Leben
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Wie Henrik* jahrelang die Schläge seiner Frau über sich ergehen liess

Henrik erträgt die Schläge seiner Frau. Erst durch die Intervention der Nachbarn beschliesst er, auszuziehen. Dies ist kein Einzelfall, doch die Betroffenen schweigen meist aus Scham.

Cornelia Schlatter / ch media



Ein dumpfer Schmerz durchzuckt Henrik (Name geändert). Ein Blick auf den Wecker, es ist 3 Uhr nachts. Die Fäuste fliegen, ein regelrechter Faustregen prasselt auf ihn nieder, wie so oft grundlos, aus dem Tiefschlaf. Henrik versucht, ruhig zu bleiben und wehrt sich nicht, denn er ist überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert.

Er versucht sich mit Armen und Händen zu schützen. Trotzdem trifft ihn ein harter Faustschlag mitten ins Gesicht, die Nase knackt, es wird ihm schwindlig. Danach beginnt ihn seine Frau zu beschimpfen und anzuschreien. Er hofft, dass die Kinder nicht aufwachen, denn er möchte ihnen diesen Anblick ersparen. Zu oft wurden sie schon Zeugen dieser hässlichen Szenen.

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Gewalt gegen Männer ist seltener körperlich gefährlich, aber umso mehr psychisch zerstörerisch. bild: shutterstock

Henrik ist einer von rund 2000 Männern in der Schweiz, die gemäss Bundesamt für Statistik jedes Jahr Opfer häuslicher Gewalt ihrer Partnerinnen werden – durch psychische und physische Misshandlung. Frauen waren 2011 mit 8600 Fällen vier mal mehr betroffen. Die Zahlen sind seit 2009 relativ konstant.

Weil die Männer seltener Opfer häuslicher Gewalt werden, ist das Bewusstsein dafür in der Öffentlichkeit kaum da. Deshalb lässt sich auch die Dunkelziffer nur schwer schätzen. Doch Oliver Hunziker, Präsident vom «ZwüscheHalt», der Stelle für männliche Opfer von häuslicher Gewalt, sagt: «Viele Menschen lösen Konflikte immer noch mit Gewalt. Frauen sind davon nicht ausgenommen.»

Wenns passiert, erhalten Männer kaum Verständnis

Trifft es Männer, dann heisst es jedoch schnell: «Männer, die sich schlagen lassen, sind selbst schuld!» Oliver Hunziker gibt aber zu bedenken: «Würden sie die Hand erheben und sich wehren, was ein natürlicher Reflex wäre, dann würde der Spiess schnell umgedreht, und sie stünden als Schläger und somit als Täter da.» Viele Männer wehren sich auch nicht, weil sie Angst haben, sie könnten ihre Kinder verlieren, wenn sie ihre Partnerin verlassen würden. Und viele wehren sich nicht, weil sie sich schämen.

«Die Drangsalierungen und Herabwürdigungen führen zur psychischen Zerstörung des Mannes.»

Sie harren darum bei ihren Frauen aus und lassen verbale und körperliche Gewalt über sich ergehen und erdulden über Jahre hinweg Erniedrigungen bis hin zu Todesdrohungen. Der Verlust der eigenen Würde ist dabei das Schlimmste, bestätigt «ZwüscheHalt»-Präsident Hunziker. Er sagt: «Bei männlichen Opfern geht es selten um Leib und Leben, was aber nicht heisst, dass sie keine Wunden davontragen. Die Drangsalierungen und Herabwürdigungen führen zur psychischen Zerstörung des Mannes.» Der Mann als Opfer hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Sogar wenn ein Mann seinen ganzen Mut ­zusammennimmt und zur Polizei geht, wird ihm nicht selten suggeriert: «Hey, kannst du dich eigentlich nicht wehren!?» Das sei fatal, gibt Hunziker zu bedenken, denn viele Männer ­würden sich dann sofort zurückziehen.

