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South African National Defense Forces patrol the densely populated Alexandra township east of Johannesburg Friday, March 27, 2020. South Africa went into a nationwide lockdown for 21 days in an effort to mitigate the spread to the coronavirus, but in Alexandra, many people were gathering in the streets disregarding the lockdown. The new coronavirus causes mild or moderate symptoms for most people, but for some, especially older adults and people with existing health problems, it can cause more severe illness or death.(AP Photo/Jerome Delay)

Bild: AP

Interview

«Will mir gar nicht ausmalen, was Corona für Afrika bedeutet»

Arzt und Epidemiologe Maximilian Gertler war für Ärzte ohne Grenzen in Westafrika, als dort 2014 die Ebola ausbrach. Nun fürchtet er noch Schlimmeres durch Covid-19.

Lukas Weyell / watson.de



Inzwischen sind deutlich mehr als eine Million Menschen weltweit mit dem Coronavirus infiziert worden. Eine gigantische Zahl. Wer genauer hinschaut, merkt allerdings, dass weite Teile des Globus noch relativ frei von Infizierten sind. Der afrikanische Kontinent, sonst oft Ausgangspunkt und Schauplatz von schweren Epidemien wie Ebola, ist bisher weitgehend verschont geblieben.

Allerdings nur vorerst, warnt der deutsche Virologe Christian Drosten. Er erwartet steigende Zahlen von Infizierten im Sommer diesen Jahres auf dem afrikanischen Kontinent und malt Schreckensbilder:

«Zwischen Juli und August werden wir Bilder sehen, die wir sonst nur aus Kinofilmen kennen. Da wird es Szenen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.»

Christian Drosten

Seuchenbekämpfung in Afrika

Maximilian Gertler ist Arzt und Epidemiologe an der Berliner Charité. Er ist ein Kollege von Christian Drosten, der aktuell die deutsche Bundesregierung berät. Gefährliche Epidemien kennt Gertler aus nächster Nähe und auch schon vor dem Ausbruch von Covid-19. Mehrfach war Gertler als Epidemiologe für Ärzte ohne Grenzen zur Bekämpfung von Ebola im Einsatz. So auch 2014, als die grösste bisher bekannte Ebola-Welle Westafrika heimsuchte.

Mit watson spricht Maximilian Gertler über seine Erfahrung im Kampf gegen Ebola in Afrika und warum Covid-19 eine andere Dimension hat als die Epidemien, mit denen er bislang zu tun hatte.

«Nachdem ich gesehen habe, was Ebola in Gesellschaften anstellt, fürchte ich, dass Covid-19 in manchen Gegenden Afrikas Schreckliches anrichten kann.»

watson: Ihr Kollege Christian Drosten sagte jüngst, man würde diesen Sommer aus Afrika Bilder zu sehen bekommen, die man sonst nur aus Katastrophenfilmen im Kino kennt. Halten Sie das für überzogen?

Maximilian Gertler:
Ehrlich gesagt, wage ich es mir kaum auszumalen. Nachdem ich gesehen habe, was Ebola in Gesellschaften anstellt, wie Menschen buchstäblich in der Schlange vor überfüllten Behandlungszentren sterben, wie sie in den Dörfern in kleinen Hütten abgesondert werden, um da vor sich hinzusiechen und das alles bei verhältnismässig kleinen Zahlen an Infizierten … Ich fürchte auch, dass Covid-19 in manchen Gegenden Afrikas Schreckliches anrichten kann.

Aktuell ist die Zahl der Infizierten in den afrikanischen Ländern noch recht überschaubar …

Ja. Man weiss aber auch nicht, wie zuverlässig die Zahlen sind und wie hoch eventuell die Dunkelziffer. Im Moment profitieren die Gesellschaften in vielen Regionen Afrikas noch davon, dass die Menschen in der Regel weiter auseinander wohnen und sich die Krankheit über die langen Transportwege nicht so schnell weiterverbreiten kann wie hier. Aber wenn Covid-19 in den dichtbesiedelten Städten und Townships angekommen ist, weiss ich nicht, was uns da noch erwarten wird.

Es ist bei weitem nicht die erste Epidemie, die den afrikanischen Kontinent heimsucht. Sie waren 2014 während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika vor Ort. Wie haben Sie das damals miterlebt?

Ich war in Guinea und habe als Epidemiologe dort Daten für die Einsatzplanung gesammelt und geschaut, welche Dörfer und Orte stärker betroffen sind und wo die Infizierten sich aufhalten. Das Ziel war dann die Kontaktpersonen nachzuverfolgen und rechtzeitig zu isolieren.

