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«American Apparel»-Gründer so: «Mit Mitarbeiterinnen zu schlafen, ist unvermeidlich»

Bild: AP/AP

Das US-Modelabel «American Apparel» hat vor zwei Jahren seinen CEO und Gründer gefeuert. Jetzt ist das Label tot. Der Gründer will nun eine neue Firma aufbauen und dabei bewusst in die selben Fallen tappen. 



Dank ihm fühlten sich Provinzkinder plötzlich kreativ. Er wickelte sie ein, in Rollkragenpullis und Miniröcke aus Samt, High-Waist-Jeans und Plateauschuhe. Die Rede ist von Dov Charney, dem Gründer des Modelabels «American Apparel» und dem mutmasslichen Erfinder des Hipsters. Der Mann, der um seine sexuellen Phantasien auszuleben, ein weltweites Modeimperium aufbaute; mit Kleidern, die nur ein Typ tragen konnte. Sein Typ: Dünne, lange, mehrheitlich weibliche Twenagers

Dov Charney hatte eine klare Vision, als es die Firma 1997 gründete. Er wollte die Jugendmode Nordamerikas revolutionieren. Er war besessen von dieser Idee und hat sie letztlich auch umgesetzt. Sein Label «American Apparel» (AA) gilt als das einflussreichste Modehaus der 00er-Jahre. Nicht nur in Übersee, sondern auch in Europa. In der Schweiz gab es bloss zwei AA-Filalen, doch die rudimentären und meist unifarbenen Stücke beeinflussten den Still aller anderen grossen Bekleidungshersteller, von H&M bis C&A und so weiter, massgeblich mit. 

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Dov Charney – hat er auch das Spiegel-Selfie erfunden? bild: wikimedia

Charneys Vorteil gegenüber seinen Grosskonkurenten: Er produzierte jegliche Ware in den USA, zu fairen Bedingungen und verkaufte sie zu mehr oder weniger erschwinglichen Preisen. Ein gefundenes Fressen für die aufsteigende Generation des Yuppie-Nachwuchs, die sich an retroesker, schmucker und ethisch vertretbarer Kleidung ergötzt. Man muss sich eingestehen, das Charney damals echt einen Nerv getroffen hat. Er ist gewissermassen eine Art Hipster-Gründungsvater.  

Doch der gebürtige Kanadier hat auch Dreck an der Nähmaschine. «American Apparel»-Klamotten sitzen eigentlich nur einem Typ Menschen. Witzigerweise ist das genau der Typ Mensch, der Charney auch sexuell anzieht. Zufall? Eher nicht.

2014 wurde er aus der eigenen Firma rausgeschmissen, weil er es mit den schwindenden Diskrepanzen zwischen ihm, dem 48-jährigen CEO, und den 19-jährigen Models/Praktikanten/«inspirierenden Jugendlichen» etwas zu weit getrieben hatte. Charney hatte Sex mit ihnen. Viel Sex. Das dementiert er in keiner Weise. Doch die Nachrichten, die er seinen Liebschaften schrieb («Dein Arsch auf dem Werbebild ist die perfekte Wichsvorlage» oder «Daddy kann es nicht erwarten, mit seinem blonden Saft-Kätzchen zu spielen»), waren – um es milde auszudrücken – ein bisschen unangebracht. Spätestens als er ein halbes Dutzend Klagen am Hals hatte und auf seinem Rechner Videos einer Orgie, die in seinem Büro mit ein paar Angestellten stattfand, musste sich seine Firma als «Image-Gründen» von ihm trennen. Zwei Jahre später meldete «American Apparel» weltweit Insolvenz an. 

«Ich schwöre, ich könnte jetzt meinen Schwanz rausholen und niemand würde mir das übelnehmen.»

Dov Charney jewish journal

Charney macht mittlerweile wieder dasselbe, wie er früher schon trieb. Einfach bei einer neun Firma, die er kreativerweise «Los Angeles Apparel» (LAA) nennt. Bei LAA macht Charney alles gleich wie bei AA. Gleiches Konzept, gleicher Stil, gleiches Verhältnis zu seinen Angestellten.

Hadley Freeman vom The Guardian besuchte ihn in seiner neuen Fabrik. Aus ihrer Visite entstand ein absurd langes und unstrukturiertes Interview, das in gleichem Masse verwundert und befremdet. Hier also eine Paraphrase davon.

