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epa08182659 Former US Vice President Joe Biden campaigns to be the 2020 Democratic presidential nominee at the LOFT in Burlington, Iowa, USA, 31 January 2020. The first-in-the-nation Iowa caucuses are on 03 February 2020.  EPA/JIM LO SCALZO

Joe Biden im Vorwahlkampf in Iowa: Seine Art kommt bei den Menschen an. Bild: EPA

Alle lieben Uncle Joe: Warum Biden unterschätzt wird

Er ist alt, tritt häufig in den Fettnapf und es gibt Zweifel an seiner mentalen Fitness. Dennoch hat Joe Biden beste Chancen, neuer US-Präsident zu werden. Dafür gibt es gute Gründe.



Die Demokraten sind eine vielfältige Partei. Im Bewerberfeld bei den Vorwahlen befanden sich Frauen, Shootingstars und Angehörige von Minderheiten. Damit heben sie sich ab von den Republikanern, die immer mehr zur Vertretung des ländlich-konservativen Amerikas werden. Oder überspitzt gesagt zur Partei der alten weissen Männer.

Und wer kandidiert für die Demokraten gegen Donald Trump? Ein alter weisser Mann.

Donald Trump vs Joe Biden: Wer hat noch mehr Saft in den Knochen

Video: watson/Lino Haltinner

Es gibt viele Gründe, um über Joseph Robinette Biden jr. zu lästern, der am Dienstag am virtuellen Parteikonvent der Demokraten offiziell zum Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl am 3. November gekürt wurde. «Er ist alt, nicht redegewandt, wenig inspirierend und tritt gerne in den Fettnapf», schrieb der «Washington Post»-Kolumnist Max Boot.

Die Wähler mögen ihn

Bei seiner Vereidigung im Januar wäre Biden 78 Jahre alt. Kein US-Präsident hatte in seiner Amtszeit jemals ein so hohes Alter erreicht. Ein grosser Redner war er nie. Nun leistet er sich Aussetzer, die Zweifel an seiner mentalen Fitness wecken. Über Charisma verfügt er kaum, dafür ist Biden berüchtigt für seine häufigen verbalen Fehltritte.

Donald Trump verspottet ihn als «Sleepy Joe». Dennoch hat Biden reelle Chancen, den Präsidenten aus dem Weissen Haus zu vertreiben. In den Umfragen und Prognosen ist er vorne. Im nach der Pleite von 2016 überarbeiteten «538»-Modell von Statistik-Guru Nate Silver liegt die Wahrscheinlichkeit eines Biden-Siegs derzeit bei 73 Prozent.

Das ist keine Garantie für einen Erfolg, aber offensichtlich halten viele Amerikanerinnen und Amerikaner «Uncle Joe» trotz seiner Schwächen für eine valable Alternative zum Amtsinhaber. Neben Trumps Versagen in der Coronakrise gibt es laut dem Portal Vox dafür vor allem einen Grund: «Politikfans mögen Joe Biden nicht, die Wähler schon.»

Zwei Gruppen haben ihm nach dem desaströsen Start in die Primaries erst zum Comeback und dann zu einem überraschend frühen und klaren Erfolg gegen die breite Konkurrenz verholfen: Die Schwarzen in den Südstaaten und weisse Arbeiter aus dem «Rust Belt», die 2016 teilweise zu Donald Trump übergelaufen waren und die Biden nun zurückholen konnte.

Ein «Average Joe»

FILE - In this summer 1972 file photo, Joe Biden, carries both of his sons, Joseph, left, and Robert during an appearance at the Democratic state convention At center is his wife Neilia Biden, who was killed in an auto crash, Dec. 20, 1972. With them are Gov.-elect Sherman W. Tribbitt and his wife, Jeanne. (AP Photo)

Joe Biden (r.) 1972 mit seinen Söhnen Beau und Hunter und seiner ersten Frau Neilia (Mitte). Bild: AP

Warum aber kommt Joe Biden bei den Leuten an? Obwohl er seit bald 50 Jahren zum Washingtoner Establishment gehört, konnte er die Aura eines Normalbürgers konservieren – eines «Average Joe» eben. Dazu trägt seine Lebensgeschichte bei. In seiner Jugend musste er ein schweres Stottern überwinden, später erlebte er schlimme Tragödien.

