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Domenic Schnoz spricht mit uns über den Medikamentenmissbrauch von Jugendlichen. bild: watson/shutterstock/michael bosshard

Interview

Experte über neue Rap-Droge Tilidin: «Rapmusik verbieten bringt gar nichts»

Kürzlich äusserte sich der Deutschrapper Capital Bra in einem Interview über seine Tilidinsucht und die Auswirkungen seiner Musik auf die Jugend. Domenic Schnoz von der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs hat mit uns über das Medikament Tilidin und die Rolle der Rapper und der Eltern gesprochen.



Was ist Tilidin?

Ein Opiat, das üblicherweise bei starken und sehr starken Schmerzen verschrieben wird. Das Medikament wirkt stark betäubend und geht direkt auf das Nervensystem. Es kann sehr abhängig machen. Zusammen mit Alkohol kann es im schlimmsten Fall zum Atemstillstand führen.

Haben Sie schon mal vom Medikament Tilidin als Berauschungsmittel gehört?
Domenic Schnoz: Ja. Wir verfolgen natürlich die Entwicklung in Deutschland. Dort seien die Verschreibungen für Tilidin an Jugendliche in den letzten zwei Jahren um das Dreissigfache angestiegen. Es gibt unseres Wissens aber noch keine Zahlen in der Schweiz. Wir haben aber verschiedenste Hinweise und sprechen mit Jugendlichen, die sagen, dass Medikamente ein Thema seien. Belegen können wir es aber nicht. Wir haben dennoch den Eindruck, dass sich der Konsum des Medikaments vermehrt hat in den letzten Jahren.

Gibt es noch andere Medikamente, die zur Berauschung missbraucht werden?
Vor ein paar Jahren war der Codeinkonsum ein Problem. Es gibt zwei grosse Medikamentengruppen, die zur Berauschung benutzt werden. Das sind zum einen Benzodiazepine, da gehört beispielsweise Xanax dazu. Das sind starke, rezeptpflichtige Beruhigungsmittel. Dann gibt es noch die Opiate, dazu gehört eben Tilidin und codeinhaltiger Hustensaft.

Solche Medikamente sind immer vermehrt Teil von beliebten Rapsongs.
Genau. In der US- wie auch in der deutschen und schweizerischen Rapszene ist das ein grosses Thema. Es ist naheliegend, dass das den einen oder anderen dazu animiert, dies mal auszuprobieren.

«Diese Medikamente werden oft gemischt, etwa mit Alkohol oder anderen Medikamenten. Da gibt es schnell Kombinationen, die komplett unberechenbar sind. Das kann bis zum Tod führen.»

Hat die Rapszene also einen Einfluss auf den Medikamentenmissbrauch zur Berauschung?
Es ist sehr naheliegend, dass es einen Einfluss auf gewisse Jugendliche hat. Das ist aber im Prinzip auch kein neues Phänomen. Drogen sind ja schon seit ewiger Zeit Teil der Musikszene. Da gibt es viele Beispiele: Die Beatles mit LSD oder die Rolling Stones mit Heroin. Was in unserer Wahrnehmung ein neues Phänomen ist, ist die Erweiterung der Palette um Berauschung durch verschreibungspflichtige Medikamente.

Auch in der Schweiz?
Die Schweiz ist relativ konservativ, was den Drogenkonsum angeht. Es gab in den letzten zwanzig Jahren keine grossen Veränderungen, welche Arten von Drogen konsumiert werden. Die Klassiker sind nach wie vor Cannabis, Kokain, Amphetamin und Ecstasy.

«Künstler, die viele Menschen erreichen, sollten sich bewusst sein, dass sie für viele ein Vorbild sein können.»

Was ist das Gefährliche daran?
Beunruhigend ist, dass dieser Medikamentenmissbrauch ein neues Phänomen ist. Diese Medikamente werden auch oft gemischt, etwa mit Alkohol oder anderen Medikamenten. Da gibt es schnell Kombinationen, die komplett unberechenbar sind. Das kann bis zum Tod führen.

Wie sehen Sie die Rolle der Rapper in diesem Thema?
Künstler, die viele Menschen erreichen, sollten sich bewusst sein, dass sie für viele ein Vorbild sein können. Es bleibt aber ein Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und Verantwortung für das, was man sagt. Das betrifft ja auch andere Themen, nicht nur Drogen.

