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Kleinstadt mit grossen Verbrechen: Kate Winslet kämpft als «Mare of Easttown» für das Gute inmitten totaler Hoffnungslosigkeit.
Kleinstadt mit grossen Verbrechen: Kate Winslet kämpft als «Mare of Easttown» für das Gute inmitten totaler Hoffnungslosigkeit.
Bild: keystone
Review

Von Lesben und Leichen: Kate Winslet rüpelt doppelt in «Ammonite» und «Mare of Easttown»

Im Kino und auf Sky Show brechen gerade die Kate-Winslet-Festspiele an. Beides ist sehenswert. Auch wenn man so einiges davon schon ein wenig zu kennen glaubt.
16.05.2021, 11:34

Sie hat es jetzt gerne dreckig. Sie trägt Kleider, die aussehen, als wären sie seit Monaten nicht gewaschen worden. Sie ist jetzt handfest. Greift zu. Und schlägt verbal um sich. Im einen Fall ist Dreck und was er verbirgt ihre Zuflucht. Vor den anderen. Im zweiten Fall ihr Fluch. Denn da watet sie quasi durch den Dreck der anderen. Durch deren Verbrechen. Willkommen in der grossen Kate-Winslet-Woche. Im Kino. Und im Serienparadies.

Der Film heisst «Ammonite» und ist einer jener Filme, die jetzt die Kinos wieder auf Touren bringen sollen. Ein Film mit einem Superstar und einem Star, mit Kate Winslet und Saoirse Ronan. Ein Film mit viel Meer und versteinerten Meerschnecken und einer Liebe, die für einen Moment alle Verhärtungen von zwei Herzen meisselt. Kate Winslet spielt darin die Paläontologin Mary Anning (1799–1847) aus Lyme Regis in Dorset, deren Familie vom Handel mit Meeresplunder lebt. Vom Verkauf von Versteinerungen oder Spiegeln im Muschelrahmen. Mary Anning hat es gegeben.

Trailer zu «Ammonite»

Titelheldin Mare Sheehan aus der HBO-Serie «Mare of Easttown» dagegen ist eine Erfindung. Eine Ermittlerin aus der Kleinstadt Easttown in Pennsylvania. Die Umgebung von Easttown hat etwas von Twin Peaks, viel Wald, steile Schluchten, Wasser.

Auch in «Ammonite» ist Wasser wichtig. Fast muss man ob so viel Wasser ein wenig an «Titanic» denken.

In Easttown wird seit einem Jahr ein Mädchen vermisst und ein anderes wird ermordet in einem Bach gefunden. Und wie es in einer Kleinstadt so ist, kennen sich alle und sind eng miteinander verstrickt, und so kommt es, dass sich die möglichen Verdächtigen bald gespenstisch zu vermehren beginnen. Und auch wenn einige Dialoge sehr lustig geschrieben sind, wächst die schiere, bleierne, felsgraue Verzweiflung, die über dem Städtchen aus lauter armseligen White-Trash-Existenzen liegt, mit jeder Minute.

Trailer zu «Mare of Easttown»

Teenage-Eltern, Drogensucht, Missbrauch – alles ist da und alles ist sehr nah, denn Easttown ist im Grunde eine einzige Familie. Und so entwickeln sich denn auch die vielen Konflikte auf der Folie verwandtschaftlicher Beziehungen. Jede einzelne scheint nur dazu da, um daran zu scheitern. Es gibt keinen Schutz, nirgendwo. Easttown ist eine Stadt aus lauter Verlorenen. Und es ist minimal pervers, dass einer der grössten Hollywoodstars der letzten paar Jahrzehnte hier so mit maximal wenig Make-up im Dreck stochert. Aber die Verlorenen sind angesagt.

«Mare of Easttown» passt zu «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri», zu «Nomadland», zu «Hillbilly Elegy» und zu so ziemlich jedem Dokfilm von Michael Moore.

Im Dreck von Dorset dagegen liegen Schätze vergraben. Quasi Weltkulturerbe. Denn «Ammonite» (Meerschnecke) ist wie der Netflix-Film «The Dig» die Geschichte eines Menschen, der sein Leben damit zubringt, unsere Vorgeschichte auszubuddeln und dafür keine öffentliche Anerkennung erhält. «The Dig» erzählt vom grössten Fund des britischen Archäologen Basil Brown (1888–1977), der während des Zweiten Weltkriegs ein Kriegsschiff aus dem siebten Jahrhundert ausgräbt. Wobei «Ammonite» schon viel länger lebt als «The Dig»: Der Film hätte theoretisch vergangenes Jahr in Cannes laufen sollen, doch was dann geschah ... wir wissen es nur zu gut.

