Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo»

Kampf gegen Naivität

Ohne verbale Zurückhaltung poltert er gegen jene Linken, die ihm Islamfeindlichkeit unterstellen, wenn nicht Rassismus und Nähe zu Rechtsextremisten. «Kollabos» schimpft er sie – Komplizen von Terroristen. Riss scheut sich nicht, den einflussreichen Chefredaktor des linken Online-Magazins Mediapart, Edwy Plenel, anzugreifen, weil dieser den umstrittenen Prediger Tarik Ramadan in Schutz genommen habe.

Er selber, der Überlebende, kennt keine Nachsicht mit ­Islamisten. Riss zeichnet Mohammed-Karikaturen nur noch «wenn nötig»; umso mehr drischt er auf die angeblich ­naiven Vertreter einer wohlmeinenden Laizität ein – all jene, die die Augen verschliessen vor den Vorgängen in den Banlieus. Also jener Viertel, wo nach dem 7. Januar 2015 niemand «je suis Charlie» skandiert hatte.

Bald beginnt der Prozess gegen Komplizen

Gegen diesen Riss durch die Gesellschaft weiss Sourrisseau auch nicht weiter. Aber er sieht, dass sich Messerattacken geistig gestörter Solo-Dschihadisten häufen – am Freitag in Villejuif, am Sonntag in Metz. Steigt vor dem fünften Jahrestag die Gewalt des Charlie-Massakers aus den Untergründen der französischen Gesellschaft hoch? Dieses Massaker hatte zwar weniger Opfer gefordert als die Anschläge auf den Pariser Konzertsaal Bataclan von November 2015 (130 Tote) oder die Strandpromenade in Nizza (86 Tote). Aber der Fall Charlie war symbolischer. «Die Leute wurden sich bewusst, dass ihre Gesellschaft bedroht ist», sagt Riss. Soldaten mit vorgehängtem Gewehr gehören seither zum französischen Alltag.

Im Mai beginnt in Paris ein zweimonatiger Prozess gegen die Attentäter der «Charlie»-Redaktion und eines zwei Tage später attackierten jüdischen Supermarktes. Vierzehn Komplizen sitzen auf der Anklagebank, doch die Hauptfiguren sind ­abwesend, weil nicht mehr am Leben. Riss schweigt sich über seine Teilnahme an den Verhandlungen aus, wohl aus Sicherheitsgründen. Der «Charlie»-Chef sagt nur, er wäre schon froh, wenn er wieder einmal die Pariser Metro benützen könnte. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

08.01.2015: So berichteten die Zeitungen über die Attacke auf «Charlie Hebdo»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In der Schweiz ansässiger Terrorverdächtiger in Türkei festgenommen

Ein 24-jähriger in der Schweiz aufgewachsener und ansässiger Italiener ist in der Türkei unter Terrorverdacht festgenommen worden. Der Mann soll in Syrien und im Irak in einer Al-Kaida-nahen Gruppen gekämpft haben.

Ermittlungen gegen ihn nahm die italienische Anti-Terror-Behörde 2015 auf, wie die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos am Mittwoch berichtete. Der seit 2017 mittels Haftbefehl gesuchte Mann wurde in der syrischen Stadt Idlib dingfest gemacht und in die türkische Grenzprovinz …

Artikel lesen
Link zum Artikel