Was ist Ihre Rolle?
Unser Job ist es, zu schauen, dass die Menschen informiert sind und selbstbestimmt entscheiden können, auf was sie sich einlassen wollen oder nicht. Wir versuchen, die gesellschaftlichen Strukturen in eine Richtung zu bewegen, die die Zugänglichkeit erschwert. Und dass diese Menschen, die konsumieren, das mit möglichst wenig Risiko machen können.

Was ist der Grund für den Missbrauch von Medikamenten als Rauschmittel?
Die Gründe sind sehr individuell. Aber Tilidin ist ein Opioid. Das geht in die gleiche Gruppe wie Morphium und Heroin. Diese Substanzen lösen zum Teil sehr schöne, euphorische Gefühle aus. Sie nehmen Ängste, beruhigen und lindern Schmerzen. Das ist nicht sehr weit hergeholt, dass sich jemand damit berauscht. Die Gründe kann man aber nicht verallgemeinern.

«Als Eltern muss man vor allem mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben, sich offen und ehrlich für ihre Probleme interessieren, da sein für Gespräche und auch die unangenehmen Gespräche aushalten können.»

Hat Tilidin das gleiche Suchtpotenzial wie beispielsweise Heroin?
Tilidin hat ein sehr hohes Suchtpotenzial. Opioide an sich unterscheiden sich in der Stärke der Wirkung. Diese machen körperlich und psychisch sehr stark abhängig. Das hat sehr heftige Entzugserscheinungen zur Folge, wenn man diese absetzt. Dauerndes Erbrechen, heftiger Schüttelfrost, grippale Symptome, extremes Verlangen nach diesen Substanzen bis hin zu Halluzinationen. Mit diesen Sachen ist wirklich nicht zu spassen.

Wie sehen Sie die Rolle der Eltern? Sollen sie Jugendlichen verbieten, Rap zu hören?
(lacht) Das funktioniert natürlich nicht. Man hat aber Forschung betrieben, was als Prävention nützt und was nicht. Als Eltern muss man vor allem mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben, sich offen und ehrlich für ihre Probleme interessieren, da sein für Gespräche und auch die unangenehmen Gespräche aushalten können. Statt Rapmusik zu verbieten, würde ich eher empfehlen, sich mit dem Jugendlichen zusammenzusetzen und über die Texte zu sprechen. Was bedeutet das? Wie ordnest du das ein? Hast du das Gefühl, das ist echt? Das sind die wichtigen Fragen. Einfach verbieten bringt gar nichts. Man kann den Jugendlichen ja nicht die ganze Zeit kontrollieren. Das ist unrealistisch. Jugendliche mit Eltern, die eine gute Beziehung mit ihren Kindern pflegen und wissen, wo und mit wem sie ihre Freizeit verbringen, haben ein geringeres Risiko, Probleme mit Substanzen zu bekommen. Wichtig ist, dass der Jugendliche weiss, die Eltern sind für ihn da und nehmen ihn ernst.

Was ist mit Jugendlichen, die nicht solch eine tolle Beziehung zu ihren Eltern haben?
Diese sollen versuchen, in ihrem Umfeld Vertrauenspersonen zu finden. Das können Lehrpersonen sein, Bekannte oder Verwandte wie ein Onkel. Wenn es niemanden gibt, gibt es auch Jugendfachstellen mit sehr guten Leuten. Man soll jemanden suchen, zu dem man Vertrauen hat und der einem zuhört. Jugendliche sind voll von Themen, die sie beschäftigen. Drogen sind da ja nur das Symptom. Damit versucht man, mit Problemen oder negativen Gefühlen umzugehen oder vor ihnen zu flüchten. Es ist wichtig, mit jemanden darüber zu reden. Das Jugendalter ist eine schwierige Zeit.

Und jemand, der süchtig ist?
Süchtige sollen sich unbedingt an eine Suchtberatungsstelle wenden. Unter suchtberatung-zh.ch gibt es alle Suchtberatungsstellen im Kanton Zürich. Wenn man nicht weiss, ob der Konsum langsam zum Problem wird, kann man es bei uns im Selbsttest herausfinden.

Und was ist mit Angehörigen von Süchtigen?
Wenn man sich Sorgen um jemanden macht oder jemandem helfen will, der ein Problem mit Drogen hat, kann man sich auch an die Suchtberatung wenden. Die Fachpersonen helfen gerne weiter.

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Domenic Schnoz arbeitet in der Prävention des Drogenkonsums. Bild: Michael Bosshard

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