International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Oft würden Frauen in Lagern wie Moria missbraucht, weil die Schutzzonen überlastet oder inexistent seien. bild: keystone

Interview

«96 Prozent der Frauen in unseren Zentren auf Lesbos sind Opfer sexueller Gewalt»

Raquel Herzog ist Gründerin einer NGO, die auf Lesbos und in Athen ein Tageszentrum für Frauen auf der Flucht betreibt. Im Interview erklärt sie, wieso Frauen, die im Lager Moria lebten, besonders auf Unterstützung angewiesen sind und wie es um die aktuelle Lage auf Lesbos steht.



Frau Herzog, vor ein paar Wochen erreichten uns Bilder vom brennenden Camp Moria. Wie ist die Situation auf Lesbos jetzt?
Raquel Herzog:
Im neu aufgebauten Lager sind bereits 9000 Menschen untergebracht. Währenddessen ist die schweizerische humanitäre Hilfe vor Ort. Sie sorgt sich um die Trinkwasserversorgung.

Wie sind die Bedingungen in den neuen Lagern?
Es gibt 37 Toiletten. Ich bezweifle, dass es im neuen Lager ein Abfallkonzept gibt. Zudem heisst es, dass man die Menschen nicht von der Insel evakuieren möchte, weil man nicht will, dass Geflüchtete auf anderen Inseln denken, dass mit einem abgebrannten Camp alles besser würde. Immerhin heisst es, dass nun die Asylanträge möglichst schnell bearbeitet werden.

Athens, Greece 2018
Raquel Herzog, founder of the SAO Association, poses inside the Amina safe house in Athens.

Raquel Herzog, Gründerin der SAO Association in Athen. Bild: zvg

Zur Person

Raquel Herzog ist die Gründerin von SAO Association, einer Nichtregierungsorganisation, die sich um Frauen auf der Flucht kümmert. Seit 2017 setzt sie sich dafür ein, dass besonders verletzliche Frauen auf Lesbos und in Athen Zugang zu geschützten Zentren haben.

Stehen Sie in Kontakt mit den Frauen aus Ihrem Zentrum auf Lesbos?
Nach dem Feuer hatte die Polizei alle Leute aus Moria eingekesselt. Für uns war es schwierig, in diesen «Kessel» zu gelangen und dementsprechend konnten wir die Frauen kaum finden. Unsere Einrichtung befindet sich im Zentrum von Mitilini, doch viele Frauen fürchten sich davor, in die Stadt zu kommen, aus Angst vor dem Vorwurf, aus Moria abgehauen zu sein.

Bedeutet das, dass Ihr Team keinen Zutritt zum neuen Lager hat?
Genau. Vor ein paar Tagen liessen sie einzelne Medienschaffende rein. Wir dürfen die Frauen am Eingang des Lagers treffen. Wir wissen, dass die Menschen, die negativ auf das Coronavirus getestet wurden, tagsüber das Lager verlassen dürfen.

«Klar ist, dass an einem sozialen Brennpunkt mehr Übergriffe als an anderen Orten passieren.»

Raquel Herzog

Sie kümmern sich mit Ihrer Organisation um Frauen auf der Flucht. Warum?
Grundsätzlich sind Frauen auf der Flucht entweder vor, während oder nach der Flucht, sexueller Gewalt ausgesetzt. Man könnte also sagen, dass es entweder der Grund zur Flucht ist, oder sie werden auf der Route missbraucht, da sie alleine unterwegs sind. Oft werden sie auch in Lagern wie Moria missbraucht, weil die Schutzzonen teilweise überlastet oder inexistent sind. Frauenspezifische Bedürfnisse werden nicht berücksichtigt. Klar ist, dass an einem sozialen Brennpunkt mehr Übergriffe, als an anderen Orten passieren. Ebenso sind Frauen häufig auch aus wirtschaftlichen Gründen sexueller Gewalt ausgesetzt.

Inwiefern?
In manchen Fällen muss der Schlepper mit dem Körper bezahlt werden. Afrikanische Frauen beispielsweise werden von den griechischen Bewohnern oftmals für Prostituierte gehalten. Andere prostituieren sich aus finanzieller Verzweiflung.