Seine erste Frau und die gemeinsame Tochter starben bei einem Autounfall, kurz nachdem er 1972 mit 29 Jahren als Vertreter des Staates Delaware in den US-Senat gewählt worden war. Sein Sohn Beau, der ihn politisch «beerben» sollte, erlag 2015 einem Hirntumor. Solche Erfahrungen zählen in einer Zeit, in der das Coronavirus die USA heimsucht.

Für Bodenhaftung steht auch seine Herkunft aus der Arbeiterstadt Scranton in Pennsylvania, die er gerne betont. Ausserdem macht Biden sich wenig aus Geld. Er kokettierte damit, während seiner 36 Jahre als Senator das «ärmste» Mitglied im US-Kongress gewesen zu sein. Den grossen Reibach machte er erst nach seiner Amtszeit als Vizepräsident.

Für Rechte wählbar

Sein Profil als moderater bis konservativer Demokrat macht ihn für Republikaner wie John Kasich wählbar. Der ehemalige Gouverneur von Ohio und Ex-Präsidenschaftskandidat sprach am Montag am Parteikonvent der Demokraten. «Mit seiner Erfahrung, seiner Weisheit und seiner Anständigkeit kann uns Joe Biden zusammenbringen», sagte Kasich.

Zahlreiche weitere Republikaner – bekannte und weniger bekannte – haben sich ebenfalls für Biden ausgesprochen. Hätten sich die Demokraten für Bernie Sanders entschieden, würden diese Leute die Wahl aussitzen oder trotzdem Trump wählen, um den linksextremen Gottseibeiuns zu verhindern. Biden aber taugt nicht als Schreckgespenst.

Das musste auch Donald Trump bei seinem missglückten Wahlkampf-Comeback in Tulsa erfahren. Die Erwähnung von Barack Obama oder Hillary Clinton erzeugte beim Publikum heftige Reaktionen («Sperrt sie ein!»). Beim Namen Joe Biden gab es ein paar müde Buh-Rufe. Selbst seine Schwächen und Skandale lassen sich kaum ausschlachten.

Wenig Skandal-Potenzial

In this April 4, 2019, photo Tara Reade poses for a photo during an interview with The Associated Press in Nevada City, Calif. (AP Photo/Donald Thompson)
Tara Reade

Tara Reade sorgte mit ihrer Anschuldigung wegen sexueller Belästigung selbst in den rechten Medien nur kurz für Aufregung. Bild: AP

Dies zeigt eine Auswertung der Social-Media-Interaktionen rechtslastiger Medien wie Breitbart, Daily Caller oder Fox News durch die Website Axios. Die Burisma-Affäre um Bidens Sohn Hunter wie auch die Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung von Ex-Mitarbeiterin Tara Reade sorgten nur kurzzeitig für Aufregung. Auch Bidens angebliche Senilität zündet kaum.

Vor vier Jahren hatten die rechten Medien Hillary Clintons E-Mail-Affäre noch end- und erbarmungslos durch den Kakao gezogen. Im Fall von Joe Biden scheint es sehr schwierig zu sein, ihm ein Skandalimage zu verpassen. Weshalb Trump ihn als «Marionette» der extremen Linken zu verunglimpfen versucht – mit vermutlich überschaubarem Erfolg.

Es fällt schwer, Joe Biden zu hassen. Er gehört zu jenen Politikern, die auf dem Podium flach herauskommen, im persönlichen Kontakt aber zu punkten vermögen. So erlebte es auch unser Mitarbeiter Johann Aeschlimann, als er im Januar einen Biden-Auftritt in Iowa verfolgte: «Er sah eindeutig viel besser aus, als was man von ihm liest. Solider.»

