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Der blutjunge Kurt Cobain bewies schon bei diesem Schlafzimmer-Auftritt, dass Hausmusik gar nicht so bieder ist.
Der blutjunge Kurt Cobain bewies schon bei diesem Schlafzimmer-Auftritt, dass Hausmusik gar nicht so bieder ist.
Bild: AP Kim Cobain
Interview

Was hat das «Tagesschau»-Kondom von 1987 mit Corona zu tun? Eine Historikerin erklärt

Monika Dommann ist Professorin für Geschichte an der Uni Zürich. Uns erzählt sie von der verschwimmenden Zeit, Kurt Cobain und schwindenden Notvorräten.
16.04.2020, 17:56

Frau Dommann, was vermissen Sie persönlich am meisten?
Live-Konzerte. Man ist unter Menschen, man spürt sich, riecht sich, die verschiedenen Aftershaves, Parfums, den Schweiss, man trinkt Alkohol. Das ist nicht clean, das ist genau das, was man im Moment nicht tun soll. Das vermisse ich und es macht mich traurig, dass es noch sehr lange dauern dürfte, bis wir das wieder erleben werden. Wahrscheinlich bis es einen Impfstoff gibt.

Stimmt, wir sind uns einmal auf einem Tocotronic-Konzert begegnet. Was halten Sie von der Corona-Hymne von Tocotronic?
Sagen wir so: Ich habe noch keinen Corona-Hit für mich entdeckt.

Sie haben sich mit der Geschichte der Musikindustrie und des Radios beschäftigt: Was halten Sie davon, dass Radio SRF aktuell sehr viel mehr Schweizer Musik spielt? Ist das eine begrüssenswerte Krisenmassnahme oder geht das schon beinahe in Richtung geistige Landesverteidigung? Es ist ja nicht so, dass damit Neues, Junges und Unbekanntes unterstützt wurde, die Verantwortlichen sagen ganz klar: «Die Corona-Krise ist definitiv keine Newcomer-Plattform.»
Die Unterstützung nationaler Künstler steht natürlich im Dienste einer nationalen Politik. Man will die Durchhalteparolen mit Hits untermauern. Das Einschwören einer Nation mit populärer Musik ist etwas, das man schon lange aus der Trickkiste der Propaganda kennt. Ich verfolge allerdings eher Streamingplattformen mit Wohnzimmerkonzerten, etwa «114» aus der Innerschweiz, wo ich herkomme, oder «Reste à la maison» aus Frankreich. Das sind Unplugged-Situationen, wie wir sie zum ersten Mal bei Kurt Cobain und seinen MTV-Unplugged-Auftritten gesehen haben. Ich finde das extrem sexy und intim. Und wenn ich spät abends alleine zuhause bin, ist das total tröstlich.

Schweizer, die aktuell auf SRF3 präsent sind. Auf SRF1 übersetzt heisst das: Gölä, Sina, Büezer Buebe.
Schweizer, die aktuell auf SRF3 präsent sind. Auf SRF1 übersetzt heisst das: Gölä, Sina, Büezer Buebe.
Bild: srf

«Allein zuhause» klingt melancholisch.
Ich gehöre zu den 44 Prozent Ein-Personen-Haushalten in Zürich, und wie sich diese verhalten sollen, wurde nie kommuniziert. Die Gesellschaft wird allgemein gerade wieder sehr auf diese heilige Kernfamilie reduziert. Selbstgenügsame Zellen, denen man Tipps gibt, damit sie keinen Zoff kriegen.

Egal ob allein, im Homeoffice oder als heilige Familie: Wie lange halten wir das noch durch?
Wir sind reich, es gibt Reserven: nicht nur finanzielle, sondern auch emotionale und soziale. Man kennt das aus der Geschichte, wenn diese Reserven aufgebraucht sind, wird es gefährlich. Die Frage ist natürlich, wie lange die Krise noch dauert und unsere Vorräte reichen. Dann werden die Zerwürfnisse, die unsere Gesellschaft durchziehen, wieder sichtbar werden.

Monika Dommann ist mit dafür verantwortlich, dass unsere redaktionseigene Superhistorikerin Anna Rothenfluh so gut herausgekommen ist.
Monika Dommann ist mit dafür verantwortlich, dass unsere redaktionseigene Superhistorikerin Anna Rothenfluh so gut herausgekommen ist.
bild:zvg

Was fällt Ihnen derzeit besonders auf?
Das Gefühl für Zeit ist ausser Kraft gesetzt. Das Gefühl dafür, wie sie verläuft und eingeteilt wird, was ein Tag, eine Woche, ein Monat eigentlich ist. Was die Relevanz von Themen und ihre Aktualität ist, und dass auch mal etwas aus der Zeit fallen kann. Das hat sich alles aufgelöst. Wir können live beobachten, wie Zeit funktioniert und wie sich etwas beschleunigt. Etwa das Wissen über das Virus, die politischen Massnahmen. Wenn wir an den Stand von vor vier Wochen denken, kommt uns das vor wie im Mittelalter. Und dann gibt’s die grosskalibrigen Erklärungen. Der Philosoph Giorgio Agamben etwa sagt, dass wir jetzt den Ausnahmezustand hätten, den die Regierungen immer schon gewollt haben.

