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epa07943574 Police drive the lorry container along the road from the scene in Waterglade Industrial Park in Grays, Essex, Britain, 23 October 2019. A total of 39 bodies were discovered inside a lorry container in the early hours of this morning, and pronounced dead at the scene.  EPA/VICKIE FLORES

Der Lastwagen, in dem 39 Tote aus China gefunden wurde, wird von einem Polizisten aus dem im östlich von London gelegenen Waterglade Industrial Park gefahren. Bild: EPA

Essex: Warum starben 39 Menschen aus China in einem Container?

Die Armut in China ist in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen. Das Volk ist heute so mobil wie nie zuvor. Dennoch werden Menschen aus dem Land geschmuggelt.

Felix Lee, Steffen Richter / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Zwar hat Chinas Botschaft in London noch nichts bestätigt: Aber die 31 Männer und acht Frauen, die auf einem Kühllaster im britischen Essex erfroren sind, waren eindeutig chinesische Staatsbürger. Davon gehen die britischen Behörden fest aus. Die Herkunft der 39 macht den Fall so ungewöhnlich.

Zwar ist nach offiziellen Angaben die Zahl der Migranten, die illegal in Frachtcontainern und Lkws nach Grossbritannien geschmuggelt werden, im vergangenen Jahr gestiegen. Doch die wenigsten davon stammen aus China. Der Fall in Essex dürfte die Ermittler also überrascht haben. Denn anders etwa als Krisenstaaten wie Syrien, Afghanistan oder verarmte Länder Afrikas gehört China schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu den Ländern, aus dem die Menschen in grosser Zahl auf illegalem Weg ins Ausland flüchten.

Der Fall von Essex erinnert an ein schreckliches Ereignis im englischen Hafen von Dover im Jahr 2000. Damals entdeckt die Polizei 58 tote Chinesen in einem Lastwagenanhänger. Die Menschen waren in dem verschlossenen, defekten Kühlcontainer während der Fährfahrt über den Ärmelkanal erstickt; nur zwei überlebten. Wegen der qualvollen Hitze hatten sich die Opfer ihre Kleider vom Leib gerissen. Dass solche Fluchtgeschichten aus China weniger geworden sind, hat Gründe: In den vergangenen 19 Jahren hat sich die ökonomische Situation in China stark verbessert. Zudem ist die individuelle Mobilität heute eine ganz andere als noch im Jahr 2000.

Wirtschaftsmigration findet primär innerhalb Chinas statt

Damals lag das Durchschnittseinkommen bei unter 1'000 US-Dollar – im Jahr. Inzwischen hat es sich verzwölffacht und liegt umgerechnet bei über 12'000 US-Dollar. Während um die Jahrtausendwende noch knapp 400 Millionen der insgesamt 1.3 Milliarden Einwohner der Volksrepublik unter der von der Weltbank definierten Armutsgrenze lebten, also kaufkraftbereinigt von weniger als 1.90 Dollar am Tag, ist die absolute Armut in der Volksrepublik heute quasi verschwunden. Es gibt in China heute kaum noch Menschen, die unter Hunger leiden.

Wirtschaftsmigration findet in China in den vergangenen Jahrzehnten primär innerhalb des Landes statt. Sie geht vom Landesinneren in Richtung der prosperierenden Küstenstädte. Zwar liegt die offizielle Zahl dieser sogenannten Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter – Menschen vom Land, die vom Status in China weiterhin als Bauern gelten, jedoch auf der Suche nach besser bezahlten Arbeitsplätzen in die Industriezentren Chinas ziehen – offiziell immer noch bei rund 400 Millionen. Doch viele von diesen Binnenmigranten sind keineswegs mehr arm, sondern haben Arbeit in der Industrie oder im städtischen Dienstleistungssektor. Sie verfügen über eigene Wohnungen, Autos und ein festes Einkommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihnen der Staat die vollen Rechte eines Stadtbürgers geben wird.

