Leben
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Meine Kindheit mit Zucker – ein Liebesbrief

Gunda Windmüller / watson.de



Neulich im Zug sass ein kleines Mädchen mit seiner Grossmutter hinter mir. Ich schaute gedankenverloren aus dem Fenster, als ich sie fragen hörte: «Du, Oma?! Gibst du mir ein Stück Obst? Denn nur Kekse sind ja auch nicht gesund.»

Was für ein erstaunlich aufgeräumtes Kind. Und so vernünftig!

Wir waren früher ganz anders. Meine Freundinnen und ich haben als Kinder zum Beispiel Pippi Langstrumpf gefeiert. Die marschierte in einer Episode mit ihren Freunden Annika und Tommy in einen Süsswarenladen. Und kaufte ihn leer. Anschließend verteilte sie den Süsskram unter der Dorfjugend, die sich darüber hermachte wie Schiffbrüchige über Wasser.

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#lifegoals hätten wir gedacht, hätte es damals schon Hashtags gegeben. Oder lifegoals.

Heute wachsen Kinder anders auf. Das hat mir das Mädchen im Zug gezeigt. Das höre ich aber auch von Freunden, die aus den Kitas ihrer Kinder erzählen. Ein Freund sagte, in der Kita seiner Tochter gebe es eine Hausordnung, die es verbiete, den Kindern Süssigkeiten mitzubringen.

Und neulich half ich einer Freundin, einen Kindergeburtstag zu organisieren, und sie erzählte, andere Eltern hätten sie im Vorfeld angerufen, um zu sagen, dass ihre Kinder keinen Zucker essen sollten. 

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Sicher. Nicht alle Eltern sind so streng und nicht alle Kitas sind zuckerfreie Zonen. Aber die Anti-Zucker-Lobby hat dennoch ganze Arbeit geleistet: Zucker ist out. Und ja, aus gutem Grund. Zucker ist schlecht für uns. Ungesund, süchtig machend. Zucker liefert leere Kalorien, macht im Übermass also dick. Ausserdem antriebslos und müde. Wer zuviel Zucker isst, kann Diabetes bekommen, oder Adipositas. Zucker ist nicht gut. Und versteckt in vielen verarbeiteten Lebensmitteln nehmen wir mehr davon zu uns, als wir sollten.

Das wussten wir als Kinder irgendwie auch schon, hat uns aber nicht gestört. Kinder heute allerdings scheinen zu wissen: Zucker ist fast schon moralisch böse.

Zucker ist schwierig. 

Aber Zucker ist auch großartig.

Denke ich an meine Kindheit, denke ich an Zucker. An meinen Geburtstagskuchen, der jedes Jahr der gleiche sein musste: Haselnuss mit Nougatguss und Gummibärchenverzierung. Meine Kollegin Julia bekam einen Schokokuchen mit Marzipandecke. Helena eine Benjamin-Blümchen-Torte. Wir haben fast alle solche Erinnerungen. Süsse Erinnerungen.

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Ich denke an die Biskuitrollen, die meine Mutter mit mir machte, wenn sie keine Zeit hatte und mir trotzdem eine schnelle Freude bereiten wollte. Kirschkuchen mit Früchten aus dem Garten und Puderzucker. Viel Puderzucker. Der Süssigkeitenschrank, aus dem ich mir ab und zu mal ein paar Lakritzschnecken rausnehmen durfte. Schokoküsse. Ab und an eine Limo und mit viel Glück spendierte der Spielplatzwärter eine Runde Kratzeis.

Wenn wir konnten, griffen wir zu. Und wenn wir träumten, dachten wir an Betten aus Zuckerwatte und Schokobrunnen.

Diagnose 2018: Was für süchtige kleine Zuckermonster!

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Und selbst mein zuckerverpapptes Hirn weiss: Man kann auch eine wundervolle Kindheit ohne Zucker haben. Etwas anderes zu behaupten wäre Quatsch. Aber was eben auch Quatsch ist: Dass Essen nur etwas mit Ernährung zu tun hat.

Denn Essen kann so viel mehr. Essen ist ein sinnliches Erlebnis. Es kann uns wärmen, trösten, befriedigen, anstacheln, Lust verschaffen. Essen kann glücklich machen. Ein bisschen, wirklich wahr!

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Aber unsere Beziehung zum Essen, das zeigt das Zucker-Beispiel, ist zunehmend kontrolliert. Das kleine Mädchen im Zug hat es bereits verinnerlicht. Es gibt gutes Essen und böses Essen. Denn beim Essen geht es um Gesundheit und Nährstoffe. 

Ja, stimmt. Aber, ganz ehrlich, wer sich bestmöglich mit Nährstoffen versorgen möchte, wäre sehr wahrscheinlich am besten mit Astronautennahrung beraten. Brrr.

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Und trotzdem: Wir Schweizer essen zu viel Zucker

Video: srf/SDA SRF

Diese 33 Bilder zeigen: Glaube nie, was auf der Verpackung steht

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