Was stört Sie daran?
Da wird von der Vergangenheit auf die Gegenwart geschlossen und letztlich sehr wenig ausgesagt. Denn das ist doch das Faszinierende an der jetzigen Lage: Wir wissen wirklich sehr wenig. Wir haben keine Ahnung, was in Zukunft sein wird. Deshalb sollten wir uns bemühen, sehr aufmerksam zu sein, eine Sprache für das zu finden, was gerade geschieht, es zu dokumentieren und zwar ganz feingliedrig. Ich habe meinen Studierenden aufgetragen, Corona-Tagebücher zu schreiben. Wir müssen Wissen sammeln und ein Archiv anlegen. Damit wir als Historiker später damit arbeiten können.

Gibt es denn überhaupt jemanden, der etwas weiss?
Nein, auch die Wissenschaft weiss im Moment sehr wenig oder einiges noch nicht. Wir wissen zwar, wie man sich ansteckt, aber wir wissen nicht, auf welchen Fallzahlen diese Aussagen beruhen. Oder ob diese zwei Meter wirklich nötig sind. Ob die Geheilten wirklich immun sind. Das ist alles «science in the making». Ich habe gestern von Lorraine Daston den schönen Text «Ground-Zero Empiricism» gelesen, in dem sie schreibt, dass wir jetzt in einer Situation sind, wie sie die Wissenschaftler in der Frühen Neuzeit gekannt haben: Einfach irgendwo und mit vielen Unbekannten anfangen. Und dabei können wir jetzt live zuschauen, das ist sehr interessant, und das sollten wir auch immer wieder betonen.

Undatierte Aufnahme von Coronaviren aus dem Labor für Klinische Pathologie der Universität Mailand.
Undatierte Aufnahme von Coronaviren aus dem Labor für Klinische Pathologie der Universität Mailand.
Bild: EPA

Wir sollen betonen, dass wir wissen, dass wir nichts wissen?
Das gefällt mir so an der Kommunikation des BAG! Herr Koch sagt immer wieder: «Das wissen wir nicht.» Das ist eine ehrliche und lautere Haltung. Uns wird bewusst, dass es selbst in der hochgerüstetsten High-Tech-Gesellschaft inklusive Biotechnologie etwas Unbekanntes gibt. Für einen Naturwissenschaftler ist dies eigentlich eine völlig normale Situation, für uns nicht. Wir denken, Wissenschaftler sind die, die alles wissen. Interessant ist da auch die Zusammenarbeit von Laien und Wissenschaftlern im Kampf gegen Aids.

Das müssen Sie jetzt erläutern.
Aids ist für mich nicht zuletzt aus biografischen Gründen interessant, wir entdeckten den Sex, einige von uns die harten Drogen, und dann ist Aids reingeplatzt. Man machte sofort Fremdzuschreibungen, das waren die Schwulen und die Junkies. Doch dann gabs Schwule, die sich öffentlich hinstellten und über die Krankheit und Verhütungsmassnahmen redeten. Charles Clerc stülpte sich 1987 in der «Tagesschau» ein Kondom über den Finger und sagte: «Wie die Wissenschaft uns glaubhaft versichert, sind Präservative vorläufig das einzig wirksame Mittel, um sich vor einer Ansteckung mit dem Aids-Virus zu schützen. Dieses kleine Ding kann also über Leben und Tod entscheiden, daran ändern weder erotische, noch ästhetische oder moralische Bedenken etwas.»

Charles Clerc erklärt Kondome

Wow!
In den USA entstand die Act-Up-Bewegung: HIV-Positive forderten Eingang in die Expertengremien und erhielten sie auch. Sie lernten die Sprache der Epidemiologen und Virologen, sie erhielten Zugang zu neuen Medikamententeste. Es war eine Zusammenarbeit aus Experten und Betroffenen. Das war wissenschaftshistorisch wegweisend. Und wir konnten daraus lernen, dass es auch für die Zivilgesellschaft die Möglichkeit der Mitwirkung geben kann. Trumps Chefvirologe Anthony Fauci sass damals übrigens unter den Experten und sagte, dass die Betroffenen oft mehr Ahnung hätten als die Wissenschaftler.

