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epa08792232 US President Donald J. Trump participates in a 'Make America Great Again Victory Rally' campaign event at the Richard B. Russell Airport in Rome, Georgia, USA, 01 November 2020. Trump faces Democratic Party nominee former Vice President Joe Biden in the US presidential general election on 03 November.  EPA/BRANDEN CAMP

Donald Trump am Sonntag in Rome (Georgia). Allein an diesem Tag absolvierte er fünf Rallys in fünf Staaten. Bild: keystone

Interview

«Bei den Republikanern ist der Enthusiasmus viel grösser»

Unser Mitarbeiter Johann Aeschlimann war seit Jahresbeginn mehrmals in den USA. Derzeit befindet er sich in New York. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen und Einschätzungen zur Wahl vom Dienstag gesprochen.



Du bist in diesem Jahr viel herumgereist. Wie ist die Stimmung im Land?
Johann Aeschlimann:
Es gibt in Amerika nur zwei Themen: Corona und die Wahlen. Alle befassen sich damit, mehr als in früheren Jahren. Aber jetzt haben die Leute genug. Sie sind froh, wenn es am Dienstag vorbei ist. Sofern es dann vorbei ist. Ich mache da ein grosses Fragezeichen. Dieses Gefühl besteht auf beiden Seiten, aber bei den Republikanern ist der Enthusiasmus, die Verbissenheit, vielleicht sogar der Fanatismus viel grösser.

Was lässt sich daraus schliessen?
Es heisst, Joe Biden gewinne, weil die Wahlbeteiligung viel höher sei als vor vier Jahren. Diese zusätzlichen Wähler kämen den Demokraten zugute. Ich bin mir da nicht sicher. Man unterschätzt womöglich die Mobilisierungskraft der Republikaner, nicht in der Breite, sondern in der Tiefe. Sie könnten das riesige Reservoir jener Leute besser abschöpfen, die bislang nicht gewählt haben.

>>> US-Wahlen: Alle News im Liveticker

Donald Trumps Rally auf dem Flugplatz Sanford (Florida)

Johann Aeschlimann war USA-Korrespondent für die «Basler Zeitung». Später arbeitet er unter anderem auf der Schweizer Uno-Mission in New York. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Bild: Johann Aeschlimann

Rund 100 Millionen Wahlberechtigte dürften bereits beim Early Voting ihre Stimme abgeben haben. Das ist eine enorme Zahl.
Vor vier Jahren wurden insgesamt 130 Millionen Stimmen gezählt. Wir sind schon fast auf diesem Niveau. Die Bereitschaft, sich auf neue Formen wie Briefwahl oder Early Voting einzulassen, ist unglaublich. Ich habe das in Georgia erlebt. Am ersten Tag standen die Leute bis zu acht Stunden vor den Wahllokalen an, obwohl sie auch ein paar Tage später hätten wählen können. Das zeigt, wie hoch die Motivation auf beiden Seiten ist.

«Die Amerikaner verhalten sich viel bewusster und verantwortungsvoller als die Schweizer.»

Die hohe Zahl der vorzeitig abgegeben Stimmen ist auch eine Folge der Corona-Pandemie. Wie erlebst du diese in den USA?
Die Amerikaner verhalten sich viel bewusster und verantwortungsvoller als die Schweizer. Das hat mich total überrascht. Vor meinem Abflug Ende September war ich im Coop im Bernbiet der Einzige, der eine Maske getragen hat. Ich kenne mehrere Leute in der Schweiz, die sagen, das sei doch alles gar nichts. Dann reiste ich nach Florida, wo die berüchtigten Springbreak-Partys stattgefunden hatten. In jedem Restaurant und jedem Laden hiess es «No mask, no entry». Und die Leute hielten sich daran. Sogar in der Wohnanlage, in der ich die Quarantäne verbrachte, trugen die Leute eine Maske. Ich bin danach von Florida über Ohio bis nach New York gefahren, und es war überall das Gleiche. Selbst Trump-Fans tragen die Maske ohne Widerrede, auch wenn sie vielleicht darüber Witze machen.

Nur an den Trump-Rallys werden keine Masken getragen.
Am Trump-Rally, das ich in Sanford in Florida besucht habe, erlebte ich die gefährlichste Situation meiner gesamten Reise, als ich bei der Eingangskontrolle in der Warteschlange stand. Vielleicht zehn Prozent der Besucher trugen eine Maske. Immerhin war ich nicht der einzige. In Pennsylvania habe ich am Wochenende ein Rally von Donald Trump jr. besucht, dort trug überhaupt niemand eine. Aber an beiden Orten wurden Masken verteilt.

Wie war es bei Don jr.?
Ich bin vorzeitig gegangen, weil er enorm verspätet war. Etwas aber ist mir aufgefallen: In Florida hatte es Latinos und auch ein paar Schwarze im Publikum. Die Stimmung war gelöst, wie bei einem Volksfest. Man wollte den Präsidenten einfach mal persönlich erleben. In Pennsylvania bei Trump junior war es ganz anders. Die Leute sahen praktisch identisch aus, und man hatte das Gefühl, sie wären dort, weil sie müssten.

