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Dieser junge Mann aus einem «Generation What»-Video lebt in einer beängstigend aufgeräumten Wohnung. Oder noch bei seinen Eltern. Bild: generationwhat.de

Sex mit vielen oder einem? Saufen mit oder ohne Eltern? «Generation What» sucht Europas Jugend

Die interaktive Jugendstudie «Generation What» soll eine Million Menschen erreichen. Bis November können alle mitreden. Und alles faken.



Die Jugend ist super. Und super anstrengend. Weil da immer diese grösstmögliche Fallhöhe von Emotionen ist. Von Glück und Unglück, Überheblichkeit und Angst, vieles gibt's zum ersten Mal, den Sex, die Drogen, Unabhängigkeit, Arbeit, aber auch Arbeitslosigkeit, da wird die Heimat plötzlich zur Wildnis, alles neu, alles frei, einiges bedrohlich, gefährlich.

Der Jugend sagt man nach, dass sie nicht weiss, was sie tut. Die Jugend ihrerseits glaubt, alles besser zu wissen. Und deshalb anders machen zu müssen. Was daraus entsteht? Vielleicht was Neues. Vielleicht Zukunft. Für die Alten bedeutet das: Verunsicherung, Verwirrung. Denn grundsätzlich will man die Jugend verstehen. Weil man mit ihr rechnen will. Als gesellschaftliche Kraft oder auch einfach als Konsumenten.

Alle total monogam! Ehrlich?

Genau dafür gibt's jetzt «Generation What», die grösste je dagewesene Jugendstudie aller bisherigen Zeiten. 11 Länder beteiligen sich daran, zwischen jetzt und November sollen eine Million Menschen zwischen 18 und 34 insgesamt 148 Fragen online beantworten. Beworben wird «Generation What» auf grossen TV-Sendern wie ZDF und ORF, die begleitend Dokfilme zum Thema zeigen, Zeitungen und Magazine arbeiten ebenfalls mit und schreiben jeden Tag unzählige Artikel. 

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Generation Bett? Gerne lassen sich junge Leute für «Generation What» auf allerlei Betten filmen. Bild: generationwhat.de

Wissen will «Generation What» Grundsätzliches: Etwa, ob man der Politik überhaupt vertraue, welche Sozialleistungen man für überflüssig halte, oder ob Militärdienst für Männer und Frauen nicht obligatorisch sein sollte. Das sind die erwartbaren Fragen. Und Antworten. Viel lustiger finden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer natürlich alles zu Themen wie «Schmetterlinge im Bauch», «Ok mit Mama und Papa?» oder «Chillen oder Nicht-Chillen?».

Es zeigt sich bis jetzt zum Beispiel: Dass die Leute der Politik, der Polizei und dem Kapitalismus total misstrauen (wen wundert's); dass in ganz Europa noch kein Mensch «mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig» hatte (wer's glaubt); dass 68 Prozent nicht an gleichgeschlechtlichem Sex interessiert sind und nur 36 Prozent schon einmal Sexspielzeug verwendet haben; dass 91 Prozent meinen, ihre Eltern seien rückhaltlos stolz auf alles, was die Kinder im Leben schon getan haben und dass sich schon 49 Prozent gemeinsam mit den Eltern betrunken haben.

Gestellt werden Fragen wie diese:

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Bild: generationwhat.de

Innerhalb von knapp 72 Stunden haben bereits 400'000 Menschen auf die Fragen von «Generation What» geantwortet, das ist bald die Hälfte der angestrebten Million. Jedes der 11 Veranstalter-Länder bietet dafür eine ungeheuer aufwändige und nach Alter, Geschlecht und Tätigkeit ausdifferenzierte Umfragemaske. Das Problem: Restlos alles lässt sich hier faken. Man kann sich auch als Schweizerin über 34 in die irische Ländermaske einloggen, behaupten, man sei ein 21-jähriger Ire und dann total inkompetent Fragen zu irischer Politik beantworten.

Wo also liegt der soziologisch und politisch so enorm bedeutsame Erkenntnisgewinn der Studie, der von den Veranstaltern gewissenhaft behauptet wird? Er liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit genau nirgendwo. Denn um ihn geht es bei aller vorgeschobenen Besorgnis gar nicht. Es geht um die Neu-Anbindung eines abtrünnigen Konsumenten-Segments an alte Medien. Genauer: Der Ausgang von «Generation What» ist die Tatsache, dass es den europäischen TV-Sendern nicht mehr gelingt, die Zuschauergruppe der 18- bis 34-Jährigen zu halten.

Eine Wort-Wolke der Befindlichkeit:

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Bild: generationwhat.de

Erfunden wurde «Generation What» als «Génération Quoi» 2013 in Frankreich. Die Soziologinnen Cécile Van de Velde und Camille Peugny hatte den interaktiven Fragebogen entwickelt, das Resultat war frustrierend, 210'000 junge Französinnen und Franzosen kürten sich zur «verlorenen», «geopferten» Generation ohne echte Zukunftschancen. Aber: Die verlorenen Opfer schauten alle «Génération Quoi»-Beiträge am TV, dass die Quoten nur so explodierten. Jedenfalls einen Winter lang.

Lieber ein Tattoo als TV schauen

Und diese Quoten machten wiederum die European Broadcasting Union (EBU) – den Zusammenschluss von 73 Sendern aus 56 Ländern (die Schweiz gehört dazu) – auf das Format aufmerksam. Die EBU, die uns als Veranstalterin des Eurovision Song Contests vertraut ist, erkannte darin einen Lockvogel für die TV-Abstinenten. Im Januar 2015 bot die EBU «Generation What» all ihren Mitgliedern an, 11 (die Schweiz nicht) machten als Veranstalter mit, junge Menschen aus gut 20 Ländern (auch aus der Schweiz) haben sich bis jetzt an der Umfrage beteiligt.

Quantitativ wird «Generation What» ganz sicher ein internationaler und intermedialer Riesenerfolg. Qualitativ nicht. Auch wenn sich ein Heer von Soziologen hinter die Auswertung spassiger Fragen wie «Hast du ein Tattoo?» setzen wird. Und das Fernsehen? Dem wird das Ganze weder mittel- noch langfristig etwas bringen. Denn auf die Frage «Könntest du ohne Kino, Filme oder TV-Serien glücklich sein?» antworten bis jetzt 57 Prozent der Deutschen mit Ja. Auf die Frage «Könntest du ohne Fernsehen glücklich sein?» ganze 81 Prozent.

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