Im Moment beschränkt sich das Engagement der Zivilgesellschaft ja eher auf absoluten Gehorsam.
So ist es. Ein Punkt, der mich dabei masslos fasziniert, sind die Zahlen. Zahlen und Statistiken sind seit der Frühen Neuzeit die Basis des Regierens. Der Staat muss seine Bevölkerung kennen. Und nun gibt es das BAG, das die Kompetenz hat, diese Zahlen in Bezug auf das Virus zu sammeln. Andere, etwa das statistische Amt der Stadt Zürich und Leute, die eher netzbasiert arbeiten, widersprechen dem, und versuchen, die Kompetenz des BAG zu unterlaufen, denn nur wer die «richtigen» Daten hat, hat die Legitimation zu sprechen und uns als Volkskörper zu überwachen und zu steuern.

Act-Up-Aktivisten 1989 in New York.
Act-Up-Aktivisten 1989 in New York.
Bild: AP

Wenn man sich den Komplex «Staat und Seuche» anschaut, fällt auf, dass früher – zuletzt bei der Spanischen Grippe – Seuchen oft durch Truppenbewegungen und Armeen verbreitet wurde. Dass den Europäern, die im 14. Jahrhundert Südamerika eroberten, eine Seuche schon fast dabei half, die Einheimischen zu überwältigen und brutal zu dezimieren. Nur dauerte sowas früher Jahrzehnte.
Heute geht es rasend schnell. Das Virus verbreitet sich quasi in Fluggeschwindigkeit um die Welt. Es ist wie ein Parasit, der sich auf die moderne Transportlogistik setzt. Und wenn man jetzt verschwörungstheoretisch nach Verantwortung sucht, so muss man dafür nicht China herbeiziehen, sondern den Tourismus, die Geschäftsreisen und unsere eigenen Lieferketten. Die liegen jetzt plötzlich offen. Plötzlich ist man nicht in der Lage, gewisse Produkte selbst herzustellen, weil man einzelne Prozesse längst globalisiert und ausgelagert hatte.

Es ist ja völlig absurd, dass die Schweiz wochenlang nicht in der Lage war, einfachste Schutzmasken herzustellen.
Und dass es davon keine Vorräte gab. Notvorrat und Schweiz gehörten früher einfach zusammen, das war die Idee der Autarkie. Und dann wurde sie aufgeweicht, weil sie nicht mehr der Logik der globalisierten Arbeitsteilung, die auf Effizienz getrimmt ist, entsprach. Und jetzt sehen wir, dass sich in Krisensituationen ein Rückzug in den Nationalstaat vollzieht. Grenzen werden geschlossen, die Armee kommt zum Einsatz.

Freddie Mercury erhielt in Montreux als einer der ersten eine Maske.
Freddie Mercury erhielt in Montreux als einer der ersten eine Maske.
Bild: AP

Gut, als Viola Amherd vor Wochen ganz cool erklärte, dass jetzt die Armee zum Einsatz kommt und gut ausgebildete Sanitätstruppen stellen kann, war ich beeindruckt. Inzwischen kann man sagen: Die Soldaten haben nichts zu tun und stecken sich gegenseitig an. Das war vielleicht doch keine so gute Idee?
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber apropos Amherd: Ihr und dem VBS wird jetzt vorgeworfen, dass keine Schutzmaterial-Vorräte vorhanden sind. Ich glaube, das VBS war früher immer in SVP-Hand. Und die SVP, die ja auch diesen Zweispalt in sich trägt – nationale Autarkie bei maximal globalisierter Arbeitsteilung – ist dafür verantwortlich, dass diese Vorräte abgebaut wurden. Die nationale Autarkie-Politik, die man im Ersten Weltkrieg für Notzeiten aufzubauen begann, wurde klammheimlich abgeschafft.

Täglich liest man jetzt schwärmerische Zeitungsartikel oder Einträge auf den sozialen Medien, dass wir zwar materiell ärmer, aber menschlich reicher und reifer aus dieser Krise hervorgehen werden. Wie würden Sie das einschätzen?
Das hat schon fast etwas Religiöses, das ist das Motiv der Läuterung, der Bekehrung. Aber es gibt in der Geschichte durchaus Krisen, in denen Lösungen gefunden wurden, die sich langfristig als tragfähig erwiesen. Zum Beispiel der New Deal in Amerika. Wir haben da einen Präsidenten, der ins Amt kommt, Franklin Roosevelt, 1933, also nicht nur in einer massiven wirtschaftlichen, sondern auch weltpolitischen Krise, im selben Jahr kommt ja auch Hitler an die Macht. Roosevelt ist ein Präsident, wie ihn heute viele vermissen, er regiert, auch mit Vollmachten, er schwört schon in seiner Inaugurationsrede seine Bürger auf die Vollmachten ein, die er ergreifen wird. Damals ist etwa ein Viertel der Amerikaner arbeitslos und Roosevelt schnürt sehr schnell ein Massnahmen-Paket, aus dem schlussendlich auch der Social Security Act, sowas wie eine AHV, entsteht. Aber allgemein bin ich diesen Läuterungsgeschichten gegenüber sehr skeptisch. Wir müssen permanent utopisch denken, nicht nur in Krisenzeiten.

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