International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
FILE - In this Tuesday, Feb. 10, 2015 file photo released by the Syrian official news agency SANA, Syrian President Bashar Assad gestures during an interview with the BBC, in Damascus, Syria. Assad says he would be

Assads zynischer Plan: Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben.  Bild: AP/SANA

«Todeslager» Jarmuk war schon zu Assads Zeiten ein finsterer Ort 

Seit der Eroberung durch den «Islamischen Staat» blickt die Welt erschrocken auf Jarmuk. Uno-Generalsekretär Ban spricht von einem «Todeslager». Dabei hat das Assad-Regime die Menschen in dem Stadtteil von Damaskus schon seit Jahren ausgehungert.

Christoph Sydow / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wer es nach Jarmuk schaffte, hatte Glück im Unglück. In wenigen Orten des Nahen Ostens war es für palästinensische Flüchtlinge einfacher, sich nach der Vertreibung ein neues Leben aufzubauen. 1957 richtete die syrische Regierung das Lager am südlichen Stadtrand von Damaskus ein. Die Vereinten Nationen bauten Krankenhäuser auf, internationale Geldgeber sorgten für Kindergärten und Schulen.

Aus dem Flüchtlingscamp wurde ein Stadtteil mit mehrstöckigen Gebäuden, mit Cafés und Geschäften. Heimat für etwa 150'000 Menschen. Da waren zwar die Hinweisschilder mit dem Schriftzug «Lager Jarmuk», aber äusserlich unterschied sich das zwei Quadratkilometer grosse Viertel kaum von anderen Stadtteilen in Damaskus.

Das ist vorbei. Heute ist Jarmuk im vom Bürgerkrieg verwüsteten Syrien noch schlimmer getroffen als andere Orte. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht von einem «Todeslager», die verbliebenen rund 16'000 Flüchtlinge lebten «im schwärzesten Loch der Hölle».

In der vergangenen Woche überrannten Kämpfer der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) das Viertel. Sie gingen rücksichtslos gegen Einwohner vor, die sich ihnen in den Weg stellten, mehrere Männer wurden enthauptet.

Mit der Eroberung durch den IS ist die Weltöffentlichkeit schlagartig auf das Schicksal der Menschen in Jarmuk aufmerksam geworden. Doch ihr Leiden hat lange vorher begonnen. In der Geschichte des Lagers verdichtet sich nämlich die Geschichte des syrischen Bürgerkriegs in den vergangenen vier Jahren.

Bomben auf Jarmuk

Das Assad-Regime hat seit Jahrzehnten die «Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando» (PFLP-GC) in Jarmuk regieren lassen. Syriens Führung kontrolliert und finanziert die Organisation, die für zahlreiche Anschläge in Israel verantwortlich ist. Als in Syriens Städten Zehntausende gegen die Regierung protestierten, gingen auch in Jarmuk Palästinenser auf die Strasse, die sich nicht länger von der PFLP-GC als Assads verlängertem Arm drangsalieren lassen wollten.

Im November 2011 brannte eine aufgebrachte Menge das Hauptquartier der PFLP-GC in Jarmuk nieder. Deren Milizionäre erschossen 14 Protestierer. In der Folge schlossen sich palästinensische Assad-Gegner der oppositionellen «Freien Syrischen Armee» (FSA) an.

Ende 2012 brachen heftige Kämpfe zwischen FSA und PFLP-GC aus. Assads Armee kam seinen Verbündeten zur Hilfe. Die Luftwaffe bombardierte Jarmuk, das nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt liegt. Trotzdem gelang es den Aufständischen nach wochenlangen Gefechten, den Grossteil des Viertels unter Kontrolle zu bringen.

