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People remove debris from a house damaged by Tuesday's explosion in the seaport of Beirut, Lebanon, Friday, Aug. 7, 2020.  Rescue teams were still searching the rubble of Beirut's port for bodies on Friday, nearly three days after the massive explosion sent a wave of destruction through Lebanon's capital.   (AP Photo/Felipe Dana)

Die Bevölkerung beginnt mit den Aufräumarbeiten nach der Explosion in Beirut, 7. August 2020. Bild: keystone

Wie die Explosion Beiruts Beziehungen zu Frankreich und dem Nahen Osten verändert

Eine Übersicht der Beziehungen des Libanons zu Syrien, Israel, Frankreich und dem Iran und wie sich die Explosion auf das fragile System auswirkt.



Der Libanon mag ein kleines Land sein, doch schon allein wegen seiner geografischen Lage nimmt er im Nahen Osten eine zentrale Rolle ein. Der schiitische Iran buhlt hier genauso um Einfluss wie sunnitische Staaten der Region, vor allem das Königreich Saudi-Arabien.

Mit dem benachbarten Bürgerkriegsland Syrien ist der Libanon eng verbunden. Und Israels Gegner sehen das Land am Mittelmeer als Frontstaat im Kampf gegen den Erzfeind – nicht zuletzt die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah. Frankreich wiederum pflegt als frühere Mandatsmacht ein besonderes Verhältnis zum Zedernstaat. Nicht zuletzt viele arabische Staaten schickten Hilfstransporte.

Die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut am Dienstag wird nicht nur den krisengebeutelten Libanon verändern. Sie könnte auch Einfluss auf die geostrategische Lage im Nahen Osten haben.

Libanon und Syrien

Die beiden Staaten haben historisch, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich engste Beziehungen. Die international isolierte Regierung in Damaskus unter Präsident Baschar al-Assad nutzt den Nachbarn nicht zuletzt als Tor zur Welt, um Sanktionen zu umgehen.

Der Handel über die Grenze läuft weiter, Devisen fliessen aus dem Libanon Richtung Syrien. Als in diesem Jahr Libanons Wirtschaft in eine schwere Krise rutschte, spürte das auch der Nachbar schmerzlich. Die Währungen beider Länder stürzten ab.

Im syrischen Konflikt kämpft die Iran-treue Hisbollah an der Seite der Regierungstruppen. Doch die Explosion und deren wirtschaftliche Folgen treffen auch die im Libanon mächtige Organisation. Ihr dürften weniger Ressourcen zur Verfügung stehen.

Und dann leben noch mehr als eine Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon – gemessen an der Einwohnerzahl so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Sie hausen häufig unter elendigsten Bedingungen und ohne Perspektiven. Auch ihre Not dürfte jetzt weiter wachsen. Zudem diente der massiv zerstörte Beiruter Hafen der Einfuhr von Hilfsgütern für das Bürgerkriegsland. Helfer warnen, dass sich jetzt die Lage der Notleidenden in Syrien weiter verschärfen könnte.

Libanon und Israel

Die Explosion hatte sogar Solidaritätsbekundungen in Israel zur Folge. Die israelische Regierung ist bereit, libanesischen Opfern auf Zypern medizinische Hilfe zu leisten. Humanität sei wichtiger als jeder Konflikt, twitterte auch Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai. Er ordnete an, dass das Rathaus der Stadt in den Farben des Libanons beleuchtet wird.

epaselect epa08585842 A person stands near the Tel Aviv Municipality building illuminated with the colors of the Lebanese flag as a sign of solidarity with the victims of the Beirut explosion, in Rabin square, Tel Aviv, Israel, 05 August 2020. According to Beirut's Governor Marwan Abboud, at least 100 people were killed and more than 4,000 were injured after an explosion, caused by over 2,500 tons of ammonium nitrate stored in a warehouse, devastated the port area on 04 August.  EPA/ABIR SULTAN

Das Ratshaus in Tel Aviv in den Farben des Libanon. Bild: keystone

Doch einigen rechten Politikern geht dies zu weit. Jerusalem-Minister Rafi Peretz nannte die ungewöhnliche Solidaritätsbekundung einem Bericht zufolge moralisch fragwürdig. Er begründete dies damit, dass beide Länder nach wie vor verfeindet sind. Tatsächlich sind sie offiziell noch im Krieg miteinander.

Kurz vor der Explosion hatten die Spannungen wieder stark zugenommen. Israel rechnete mit Vergeltungsaktionen, weil ein Hisbollah-Sender den Nachbarn für den Tod eines Mitglieds der libanesischen Miliz bei einem Angriff in Syrien verantwortlich machte. Das israelische Militär verstärkte daraufhin seine Truppen an den Grenzen im Norden und vereitelte nach eigenen Angaben zwei Angriffe. Die Hisbollah («Partei Gottes») bestreitet das Existenzrecht Israels.

