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Aktivist Hamza Makhchoune im Videocall-Interview. bild: watson

Interview

Schwulenjagd per App: Wie es in Marokko zu Zwangsoutings kam

Eine marokkanische Influencerin warb auf Instagram dafür, Datingapps herunterzuladen, um schwule Männer im muslimischen Land zu outen – mit fatalen Folgen.

steven meyer



«Wir sollten Homosexualität nicht akzeptieren», sagte Sofia Taloni in ihrem Instagram Live-Video. Die marokkanische Influencerin, die trans ist und nicht in Marokko, sondern in der Türkei lebt, machte so Mitte April online Stimmung gegen schwule Männer in ihrer Heimat. Doch nicht nur das: Sie erkläre ihren Followern, wie sie sich standortbezogene Datingapps wie Grindr oder Planetromeo herunterladen, um anschliessend schwule Männer zu outen:

«Die Apps zeigen dir Menschen, die in deiner Nähe sind – 100 Meter, 200 Meter oder auch nur einen Meter von dir entfernt in deinem Wohnzimmer.»

Schwule Männer fürchten sich seither vor einem Zwangsouting, die beliebte Influencerin mit ihren mehr als 600'000 Followern startete damit während der Corona-Krise eine fatalen Aufruf, dem viele folgten. «Jetzt, wo alle zuhause sind, könnte die App dir deinen Ehemamnn im Schlafzimmer oder deinen Sohn im Badezimmer anzeigen», sagte sie.

Als Reaktion auf das Video wurden Gruppen auf Facebook gegründet, in denen Screenshots der Profilfotos schwuler Männer ohne deren Genehmigung gepostet wurden. Medienberichten zufolge wurden schwule Männer von ihren Familien verprügelt und aus der Wohnung geworfen, die New York Times berichtet von bis zu 100 Männer, die in Folge des Videos geoutet wurden. Der marokkanische Journalist Hicham Tahir berichtete zudem von einem schwulen Mann, der in Rabat Suizid beging, nachdem sein Profilbild einer Dating-Seite auf Social Media geteilt wurde.

Hamza Makhchoune ist, seitdem die Influencerin Sofia zu Zwangsoutings aufgerufen hat, Teil einer Instagram-Gruppe, die online versucht, Männer zu unterstützten, die nach der Veröffentlichung des Videos geoutet wurden.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

https://www.facebook.com/DynamiqueTrans/

Ein Beitrag geteilt von Stop Outing (@stop.outing) am

Er erzählt im Videocall-Interview mit watson:

«Wir bekamen Nachrichten von Männern, die aus ihrer Wohnung geworfen wurden.»

Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen koordinierte er Übernachtungsmöglichkeit quer über das nordafrikanische Land hinweg. Es schrieben aber auch immer mal wieder Männer, die darüber nachdachten, sich das Leben zu nehmen. Hamza kann das verstehen. «Ich habe früher selbst darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen», erzählt er. Er könne sich deshalb in die Männer hineinversetzen und wisse, was er sagen müsse, um sie davon zu überzeugen, es nicht zu tun.

In Marokko ist schwuler Sex per Strafgesetzbuch illegal und kann mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. In dem nordafrikanischen Land kommt es im Zusammenhang mit homosexuellen Handlungen immer wieder zu Verhaftungen. Noch im Februar 2019 wurden acht Personen in Folge einer – lediglich symbolischen – homosexuellen Hochzeitsfeier festgenommen. Aufgrund der homofeindlichen Stimmung im Land sind Datingapps für schwule Männer oft die einzige Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen.

Hamza ist 21 Jahre alt, lebt in Fès bei seinen Eltern und ist selbst schwul. Seine Familie schmiss ihn nicht raus, anders als die Familien vieler anderer schwuler Marokkaner. Seine Schwester sprach es an, weil Hamza sich, schon bevor das Video der Influencerin auf Instagram veröffentlicht wurde, online für queere Menschen im Land stark machte. Er macht aus seiner sexuellen Orientierung kein Geheimnis, betreibt Online-Aktivismus und versucht, Menschen auf Instagram über sexuelle Orientierungen und Identitäten aufzuklären. Deshalb landeten auch bereits Todesdrohungen in seiner Mailbox. Er reagiere aber immer gelassen, Angst hätte er nicht. Deshalb antworte er immer offensiv: «Danach schreiben sie nicht mehr zurück.»

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Hamza Makhchoune. bild: zvg

Die Probleme sind grösser als das Video einer Influencerin

Die Datingseite Planetromeo reagierte schnell und informierte alle 41.000 User im Land über die Gefahr durch das Instagram-Video. Die Seite blockte ausserdem alle Profile, die zum Zeitpunkt des Live-Videos erstellt wurden und informierte Facebook über das Mobbing in marokkanischen Gruppen. Facebook gab bekannt, reagieren zu wollen und problematische Inhalte der Gruppen gegebenfalls zu löschen. Für viele schwule Männer kam das allerdings schon zu spät.

Doch was bringt Sofia, die selbst Teil der queeren Community ist, dazu, schwule Männer zu denunzieren?

In einem Video erklärte sie, dass sie als trans Frau von schwulen Männern ausgelacht wurde, als sie sich Brüste machen liess:

«Ich wollte es ihnen zurückzahlen.»

Mittlerweile hat sie sich für die Folgen ihres Videos entschuldigt. Sie habe nicht vorgehabt, schwule Männer mit ihrem Video auszugrenzen. Vielmehr habe sie dazu beitragen wollen, Homosexualität im konservativen Land zu normalisieren. Ihr Profil auf Instagram wurde mittlerweile vom Konzern gelöscht.

Hamza hofft darauf, dass der Influencerin die Einreise nach Marokko verweigert wird. Hoffnung für queere Menschen im Land habe er dagegen nicht. Die Probleme der queeren Community seien grösser als die Videos einer einzelnen Influencerin:

«In Marokko sind wir noch Lichtjahre davon entfernt, Fortschritte zu machen.»

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60 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Evan
14.06.2020 13:40registriert October 2015
"Die marokkanische Influencerin, die trans ist und nicht in Marokko, sondern in der Türkei lebt, machte so Mitte April online Stimmung gegen schwule Männer in ihrer Heimat."
Sie ist trans und macht Stimmung gegen Schwule Männer? Was?
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Bambusbjörn aka Planet Escoria
14.06.2020 14:28registriert June 2018
Ein Grund mehr, wieso ich Influencer nicht leiden kann.
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Coffeetime ☕
14.06.2020 13:23registriert December 2018
Ganz schlimme Aspekte von etwas, was sich "social" Media nennt.
Manche dürften einfach nicht in die Tasten hauen. Nacher die Konsequenzen bereuen, ist zwar gut, aber der Schaden ist bereits angerichtet 🤦🏻‍♀️
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60

«Homosexuelle haben Recht auf Familie» – Papst befürwortet eingetragene Partnerschaft

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