Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

montage: watson via shutterstock & tumblr

Interview

«Arbeitgeber sollten sich um BDSM-Menschen reissen» – Ralph H.* über Sex ohne Genitalien

Ralph H. (30) – der eigentlich anders heisst – steht auf Fesselspiele. Er sitzt im Vorstand der «IG BDSM» – einem deutschschweizerischen Verein, der sich um die Interessen von Menschen kümmert, die auf harte Weise miteinander intim werden. Sie bieten Workshops und sogenannte Playpartys an. Ralph H. sagt, BDSM habe ihm Dinge über Intimität beigebracht, die ihm im Alltag helfen.



Vielerorts ist BDSM als «perverse Spielerei» verpönt. Das hindert sie aber nicht daran ihrer Neigung zu frönen?
Ralph H.*: Genau.

Von was für Spielereien sprechen wir denn hier?
Also BDSM steht ja für viele verschiedene Dinge: Fesselspiele, Bestrafungen, Dominanz und Unterwerfung oder Sadomaso. Mein Ding ist am ehesten das Fesseln.

Wie muss man sich das vorstellen?
Du raubst jemanden die Bewegungsfreiheit. Du fesselt eine Person entweder ganz klassisch mit Seilen an ein Bett, schnürst den ganzen Körper zu und hängst sie an einem Haken an der Decke auf oder du wickelst deinen Partner komplett in Frischhaltefolie ein. Punkto Art und Weise setzt einem da nur die Phantasie eine Grenze.

Macht das nicht unheimliche Angst?
Ein bisschen schon. Aber das kann ja gerade der gesuchte Kick sein.

Aha.
Bei BDSM geht es um das Erfahren möglichst vieler und möglichst starker, aussergewöhnlicher Reize. Das ist eine Sinnesüberflutung. Man erlebt grenzwertige Eindrücke, visuelle und akustische Reize, Schmerz, Wut, Angst und Lust.

«Man kommuniziert miteinander auf eine rücksichtsvolle Art und Weise, wie es bei ‹Standard-Sex› fast nie der Fall ist.»

Ralph H.

Und dann hat man Sex – danach. Oder davor? Oder währendessen?
Nein! BDSM muss nichts mit Sex zu tun haben. Aber man kann natürlich während, vor oder nach einer Session Geschlechtsverkehr haben, sofern das alle beteiligten Personen wollen und es so abgemacht wird. Grundsätzlich geht es bei BDSM aber nicht um Sexualität, sondern um Intimität.

Jemanden gnadenlos auspeitschen = Intimität. Wirklich?
Schau, bei BDSM lernt man seinen eigenen Körper mit Hilfe von anderen unglaublich intensiv kennen. Man vertraut Körper und Geist mit all ihren tiefsten Gelüsten und ausschweifendsten Fantasien jemandem an. Zusammen bringt man sich dann bei, die eigenen Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen sehr akkurat zu formulieren. Man kommuniziert miteinander auf eine rücksichtsvolle Art und Weise, wie es bei «Standard-Sex» viel zu selten der Fall ist.

Tönt fast ein bisschen politisch.
In der Tat! Sexualität ist in unserer christlich geprägten Welt irgendwie noch immer ein Tabu-Thema und trotzdem wird einem klar vermittelt, dass man Sex haben muss. Im Sinne von: Wer keinen Sex hat, ist ein Versager. Bei all dieser Scheinheiligkeit habe ich das Gefühl, dass wir den intimen, den individuellen Zugang zu unserem Körper verloren haben. Sex läuft indes wie ein ruckhaftes Standardprozedere ab, während wir uns entschuldigen, wenn unser Ellenbogen im Tram einen fremden Rücken touchiert.

Ist BDSM also eine Art Revolte?
Hmm. Vielleicht eher so etwas wie Selbstermächtigung. Man pfeift darauf, dass es die Mehrheitsgesellschaft pervers findet, sich mit Windeln bekleidet auspeitschen zu lassen.

Sich mit Windeln bekleidet auspeitschen zu lassen, hat doch schon etwas Perverses. Das kannst du doch nicht leugnen?
Doch, kann ich. Pervers ist, was von der Norm abweicht. Ich weiss, bei sowas denkt man schnell an Pädophilie oder etwas Derartiges. Aber eigentlich ist dies in BDSM-Kontexten weitestgehend unproblematisch. 

Wieso?
Weil alle Beteiligten ihr Einverständnis geben; ergo alle daran Spass haben. Es gibt kein Schwimmen ohne Atmen. Denn Schwimmen ohne Atmen ist Ertrinken. Genauso auch beim BDSM. Es gibt kein BDSM ohne Einvernehmen. Denn wenn das Einverständnis fehlt, ist es nicht BDSM, sondern Vergewaltigung, Schändung, Körperverletzung, Freiheitsentzug etc.

«Man bedenke, dass in einem Rollenspiel ein ‹Nein› plötzlich zum ‹Ja› werden könnte.»

Ralph H.

