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Residents carrying Free Syria Army flags and a weapon chant slogans as they protest against Russian airstrikes in Syria, in Aleppo, Syria October 2, 2015. Placard reads in Arabic,

Proteste gegen die russischen Bombardierungen in Aleppo. Alles nur westliche Propaganda?
Bild: STRINGER/REUTERS

Kommentar

Syrien – ein Spielball der Mächte? Wie watson auf einen Putin-Troll hereingefallen ist 

Der syrische Diktator Baschar al-Assad ist eigentlich ganz okay, auch der bosnische Kriegsverbrecher Radovan Karadzic war streng genommen kein Böser, die Annexion der Krim war völkerrechtlich in Ordnung, und überhaupt meinen es Putin & Co. nur gut: Diese Thesen verbreitet der Journalist Helmut Scheben – leider auch auf watson.



«Spielball der Mächte: Weshalb der Syrienkonflikt ein Stellvertreterkrieg geworden ist», unter diesem Titel hat watson einen Artikel des Journalisten Helmut Scheben aufgeschaltet. Und warum auch nicht? Scheben hat lange bei der «Tagesschau» gewirkt und gilt als versierter Kriegsreporter mit «WoZ»-Vergangenheit. Der Artikel ist zuerst auf Infosperber erschienen, einem Online-Portal, das vom erfahrenen Journalisten Urs P. Gasche geleitet wird und mit dem watson eine Partnerschaft unterhält. Auch die Artikel meiner Wenigkeit erscheinen regelmässig auf «Infosperber».

Helmut Scheben auf Russia Today. Screenshot: RT

Helmut Scheben als Experte für den russischen Propagandasender «Russia Today».
Bild: Screenshot RT

Zum Inhalt: Schebens Artikel fängt harmlos und stockseriös an. «Foreign Affairs» wird zitiert, das wohl renommierteste geopolitische Magazin der Gegenwart, und auch «The Guardian», die angesehene linksliberale Zeitung des Vereinigten Königreichs. Später werden «Le Monde» folgen und auch die «Zeit» darf nicht fehlen. Wirklich alles vom feinsten.

Russland fürchtet um seinen Anteil am europäischen Erdgasmarkt

Auch die These scheint einleuchtend. Im Syrienkonflikt geht es nicht nur um Religion und Stammeskämpfe, sondern auch um Gas und Öl. Scheben stützt sich dabei auf einen Artikel von Mitchell Orenstein, der im Oktober auf «Foreign Affairs» erschienen ist, allerdings nur online. Darin wird die These vertreten, dass Russland versucht, eine Pipeline durch Syrien zu verhindern, in der Gas aus Katar nach Europa transportiert werden soll.

Für Orenstein ist dieses Ansinnen eine direkte Bedrohung für Putin, denn er könnte dabei Marktanteile im europäischen Gasgeschäft verlieren. «Es ist vernünftig zu erwarten, das Russland alles unternehmen wird, um eine katarische Pipeline durch Syrien zu verhindern und dafür zu sorgen, dass der Iran seine Exporte nur mit russischer Unterstützung durchführen kann», stellt Orenstein klar.

Ein teuflischer Plan der Opposition

Doch dieser Aspekt tritt bei Scheben sogleich in den Hintergrund. Er war nur so etwas wie eine Ouvertüre, um den harmlosen Titel zu rechtfertigen. Stattdessen werden nun Saudi-Arabien und Katar als Drahtzieher des Aufstands in Syrien ins Feld geführt. Die Interessen der Türkei werden erwähnt und die verhängnisvollen Folgen des arabischen Frühlings. Dazu kommen noch Stammeskämpfe und alter Hass ethnisch-religiöser Gruppen.