So wie man es aktuell auch beim Coronavirus macht. Wie viele Ärzte hatten Sie dort vor Ort?

Das ist eines der schwächsten Gesundheitssysteme weltweit. Wir hatten mutige und entschlossene afrikanische Ärzte in der Patientenbehandlung. In meinem Team hatte ich medizinisch geschultes Personal, das in den Dörfern Erkrankte identifiziert, befragt und dann, wenn nötig, im Behandlungszentrum isoliert hat.

«Von Ebola waren ungefähr 30'000 Menschen betroffen. Weltweit gibt es jetzt schon mehr als eine Million bestätigte Covid-19 Infizierte. Das ist eine ganz andere Dimension.»

Da ging es gar nicht darum, medizinische Hilfe zu leisten?

Nein. Man hatte kaum die medizinischen Kräfte dafür. Das war eine Katastrophensituation mit Katastrophenmedizin. Einige Patienten konnten in spezielle Ebola-Zentren gebracht und dort medizinisch versorgt werden. Aber es gab zur damaligen Zeit auch noch keine spezielle Ebola-Therapie. Es ging lediglich darum, die Menschen zu versorgen. Beispielsweise mit intravenösen Kochsalzlösungen.

In dem Sinne ist das ja sehr vergleichbar mit der aktuellen Situation. Gegen Covid-19 gibt es auch noch kein Heilmittel.

Das ist richtig. Zwar ist Covid-19 bei weitem nicht so tödlich wie Ebola. Aber es ist viel ansteckender.

Wo ist hier die Herausforderung?

Zwar ist es so, dass die allermeisten Verläufe mild sind. Das Problem ist aber, dass durch die vielen Infizierten, die Zahl derer, die einen schweren Verlauf haben, immer noch sehr hoch ist. Von Ebola waren ungefähr 30'000 Menschen betroffen. Weltweit gibt es jetzt schon mehr als eine Million bestätigte Covid-19 Infizierte. Das ist eine ganz andere Dimension.

epa07788728 A handout image dated 23 June 2019 and made available by the World Health Organization, WHO, on 23 August 2019 showing Health workers inside a 'CUBE' talking to an Ebola patient, while a nurse consults a chart outside, at the ALIMA Ebola Treatment Centre, Beni, Democratic Republic of the Congo. The CUBE, or Biosecure Emergency Care Unit for Outbreaks is a self-contained and easily transportable system for outbreaks of highly-infectious diseases. The CUBE, developed by ALIMA is being used in the ongoing Ebola response in DRC., Democratic Republic of the Congo. The Center for Infectious Disease Research and Policy, CIDRAP, on 22 August 2019 said health officials having reported seven new cases of Ebola, raising the overall outbreak total to 2,934.  EPA/CHRISTOPHER BLACK HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Pflegende kümmern sich um einen Ebola-Patienten in der Demokratischen Republik Kongo. Bild: EPA

«Hier haben wir Angst vor einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems durch Covid-19. Dort gibt es nichts, was kollabieren könnte.»

Auch die Behandlung der Patienten verläuft anders. Die schwer Erkrankten müssen teilweise künstlich beatmet werden. In manchen afrikanischen Ländern gibt es weniger Intensivbetten als Minister. Wie wäre das in den afrikanischen Ländern umsetzbar?

Da muss man unterscheiden zwischen den unterschiedlichen Ländern in Afrika. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen Botswana oder Südafrika im Süden oder beispielsweise dem Tschad in Zentralafrika. Aber in den allermeisten Ländern sind die Möglichkeiten, die man auf diesen sogenannten Intensivstationen hat, nicht vergleichbar mit dem, was wir hier haben. Hier haben wir Angst vor einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems durch Covid-19. Dort gibt es nichts, was kollabieren könnte.

Ihre Aufgabe war es während der Ebola-Epidemie, die Patienten zu isolieren. Wie gut gelingt es, die Menschen dazu zu bringen, daheim zu bleiben?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt bei allen Ebola-Ausbrüchen, bei denen ich beteiligt war. Man muss das Vertrauen der Menschen gewinnen, damit sie sich an die Quarantäne halten. Nur so kann man die Ausbreitung verhindern. Das hat in Westafrika insgesamt sehr gut funktioniert.

Was kann man hieraus für die Eindämmung von Covid-19 lernen?

Es ist auch für Covid-19 zentral, die Patienten zu isolieren und die Menschen dazu zu bringen, daheim zu bleiben. Gerade weil es bisher kein Heilmittel gibt. Auch weil es in den meisten afrikanischen Ländern keine ausreichende Intensivmedizin gibt. Gleichzeitig ist es in den meisten afrikanischen Ländern viel, viel schwieriger als bei uns.