Residents of Syria's Yarmuk Palestinian refugee camp, south of Damascus, collect aid food on August 22, 2014. The death toll from the war in Syria has topped 191,000, UN rights chief Navi Pillay said , criticising

Wenige Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, aber eine ganz andere Welt: Das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus. Bild: FP

Das syrische Regime reagierte mit kollektiver Bestrafung. Die Armee riegelte Jarmuk weitgehend ab, grosse Teile des Viertels sind seit mittlerweile mehr als zwei Jahren ohne Strom und Wasser. Lebensmittel und Medikamente gelangen nur auf Schleichwegen in das Lager.

Ende 2013 gab es die ersten Hungertoten. Die Menschen fingen an, Gras zu pflücken, um ihre Familien zu ernähren. Im Februar vergangenen Jahres machte ein Fotograf der Vereinten Nationen ein Foto in Jarmuk, das um die Welt ging. Nach Monaten war es dem Uno-Hilfswerk für die Palästinenser gelungen, Lebensmittel in das Viertel zu bringen. Tausende Menschen standen Schlange. Assads Regime hatte Jarmuk schon damals in ein Todeslager verwandelt.

Wie in anderen Teilen Syriens auch, kämpften bald verschiedene Milizen um Macht und Einfluss. Radikale Islamisten, säkular orientierte Gruppen und palästinensische Pro-Assad-Einheiten stritten rücksichtslos um die Kontrolle über die zwei Quadratkilometer grosse Trümmerlandschaft in Damaskus.

Sammelbecken Islamischer Staat

Das zynische Kalkül des Regimes ging auf: Die ausweglose Lage hat mehr und mehr junge Männer in Jarmuk in die Arme des IS getrieben. In der Hoffnung auf Unterstützung von der militärisch stärksten Miliz in Syrien, nahmen Palästinenser aus Jarmuk Kontakt zum IS auf und schlossen sich der Terrormiliz an.

Bei der Eroberung des Stadtteils Anfang April hatten IS-Kämpfer, die das Lager von Süden angriffen, so Hilfe von Einwohnern vor Ort. Darunter sollen auch Dschihadisten gewesen sein, die vorher in Reihen der Nusra-Front gekämpft hatten. Der syrische Ableger von al-Qaida ist eigentlich der Erzfeind des IS.

Der einzige Profiteur dieser verheerenden Lage ist Assad. Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben. Dabei ist ihm das Schicksal der eingeschlossenen Menschen egal. Der Diktator hat ihnen monatelang jede Hilfe verweigert, und erst in der vergangenen Woche warfen seine Truppen aus Hubschraubern Fassbomben auf den Stadtteil ab.

Eingekeilt zwischen Assads Truppen und dem IS bleibt für die Menschen in Jarmuk kaum noch Hoffnung.

Zusammengefasst: Die Menschen in dem palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus leiden seit Jahren. Das Assad-Regime hat sie von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Ausgerechnet der Diktator bietet sich nun an, das Viertel aus der Gewalt des «Islamischen Staats» zu befreien. Damit würde sein zynischer Plan aufgehen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

1 Kommentar
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1

Vor 50 Jahren entführten Terroristen eine Swissair-Maschine – 2 Crew-Mitglieder erzählen

1970 entführten Mitglieder der «Volksfront für die Befreiung Palästinas» drei Flugzeuge in die jordanische Wüste. Die Schweizer Geiseln mussten eine Woche in Gefangenschaft ausharren und um ihr Leben fürchten.

Flammen erleuchteten die pechschwarze Nacht vor den schmalen Kabinenfenstern der Swissair-Maschine DC-8. Beta Steinegger und Jean Michel Weiss wussten nicht, wo sie sich befanden. Eigentlich hätten die Flugbegleiterin und der Flugbegleiter zu dem Zeitpunkt in New York ihre Passagiere verabschieden sollen. Stattdessen flogen sie auf eine improvisierte Landefläche zu. Die Feuer dienten dem Piloten zur Signalisation.

Sand wirbelte auf, als die Räder der Maschine aufsetzten. Es roch verbrannt, aus …

Artikel lesen
Link zum Artikel