Wie sieht das juristisch aus?
Dunkelgrau. Es ist klar, wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Aber was, wenn es beispielsweise um Sorgerechtsfragen geht? Ich denke, da kann dann eine Vorliebe für Fesselspiele schon gegen einen verwendet werden. Oder wenn jemand das Safeword vergisst!

Safeword?
Das ist das Wort, das man vereinbart, wenn es zu viel wird. Zum Beispiel «Laptop». Am besten etwas kurzes, zwei Silben und ein Begriff, der nichts mit der Sache zu tun hat, die man gerade macht. Man bedenke, dass in einem Rollenspiel ein «Nein» plötzlich zum «Ja» werden könnte. Deshalb so ein Safeword.

Da wären wir wieder bei der Rücksicht. Denkst du, dass BDSM die neue, bessere, schönere Art von Sex sein kann?
Das kann man so nicht sagen.

Wie könnte man es dann sagen?
Wenn alle Menschen beim Sex mehr auf Intimität achten würden, so wie wir BDSM'ler das tun, dann könnte das definitiv eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft haben. Aber dazu braucht es eine Gegenfrage: Was ist Sex?

Stimmt. Also, was ist Sex?
Ich glaube, Sex wird viel zu oft auf dieses Rein-Raus-Ding reduziert. Sei es nun ein Penis, ein Finger oder eine Zunge. Man kann auch Sex haben, ohne die Genitalien einzubeziehen. Ich nenne das Nichtgeschlechtsverkehr. Oder auf Englisch «Outercourse».

Erzähl mehr!
Nichtgeschlechtsverkehr umfasst eigentlich alles, das man mit angezogener Unterhose machen kann. Es ist pure Intimität und hat mit Sex, wie wir ihn kennen, nicht mehr viel zu tun. 

Was macht man denn so beim Nichtgeschlechtsverkehren?
Zum Beispiel sich ganz bewusst streicheln. Oder sich massieren. Man kann auch gewisse Toys hinzuziehen. Etwa eine Augenbinde oder Eiswürfel. Solche Utensilien können die Wahrnehmung intensivieren. Plötzlich nimmt man ganz genau wahr, wie sich Fingerkuppen von Fingerspitzen unterscheiden, wie sich ein feiner Atem am Knie ganz anders anfühlt als am Ellenbogen. Und der Moment, wenn genau diese eine Körperstelle berührt wird, von der man gar nicht wusste, dass sich etwas so gut anfühlen kann. Plötzlich hat man Gänsehaut am ganzen Rücken, beginnt unregelmässig zu atmen und drückt sich unweigerlich näher an die andere(n) Person(en). Aber schliesslich führt kein Weg am Ausprobieren vorbei. Und um die nächste Frage gleich zu beantworten: Orgasmen sind dabei sehr nebensächlich.

Nicht passend und irgendwie doch:

Das tönt ein bisschen wie eine Soft-Version von BDSM.
Wenn du so willst. Man könnte durchaus sagen, dass BDSM eine weit entwickelte Form von Nichtgeschlechtsverkehr ist. Ob Sich-mit-verbundenen-Augen-Streicheln schon als BDSM bezeichnet werden könnte, wage ich zu bezweifeln.

«Arbeitgeber sollten sich um BDSM-Menschen reissen!»

Ralph H.

Inwiefern machen uns solche Spielereien, sei es nun BDSM oder Nichtgeschlechtsverkehr, zu besseren Menschen?
Durch diese Art von Intimität findet man seine eigenen Grenzen. Es ist ein anstrengender Prozess – das lässt sich nicht abstreiten. Man ist gezwungen seine Komfortzone zu verlassen und man muss ein unglaubliches  Vertrauen zu anderen Personen aufbauen. Aber all das lohnt sich! Denn dadurch lernt man präzise zu kommunizieren, seine Bedürfnisse und sein Unbehagen einzuordnen und speditiv mitzuteilen. Viele Menschen wissen nicht, wie ihr eigener Körper in Extremsituationen reagiert. Schockstarre, Schwächeanfall, Orientierungslosigkeit? BDSM'ler haben schon Situationen erlebt, von denen andere Menschen nicht mal zu träumen wagen und kennen dadurch den eigenen Körper in- und auswendig. Dies gibt ihnen in alltäglichen Krisensituationen den entscheidenden Vorteil, dass sie sich nicht erst finden oder fangen müssen, sondern sofort wissen, wie sie mit der Situation umgehen können.

«Bevor ich mit BDSM anfing, wusste ich nicht, wo sich die Niere befindet. Jetzt schon. Da darf man nämlich nicht hinschlagen.»

Ralph H.

Nicht zuletzt steigern diese Dinge auch das Selbstwertgefühl. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, von jemandem berührt zu werden, der sich genau dafür interessiert, wie du gerne berührt, umarmt, geschlagen, gefesselt werden willst. Und wer schon mal eine 30 Zentimeter grössere und 40 Kilogramm schwerere Person dominiert hat, kennt das Gefühl der absoluten Unbesiegbarkeit garantiert.

