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A supporter of President Donald Trump listens to him speak at a campaign rally at Central Wisconsin Airport, Thursday, Sept. 17, 2020, in Mosinee, Wis. (AP Photo/Evan Vucci)
Donald Trump

Bild: keystone

Wie Donald Trump die Wissenschaftler mundtot machen will

Der US-Präsident will einen Impfstoff um jeden Preis – auch um den Preis der Wahrheit.



In seinem Roman «The Second Sleep» schildert Robert Harris eine zukünftige Welt, in der die Errungenschaften der Aufklärung wieder zunichte gemacht werden. Die Wissenschaft wird als Ketzerei verurteilt, die Religion ist wieder allmächtig.

So absurd wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist diese Dystopie keineswegs. In den USA werden Wissenschaftler derzeit immer häufiger das Opfer von Attacken des Präsidenten und seiner Anhänger.

So schrieb Holden Thorp, der Chefredaktor der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Zeitschrift «Science», kürzlich in seinem Editorial, sein Land befinde sich «wohl im beschämendsten Moment in der Geschichte der US-Wissenschaftspolitik».

Thorp bezieht sich dabei auf die inzwischen legendären Tonbänder des Journalisten Bob Woodward. Aus ihnen geht klar hervor, dass sich der Präsident schon sehr früh bewusst war, wie gefährlich das Coronavirus sei. In einem Interview mit der Zeitschrift «Wired» erklärt Thorp deshalb:

«Das in seiner eigenen Stimme zu hören, ist etwas vom Niederschmetterndsten, das der Wissenschaft passieren konnte. Nicht niederschmetternd im Sinne von was die Wissenschaft leisten kann, sondern psychisch niederschmetternd. (…) All die Dinge, die Trump und seine Anhänger erklärt haben, erweisen sich nun nicht nur als falsch. Sie haben dies auch gewusst. All den Mist, mit dem sich die Wissenschaftler befassen musste, sei es von den News oder ihren Familien, die Fox schauen – all diese Dinge, dass wir angeblich die Welt sabotieren wollen und all die Lügen: Sie wurden vom Präsident der Vereinigten Staaten persönlich verbreitet.»

Im Visier des Präsidenten stehen derzeit vor allem die Wissenschaftler des Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Dieses Institut galt bis anhin als wissenschaftlicher Goldstandard in Fragen der Krankheitsbekämpfung und Pandemien.

Trump weiss, dass das Coronavirus zu seinem schlimmsten Gegner bezüglich der Wiederwahl im November geworden ist. Er will deshalb weniger Tests und weniger Fallzahlen, und er will Wirtschaft und Schulen öffnen, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

epa08671693 An employee at Shakespeare & Co. holds out the new book by Bob Woodward 'Rage', in New York, New York, USA, 15 September 2020. The book is released after recordings during interviews with US President Donald J. Trump became public, in which he recognized that he underestimated intentionally the gravity of the coronavirus pandemic.  EPA/PETER FOLEY

Stellt den Präsidenten bloss: «Rage», das neue Buch von Bob Woodward. Bild: keystone

Diese Ziele lassen sich nicht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen unter einen Hut bringen. Das CDC hat sich bereits mehrmals gegen die politischen Interessen des Präsidenten gestellt. Deshalb hat das Weisse Haus nun einen Tabubruch begangen, wie er bisher unvorstellbar war. Die «New York Times» hat enthüllt, dass Angestellte des Department of Health und Human Services (HHS) eigenmächtig die CDC-Website verfälscht haben.

Mit anderen Worten: Politkommissare des Präsidenten haben ohne Wissen der Wissenschaftler an deren Forschung herumgefummelt und sie in ihr Gegenteil verkehrt. Ebenso haben sie ohne Erlaubnis der Wissenschaftler einen Text auf die CDC-Webside geladen, der die sofortige Öffnung der Schulen empfiehlt.

«Die Vorstellung, dass jemand vom HHS Richtlinien schreibt und sie unter dem Banner des CDCs veröffentlicht, ist zutiefst erschreckend», erklärt dazu der ehemalige CDC-Direktor Richard Besser.

Robert Redfield, der aktuelle CDC-Direktor, ist eine schwache Persönlichkeit und versucht, einem Konflikt mit Trump möglichst aus dem Weg zu gehen. Doch selbst dieser Redfield ist nun ein Opfer des präsidialen Zorns geworden. Grund: Er hat es gewagt, in einem Hearing vor dem Senat auszusagen, dass ein Impfstoff für die Massen wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres verfügbar sein werde.

Das widerspricht der frohen Botschaft, die Trump täglich in die Welt hinausposaunt: Noch vor den Wahlen werde dieser Impfstoff zur Verfügung stehen, und zwar massenhaft. Der Präsident will offenbar so eine sogenannte «Oktober-Überraschung» erzwingen, ein Ereignis, das im letzten Moment die Wahlen noch zu seinen Gunsten kippen lässt. Deshalb hat Trump Redfield in aller Öffentlichkeit wie einen Schulbuben abgekanzelt.

Centers for Disease Control and Prevention Director Dr. Robert Redfield pauses while speaking at a Senate Appropriations subcommittee hearing on a

Geht Konflikten mit dem Präsidenten aus dem Weg: CDC-Direktor Robert Redfield. Bild: keystone

Auch in der Frage eines möglichen Impfstoffes lässt sich Trump nicht von wissenschaftlichen Bedenken stoppen. Unter dem Code-Wort «Operation Warp Speed» hat er ein Programm auf die Beine gestellt, das einen solchen Impfstoff auf Biegen und Brechen erzwingen will.

Ein gefährliches Unterfangen: Impfstoffe werden in gesunde Menschen gespritzt. Ein Panne kann daher unabsehbare Folgen haben, und die Testverfahren lassen sich kaum beschleunigen.

Allmählich wächst jedoch Widerstand gegen Trumps Kriegszug gegen die Wissenschaft. Olivia Troye, eine Mitarbeiterin des Stabes von Vizepräsident Mike Pence, ist soeben zurückgetreten. Sie war Mitglied der Taskforce gegen das Coronavirus und hat dort eine wichtige Stellung eingenommen.

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Sagt gegen Trump aus: Olivia Troye. Video: YouTube/CNN

Troye ist nicht nur zurückgetreten, sie hat auch schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten erhoben. Er sei kaum je an den Sitzungen der Taskforce erschienen, und wenn, dann habe er sich vor allem über seine schlechte Behandlung durch die Medien beklagt. Zudem habe er erklärt, er sei froh, dass er wegen des Virus nun nicht mehr die Hände seiner Fans schütteln müsse. Diese Fans habe er übrigens als «schreckliche Menschen» bezeichnet.

Vor allem ist es Troye, einer lebenslangen Republikanerin, um die Sache gegangen. Gegenüber der «Washington Post» erklärte sie:

«Die Rhetorik des Präsidenten und seine Angriffe gegen die Leute in den eigenen Reihen, welche die Arbeit verrichten, und die Verbreitung von falschen Narrativen und nicht korrekten Informationen bezüglich des Virus haben seinen Kampf gegen dieses Virus zu einem Fehlschlag werden lassen.»

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