Auch heute gibt es in China noch Armutsregionen. Sie liegen in den nach wie vor unterentwickelten Provinzen in Zentralchina, in Henan, Anhui, Shanxi, Shaanxi sowie im Südwesten des Landes, in Guangxi, Hunan und Yunan. Existenzielle Not hat aber auch in diesen Provinzen stark abgenommen.

Für heutige Verhältnisse auch ungewöhnlich ist die Tatsache, dass die 39 verstorbenen Chinesen nicht als Touristen nach Grossbritannien kommen wollten, sondern sich in einem Container versteckt haben. Um die Jahrtausendwende war es für die meisten Chinesen noch sehr schwierig, aus China auszureisen. Westliche Länder hatten strikte Visabestimmungen für Chinesen. Wer nicht einen Studienplatz, ein nachweisbares Forschungsvorhaben, einen gut dotierten Job, einen hohen Vermögensbetrag oder die Bürgschaft naher Verwandte im Ausreiseland nachweisen konnte – für den war es fast unmöglich, ein westliches Land zu bereisen. Das ist inzwischen leichter geworden.

Zudem machte die Volksrepublik die Ausreise schwer. Die übergrosse Mehrheit der Chinesen hatte gar keinen Reisepass. Ab 2003 erst erlaubte die chinesische Führung schrittweise die Ausreise von Bürgern der wohlhabenderen Städte Peking, Shanghai und Guangzhou, den sogenannten erstrangigen, First-Tier-Städten. Nach und nach erlaubte sie den Erwerb von Reisepässen auch den Bewohnern von Second-Tier- und Third-Tier-Städten. Erst seit 2014 ist es für eine relativ grosse Zahl von chinesischen Bürgern möglich, ins Ausland zu reisen. Die chinesischen Reisegruppen an den meisten Touristenstandorten der Welt können dennoch täuschen: Es sind nach wie vor unter 15 Prozent der Chinesen, die einen Reisepass haben.

Es ist also grundsätzlich möglich, einen Reisepass zu bekommen, weshalb der Versuch, ins Ausland zu gehen, um dort illegal zu arbeiten, einfacher und sicherer mit einem Touristenvisum und per Flugzeug ist als versteckt in einem Frachtraum. Menschenhandel mit Chinesen ist dennoch ein Thema in Grossbritannien.

Die Londoner Tageszeitung Guardian berichtete von einer Rechtsanwältin, die Chinesen vertritt, die Opfer von Schleppern wurden. Die Chinesen und Chinesinnen würden meist auf britischen Flughäfen ankommen und dort gleich von Menschenhändlern abgeholt und irgendwo in ausbeuterischer Weise zu einer Arbeit gezwungen oder in ein Bordell gebracht. Viele von ihnen hätten in der Heimat Schulden gemacht und würden von den Gläubigern zur Ausreise gezwungen, um die Schulden abzuarbeiten. Anderen wurden schlicht Versprechen auf attraktive Jobs im westlichen Ausland gemacht.

Die britischen Behörden haben in ihrem Jahresbericht Annual Report on Modern Slavery von 2018 China neben Albanien, Vietnam und Nigeria als eines der Hauptherkunftsländer für solche illegalen Arbeitskräfte identifiziert, die in Grossbritannien sklavenartig ausgebeutet werden. Warum ausgerechnet Grossbritannien ein auffällig beliebtes Ziel für illegale Arbeitsmigration ist, hat dabei viel mit dessen Kolonialgeschichte zu tun und damit, dass es schon früh ein globalisiertes Land war. Flüchtlinge finden dort heute Familienangehörige, Mitglieder der gleichen Religionsgruppe oder Communities mit Landsleuten, wie eben auch Chinatowns.

Auswanderung von China nach Grossbritannien ist also – trotz der stark sinkenden Armutsraten – bis heute eine Option. Bei manchen sind Verzweiflung und Not offenbar so hoch, dass sie sich auf Menschenhändler einlassen. So wie die 39 Toten von Essex.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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