Du willst also sagen, dass das Erforschen der eigenen Intimität – sei es Streicheln oder Verprügeln – uns im Alltag hilft?
Auf jeden Fall!  Viele dieser Fähigkeiten sind für das Berufsleben derart wichtige «Soft Skills», dass «BDSM»-Affinität eigentlich in den Lebenslauf gehören sollte. Arbeitgeber sollten sich um BDSM-Menschen reissen!

Und jetzt noch ein bisschen mehr Kopfkino: Rektale Fremdkörper!

Passend zum Thema:

Apropos «gegenseitiges Einvernehmen» – dieser Männer-«Trend» kommt einer Vergewaltigung gleich: 

Video: srf

Mehr zum Thema Leben gibt's hier:

15 Styles, die Ende 90er und Anfang 2000er der Shit waren

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Nach «Avengers: Endgame» – diese 7 kommenden Filme könnten auch die Milliarde knacken

Link zum Artikel

Ich + Ich + Tattoo-Dirk à Paris

Link zum Artikel

«Game of Thrones»: Das war sie also, die grösste Schlacht der TV-Geschichte?!?!

Link zum Artikel

Dieses Model trägt als Erste einen Burkini auf der Titelseite der «Sports Illustrated»

Link zum Artikel

«Avengers: Endgame» pulverisiert Kinorekord – und sorgt für Schlägerei

Link zum Artikel

«Meine Ehefrau hat mich jahrelang mit ihrer Jugendliebe betrogen»

Link zum Artikel

Die vegane Armee

Link zum Artikel

14 Comics, die das Leben als Mann perfekt auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

Die Jackson-Doku «Leaving Neverland» erhitzt die Gemüter – 6 Gründe, warum das so ist

Link zum Artikel

Auf den Spuren meiner Urgrossmutter

Link zum Artikel

Regie-Legende Francis Ford Coppola: Neues Alter, neuer Film, neues «Apocalypse Now»

Link zum Artikel

Schwangerschafts-Abbruch wegen Trisomie: «Die Entscheidung war furchtbar, aber klar»

Link zum Artikel

«Mimimi» – Wie schnell bist du empört?

Link zum Artikel

Sterben am Schluss alle? Das verraten uns die 3 neuen Teaser zu «Game of Thrones»

Link zum Artikel

So heiss, stolz und glücklich feierten die «Game of Thrones»-Stars Premiere

Link zum Artikel

10 lustige Antworten auf die dumme Frage: «Wann hast du entschieden, homosexuell zu sein?»

Link zum Artikel

Böööses Büsi! Stephen Kings «Pet Sematary» ist wieder da

Link zum Artikel

RTS zeigt GoT zeitgleich am TV. Und wir fragen: Wann wollt ihr dazu was von uns lesen?

Link zum Artikel

Ja, in der Schweiz gibt es Obdachlose – und so leben sie

Link zum Artikel

«Krebs macht einsam» – wie Ronja mit 27 Brustkrebs überlebte

Link zum Artikel

Coca Cola Life und 17 weitere Getränke, die (beinahe) aus der Schweiz verschwunden sind

Link zum Artikel

US-Komiker Noah spricht über seine (Schweizer-)Deutsch-Erfahrungen – und es ist grossartig

Link zum Artikel

Die Boeing 737 ist derzeit nicht sehr beliebt – wie dieser Litauer jetzt auch weiss

Link zum Artikel

«Leaving Neverland»: Brisante Jackson-Doku kommt am Samstag im SRF

Link zum Artikel

Sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt: 7 Dokus zum 🐝-Sterben

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Der neue Schweizer Streaming-Dienst «Filmingo» will das Anti-Netflix sein

Link zum Artikel

Tantra-Tina, ihre Latexhandschuhe und mein Orgasmus

Link zum Artikel

Ich machte bei GNTM mit – und so war's (empörend!)

Link zum Artikel

Mick Jagger braucht eine neue Herzklappe – und will bald wieder auf der Bühne stehen

Link zum Artikel

Nacktbild von Sohn löst Shitstorm aus – Sängerin Pink rastet aus

Link zum Artikel

«Ich liebe meine Freundin, aber ich liebe auch schöne Frauen…»

Link zum Artikel

Ihre Produkte haben die Welt erobert – trotzdem wurden diese 5 Erfinder nicht reich

Link zum Artikel

Disney wird immer mächtiger – warum darunter vor allem Kinos und Zuschauer leiden

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Und heute in der Bachelor-Video-Zusammenfassung: «Das ist wie beim ersten Orgasmus!»

Weil du womöglich nicht die ganze Sendung geschaut hast, auf den Gossip aber auch nicht verzichten willst ...

Neue Woche, neue Abenteuer für Bachelor Alan. Unser Lieblings-Brasilianer holte diese Woche kurzerhand Rio de Janeiro nach Portugal und mixte für die Ladys «KAAIPIRINIAAAS». Der Bestseller jeder Happy Hour schmeckte einer Kandidatin so gut, dass sie gar nicht mehr gehen wollte und mit Alan die Nacht auf dem Zuckerhut verbrachte.

Die ganzen Highlights siehst du im Video oben.

(nfr)

Artikel lesen
Link zum Artikel