Kurz: Das wurde alles zu viel für den armen Assad und «seine Regierung in Damaskus sah keinen anderen Weg mehr, als den Terrorgruppen mit massiven militärischen Schlägen zu begegnen», so Scheben. Das alles war wohlgemerkt nicht eine brutale Unterdrückung des Volkes durch einen Diktator, sondern ein teuflischer Plan der Opposition, die damit der «Weltöffentlichkeit ein Regime vorführen (konnte), welches mit Artillerie und Luftwaffe ganze Stadtviertel unter Feuer nahm».

In this photo taken Wednesday, Nov. 20, 2013, Syrian civilians look for undamaged furniture, clothes and food in their homes destroyed during clashes between the Sunni-dominated Free Syrian Army and Syrian soldiers loyal to Syria's President Bashar Assad, supported by Iraqi and Lebanese Shiite fighters, in the town of Hejeira, which Syrian troops captured, in the countryside of Damascus, Syria. (AP Photo/Jaber al-Helo)

Alles Notwehr? Die von Assads Truppen zerstörte Stadt Hejeira bei Damaskus. 
Bild: AP

US-Präsident Barack Obama als Lügner?

Das alles wollte der gute Assad offenbar gar nicht, und die Sache mit den Giftgasangriffen sei ohnehin erstunken und erlogen, eine Propagandalüge. Die Tatsache, dass Amnesty International forderte, dass syrische Regime müsse vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt werden, weil es «friedliche Proteste durch den Einsatz von Panzern und scharfer Munition zu ersticken» suchte, wird zu einem Medien-Taifun degradiert, sprich: zum Sturm im Wasserglas.

Im Westen würden, so Scheben, die Assad-freundlichen Stimmen konsequent totgeschwiegen. Bei ihm darf Assad endlich zu Wort kommen. Erstaunlicherweise ist er sich keiner Schuld bewusst: «Obama hat nichts zu bieten als Lügen. Wir haben keine Chemiewaffen eingesetzt. Und das Bild, das sie von mir zeichnen als einem, der sein Volk umbringt, ist genauso falsch.»

Der Westen muss Assad und Putin stützen

Nachdem das geklärt und Assad reingewaschen ist, kommt Scheben zu seiner zentralen Botschaft: Der Westen muss zusammen mit Putin Assad stützen. Als Zeuge wird dabei der ehemalige «Zeit»-Journalist Michael Lüders ins Feld geführt mit dem Zitat: «Es war ein grosser Fehler, Assad um jeden Preis stürzen zu wollen. (...) Nüchtern besehen kam der syrische Aufstand mindestens zehn Jahre zu früh. Die Bedingungen für einen Machtwechsel waren nicht gegeben.»

JAHRESRUECKBLICK - INTERNATIONAL - In this photo taken on Tuesday, Oct. 20, 2015, Russian President Vladimir Putin, right, and Syria President Bashar Assad arrive for their meeting in the Kremlin in Moscow, Russia. President Bashar Assad was in Moscow, in his first known trip abroad since the war broke out in Syria in 2011, to meet his strongest ally Russian leader Vladimir Putin. The two leaders stressed that the military operations in Syria_ in which Moscow is the latest and most powerful addition_ must lead to a political process. (KEYSTONE/AP/Alexei Druzhinin)

Waffenbrüder: Assad und Putin.
Bild: AP POOL RIA NOVOSTI KREMLIN

Schebens Machwerk ist kein einmaliger Ausrutscher. So hat er beispielsweise in der «Neuen Rheinischen Zeitung» unter der Schlagzeile «PR-Aufträge für Hass und Tod» einen Artikel verfasst, in dem er den bosnischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic wie Assad reinwäscht. Dieser steht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord vor den Schranken des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Ist Radovan Karadzic kein Kriegsverbrecher?

Alles halb so schlimm, findet Scheben. Das meiste davon seien PR-Lügen von hoch bezahlten amerikanischen Spin-Doktoren. «Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass es falsch ist, dass die Zusammenhänge weitaus komplizierter waren. Auf Seiten der bosnischen Moslems kämpften teilweise internationale Einheiten fanatisierter Islamisten, die den heutigen Kopfabschneidern des Islamischen Staates an Brutalität nicht nachstanden.»

