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Zum Glück gibt es heute keinen Sexismus mehr in der Werbung.
bild: via dailymail

Kommentar

«Und was ist mit den Männern?!» Das Schreckgespenst Feminismus geht wieder um 

Nein, liebe Männer. Manchmal dürfen auch einfach mal die Frauen über ihre Sache reden, ohne euren Belangen Gehör zu schenken.



Der Artikel 19 Beispiele dafür, dass unser Frauenbild viel gesitteter ist als das des «schwarzen Mannes»* hat einen Schwall an vorrangig erbosten Kommentaren ausgelöst. Sie kamen von Männern, die sich am Vergleich von sexistischen Werbeplakaten mit den sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln aufgeregt haben. Obwohl da überhaupt kein expliziter Vergleich stattgefunden hat.

«Mit solchen Verharmlosungsversuchen macht Ihr Euch lächerlich. Werbung und sexueller Missbrauch sind zwei ganz verschiedene Schuhnummern!»

watson-User atomschlaf

Niemand verharmlost hier Köln. Es war vielmehr der Versuch, die Frauen in der Köln-Diskussion wieder in den Fokus zu rücken. Denn um sie geht es in erster Linie. Es geht um sexuelle Gewalt an Frauen. Um ihre Ohnmacht. Um Sex. Um ihre Sexualisierung. Und damit auch immer um das Bild, das von ihr vermittelt wird. Um ihre Rolle in der Gesellschaft, wie man so schön sagt. 

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bild: emma

«Es geht darum, aufzuzeigen, dass Belästigung für Frauen Alltag ist. Auch ohne Köln. Das wird sonst so gern totgeschwiegen.»

watson-Userin Rhabarber

«Ja, vollzogene sexuelle Übergriffe sind sehr viel schlimmer und durch nichts schön zu reden. Und es tut trotzdem gut, das eigene Bild der Geschlechterrollen und der übergriffigen Sexualität regelmässig zu spiegeln. Wann sind letztes Mal die besorgten Bürger mit ähnlicher Vehemenz auf die Strasse gegangen gegen Übergriffe innerhalb der religiösen Institutionen des ach so gelobten Abendlandes?»

watson-User Tell99

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Dieses Bild hat watson-User/in (?) Zerpheros zur Diskussion beigesteuert. 

Köln ist die Startnummer, die wir der Frauensache traurigerweise auf den Rücken kleben müssen, damit sie in der Medienarena vielleicht eine Chance hat, gesehen zu werden.

Warum rechtfertige ich mich überhaupt?

«Feminismus artet immer mehr zur Rosinenpickerei aus. Wo sind die Frauenquoten für Kanalarbeiter? Wo die Dienstpflicht? Wo der Vaterschaftsurlaub? Wo die Gleichberechtigung bei Trennung und Scheidung?»

watson-User ULTIMALATET

Dreht sich ein Artikel über (sexuelle) Gewalt an Frauen, kommt sofort der Aufschrei: «Und was ist mit den Männern!?!» Nein, nicht alle von euch sind gewalttätige Verbrecher. Das sagt doch niemand. Und ja. Auch den Männern widerfährt Gewalt.

«Was Frauen wie Rhabarber nicht verstehen, ist, dass es auch Männer gibt, die Opfer sind von weiblicher Gewalt, Unterdrückung und Psychospielen.»

watson-User ULTIMALATET

«Es gibt alle Jahre die Statistik der Übergriffe in der Schweiz, und die zeigt, dass halt leider mehr Männer Opfer von Gewaltverbrechen werden als Frauen.»

watson-User stadtzuercher

Dennoch wollen wir jetzt einfach mal über Frauen reden. Seltsam, dass ich das mache, wo ich doch während meiner Studienzeit keine grosse Feministin war. Ich hab mir keine politischen Gedanken über mein Geschlecht gemacht, ich war immer in der luxuriösen Position, einfach frei zu sein. Mit sechzehn bin ich auf Motorräder von fremden Männern gestiegen und durch fremde Länder gebraust. (Na gut. Eigentlich war es nur ein Mann und ein Motorrad. In Italien.) Es ist nichts passiert. Wahrscheinlich hatte ich Glück. Denn ein Gespür für Gefahren hatte ich nicht. Oder vielleicht war es mir auch einfach egal. Ich wollte Erfahrungen machen wie ein Mann. 

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Dot Smith auf ihrer Harley, 1939. Sie gehörte zu den «Motor Maids», einer weiblichen Biker-Organisation in San Francisco.
bild: silodrome

Gender-Studentinnen habe ich immer belächelt. Was soll denn das? Studiert doch einfach Geschichte, ihr Idiotinnen, hab ich gedacht, was wollt ihr denn von dieser rein geschlechtlichen Perspektive auf die Welt bitte lernen? 

Jetzt weiss ich – nach der Lektüre von Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht» haha –, dass ich irgendwie recht hatte damit. Aber aus einem anderen Grund: Die Geschichte der Menschheit wurde von Männern geschrieben. Das soll kein Vorwurf an die Männer sein, es geht hier nicht um blöde Schuldzuweisungen. Natürlich gab es ein paar historisch relevante Frauen. Königinnen wie Katharina die Grosse, Victoria, Elisabeth oder Maria Stuart. Doch sie waren Herrschergestalten. Ihr Geschlecht spielte keine Rolle. 