Kate Winslet (als Mary Anning) und Saoirse Ronan (als Charlotte Murchison) bringen es zusammen auf einen Oscar und weitere zehn Nominationen.
Kate Winslet (als Mary Anning) und Saoirse Ronan (als Charlotte Murchison) bringen es zusammen auf einen Oscar und weitere zehn Nominationen.
Bild: keystone

Als Mary Anning elf ist, findet ihr Bruder den Schädel eines Ichthyosaurus und sie selbst wenig später dessen ganzes Skelett. Ihr Fund gilt als eine grosse Attraktion im British Museum in London, Marys Name wird dabei nicht erwähnt. Ein Muster, das sich ihr Leben lang nicht änderte: Zwar galt sie unter den britischen Geologen als unangefochtene Fachkraft, bekannte Forscher besuchten sie, kauften ihre Fossilien und tauschten sich mit ihr aus – nur um dann Annings Forschung als ihre eigene zu verkaufen. Mit 47 Jahren starb sie krank, verbittert und drogensüchtig.

Mary Annings Skizze eines Plesiosaurus dolichodeirus vom 26. Dezember 1823.
Mary Annings Skizze eines Plesiosaurus dolichodeirus vom 26. Dezember 1823.
Bild: Mary Anning via wikipedia

Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee («God's Own Country») erfindet nun eine kurze Phase der Aufhellung in Annings Leben. Er schickt den (ebenfalls existiert habenden) Geologen Roderick Murchison und seine junge Frau Charlotte (Saoirse Ronan) nach Lyme Regis. Murchison stattet Anning einen Fanbesuch ab und deponiert auch gleich noch seine wohlstandsdepressive Frau für mehrere Wochen bei ihr, um unbeschwert einen Europatrip unternehmen zu können. Mary hasst die apathische Charlotte, die zu nichts zu gebrauchen ist, weder zum Rüeblirüsten noch zum Kohleholen. Doch dann erkrankt Charlotte und stirbt beinah, und Mary wird widerwillig auf Befehl des Arztes zur Krankenschwester.

Die Gefühlslage der beiden Frauen verändert sich. Charlotte befreit sich aus der ehelichen Käfighaltung. Mary lässt sich dagegen einfangen. Es kommt, was kommen muss (und es kommt extrem realistisch), doch weil für Charlotte Beziehung und Besitz aus eigener Erfahrung das Gleiche sind, trägt dies nicht unbedingt zum Gelingen dieser Beziehung bei. Die Blase, in der sich die beiden Frauen kurzfristig befinden, ist eben doch durchlässiger, als sie sich dies eingestehen wollen.

Ein bisschen Glück darf auch in Easttown sein: Winslet mit Guy Pearce, der einen früher mal erfolgreichen Schriftsteller spielt.
Ein bisschen Glück darf auch in Easttown sein: Winslet mit Guy Pearce, der einen früher mal erfolgreichen Schriftsteller spielt.
Bild: keystone
Mare aus Easttown und Mary aus Lime Regis sind beide eigensinnig, störrisch und leidenschaftlich selbstbestimmt. Frauen zwischen Supertrampel und Amazone. Aufregend, da vor Leben vibrierend in jedem Blick, jedem Schritt.

Denn das ist immer auch Kate Winslet: Eine Energie, ein Körper, eine absolute Unerschrockenheit. Die totale Präsenz jeder Geste und jedes Wortes (gut, die Dialoge sind nicht das Stärkste an «Ammonite»). Immer schon. Egal ob in «Heavenly Creatures» (da war sie erst 18), «Sense and Sensibility» oder «Eternal Sunshine of the Spotless Mind». Und weil sich im Film wie in der Serie alles zu ihr verhalten und auf sie reagieren muss, herrscht da quasi ein ständiges Meeresbrausen und -tosen des Zwischenmenschlichen. Langweile scheint mit Winslet unvorstellbar.

Das Problem mit beiden Produktionen ist allerdings, dass einem einiges bekannt vorkommt. «Mare of Easttown» ist ein bisschen wie sämtliche Kleinstadtszenarien von Stephen King, etwas «Broadchurch» funkt auch noch rein und so einiges, was man schon zum Thema Problemjugendliche gesehen hat. Da hat Drehbuchautor und Kreateur Brad Ingelsby wohl einige Lieblingsstoffe verarbeitet. Aber gut, besser bei den besten geklaut als keine Idee.

SNL macht sich über lesbische Kostümfilme lustig

Noch auffälliger sind allerdings die Überschneidungen von «Ammomite» mit «Portrait d'une jeune fille en feu» von Céline Sciamma. Denn wie «Portrait» zeigt auch «Ammonite» eine kostümierte Frauenliebe vor der Kulisse wilden Gewässers. Wie in «Portrait» ist eine von beiden unabhängig – in «Portrait» war es eine Künstlerin, jetzt ist es die Wissenschaftlerin – während die andere reich ist. Wie in «Portrait» vollzieht sich ihre Liebe in einem Moment ihres Lebens ganz ohne Männer.

Handelt es sich also um ein verstecktes britisches Remake eines französischen Films? Oder um eine Welle lesbischer Kostümfilme? «Saturday Night Live» machte sich bereits sehr treffend darüber lustig. Zur Verteidigung von «Ammonite» lässt sich sagen, dass der Film bereits abgedreht war, bevor «Portrait» in Cannes Premiere feierte. Ein Zufall also. Geniessen wir ihn ;-)

«Ammonite» läuft ab 20. Mai im Kino. «Mare of Easttown» gibt es ab dem 21. Mai auf Sky Show zu sehen.

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