A pro-Russian separatist stands at the crash site of Malaysia Airlines flight MH17, near the settlement of Grabovo in the Donetsk region, in this July 18, 2014 file photo. The Dutch Safety Board, issuing long-awaited findings on October 13, 2015 of its investigation into the crash of Malaysian passenger plane MH17 over eastern Ukraine, is expected to say it was downed by a Russian-made Buk missile but not say who was responsible for firing it. MH17 was shot down over territory held by pro-Russia rebels in eastern Ukraine on July 17, 2014, killing all 298 people aboard, most of them Dutch citizens. REUTERS/Maxim Zmeyev/Files  
FROM THE FILES PACKAGE ‘MH17 REPORT DUE'

SEARCH ‘MH17 REPORT’ FOR ALL 15 IMAGES      TPX IMAGES OF THE DAY

Abschuss der MH-17: Soldaten bewachen Trümmerteile des abgeschossenen Passagierjets in der Ostukraine.
Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

So richtig in Fahrt kommt Scheben, wenn es gilt, Putin und die russischen Interessen zu verteidigen. Der Abschuss des malaysischen Passagierjets MH-17 über der Ostukraine ist «bis heute völlig ungeklärt» und Putin werde fälschlicherweise als Verantwortlicher hingestellt, schrieb er im Online-Portal Journal 21.

Krim-Annexion kein Verstoss gegen das Völkerrecht

Wie Assad handle auch Putin in Notwehr. Er würde von der Nato eingekesselt, deshalb konnte er nicht anders, als die Krim zu besetzen. Im Widerspruch zu sämtlichen völkerrechtlichen Spezialisten auf diesem Globus behauptet Scheben dreist: «Unter völkerrechtlichen Aspekten ist es daher fraglich, ob von einer rechtswidrigen Annexion die Rede sein kann.»

Urs P. Gasche

Urs P. Gasche, Leiter von «Infosperber».

Begleitet werden Schebens Artikel jeweils von einem Chor von Putin-Trolls. Das tönt dann etwa so: «Danke, liebes watson-Team. Das ist Aufklärung vom feinsten.» Oder: «Vielen Dank für diesen ausserordentlich guten Artikel. Endlich schreibt ein Newsportal mehr als nur Schlagzeilen und gefährliches Halbwissen. Der Artikel besticht mit differenzierten Fakten und Hintergrundinformationen, welche meiner Ansicht nach zwingend benötigt werden, um sich eine eigene Meinung im Syrienkonflikt bilden zu können.»

Stellungnahme «Infosperber»

Wie hat es der Artikel von Helmut Scheben auf die watson-Partnerplattform «Infosperber» geschafft? Urs P. Gasche, Mitglied der Redaktion, erklärt auf Anfrage: «Helmut Scheben hat für ‹Infosperber› über Syrien differenziert und mit Quellenangabe geschrieben. Ganz im Gegensatz zu vielen Artikeln und Sendungen in anderen Medien. Falls Konkretes beanstandet wird, sind wir immer offen für Richtigstellungen und Gegendarstellungen.»

Der Putin-Troll-Chor jubiliert

Nicht nur watson wird so mit Lob der Putin-Trolls überschüttet. «Danke, Herr Scheben! Alles oder fast alles gesagt, was es zu sagen gibt», heisst es auf «Infosperber». Auf «Journal 21» wiederum fragt ein Leser besorgt: «Dürfen Putin, sein Land und seine Menschen nicht in Ruhe und Sicherheit leben?»

Der Verdacht liegt nahe, dass Scheben Teil der russischen Propaganda-Maschinerie ist. 

Anmerkung der watson-Redaktion
Die Meinung von Helmut Scheben zum Syrienkonflikt entspricht in keiner Weise der Haltung der watson-Redaktion. Wir würden den Artikel in dieser Form inzwischen auch nicht mehr publizieren. In Zukunft werden wir unsere Kontrollen bei Fremdartikeln noch verstärken.

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