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Zum Frauentag erklären wir Begriffe von Cüpli-Feministin bis Köln-Opfer

Ein Plädoyer für mehr Mut, Pragmatismus und Geschichtsbewusstsein.



Das F-Wort

Sehr verehrte Damen, das F-Wort verursacht weder Ausschläge noch Lohnkürzungen noch Liebesentzug. Ehrlich nicht. Es verpflichtet weder modisch noch musikalisch. Leben mit dem F-Wort ist lernbar, auch wenn dies viele – besonders junge – Frauen ganz lange nicht glauben wollen.

Junge Frauen sagen schon seit Jahrzehnten: «Hmmmm, wenn ich ehrlich bin, verdanke ich dem Feminismus enorm viel, den Zugang zu Bildung, das Wahlrecht, einige Menschenrechte, Karrierechancen. Aber ich kann mich einfach nicht als Feministin bezeichnen. Obwohl ich vielleicht sogar eine bin. Aber das widerstrebt mir total! Obwohl ich natürlich will, dass die Lohnungleichheit und so bald ein Ende hat. Aber ich nenn mich deswegen doch nicht Feministin!»

Just try! Sagt ganz leise: «Ich bin eine Feministin.» Zuerst vielleicht bei ausgeschaltetem Licht auf einem fensterlosen WC. Irgendwann in einem Gespräch. Ihr werdet merken: Feminismus ist heute schon fast Mainstream. Deshalb ist es in gewissen Kreisen auch Mainstream, gegen ihn zu pöbeln. Nützt aber nichts. Wir sind zu viele und werden immer mehr.

Die neuen Feministinnen

Die Cüpli-Feministin

Tatsächlich ist sie die Wölfin im Schafspelz der Bewegung. Die Cüpli-Feministin liebt: Sich selbst, ihre Privilegien, sich selbst, Champagner, sich selbst, ihren Coiffeur, sich selbst. Sie hasst: Das Andere. Insbesondere: Den Ausländer. Der sie und ihre Töchter pausenlos bedroht. Der vollkommen unzurechnungsfähig ist, was seine Einschätzung der westlichen Frau betrifft. Besonders, gerade und vor allem seit Köln.

Vor 1971 galt die Schweizerin als unzurechnungsfähig, zweitklassig.

Was die Cüpli-Feministin dabei vergisst: Dass sie selbst vor gar nicht so langer Zeit auch zu den Anderen gerechnet wurde. Gerade in der Schweiz. Einem Land, das erst seit 1971 das Frauenstimmrecht kennt. Vorher war die Frau ein Wesen, dem keine direkte Teilhabe an unserer Gesellschaft zugestanden wurde. Vorher war die Schweizerin wohl nicht ganz zurechnungsfähig, nicht vertrauenswürdig, was ihre politischen Entscheide betraf. Zweitklassig.

Die Schweiz auf dem Weg zum Frauenstimmrecht

Das Köln-Opfer

Was haben wir aus der Silvesternacht von Köln gelernt? Zuviel. Zuwenig. Einerseits wurde endlich mal diskutiert, dass sexuelle Übergriffe für viele Frauen Alltag sind. Was haben die Männer da gestaunt! Andererseits wurde Köln zum Anfang vom Ende des Abendlandes stilisiert.

Klar wurde: Die Frau ist in jedem Fall Opfer. OPFER!!! Immer. Systemisch bedingt und so weiter. Weil unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft bei näherem Hinschauen nur eine etwas verwässerte Verlängerung des althergebrachten Patriarchats ist. Und das, was wir wollen und tun, vielleicht nichts als seine Kopie. Wir leben nicht in einer Utopie. Wir leben bloss in Europa.

Was Frau nicht tut, wird niemals gut.

Aber ein Opfer zu sein und sich als Opfer zu fühlen, ist das Blödste, was einer – also jeder – Frau passieren kann. Das Opfergefühl macht verwundbar, wehrlos, angreifbar. Das Opfergefühl macht so richtig kaputt. Doch dagegen lässt sich was tun. Und dafür braucht es weder AfD noch SVP. Es braucht einen ganz bodenständig-pragmatischen Zugang zum Problem. Den muss die Frau aber wie immer selbst schaffen. Denn: Was Frau nicht tut, wird niemals gut, das lehrt uns unsere Geschichte.

Die internationalen Gesichter des Frauentags

Seid keine Opfer! Kauft Pfeffersprays. Macht Selbstverteidigungskurse. Hätten in Köln alle Mädels einen Pfefferspray in ihrer Handtasche gehabt, es wäre (fast) nichts passiert. Nehmt nicht hin, teilt aus! Fragt euch, was all die toughen Heldinnen eurer Jugend gemacht hätten, all die Pippi Langstrumpfs, Lara Crofts und Katniss Everdeens! «Empowerment», Ermächtigung, ist nicht nur ein Wort. Es ist eine Strategie.

Manchmal muss man dem Umdenken mit unsentimentalen Mitteln nachhelfen. Es ist noch keine Revolution mit einem Venti-Hazelnut-Soy-Cappuccino gewonnen worden. Okay, ich seh das Problem: Sowas wie Pfefferspray ist quasi eine altfeministische Waffe. Und da wären wir wieder beim F-Wort. Just try!

Die Stil(l)frage

Liebe Mit-Feministinnen und Mit-Feministen, was wir lernen müssen ist dies: Das Erscheinungsbild des Feminismus ist vielfältig. Bis in die 90er-Jahre machte sich Feminismus öfter über das klar erkennbare behaarte Bein und die unrasierte Achsel bemerkbar. Heute singt Beyoncé in Strapse, und hinter ihr leuchtet riesig das Wort «Feminist». Und nein, Beyoncé ist deswegen keine Nutte.

Die Symbole ändern sich, der Kampf bleibt der gleiche. Akzeptieren wir also beide: Die Strapse und das behaarte Bein. Birkenstock und High Heel. Mädchen mit Perl-Ohrringen und Still-Exhibitionistinnen. Es geht um Inklusion, nicht Zickenstreit. Oberflächen sind Oberflächen sind Oberflächen und fertig. Einige Fragmente davon sind wirkungsmächtig, andere sind schlicht egal. Da stehen wir drüber. Schönen Frauentag!

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