Raus aus dem Keller

Gegen Donald Trump hat er damit noch nicht gewonnen. Bislang konnte er zuschauen, wie der Präsident sich selbst zerlegt. Wenn Trump jedoch spottet, dass Biden sich im Keller seines Hauses in Wilmington «verkrieche», trifft er einen wunden Punkt. Der Demokrat wird sich in den nächsten Wochen trotz Corona unter das Wahlvolk mischen müssen.

FILE - In this March 15, 2020, file photo, former Vice President Joe Biden, left, and Sen. Bernie Sanders, I-Vt., right, greet one another before they participate in a Democratic presidential primary debate at CNN Studios in Washington. Alaska Democrats are deciding their choice for the party's presidential nominee, as just one major candidate, Biden, remains actively campaigning. Results are expected Saturday, April 11, in the party-run primary, which became an exclusively vote-by-mail affair after concerns with COVID-19 scrapped plans for in-person voting sites and pushed back the original primary date of April 4. (AP Photo/Evan Vucci, File)
Joe Biden,Bernie Sanders

Im letzten TV-Duell der Demokraten im März konnte sich Biden gegen Bernie Sanders behaupten. Bild: AP

Viele Politikjunkies fürchten, dass Biden in den drei Fernsehdebatten von Trump verprügelt wird. Sie könnten sich einmal mehr täuschen. Als er im letzten Duell der Demokraten allein gegen Bernie Sanders antrat, erwarteten viele, dass der bissige Senator aus Vermont ihn «zerfleischen» würde. Am Ende aber sahen die meisten Beobachter Biden als Sieger.

Es ist einfach, Joe Biden zu unterschätzen. Seine Neigung, die «gute alte Zeit» zu glorifizieren, hat ihm wenig schmeichelhafte Vergleiche mit Grampa Simpson eingebracht. Nun könnte es sein, dass er es auf diese Weise bis ins Weisse Haus schafft.

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133 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Gurgelhals
19.08.2020 12:13registriert May 2015
Was man bei aller Nicht-Begeisterung für den alten Onkel Joe auch bedenken muss: es sind in den USA doch eher diese Figuren (alte, etablierte Polit-Insider) die am Ende mehr bewegen konnten als all die charismatischen Celebrity-Politiker à la JFK u. Obama. Siehe im 20. Jh. FDR (New Deal) und Johnson (Bürgerrechte). Beides waren alte Politik-Hasen u. wandelbare Opportunisten, die einfach die gebotenen Gelegenheiten beim Schopf packten.
Als ein harmloses "safe pair of hands" gesehen zu werden, ist da eben auch ein Vorteil. Man kann mehr machen, bevor die Leute "SOCIALISM!!1einself!!" schreien.
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insert_brain_here
19.08.2020 13:16registriert October 2019
Die einzig entscheidende Frage wird letztendlich nur die Mobilisierung der Wähler sein. Die Fronten sind längst gezogen, die Wahl heisst "Trump" oder "nicht Trump", selbst wenn der Gegenkandidat der Osterhase wäre.
Genau deswegen sind diese "73% Chance für Biden"-Prognosen so gefährlich, weil viele Leute dann zu Hause bleiben, war bei uns das gleiche bei der Masseneinwanderungsinitiative.
Trumps Basis ist geschlossen und hoch motiviert, die gehen and die Urne und wählen ihren Messias wieder, komme was da wolle.
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Cerulean
19.08.2020 13:44registriert February 2016
Warum erwartet man heutzutage von Regierungschefs eigentlich, Pop-Star-ähnliche Begeisterungsschübe auszulösen?
Angela Merkel versetzt auch niemanden in Ekstase, trotzdem ist sie wohl eine der fähigsten Politiker*innen der letzten 30 Jahre. Unsere Bundesräte sind auch eher auf der langweiligen Seite, dennoch machen sie einen soliden Job.
Biden mag kein grosser Rhetoriker sein und keine AOC‘sche Fanbasis haben - aber er ist ruhig, besonnen und umgänglich und das ist mir hundert mal lieber als ein Politclown à la Trump, BoJo oder Bolsonaro.
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