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden poses for a photograph with an attendee during a campaign event at Iowa Central Community College, Tuesday, Jan. 21, 2020, in Fort Dodge, Iowa. (AP Photo/Matt Rourke)
Joe Biden

Joe Biden beim Auftritt in Fort Dodge (Iowa), bei dem unser Mitarbeiter anwesend war. Bild: AP

Joe Biden hast du zu Beginn des Jahres in Iowa erlebt.
Biden kam live besser herüber als am Fernsehen. Er war sachverständig und sprach viel über Aussenpolitik. Man hatte das Gefühl: Dieser Mann weiss, wovon er spricht, und welchen Stellenwert Amerika in der Welt hat. Erstaunt aber hat mich die Reaktion der Leute. Das Publikum hatte null Energie. Damals habe ich gedacht, dass er es nicht schaffen wird.

«Er ist 74, hat eine Covid-Erkrankung überstanden, und trotzdem absolviert er ein solches Programm. Ich frage mich, ob sie ihm nicht etwas spritzen.»

Viel Enthusiasmus für Biden scheint auch heute nicht zu existieren.
Ich kenne niemanden, der von Biden begeistert ist. Ich habe aber mit einem Republikaner gesprochen, der behauptet, Biden werde gewinnen. Trump is a jerk, sagt er. Gleichzeitig zweifelte er an Bidens mentalen Fähigkeiten. Man könne mit Videos vergleichen, wie er früher war. So etwas sickert bei den Leuten schon durch.

Und du glaubst, Trumps Wählerpotenzial werde unterschätzt?
Das ist mein Eindruck. Die Umfragen besagen das Gegenteil. Ich kenne auch einige Wahlkampf-Profis. Sie sagen, das neu erschlossene Wählerpotenzial gehe mehrheitlich zu Biden. Einer von ihnen sagt seit vier Wochen, es gebe einen landslide. Er glaubt, es werde so kommen wie bei Ronald Reagan, der 1980 den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter klar besiegt hatte.

Trump ist in den Tagen vor der Wahl wie ein Irrer durch das Land getourt. Das deutet doch darauf hin, dass seine eigenen Umfragen nicht gut aussehen.
Natürlich, und interessant ist auch, wo er aufgetreten ist. Er war an Orten, wo er früher nie hin musste, zum Beispiel in Georgia, wo seit langem kein Demokrat mehr gewonnen hat. Er war auch in Texas, das bislang klar für die Republikaner gestimmt hat. Sein grösster Trumpf ist er selber. Die einen hassen ihn, aber andere verhalten sich wie Groupies. Gleichzeitig wundere ich mich: Er ist 74, hat eine Covid-Erkrankung überstanden, und trotzdem absolviert er ein solches Programm. Ich frage mich, ob sie ihm nicht etwas spritzen.

Worauf muss man in der Wahlnacht besonders achten?
Sicher auf die Bundesstaaten, in denen es ganz knapp wird. Dazu gehört Florida, aber dort dürfte es spät werden. Pennsylvania ist wichtig, ebenso Michigan und Wisconsin. In diesen Staaten hat Trump das letzte Mal ganz knapp gewonnen. Meine Gewährsleute in Wisconsin sagen, der Staat sei eine sichere Beute für Biden, aber man muss trotzdem darauf achten. Interessant sind auch Georgia und North Carolina, sie könnten kippen.

Würdest du dich auf eine Prognose zum Wahlausgang einlassen?
Es deutet alles auf Biden hin, aber es gibt trotzdem ein kleines Fragezeichen. Trump könnte es schaffen, dank der Mobilisierung. Das Spektrum der möglichen Wahlergebnisse reicht für mich von einem knappen Sieg für Trump bis zu einem landslide für Biden.

«Eine wichtige Frage ist auch, ob die Trump-Hasser unter den Republikanern motiviert genug sind, um Biden zu wählen.»

Eine hohe Beteiligung am Wahltag selber könnte demnach Trump nützen?
Absolut, denn viele Demokraten haben schon gewählt. Sie sind vermutlich schwächer, wenn es um die Mobilisierung am Wahltag geht. Ich habe teilweise auch gehört, dass die Latinos nicht so stark mobilisiert wurden, wie man dachte. Man sollte die Exit Polls in dieser Hinsicht beachten. Eine wichtige Frage ist auch, ob die Trump-Hasser unter den Republikanern motiviert genug sind, um Biden zu wählen. Dafür braucht es eine gewisse Überwindung.

Du sprichst die viel zitierte Spaltung des Landes an.
Sie ist enorm, auf beiden Seiten. Man kann sich das fast nicht vorstellen. Man bewegt sich nur noch in der eigenen Bubble. Das kann bis in die Familie gehen, man bricht den Kontakt zu Mitgliedern ab, die anders denken. Ich kenne eine Geschäftsinhaberin und Sanders-Anhängerin in Florida, die mit ihrer republikanisch regierten Stadt im Clinch war. Sie hat sich für den Rechtsstreit einen Anwalt gesucht, der blue ist, also ein Demokrat. Selbst solche Dinge sind politisch aufgeladen, und ich fürchte, das wird so weitergehen.

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Das sind die «Swing-States»

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