«Niemals haben die Frauen eine Kaste für sich gebildet, und tatsächlich haben sie niemals in ihrer Eigenschaft als Frauen eine Rolle in der Weltgeschichte zu spielen versucht. [...] Soweit sie in den Lauf der Geschichte eingegriffen haben, geschah es in Übereinstimmung mit den Männern.»

Simone de Beauvoir, «Das andere Geschlecht» (1949)

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Suffragettendemonstration in New York City, 1912. Die Geschichte des Feminismus wurde in einem von Männern abgesteckten Rahmen geschrieben.
bild: wikipedia

Am Anfang der Menschheitsgeschichte steht der Mann vor einem grossen Rätsel: Frauen. Sie gebären. Sie erschaffen Leben. Sie sind auf magische Weise mit der Natur verbunden. Unheimlich und gleichzeitig verehrungswürdig. Langsam fängt der Mann an, die Welt zu erobern. Erst mit kleinen Werkzeugen. Dann mit dem Pflug. Er befruchtet die Ackerfurchen, die Mutter Erde, die Frau. Er erfindet und entdeckt. Er wird Mensch, Homme, Mann.

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Priapos, der griechische Fruchtbarkeitsgott mit dem mächtigen Gemächt. Dieser Fresko stammt aus Pompeji.
bild: wikipedia

Während der Mann also aktiv seine Schöpferkraft (oder ja, symbolisch natürlich seinen Phallus) erkennt, bleibt die Frau durch die Geburt an ihren Körper gebunden. Sie verharrt passiv in der Natur, während der Mann diese mit seinem Geist unterjocht. 

«Es gibt ein gutes Prinzip, das die Ordnung, das Licht und den Mann, und ein schlechtes Prinzip, das das Chaos, die Finsternis und die Frau geschaffen hat.»

Pythagoras

Dieses aristotelische und später christliche Bild der unfertigen, mangelhaften, passiven und empfangenden Frau hat sich lange gehalten. Sogar die Wissenschaft ging diesem schwer zu entzaubernden Mythos auf den Leim. 1694 zeichnete der Holländer Hartsoeker den Homunculus: Das kleine, bereits vollständige Menschlein im Spermium. 

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Hartsoekers Darstellung des Homunculus, 1694.
bild: wikipedia

Die Aufgabe des Uterus beschränkt sich darauf, den Homunculus zu nähren. Und selbst als mit der Erfindung des Mikroskopes tierische Eier untersucht werden konnten, hielt man bis ins 19. Jahrhundert daran fest, deren Trägheit im Gegensatz zur Beweglichkeit der Spermien zu beweisen.

Die Sache der Frau habe im Gegensatz zu Revolutionen immer nur symbolischen Charakter gehabt, schreibt Simone de Beauvoir: 

«Sie haben nur erreicht, was die Männer ihnen zugestanden haben; sie haben nichts genommen, sondern nur hingenommen.»

Simone de Beauvoir, «Das andere Geschlecht»

Und jetzt?

Ja, Simone de Beauvoir ist alt und tot. Sie hat ihr Buch 1949 geschrieben. Damals hat Werbung noch so ausgesehen:

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Beitrag der watson-Userin Menel. Die Werbung stammt aus dem Jahr 1951.
bild: menel

Die Zeiten haben sich geändert. Und wenn watson-User ULTIMALATET von einem «Rosinenpicker-Feminismus» spricht, dann meint er hoffentlich diesen überkorrekten, floskelhaften Kampf um Gleichberechtigung. Den Aufschrei, wenn man mal nur von Studenten statt von Studentinnen spricht. Frauen, die im Namen des Feminismus auf einen abgewetzten Teppich menstruieren. Ich will auch nicht in einer Welt leben, in der man keine dummen Frauenwitze wie der Nobelpreisträger Tim Hunt mehr machen kann, ohne dabei um seine Ämter gebracht zu werden. Aber ich will auch keine Welt, in der man sich dafür rechtfertigen muss, dass man sexuelle Gewalt an Frauen diskutiert, ohne ständig die Männerbelange miteinzubeziehen. 

Denn solange solche Aussagen gemacht werden, solange ist auch Simone de Beauvoir nicht tot: 

«Wer sich mit Frauen etwas auskennt, weiss: der Drang, sich auszustellen und für ihr Aussehen Aufmerksamkeit zu erhalten, ist überwältigend. Darum wollen auch so viele Mädels modeln oder sind Instagram-Post- und Like-süchtig. Jaja, Triebfedern des Feminismus sind Hass und Neid unattraktiver Frauen auf die attraktiven Frauen und die Männer, die nur diese attraktiven Frauen beachten. Howgh.»

watson-user Smart as Hell 

Nur mal angenommen, Smart as Hell hat recht, befinden wir uns tatsächlich noch immer im Zustand der Hörigkeit – und ohne den Mann läuft gar nichts. 

«Das wirtschaftliche Privileg, das die Männer besitzen, ihre soziale Geltung, die Vorrangstellung der Ehefrau, der Nutzen männlicher Protektion, das alles bringt die Frauen dazu, dass sie sich glühend wünschen, den Männern zu gefallen. Im Grossen und Ganzen befinden sie sich noch im Zustand der Hörigkeit.»

Simone de Beauvoir, «Das andere Geschlecht»

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