Über die sozialen Auswirkungen von Corona in Afrika:

«Es ist eine Entscheidung zwischen Essen haben oder eben nicht.»

Weshalb?

Wenn wir hier einem Patienten sagen, er könne möglicherweise infiziert sein mit Covid-19 und soll zuhause bleiben und sich isolieren, dann ist das vielleicht nervig, aber ganz gut möglich. Der Patient geht nach Hause und erholt sich und kann seine Hände waschen und Alltagsgegenstände desinfizieren. Wie soll das in einem Township in Pretoria oder Nairobi funktionieren? Wie soll man das Menschen in riesigen Flüchtlingslagern wie Dadaab in Kenia oder in der Nähe von Somalia erklären? Die leben alle eng beieinander, sauberes Wasser, Seife und Desinfektionsmittel sind knapp. Die können nicht 14 Tage in Quarantäne gehen.

Wie ist es mit der wirtschaftlichen Situation? Könnte man in diesen Ländern einen Shutdown durchziehen, wie es hier der Fall ist?

Bei uns ist ein Grossteil der Bevölkerung angestellt oder beamtet. Für uns ist mehrere Wochen Quarantäne auch lästig und teilweise kritisch, aber machbar. Wenn aber ein Grossteil der Bevölkerung darauf angewiesen ist, mit Gelegenheitsjobs oder auf dem Markt kleine Beträge zu erwirtschaften, dann können die nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Eine Entscheidung zwischen verarmen oder krank werden …

Es ist eine Entscheidung zwischen Essen haben oder eben nicht. Das heisst, Covid-19-Prävention in Afrika wird uns nicht nur vor grosse medizinische Herausforderungen stellen, sondern auch vor soziale. Man muss den Menschen helfen, die Krankheit zu vermeiden, indem man ihnen finanziell hilft. Ganz davon zu schweigen, dass man dafür sorgen muss, dass die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Ohne sauberes Wasser und Seife hat niemand die Möglichkeit, die Ausbrüche in den Stadtteilen zu vermeiden.

«Covid-19 hat auf jeden Fall das Potenzial, eine weitere grosse Bedrohung für viele Bevölkerungsschichten in Afrika zu werden.»

Die afrikanischen Länder sind demografisch anders als Europa aufgestellt. Dort leben relativ viele junge Menschen. Covid-19 scheint vor allem bei älteren Menschen schwere Verläufe zu nehmen. Ist das ein Vorteil?

Das ist richtig, die Demografie kann hier helfen. Gleichzeitig haben wir aber in den afrikanischen Ländern eine junge Population, die durch andere, teilweise chronische Infektionen geschwächt ist. HIV und Tuberkulose sind weiter verbreitet, Flüchtlingspopulationen sind oft geschwächt gegenüber Infektionskrankheiten.

Könnte Covid-19 auch zu weiteren Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer führen?

Das ist schwer zu sagen. Aber natürlich hängt der Migrationsdruck mit Bedrohungslagen in Afrika zusammen. Covid-19 hat auf jeden Fall das Potenzial, eine weitere grosse Bedrohung für viele Bevölkerungsschichten in Afrika zu werden.

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Marco Rohr
07.04.2020 21:16registriert February 2014
Das Thema wird uns hier noch viele Monate begleiten und international noch viele Jahre. Wir werden uns bei zukünftigen Reisen immer fragen müssen, wie es im betreffenden Land gerade aussieht betr. COVID-19. Eine neue Realität. Wer glaubt, dass nach Ostern alles wieder in Butter ist, hat jeglichen Sinn für die Realität verloren.
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TheLaenz
07.04.2020 22:16registriert March 2014
Und wir beklagen uns, dass wir zuhause Netflix schauen und aus dem vollen Kühlschrank selbst kochen müssen.
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lilie
07.04.2020 21:36registriert July 2016
Ich kann mir kaum vorstellen, was eine solche Seuche in Aftika bedeutet. Eindämmung muss von Anfang an zum Scheitern verurteilt sein. Wenn wir es hier in Europa, mit alles aufgeklärten Bürgern, effizienten Kommunikationsmethoden und einem funktionierenden Staat kaum schaffen, die Verbreitung des Virus zu verhindern - wie muss das wohl in einem Staat sein, wo es viele Analphabeten gibt, aber kaum funktionierende Strukturen?
Einige Länder haben einen Shutdown verfügt. Ich fürchte nur, der richtet dort mehr Schaden an als hier. Und nützt vielleicht sehr viel weniger.
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