Eine alte «American Apparel»-Werbung: Eine halbnackte Frau, Charneys nackter Oberkörper und – naja – eine Beule. bild: pd

Alter Gott in junger Welt

Er sei etwas gar bemühend und verzweifelt gewesen, schreibt Freeman zu Beginn ihrer langen Ekel-Reportage und macht damit schon mal klar, dass ihr der Typ eh schon suspekt ist. Sie meint damit den Versuch Charneys so frisch und jung auszusehen, wie die Leute, die für ihn arbeiten. «Schau mich an, ich kleide mich schon, als befände ich mich in einer Klapse. Von oben bis unten in weiss», scherzt der Modeschöpfer der Guardian-Journalistin zu. Diese reflektiert seine Selbstbezeichnung in ihrem Artikel so: «Irrenhaus, ernsthaft? – Der Typ sieht aus, als wäre er irgendjemandes Onkel Martin aus Miami, der zu enge T-Shirts trägt und glaubt, eine Ray-Ban-Brille relativiere sein Alter.»

Gegen seine hippe Erfolgscrew sieht Onkel Martin, also Dov Charney, denn auch wirklich alt aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Beim gehetzten Spaziergang durch die Fabrik zeigt er im Halbminutentakt auf junge Männer und nennt der Journalistin die irritierende Job-Bezeichnungen ebendieser. Alle sind sie «Head of» irgendetwas Strategischem oder Gestalterischem. Aussehen tun sie alle wie Models. Auch der Typ, der die zwei Interviewpartner mit Smartphone und Selfie-Stick permanent begleitet, schaut wie aus dem Katalog aus. Das sei «für Content» lässt sich Freeman sagen und denkt sich: «So what?»

Eine Art perverser Steve Jobs der Modewelt

Doch für ihre Fragen, der Grund, wieso sie eigentlich hier ist, gibt es fast keine Zeit. Charney eilt umher, telefoniert am einen und textet am anderen Telefon. Er kümmert sich um seine 350 Angestellte, die fast alle schon bei «American Apparel» für ihn gearbeitet haben und nun bei «Los Angeles Apparel» dasselbe für ihn tun. Und Charney, der geniesst das alles unglaublich fest.

«Wieso?», fragt sich Freeman eingehend und immer wieder. «Wieso wollen all diese Leute immer noch für einen Typen arbeiten, der mehrfach wegen sexueller Belästigungen angezeigt wurde? Wieso?» Die Antwort erschliesst sich ihr schnell: Er ist charismatisch, verbal stark, hat eine Vision (wenn auch seit 20 Jahren dieselbe) und geht fair mit seinen Arbeitern um. In der Tat eine Art Steve Jobs der Modebranche. Einfach Perverser. «Es gibt hier fast keine Hierarchien und auch fast keine Tabus», behauptet Charney.

«Vor Frauen zu masturbieren ist extrem unterbewertet. Es ist eine sehr günstige Gelegenheit für die Frau. Sie kann zusehen, es ist eine sinnliche Erfahrung und kein Mann kann auf diese Weise einer Frau wehtun.»

Dov Charney gegenüber claudine co

Tabus waren ihm nämlich schon immer zuwider. Er provoziert gerne. Zum Beispiel mit Werbekampagnen. Wie in der einen, auf deren Bilder Frauen in provokativen, sexuellen Posen inszeniert werden und Charney belustigt daneben liegt.

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bild: pd

Keine Grenzen, aber alle müssen halt schön sein

«Mister Charney», sagt Freeman seufzend, endlich ihr Interview beginnen wollend. – «Bitte, nenn mich Dov!», entgegnet ihr Charney und zitiert sie auf ein rotes Sofa in einer Raumnische. Bevor die Journalistin aus London dann endlich ihre erste Frage stellen kann, grabscht Charney unter dem Sofa einen weiteren Selfie-Stick hervor. Er möchte das Interview gerne aufzeichnen, er fände das immer so spannend, sich irgendwann mal anzuschauen, was er mal so gedacht hatte. «Für Content», versteht sich. Nun denn.

«Ich soll mich mässigen? Damit wir nicht in Schwierigkeiten geraten? Das ist Faschismus. Die bitten mich der Tyrannei zu erliegen!»

Don Charney über seinen Rausschmiss. Business week

«Dov, American Apperel ist tot. Quasi. Also zu einem Online-Shop verkümmert. Wieso sollte es nun noch einmal funktionieren?», fragt Freeman. 

