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In this Saturday Dec. 21, 2019 photo, people walk behind a concert stage created from shipping containers and painted by local graffiti artists, during the MDL Beast Festival, a three-day musical extravaganza in Riyadh, Saudi Arabia. The festival was the kingdom's most eye-popping effort yet at showcasing the dramatic changes taking hold in this country, where more than half of the 20 million citizens are below the age of 25. While the social changes ushered in by Crown Prince Mohammed bin Salman have been sweeping, so too is his crackdown on criticism and political expression. (MDL Beast via AP)

Besucher am MDL Beast in Riad, Saudi-Arabien, 21. Dezember. Bild: AP

Wie Schauspieler, Models und Influencer in die saudische PR-Maschinerie eingespannt werden

Saudi-Arabien will sein Image in der Welt verbessern – mittels Insta-Kampagnen und prestigeträchtigen Events. Etliche Stars besuchten am vergangenen Wochenende das MDL Beast Festival in Riad – und werden nun dafür kritisiert, dass sie nicht auf die Menschenrechtslage im Königreich eingegangen sind.



Das MDL Beast Festival hatte alle Merkmale eines richtig grossen Musikfestivals. Das Line-Up umfasste klingende Namen wie David Guetta und Steve Aoki. Auf der Gästeliste standen Supermodels (Joans Smalls und Alessandra Ambrosio) und Schauspieler (Armie Hammer und Ed Westwick), dazu gab es jede Menge fancy Gesichtsfarben und Neonlicht – wie es sich eben für ein kommerzielles EDM-Festival so gehört.

Aber die Veranstaltung fand nicht etwa in der Wüste von Kalifornien oder Nevada statt. Sondern ... ihr erratet es: in Riad, Saudi-Arabien. Das Festival, das über das vergangene Wochenende stattfand, bezeichnet sich als «grösstes Musikevent der Region». Den teilnehmenden Berühmtheiten wird nun aber vorgeworfen, Teil der PR-Maschinerie des Golf-Königreichs zu sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass westliche Prominente und Influencer dafür kritisiert werden, dass sie für Saudi-Arabien als Reiseland werben. So wurde etwa Wawrinka vorgeworfen, eine Marionette der saudischen Regierung zu sein, als er für ein Turnier nach Riad reiste.

Erst im September öffnete Saudi-Arabien seine Grenze für nichtmuslimische Touristen. Aber nicht nur die Einreisebestimmungen wurden im Königreich gelockert, auch andere Gesetze wurden für ausländische Gäste ausser Kraft gesetzt – so dürfen etwa unverheiratete ausländische Paare neuerdings Hotelzimmer buchen und weibliche Alleinreisende dürfen Zimmer mieten.

Nach diesen Verbesserungen für Touristen sind auch zunehmend Influencer bereit, für bezahlte Partnerschaften ins Königreich zu reisen und dafür einige Posts für ihr Millionenpublikum zu verfassen. Über die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen wird dabei jeweils geschwiegen.

Schauspieler Armie Hammer beispielsweise kommentierte: «Das MDL Beast ist grossartig!»

Der Journalist Yashar Ali fragte auf einen von Hammers Posts: «Hast du Jamal Khashoggis Leiche gefunden, als du dort warst?» Podcast-Host und Schriftstellerin Aminatou Sow bezeichnete auf Twitter die Influencer-Kultur als «schamlos» und wunderte sich, welche PR-Agentur wohl für das «Image Rehab» verantwortlich sei.

Laut einer Instagram-Story von Model Theodora Quinlivan lehnte Emily Ratajkowski – die mehr als 24 Millionen Follower hat – eine bezahlte Reise zum Festival ab. Ihre Begründung: Die besorgniserregende Menschenrechtslage – insbesondere für LGBTQ-Menschen.

«Cashing big fat checks in exchange for #content creation (aka propaganda) to rehabilitate the image of Saudi Arabia.»

Diet Prada

Der Account «Diet Prada» kritisierte die Tätigkeiten der Influencer als einer der ersten. Der Insta-Account hat mit seiner kritischen Betrachtung der Modebranche mittlerweile schon 1,6 Millionen Follower angesammelt. «Grosse fette Scheine einkassieren für #contentcreation (aka Propaganda) um das Image Saudi-Arabiens zu rehabilitieren», schrieb der Account

Gegenüber «Diet Prada» führte dann Model Ratajkowski ihre Entscheidung, nicht ans Festival zu gehen, näher aus: «Es ist mir sehr wichtig, meine Unterstützung deutlich zu machen für die Rechte der Frauen, der LGBTQ-Gemeinschaft, der Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Medien. Ich hoffe, diesbezüglich mehr Aufmerksamkeit auf die dort vorkommenden Ungerechtigkeiten zu lenken.»

Der Autor und Herausgeber Phillip Picardi, der zuvor als digitaler Redaktionsleiter der Teen Vogue gearbeitet hat, war ebenfalls kritisch. Zu den Insta-Storys der Stars und Influencer sagte er, er sei «extrem, zutiefst enttäuscht, Menschen auf meinem Instagram-Feed zu sehen, die im Rahmen der Image-Rehabilitationskampagne des Königreichs nach Saudi-Arabien gereist sind.»

Auch Models wie Irina Shayk schienen von dem angeblichen Fehlverhalten des Königreichs nicht beunruhigt zu sein.

Später schrieb er: «Ein Grossteil der Botschaften der Bildunterschriften dreht sich darum, SA als verändert und akzeptierend darzustellen, und die Reisen scheinen mit der Regierung oder dem Tourismusbüro koordiniert zu sein. Man kann diese Art von Botschaften nicht wirklich ‹kaufen›.»

Under anderem Smalls, Hammer, Westwick, Amy Jackson und Ambrosio haben alle Inhalte des Festivals gepostet, ebenso wie Halima Aden, eines der ersten Hijab-tragenden Models, das bei einer grossen Modelagentur unter Vertrag genommen wurde. Unklar ist aber, wer alles dafür bezahlt wurde. Nur Ambrosio und Aden gaben bekannt, dass sie dafür bezahlt wurden, Inhalte zu posten. Letztere sperrte im Nachhinein die Kommentarspalte, weil sie von zu vielen negativen Kommentaren geflutet wurde.

Das Festival findet mehr als ein Jahr nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul statt. Die Spuren führten ziemlich bald ins saudische Königshaus. Kronprinz Mohammed leugnete aber immer wieder, dass er persönlich den «Tötungsbefehl» erteilt habe.

Der Kronprinz hat eine Öffnung des Köngreichs eingeleitet, die es Frauen erlaubt, ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds zu reisen, eine Ehe zu registrieren und der gesetzliche Vormund der Kinder zu sein.

Es gibt jedoch immer noch Regeln, die die Zustimmung des Mannes erfordern, beispielsweise wenn eine Frau das Gefängnis verlassen, aus einem Heim für häusliche Gewalt ausziehen oder heiraten will. Frauen können, anders als Männer, die Staatsbürgerschaft immer noch nicht an ihre Kinder weitergeben und keine Zustimmung zur Heirat ihrer Kinder geben. (jaw)

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