Hier gibt es für Männer Hilfe und Schutz

Männer in Henriks Situation können zum Beispiel beim Verein «ZwüscheHalt» Hilfe suchen. Dieser eröffnete 2009 in der Nähe von Aarau das erste Männerhaus, welches gewaltbetroffenen Männern Unterschlupf bietet. Weitere «ZwüscheHalt»-­Männerhäuser gibt es in den Kantonen Bern und Luzern. 2017 suchten schweizweit 29 Männer mit 6 Kindern Schutz beim Verein «ZwüscheHalt» – insgesamt waren es rund 1650 Übernachtungen in allen drei Häusern. Infos auf www.zwueschehalt.ch. Auch das www.mannebuero.ch unterstützt Männer bei Eheproblemen. Zurzeit wird das Männerhaus im Aargau in einem reduzierten Betrieb geführt, da die Immobilie verkauft wurde und bislang noch kein geeigneter neuer Standort gefunden werden konnte. Gemäss Präsident Oliver Hunziker wären statistisch fünf Männerhäuser in der Schweiz erforderlich. Und während die Frauenhäuser einen Sockelbeitrag erhalten und mittels eines Leistungsvertrages staatlich unterstützt werden, erhalten die drei Männerhäuser bis heute keinen einzigen Franken. (cs) (aargauerzeitung.ch)

Die Polizei konnte er nicht von seiner Sicht überzeugen

Henrik hat den Absprung nach elf Jahren nun endlich geschafft, nicht zuletzt dank dem beherzten Eingreifen der Nachbarn brachte er den Mut auf, seine Frau bei der Polizei anzuzeigen. Die Nachbarn hatten jahrelang die wüsten Szenen aus dem Haus mitangehört und mitangesehen und Henrik mehr als einmal im Dorf herumirren sehen, wenn er mal wieder fluchtartig das Haus verlassen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Sie haben ihn ermutigt und ihm den Rücken gestärkt. Er ist schliesslich ausgezogen und hat seine beiden Kinder bei seiner Frau zurückgelassen. Er hat sein schönes Zuhause in einem gepflegten Einfamilienhaus aufgegeben und gegen eine einfache Wohnung getauscht. Der Preis, den er dafür bezahlt, ist hoch, denn er hat alles verloren, was ihm lieb war.

«Meine Ex-Partnerin muss an einer psychischen Störung leiden, da sie äusserst impulsiv, aggressiv, unberechenbar und unkontrolliert handelt.»

Die Mutter hat es offenbar stets geschafft, die Polizei glauben zu lassen, dass sie das eigentliche Opfer ist. Doch ­wenigstens ist Henrik nicht mehr den täglichen Gemütsschwankungen und der Willkür seiner Ehefrau ausgeliefert, die ihn dazu brachte, alle Sozialkontakte abzubrechen. Über Jahre hat sie Geburtstagskarten und Briefe seiner Eltern und Familie weggeworfen, bevor Henrik sie zu Gesicht bekam, nie durfte ihn jemand aus Familie- und Freundeskreis besuchen.

Henrik kämpft sich heute zurück ins Leben. Er knüpft wieder Kontakt zu seinen Eltern, Geschwistern und alten Freunden. Doch ganz abschütteln wird er die Vergangenheit noch lange nicht, denn zurzeit läuft das Trennungsverfahren. Henrik steht vor der Entscheidung, sein Recht einzufordern, seine Kinder besuchen zu dürfen. Wäre dies im Sinn der Kinder? Er ist unsicher, denn er weiss, dass sie vor jedem Treffen von der Mutter negativ beeinflusst und bei der Rückkehr einem Verhör unterzogen werden.

Der Kampf um die Kinder ist nicht einfach

Um seine Kinder kämpfen fällt ihm auch schwerer, weil er Ausländer und mit der Kindsmutter nicht verheiratet ist. Henrik wohnt schon lange hier und hat einen festen Job.

«Meine Ex-Partnerin muss an einer psychischen Störung leiden, da sie äusserst impulsiv, aggressiv, unberechenbar und unkontrolliert handelt», vermutet Henrik. Er hatte ihr mehrmals vorgeschlagen, sich behandeln zu lassen.

Henrik will die Hoffnung nicht aufgeben, dass seine Kinder, wenn sie etwas älter sind, wieder zu ihm finden. Dann, wenn sie reif genug seien, zu verstehen, wieso ihr Vater sie verlassen musste, und dass er sie trotzdem immer geliebt habe und gerne Teil ihres Leben gewesen wäre.

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Promis werden Opfer von häuslicher Gewalt: #StopViolenceAgainstWomen

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