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Das Neue Evangelium

Milo Rau probt mit seinen Laiendarstellern das letzte Abendmahl. Bild: Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic

Review

Milo Rau macht's jetzt nicht mehr unter einem Jesusfilm. Ist er der neue Mel Gibson?

Der Regisseur für die grössten Fragen aus Gegenwart und Vergangenheit hat sich jetzt an die Bibel gewagt. Passend zu Ostern kommt der mit dem Schweizer Filmpreis gekrönte Dokfilm ins Internet.



Der Milo-Mix geht so: Man nehme ein drängendes soziales Problem, ein böses System, eine antike oder biblische Erzählung, gewaltige Musik, echte Gewalt, gezeichnete Gesichter und werfe alles in des Mixer des ebenso bodenständigen wie intellektuellen Zugriffs. Heraus kommt Kunst. Theaterprojekte. Filme. Die jetzt schon als Weltkulturerbe gelten. Da sind sich nicht nur die zentraleuropäischen, sondern auch die englischen und amerikanischen Feuilletons einig. Und so gern wir hier spotten möchten – wir können nicht. Denn was dabei herauskommt, ist gut. Und «Das Neue Evangelium», das auf Ostern hin in ein riesiges Kino namens Internet kommt, ist sehr gut. Soeben hat Milo Rau damit den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewonnen.

«Das Neue Evangelium» ist Milo Raus Jesusfilm, nichts Geringeres. Drunter macht er's nicht mehr. Nein, falsch, Milo Rau wurde von einer süditalienischen Stadt namens Matera eingeladen, ein Projekt zu machen, denn Matera wurde zu einer der beiden europäischen Kulturhauptstädte 2019 ernannt. Matera ist die Jesus-Film-Stadt schlechthin, Pier Paolo Pasolini hat dort 1964 das Matthäus-Evangelium («Il vangelo secondo Matteo») verfilmt, und Mel Gibson hat vierzig Jahre später «The Passion of Christ» gedreht. Weil das kleine, arme, stockkatholische Matera aussah wie Jerusalem vor 2000 Jahren.

2019 gehörte Matera allerdings nicht nur dem Schweizer Milo Rau und seinem Jesus-Projekt, sondern auch der weltlichsten aller Erlöserfiguren, nämlich James Bond.

Der Trailer

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Video: YouTube/Port au Prince Films

Um Matera finden sich heute Lager mit Menschen, die aus Afrika geflüchtet sind und jetzt auf Orangenplantagen und Tomatenfeldern ohne Papiere für fast kein Geld und unter entsetzlichen Bedingungen arbeiten. Die Tomatenfelder von Europa sind die Fortsetzung der amerikanischen Baumwollfelder von einst. Und die Menschen, die heute vor Erschöpfung zwischen den Stauden zusammenbrechen, wurden für Milo Rau zu denen, deren Leid ein neuer Jesus auf sich nehmen sollte. Einer von ihnen.

Er engagierte den aus Kamerun stammenden Politaktivisten Ivan Sagnet, der selbst einmal als Geflüchteter auf den Tomatenfeldern gearbeitet hatte, bevor er 2011 einen Arbeiteraufstand initiierte, studierte und schliesslich mit der Organisation NoCap für mafiafreie und nachhaltige Landwirtschaft erfolgreich wurde. Einen Helden also. Der jetzt für Rau in einem klassischen Oster-Passionsspiel Jesus im Kostüm und am Kreuz spielt, parallel dazu aber seine Arbeit als Aktivist in den Lagern von Matera weiterführt. Er ruft zu einer «Rivolta della dignità» einem Aufstand der Menschenwürde auf, er fordert Verträge, Rechte, Krankenversicherungen überhaupt Papiere für die Rechtelosen.

Das Neue Evangelium

Ivan Sagnet verköpert Revolutionsführer von einst und heute. Bild: Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic

Der Jesus-Schauspieler von Pasolini spielt Johannes den Täufer, die Maria-Darstellerin von Gibson spielt erneut Maria, ein hübscher Promo- und Promi-Effekt, der allerdings an Wirkmächtigkeit in keinem Vergleich zu den persönlichen Geschichten der Geflüchteten steht. Ein Mann berichtet von den Nächten auf dem Meer, die ihm jede Orientierung nahmen, die absolute Dunkelheit, kein Land, keine Sicherheit, kein Glaube, die Ertrunkenen, die nur von seinen Erinnerungen überhaupt noch irgendwo festgehalten werden.

Eine Frau versorgt nachts die Prostituierten um Matera mit warmen Decken, sie war selbst eine von ihnen, obwohl sie sich auf der Flucht vorgenommen hatte, in Italien nicht einfach wieder nichts zu sein, sondern endlich ein Mensch von Bedeutung. Die Decken sind ein Akt des Mitgefühls und des Mitleids, wie sie im Neuen Testament beschrieben werden, parallel dazu rettet Sagnet als historisches Jesus eine Prostituierte vor der Steinigung.

Sagnet begegnet den Geflüchteten in ihren Lagern mit seinen Parolen gegen die Diktatur des europäischen Kapitalismus. Im Passionsspiel richtet er sich als Jesus mit berühmten Bibelsätzen gegen die damalige Dominanz des römischen Reiches. Worte und Spielebenen verschmelten und während der Kreuzigung hält ein Publikum von heute seine Handylinsen auf das qualvolle Sterben.

Für einen Komplexitätsstreber wie Milo Rau klingt das beinahe ein bisschen zu einfach, dafür ist es umso eingängiger.

Das Neue Evangelium

Der neue Jesus wird auf dem gleichen Hügel gekreuzigt wie Jesus in den Filmen von Pasolini und Gibson. Bild: Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic

Die Bilder von Jesus, der übers Wasser geht, vom letzten Abendmahl, von der Kreuzigung sind monumental, eine Auswahl an Trauer- und Passionsmusiken von Mozart, Schubert, Wagner, Bach ist es ebenfalls, und spätestens beim Casting der Einheimischen – die etwas zicken, weil sie Angst haben, dass ein Engagement bei Rau ihren Statistenrollen im Bondfilm «No Time to Die» in den Weg kommen könnte – kippt das Ganze auch noch ins Unheimliche. Denn die braven Katholiken von Matera wollen endlich wissen, wie viel Böses in ihnen steckt und wie es sich anfühlt, Gott zu töten. Was davon gescriptet und was dokumentierte Realität ist, möchte man lieber nicht wissen.

Die darauffolgende Gewalt ist gibsonesk, und man sieht nach dieser eindringlichen und bitteren Lektion Europa von seinen südlichen Rändern her in absoluter Hoffnungslosigkeit versinken. Aber Milo Rau wäre nicht Milo Rau, ein Mann ganz in der humanitären Tradition der Schweiz, wenn es ihm und Sagnet nicht gelänge, in Matera neue Hoffnung zu säen: Zurück bleiben mehrere Initiativen, neue Unterkünfte sind entstanden, Hunderte haben Arbeitsverträge erhalten und einigen soll ermöglicht werden, wie Sagnet selbständige und nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben.

«Das Neue Evangelium» ist ein hartes Stück – als Arbeit, als Film, als Bewusstwerdungsprozess. Und ein Manifest gegen den Berg aus Zuckerguss und Osterhasen, der die eigentliche Ostergeschichte schon längst zudeckt. Denn die ist noch immer eine der traurigsten Erzählungen der Welt.

«Das Neue Evangelium» gibt es ab 1. April unter diesem Link zu sehen. Mit dem Kauf eines Tickets kann man ein Kino seiner Wahl unterstützen.

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