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epa08552748 Two men are seen while practicing sports on the Copacabana beach in Rio de Janeiro, Brazil, 17 July 2020. Rio has the first day of authorized collective sports during the COVID-19 pandemic, in phase 4 of the gradual reopening in the city. The city council allows collective sports on the beaches, visits to tourist places, reduces the distance in the gyms and blocks access to the bohemian streets.  EPA/Antonio Lacerda

Teqball lässt sich auch während Coronazeiten gut am Strand spielen. Bild: keystone

Interview

«Ich habe das Gefühl, wir sind dem Untergang geweiht» – ein Augenschein aus Sao Paulo

Über zwei Millionen Infektionen, gut 85'000 Tote: Brasilien ist eines der am schlimmsten betroffenen Corona-Länder weltweit. Maristela Raucci lebt in Sao Paulo, der grössten Stadt des Landes. Manchmal hat sie das Gefühl, Brasilien ist dem Untergang geweiht.



Hey Maristela, wann warst Du das letzte Mal am Strand?
Maristela Raucci:
(lacht) Das ist lange her. Muss an Silvester gewesen sein. Momentan kommt es für mich nicht in Frage, gross raus zu gehen. Ich bin seit März zuhause, lasse mir meine Einkäufe liefern, treffe keine Freunde, sehe meine Eltern nicht. Nur in Notfällen gehe ich raus: So musste ich vor ein paar Tagen meine Katze zum Tierarzt bringen.

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Kätzchen Pula geht es wieder gut. bild: zvg

Du kannst also im Home Office arbeiten.
Ja, zum Glück erlaubt es mir meine Stelle, von zuhause aus zu arbeiten. Für viele hier in Sao Paulo ist dies jedoch keine Option, vor allem in den unteren Einkommensklassen führt oft kein Weg daran vorbei, bei der Arbeit zu erscheinen. Da unser Präsident Bolsonaro das Virus zudem nicht ernst nimmt und es keine wirklichen Social-Distancing-Regeln gibt, fordern immer mehr Firmen, dass man wieder im Büro erscheint. Die meines Mannes zum Beispiel.

«Ich habe Freunde, die ihre Mutter oder Grosseltern an das Virus verloren haben.»

Hat sich in deinem Freundeskreis bereits jemand angesteckt?
Ja, einige. Ich habe auch Freunde, die ihre Mutter oder Grosseltern an das Virus verloren haben. Das macht mir Angst.

Bars, Clubs und Restaurants sind aber offen, oder?
Ja. An gewissen Orten hat dies auch bereits zu Problemen geführt: im Stadtteil Leblon in Rio de Janeiro zum Beispiel. Ein bekanntes Ausgehviertel der Stadt, dass nun mit Bildern von feiernden Menschenmassen Schlagzeilen machte.

Nehmen die Brasilianer das Virus nicht ernst?
Doch, die meisten schon. Man muss halt verstehen: Wir sind ein sehr emotionales Volk, wir brauchen Nähe zueinander, Umarmungen, Küsse. Es fällt vielen sehr schwer, das Social Distancing einzuhalten.

Das Skype-Interview kannst du dir auch hier ansehen:

Video: watson/lha

Für einige ist das wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Ich denke da an die Menschen, die in den Favelas leben.
Das stimmt. Da leben zum Teil drei oder vier Generationen unter einem Dach. Es ist ihnen gar nicht möglich, Abstand voneinander zu halten. Sie haben auch oftmals keinen Zugang zu Hygieneprodukten wie Masken oder Desinfektionsmittel. Diejenigen, die einen Job haben, können bestimmt kein Home Office machen. Viele sind zudem arbeitslos geworden. Die Unterschicht ist definitiv am stärksten betroffen.

«Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind dem Untergang geweiht.»

Kriegen die Leute denn Hilfe von der Regierung?
Ja, gegen den Willen Bolsonaros hat die Regierung entschieden, 600 Real (circa 106 Franken) pro Monat auszubezahlen. Jedoch nur für drei Monate. Und wenn ich mir die jetzige Situation anschaue, dann wird das noch viel länger als drei Monate gehen.

Stichwort Bolsonaro: Was findest du, wie handhabt er die Krise?
Das Virus wurde von Anfang an kleingeredet. Das typische Verharmlosungsgeschwätz: Es ist nur eine Grippe, nichts, worüber man sich Sorgen machen muss. Mittlerweile hat sich Bolsonaro ja selbst mit dem Virus angesteckt. Trotzdem schwafelt er immer noch davon, dass Hydroxychloroquin (ein Medikament, dass von Trump angepriesen wird und nachweislich nichts bringt) die Lösung aller Probleme sei. Ich sage meinen Freunden immer: Es ist, als würde ich in einem Gemälde von Salvador Dali leben. Alles ist surreal.

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Salvador Dali ist für seine surrealen Malereien bekannt. Bild: shutterstock

Surreal scheint auch das Theater um eure Gesundheitsminister. Was ist da los?
Wir sind momentan beim dritten Gesundheitsminister seit Ausbruch der Pandemie. Der erste wollte den Leuten erklären, dass sie Abstand halten sollen. Das fand Bolsonaro jedoch gar nicht gut und so wurde er gefeuert. Der zweite Gesundheitsminister weigerte sich, Hydroxychloroquin als wirksames Medikament anzupreisen und trat deswegen zurück. Der dritte und jetzige Gesundheitsminister ist vom Militär, ein Logistik-Experte. Er verteilt Hydroxychloroquin an die Leute. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind dem Untergang geweiht.

Mögen die Leute Bolsonaro?
Er verliert mehr und mehr an Popularität. Das Coronavirus ist eine Sache. Weit schlimmer ist für viele Leute aber die Wirtschaftslage. Wenn sich die wirtschaftliche Situation weiterhin verschlechtert, dann wird es eng für unseren Präsidenten. Das weiss er auch. Deswegen pocht er so darauf, dass die Leute wieder raus gehen, arbeiten gehen.

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Zur Person

Maristela Martini Moura Raucci ist in Sao Paulo geboren und aufgewachsen. Die 37-Jährige arbeitet als Marketingmanagerin für ein Start-up und hat sich bereit erklärt, mit watson über ihr Leben und die Situation in Brasilien zu sprechen.

Ich nehme an, dass machen viele auch ohne den Aufruf von Bolsonaro. Wie steht es eigentlich um die Verschwörungstheoretiker bei euch?
Die gibt es natürlich auch bei uns zuhauf. Scheint ein globales Phänomen zu sein. Das Problem hierbei ist jedoch, dass Menschen, die keinen verlässlichen Zugang zu Informationen haben, so in ernsthafte Gefahr geraten können. Ich habe eine Putzfrau, die habe ich vor kurzem erwischt, wie sie ein Medikament gegen Parasiten eingenommen hat. Sie meinte, dass ihr viele Leute dazu geraten hätten.

Was erwartest du für die nächsten Monate?
Ich glaube, Brasilien wird die USA überholen und zum Epizentrum für das Coronavirus werden. Unternehmen öffnen wieder, die Leute gehen raus, aber wir haben keinerlei Anstrengungen gemacht, etwas Präventives auf die Beine zu stellen. Kein Contact Tracing. Kein Social Distancing. Wir sind auf einer wilden Achterbahnfahrt, aber leider erst beim Anstieg.

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