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A mock wedding between a 12 years old child bride and her 37 years old fiance is staged in Oslo on October 11, 2014. The wedding is part of a campaign against child marriage. Plan Norge, a local branch of the global organization Plan, is behind the awareness campaign.      AFP PHOTO / AUDUN BRAASTAD / NTB SCANPIX / NORWAY OUT

In Oslo soll die «gestellte» Hochzeit zwischen einer 12-Jährigen und einem 37-Jährigen das Bewusstsein für Kinderhochzeiten steigern.  Bild: NTB SCANPIX

Wenn die Braut Zahnspange trägt – Kinderhochzeiten in Indonesien

Armut, Religion, sozialer Druck – in Indonesien ist es gang und gäbe, dass Mädchen verheiratet werden. Manche Braut ist sogar erst elf Jahre alt. Unter den Folgen leidet das ganze Land.



Wie das so ist, am vermeintlich schönsten Tag des Lebens: Es fliessen Tränen. In Indonesien ist das bei Hochzeiten auch nicht anders als im Rest der Welt.

Yasinta Amelia jedenfalls kann sich nicht mehr zurückhalten, nachdem sie Muhammad Misbah, jetzt ihr Ehemann, in einer einfachen muslimischen Zeremonie das Jawort gegeben hat. Die ziemlich dick aufgetragene Schminke zerläuft.

Aber das ist nicht das Besondere hier. Was für jemand, der aus der Ferne kommt, viel auffälliger ist: Die Braut trägt Zahnspange. Amelia ist erst 16, ein Kind noch.

Indonesien – mit etwa 250 Millionen Einwohnern nicht nur der grösste Inselstaat der Welt, sondern auch der Staat mit den meisten Muslimen – gehört zu den Ländern, in denen Kinderhochzeiten immer noch gang und gäbe sind.

MANIKGANJ, BANGLADESH - AUGUST 20: 32 year old Mohammad Hasamur Rahman poses for photographs with his new bride, 15 year old Nasoin Akhter, August 20, 2015 in Manikganj, Bangladesh.  In June of this year, Human Rights Watch released a damning report about child marriage in Bangladesh. The country has one of the highest rates of child marriage in the world, with 29% of girls marrying before the age of 15, and 65% of girls marrying before they turn 18. The detrimental effects of early marriage on a girl cannot be overstated. Most young brides drop out of school. Pregnant girls from 15-20 are twice as likely to die in childbirth than those 20 or older, while girls under 15 are at five times the risk. Research cites spousal age difference as a significant risk factor for violence and sexual abuse. Child marriage is attributed to both cultural tradition and poverty. Parents believe that it

Bangladesh: Der 32-jährige Mohammad Hasamur heiratet die 15-jährige Nasoin Akhter. Bangladesh gehört zu den Ländern mit den höchsten Kinderhochzeits-Raten. 29% der unter 15-Jährigen sind bereits verheiratet.  Bild: Getty Images AsiaPac

1,3 Millionen Minderjährige verheiratet

Hier wird jedes vierte Mädchen verheiratet, bevor es 18 ist. Im Jahr 2012 – so die jüngste offizielle Statistik der Regierung – waren es mehr als 1,3 Millionen. Nach Einschätzung von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, hat sich daran in den vergangenen Jahren nichts geändert, obwohl Indonesien im Bildungswesen und in der Wirtschaft Fortschritte machte.

In der weltweiten Kinderhochzeiten-Statistik von UNICEF liegt das Land auf Platz sieben. Nach hiesigem Recht können Männer erst mit 19 Jahren heiraten; Mädchen dagegen – nach einem Gesetz aus dem Jahr 1974 – bereits mit 16.

Wenn die Moschee-Verantwortlichen zustimmen, ist dies sogar noch früher möglich. Die Eltern müssen dazu eine Sondererlaubnis von einem Religionsgericht einholen. Manche Braut ist erst elf. Immer wieder kommt es vor, dass die Familien über das wahre Alter lügen.

«Viele arme Eltern verheiraten die Töchter so früh, um ihre wirtschaftliche Not zu verringern.»

Listyowati, Mitglied NGO für Frauenrechte

Sorge vor Schwangerschaft

Bei Amelia mit ihren 16 Jahren hat letztlich die Mutter die Entscheidung gefällt – aus Sorge, dass die Tochter vor der Ehe schwanger werden könnte. Für die Familie, die in einer zutiefst muslimischen Gegend in Cipayung lebt, im Westen der Insel Java, hätte dies eine Schande bedeutet.

«Wir sind schon eine ganze Weile zusammen», sagt Amelia unter ihrer dicken Schminke und ihrem Schleier, nachdem die Tränen getrocknet sind. «Deshalb ist es besser für uns, keine sündigen Dinge zu tun und zu heiraten. Sonst reden die Nachbarn schlecht über uns.»

Das ist in den meisten Fällen aber keineswegs der einzige Grund. «Viele arme Eltern verheiraten die Töchter so früh, um ihre wirtschaftliche Not zu verringern», sagt Listyowati, die Vorsitzende von Kalyanamitra, einer Nichtregierungsorganisation, die für Frauenrechte kämpft.

«Aber sie sind sich nicht im Klaren darüber, dass das einen neuen Kreislauf der Armut in Gang setzt: Wenn Mädchen unter 18 heiraten, bringen sie ihre Schulbildung seltener zu Ende. Und sie werden häufiger Opfer von häuslicher Gewalt.»

Wie die Bevölkerung auf das YouTube-Experiment «Child Marriage» reagierte, seht ihr hier ... 

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Video: YouTube/Coby Persin

Grosser Einfluss der Religion

Die vielen Teenager-Hochzeiten tragen auch dazu bei, dass Schwangerschaften in Indonesien häufiger tödlich verlaufen als anderswo. UNICEF hat ausgerechnet, dass das Wirtschaftswachstum deshalb um 1,7 Prozentpunkte niedriger ausfällt. Manche argumentieren auch, dass das Hochzeitsgesetz im Widerspruch zu einem anderen indonesischen Gesetz steht, wonach man bis 18 noch Kind ist.

Aber alle Versuche, das Hochzeitsalter für Mädchen heraufzusetzen, hatten bislang keinen Erfolg. Der grosse Einfluss der Religion macht die Sache noch komplizierter.

Vor zwei Jahren wies das Verfassungsgericht eine Petition mit der Begründung ab, dass der Islam und andere Religionen kein Mindestalter für Braut und Bräutigam vorsähen und die Pubertät ein Indiz dafür sei, dass Mädchen hochzeitsreif seien.

Zudem spielt Tradition eine Rolle. «Die Auffassung, dass Frauen, wenn sie nicht früh heiraten, eine alte Jungfer werden, ist weit verbreitet», sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Hilfsorganisation Oxfam, Antarini Arna. «Das wäre dann beschämend für ihre Familien und sie selbst. Deshalb zwingt man Mädchen zur Heirat. Und deshalb sind sie auch dazu bereit.» (sda/dpa)

Auch ein Video von UNICEF macht auf Kinderhochzeiten aufmerksam

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Video: YouTube/UNICEF

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