Israelische Experten gehen davon aus, dass die Explosion zur Beruhigung der Lage beitragen könnte. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah habe nun eine «wunderbare Entschuldigung», um von den Vergeltungsdrohungen abzurücken, sagt der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Jadlin. Weder Nasrallah noch Israel hätten Interesse an einem weiteren Krieg.

Libanon und Iran

Der Einfluss Teherans im Libanon ist gross und läuft vor allem über die Hisbollah. Die Organisation kontrolliert im Libanon ganze Regionen, etwa das Grenzgebiet zu Israel. Die iranische Führung hat dem Libanon uneingeschränkte Solidarität und jegliche Hilfe versprochen. Am Freitag landete ein iranisches Flugzeug mit medizinischen Hilfsgütern am Flughafen von Beirut.

Aber der Iran ist wegen der US-Sanktionen und der Corona-Krise selbst in einer akuten Wirtschaftskrise und kann sich Hilfe für den Libanon eigentlich nicht leisten. Nach Ansicht von Beobachtern könnte Teheran der Hisbollah aber raten, ihre Aktivitäten bis zum Ende des Wiederaufbaus der Hauptstadt zu stoppen. Es bleibt auch abzuwarten, wie die libanesische Regierung auf das Angebot der iranischen Revolutionsgarden reagieren wird. Die wollen nach Angaben ihres Kommandeurs unbedingt bei den Aufbauarbeiten in Beirut mitwirken.

Libanon und Frankreich

Paris und Beirut sind eng miteinander verbunden. Rund 20 Jahre stand der Libanon nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches bis 1941 unter französischem Mandat. Damals wurden Verwaltungsstrukturen aus Frankreich übernommen. Beirut galt später als das Paris des Nahen Ostens. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs wanderten zahlreiche Libanesen nach Frankreich aus. Nach dem Ende dieses Konflikts vor 30 Jahren half Frankreich beim wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Vor diesem Hintergrund war es nun Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der am Donnerstag kurz nach der Katastrophe nach Beirut reiste, internationale Unterstützung versprach und selbst Hilfe schickte. Auch rund 50 französische Staatsbürger wurden bei der Explosion verletzt, ein Architekt starb.

epa08587331 French President Emmanuel Macron hugs a resident as he visits a devastated street of Beirut, Lebanon, 06 August 2020. Macron arrived to Lebanon to show support after a massive explosion on 04 August in which at least 135 people were killed, and more than 5,000 injured in what believed to have been caused by an estimated 2,750 of ammonium nitrate stored in a warehouse.  EPA/Thibault Camus / POOL MAXPPP OUT

Präsident Macron umarmt eine libanesische Frau auf den verschütteten Strassen Beiruts, 6. August 2020. Bild: keystone

Auch wenn Frankreich die Unterstützung für den Libanon als bedingungslos bezeichnete, erneuerte Macron frühere Forderungen nach einem tiefgreifenden politischen Wandel in dem Mittelmeerstaat. Ausserdem müsse die Ursache für die Explosion aufgeklärt werden. Macron machte auch deutlich, dass Frankreich nicht die gewählten Vertreter des krisengeschüttelten Landes ersetzen wolle: «Es gibt keine französische Lösung», sagte er.

Macrons Worte waren deutlich. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) will dem Libanon in seiner schweren Wirtschafts- und Finanzkrise, die schon vor der Explosion ausgebrochen war, helfen. Er verlangt aber ebenfalls Reformen. Das dürfte auch die Devise der internationalen Gemeinschaft sein: Geld im grossen Massstab jenseits der Nothilfe nur gegen wirkliche politische Veränderungen.

Reformen hat sich Libanons politische Elite in den vergangenen Jahren aber beharrlich verweigert. Sie fürchtet um ihre Macht. Doch die Explosion lässt die Wut der Menschen auf die Mächtigen im Libanon weiter wachsen. Für Samstag haben Aktivisten zu Protesten gegen die Regierung aufgerufen. Motto: Tretet zurück oder hängt am Galgen. (sda/dpa)

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Schwere Explosion am Hafen von Beirut

Hoffen auf Lebenszeichen: Retter suchen in Beirut nach Verletzten

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5 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Telomerase
07.08.2020 22:09registriert March 2014
Hört sich an als könnte diese Katastrophe zu einem Katalysator für einen Wandel zum Besseren werden. Zu hoffen ist es für dieses faszinierende Land.
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Der Rückbauer
08.08.2020 07:05registriert September 2015
Wie wär's mit einem temporären EU-Protektorat unter französischer Führung? Solange, bis die marode, hochkorrupte Führung liquidiert ist.
Die Libanesen sind gebildete, kultivierte Menschen und wissen sehr wohl, wie der Libanon demokratisch funktionieren könnte. Aber die Nachbarn benutzen das Land für eigene Interessen. Ich glaube, der Libanon liegt der EU näher als die immer islamistischer werdende Türkei.
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