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epa05088839 Women protest against sexism outside the cathedral in Cologne, Germany, 05 January 2016. After assaults on women outside Cologne main station at New Year, little is currently known about the perpetrators.  EPA/OLIVER BERG

Frauen protestieren in Köln gegen die Ereignisse der Silvesternacht.
Bild: EPA/DPA

Kommentar

Das Fazit von Köln: Frauen müssen lernen, nicht vergewaltigt zu werden



Meine Grossmutter trug ihr Leben lang folgende Dinge in der Handtasche mit sich herum: Einen Pfefferstreuer, Haarspray, ein Messer. Aus Angst vor Männern, die sie auf dem Heimweg vom Kirchenchor überfallen könnten. Einheimische und ausländische. Auf dem Dorf. Es ist ihr nie etwas passiert, aber die grundsätzliche Angst war da.

Als ich studierte, galt unter Studentinnen die Faustregel: Jede dritte Frau muss mit einer Vergewaltigung rechnen. Pfefferspray in unseren Taschen hin oder her. Ich gehörte zu denen, die's traf. Es hat mich – statistisch gesehen – nicht überrascht. Es war bloss eine der beschissensten Erfahrungen meines Lebens. War ich schuld? Nein. Fühlte ich mich irgendwie mitschuldig? Ja.

Jetzt gab's also eine entgleiste Silvesternacht in Köln. Männer bedrängen Frauen. Mehrere Männer bedrängen eine Frau. Als Vorstellung ist das grässlich. Weil da ganz schnell und effizient ein Szenarium von enormer Ohnmacht hergestellt wird. Und ohnmächtig, dachte ich, muss man sich als Frau bei uns heute nicht mehr fühlen. Stimmt nicht.

«Straftaten einer völlig neuen Dimension»: Köln unter Schock
extra 3 hats auf den Punkt gebracht.
Und egal ob in Köln, Hamburg, Zürich, Bern, Damaskus, Riad oder Rabat!

Bild: extra 3

Es gibt (Stand Mittwochabend) in Köln 106 Anzeigen gegen junge Männer arabischer beziehungsweise nordafrikanischer Herkunft. Drei Viertel davon wegen sexueller Übergriffe, zwei wegen Vergewaltigung. Alice Schwarzer nennt dies auf ihrem Blog in gewohnter Übertreibung die Kölner «Gang-Bang-Party». Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagt, Frauen sollen «eine Armlänge Abstand» zu ihnen unbekannten Personen halten und in der Gruppe bleiben.

Das hat nicht sie erfunden, das ist ein Jahrzehnte alter Rat der Polizei. Auch, dass frau flache Schuhe tragen soll, um schneller fliehen zu können. Das sind Dinge, die man als Frau angesichts von allen besoffenen Männern instinktiv macht oder machen möchte. Dinge, die man in einem Gedränge von Tausenden, in einem Club oder in einer S-Bahn allerdings vergessen kann. Die Männer von Köln, sagen jetzt männliche Psychologen, waren nur gelangweilt und mussten Dampf ablassen. Aha. Und wer hat ihnen beigebracht, dies an Frauen auszulassen? Ihre Mutter?

Auch für den Kölner Karneval soll es «Verhaltensweisen für Frauen und junge Mädchen» geben.

Was Henriette Reker hätte sagen müssen, ist dies: «Leute, no fucking way ist die Herabwürdigung und Belästigung von Frauen bei uns zulässig, wir leben nicht in einer Kultur, die sich den Übernamen ‹Rape Culture› gibt. Und es ist eine verdammte Schande, dass 143 anwesende Polizeibeamte lieber nach eventuellen Rohrbomben von möglichen Terroristen in Abfalleimern suchen, anstatt die Typen in die Schranken zu weisen.»

Was Henriette Reker zwischen den Zeilen gesagt hat, ist die älteste Botschaft, seit es Feminismus gibt: Alles bleibt, wie es war. Weil Frauen sowieso immer selbst schuld sind. Frauen sind Frauensache. Der ganze Kampf um Gleichberechtigung ist Frauensache. Eine Vergewaltigung ist konsequenterweise auch Frauensache. Auch für den kommenden Karneval wollen die Oberbürgermeisterin und der Polizeipräsident jetzt nochmals extra «Verhaltenshinweise für Frauen und junge Mädchen» herausgeben. Mal hoffen, dass sie die Sache mit der Armlänge und dem Wegrennen in flachen Schuhen bis dahin kapiert haben.

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