Und wo setzen Sie mit Ihrer Arbeit an?
96 Prozent der Frauen, die in unsere Zentren kommen, sind Opfer sexueller Gewalt. Viele der flüchtenden Frauen werden verfolgt, oder sind Opfer von Trafficking. Gewisse flüchten auch aus patriarchalen Kulturen. In unseren beiden Zentren bieten wir den Frauen verschiedene Aktivitäten an, aber auch eine Möglichkeit, sich in Ruhe zurückziehen und beispielsweise duschen zu können. Die Zentren sind aber vor allem auf Trauma-orientierte psychosoziale Unterstützung spezialisiert.

«Das System sollte niemanden priorisieren, sollte aber gewissen Menschen speziellen Schutz gewähren.»

Welche Massnahmen müssten, nebst Ihren Zentren, getroffen werden, um die Situation der geflüchteten Frauen zu verbessern?
Was wir bisher noch nicht gesehen haben, sind Schutzzonen im neu aufgebauten Lager auf Lesbos. Von diesen fehlenden Schutzzonen im Lager sind Frauen, Inter-, Transpersonen und non-binäre Menschen besonders betroffen. Dazu kommt, dass die Lager nicht auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind. Dies beginnt bereits bei Banalitäten: Weil aus den Duschen kaum Wasser fliesst, können Frauen mit vollem Haar nicht einmal ihr Shampoo auswaschen.

Kinder und Familien werden häufig erwähnt, wenn es um die Aufnahme von Geflüchteten geht. Von allein flüchtenden Männern ist jedoch kaum die Rede. Wer muss nun Vorrang haben?
Es gab Regelungen, in denen besonders Kinder, Familien und Frauen priorisiert und Männer in einer absolut desolaten, katastrophalen Situation zurückgelassen wurden. Das System sollte niemanden priorisieren, doch gewissen Gruppen sollte besonderer Schutz zukommen. Grundsätzlich fordern wir aber, dass die Bedingungen aller Menschen auf Lesbos verbessert werden. Und vor allem müssen die Asylanträge schneller bearbeitet werden.

Wie ein Geflüchteter die Situation in Lesbos erlebt

Video: watson/lea bloch

«Das Perverse ist ja, wie prekär die Situation werden muss, dass darüber gesprochen wird.»

Nach dem Ausbruch des Feuers waren die Medien auf einmal wieder voll mit Berichterstattungen über die Situation auf Lesbos – kommt diese Aufmerksamkeit zu spät?
Das Perverse ist ja, wie prekär die Situation werden muss, dass darüber gesprochen wird. Dieses Feuer ist für uns, die bereits seit vier Jahren auf dieser Insel sind, nicht der Grund, wieso man jetzt dorthin schauen sollte. Das hätte schon viel früher geschehen müssen. Es erstaunt mich aber trotzdem, wie wenig die Menschen in der Schweiz darüber erschrecken, dass zwei Flugstunden von uns entfernt, in Europa, die Menschenrechte massiv verletzt werden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

300 Menschen fordern in Bern Evakuierung von Flüchtlingslagern

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Griechenland setzt Flüchtlinge auf offenem Meer aus – und überlässt sie ihrem Schicksal

So aggressiv hat noch kein europäisches Land auf die Ankunft von geflohenen Menschen reagiert. Was die Hellenen da gerade machen, ist brandgefährlich.

Die Enthüllung der New York Times ist schockierend: Die amerikanische Zeitung berichtete am Wochenende, dass griechische Behörden in den vergangenen Monaten mindestens 31 Mal Flüchtlingsgruppen aus Auffanglagern holten, sie mitten in der Nachts aufs offene Meer hinausfuhren, in Schlauchboote setzten und sie an der griechischen Seegrenze ihrem Schicksal überliessen.

Mindestens 1072 Menschen haben sich die Griechen auf diesem Weg vom Hals geschafft. Die New York Times hat mit mehreren von ihnen …

Artikel lesen
Link zum Artikel