«Hey, alles hat doch gut funktioniert. Bis mir die Geschäftsleitung plötzlich vorschrieb, ich dürfe nicht mehr in Unterwäsche durchs Atelier spazieren. Alle kreative Energie wurde vom Management getötet. Jetzt beginne ich nochmal. Wieso auch was Brillantes ändern, nur wegen ein paar blöden Sexismusanschuldigungen.»

Genau! Die « blöden Sexismusanschuldigungen». Die Journalistin hakt nach: «Es gibt Leute, die dich kritisieren, weil du nur gut aussehende Menschen unter dreissig einstellst.» Er entgegnet:

«Die verstehen das alle falsch. Ich brauche einfach Leute um mich, die mich inspirieren. Die den Zeitgeist verstehen. Das sind halt genau die Menschen, die hier arbeiten.»

«Und die findest du alle sexy», fragt die Journalistin, nach eigenen Angaben schon ein bisschen lethargiert. Und die nächste absurde Reaktion Charneys folgt:

«Mit Mitarbeitern zu schlafen, ist irgendwann unumgänglich. Das ist normal. Und gesund. Sonst ist man immer so angespannt.»

Aber 19-jährige Praktikantinnen seinen doch keine Mitarbeiter, insistiert Freeman: «Diese Menschen arbeiten für sie. Sie stehen unumgänglich in einem hierarchischen Verhältnis zu ihnen. Merken sie das nicht?»

Ich verurteile sexuelle Übergriffe. Punkt. Aber die Regierung hat mir nicht vorzuschreiben, wie ich mit den Menschen in meinem Umfeld umzugehen habe. Ich bin ein guter Arbeitgeber.

«Ohne Zweifel. Für die Bekleidungsindustrie sind sie punkto Arbeitsrecht ein Vorbild», stimmt Freeman zu. «Aber ist es nicht ein Paradox, dass sie zwar einen auf faire Produktion und Welt-Verbesserungs-Kram machen und gleichzeitig ein solch sexualisiertes Frauenbild an den Tag legen?»

«Hören sie, ich bin Liberalist. Auf radikale Art und Weise. Für mich darf es keine Grenzen geben. Keine nationalen, keine beruflichen und keine Sexuellen.»

«Man kann das Gender-Gedunse für eine Heuchelei halten. Fakt ist, zur Zeit ist es in aller Munde. Und von deinen hübschen jungen Menschen, die deine hübschen kleinen Kleider kaufen sollen, fahren viele darauf ab. Der Hipster, der sich nur um Fair-Trade schert, ist mittlerweile doch schon wieder ausgestorben. Solltest du dich nicht anpassen an eine neue, feministische Jugend

Bravo. Genau das ist das Problem der momentanen Gesellschaft. Nehmen wir Trump. Er ist ein Nationalist, hat keine Ahnung, wie man amerikanische Arbeitsplätze rettet und will die Umwelt zerstören. Das ist schlimm! Der Typ hat keinen Plan. Aber alle regen sich bloss auf, dass er ‹Grab 'em by the pussy› gesagt hat. Das ist scheinheilig. Hätte man meine Aussagen der letzten 10 Tagen aufgenommen, es tönte nicht anders, vielleicht sogar krasser.

Freeman beendet das Gespräch an diesem Punkt. Sie will weg. Beim Herausgehen laufen die beiden an einer Matratze vorbei. Charneys Matratze. Er wohnt zur Zeit in der Fabrik. Und arbeitet 24/7 an seiner neuen Welt, in der schöne, dünne, kreative Menschen aus dem Westen schöne Kleider für andere schöne, dünne, kreative Menschen aus dem Westen herstellen. Damit die ganze Welt irgendwann nur noch schön, jung und sexy aussieht. Ausser er. Aber ist ja Gott in dieser Welt.

Zudem ist die Matratze sehr praktisch für Charney. Er spart damit über eine Stunde Arbeitsweg, die er dafür verwenden kann, sich mit den vier laufenden Verfahren von sexueller Gewalt am Arbeitsplatz, die gegen ihn geführt werden, beschäftigt. Freeman schreibt in ihrem Artikel:

«Ich glaube, ich war die einzige in diesem Laden, die es ironisch fand, dass so ein Typ seine eigene Matratze im Büro stehen hat.»

Hadley Freeman

Das ganze irre Interview/ Reportage/ Selbstgespräch von Hadley Freeman findest du hier

Okay, vielleicht waren die 00er-Jahre, doch nicht nur von Charney beeinflusst:

Vielfältiges Körperbild – von wegen!

Video: srf/SDA SRF

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