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Illustration: Feggymin

Kommentar

«Du willst mich f***en – aber du darfst das nicht»

Dominik Müller



Ein Artikel von

Mit dem Vorwurf, ein sexistisches Sprachrohr zu sein, lebt Rap seit geraumer Zeit. In einem fortwährenden Auf und Ab werden die kritischen Stimmen lauter, leiser, wieder lauter. In welche Richtung der Wind weht, ist abhängig vom Auftreten oder Ausbleiben brisanter Ereignisse. Interpreten verschiedenster Genres und Generationen veranschaulichen in der Vergangenheit wie auch heute, wie sich Sexismus in Text und Bildsprache manifestieren kann.

In Gegenwart des fiesen Prügelknaben Rap jedoch verblassen die problematischen Inhalte anderer Stile im gesellschaftlichen Konsens. Bevor man sich eingehend mit der Thematik «Rap und Sexismus» beschäftigen möchte, kann es nützlich sein, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen. Der folgende Text soll dabei behilflich sein, indem der Frage nachgegangen wird:

Ist Rap ein sexistischer Ausreisser oder bloss Ausdruck der gesellschaftlichen Norm?

Magazin – Sonderausgabe

Dieser Artikel stammt aus der Sonderausgabe «Hat Rap ein Problem?» des Schweizer Hip-Hop-Magazins LYRICS. In Zusammenarbeit mit den Autoren wird watson in der letzten Dezember-Woche ausgewählte Artikel aufbereiten und online für alle zugänglich machen.

Welche Themen behandelt die Sonderausgabe?

Ist Hip-Hop sexistisch? Gewaltverherrlichend? Antisemitisch? Hip-Hop ist im Jahr 2018 die dominante Jugendkultur, Rap das führende Musikgenre in der Hitparade. Die zunehmende Popularität führte in den vergangenen Jahren vermehrt zu kontroversen Debatten. In der Sonderausgabe rollt das grösste Schweizer Hip-Hop/Urban-Medium die Brennpunkte mit interessanten Gästen neu auf.

Die Sonderausgabe gibt es für 10 Franken hier im Shop >>

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cover: lyrics

Man werfe einen Blick zurück in die 90er-Jahre. Über glitschige Leitern, durch die Löcher offener Kanalschächte hindurch entleert sich Rap aus dem Untergrund hinaus auf die Strassen und wird kommerziell erfolgreich. Kritik von rapfremden Kulturen an den Inhalten dieses wortgewaltigen Genres war bereits zu jener Zeit allgegenwärtig, da Rap von Natur aus anzuecken versucht und keine Schuhspitze unbetreten lässt.

Kraftausdrücke als Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht wurden in den Texten der männlich dominierten Rapper-Gemeinschaft grosszügig verwendet und boten eine denkbar grosse Angriffsfläche. Dies war vor allem in den USA der Fall, wo Rap zu Anfang ausschliesslich den urbanen Problemvierteln entstammte und in einem entsprechend harten Jargon formuliert wurde. Doch auch Rap-Pioniere in Deutschland, sogar die «poppigen» Fantastischen Vier, liessen sich vom Mutterland des Raps inspirieren und wichen in ihren Texten vom gesellschaftlichen Idealbild des weiblichen Geschlechts ab.

Durch die zunehmende Etablierung der Rap-Musik in den Charts und Hitparaden der USA begann sich Anfang der 2000er die szeneninterne Kritik bezüglich der Degradierung des weiblichen Geschlechts im Rap zu schmälern. Nicht so im deutschsprachigen Raum. Während in den USA beispielsweise im Jahr 2005 die Hit-Single «Candy Shop» des Rappers 50 Cent durch die Radios gepeitscht wurde, landeten Deutschrap-Songs, welche in ähnlich einseitiger Weise von weiblichen Sex-Objekten und Macho-Gehabe sprachen, auf dem «Index», sprich der Schwarzen Liste. Doch wie der Werdegang von Sido, Bushido und Konsorten, welche diesbezüglich oft für Gesprächsstoff sorgten, zeigt, wurde der mahnende Zeigefinger der Gesellschaft auch in Deutschland zunehmend kürzer.

Das Phänomen «SXTN»

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illustration: feggymin

Hätte man rapkritische Feministinnen der 90er-Jahre per Zeitmaschine ohne Umschweife ins heutige Zeitalter entsenden können, sie hätten bei der Landung eine doppelte Schraube hingelegt. Offenbar war ihr Kampf erfolglos.

Rap ist erfolgreicher denn je und jene Kraftausdrücke und Floskeln, welche vor 20 Jahren nur im «Ghetto» benutzt wurden, gehören heute zum Grundbaukasten jedes angehenden Rappers. In wenigen Jahren hat sich das einst heftige Gemurre von einem entrüsteten «Alter, er hat Bitch gesagt!» zu einem gelangweilten «Alter, kann der auch mal was anderes als Bitch sagen?» abgekühlt.

Sexismus im Rap scheint von der Hörerschaft, von Mann wie Frau, entweder akzeptiert oder ignoriert zu werden. Dies wirft die Frage auf, ob es sich dann überhaupt noch um Sexismus handeln kann – zumal einige Wörter wie «Bitch» in Musik und vieler Menschen Alltag nicht nur ohne jegliche negative Wertung, sondern auch geschlechtsneutral verwendet werden.

Diesen Veränderungen wird in der Musik gegenwärtiger Rap-Interpreten Rechnung getragen, wobei einige davon, allen voran das populäre deutsche Rapperinnen-Duo «SXTN», – die sich in der Zwischenzeit aber getrennt haben – die Gunst der Stunde nutzen, um aus den ehemaligen «Fluchwörtern» emanzipatorische Instrumente zu formen.

«Du willst mich f***en – aber du darfst das nicht.»

Auszug aus «Er will Sex»

SXTN – «Er will Sex»

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Video: YouTube/SXTN

Die beiden Berlinerinnen bezeichnen sich in ihren Texten selbst, mitsamt ihrer Crew, des Öfteren in selbstbewusster Manier als «Fotzen».

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SXTN – «Die FTZN SIND WIEDER DA». Video: YouTube/SXTN

Durch dieses demonstrative Auftreten ersetzen die beiden Musikerinnen die ehemals negative Konnotation solcher Kraftausdrücke durch eine unabhängige, starke Note. Damit kommen sie dem Ziel der Geschlechtergleichheit im Rap näher, als es sich unzählige rapkritische Aktivistinnen und Aktivisten je hätten erträumen können.

Rap und #MeToo: trügerische Rückschlüsse

Trotz allem ist der herkömmliche Widerstand gegen die frauenverachtenden Zeilen im Rap nicht ganz aufgegeben. Kritik an Rap formiert sich in zyklischen Formen. Spitzenwerte werden aufgezeichnet, wenn sich medial berichtenswerte Vorfälle ereignen, im Rahmen derer Rapper über die gesellschaftlich akzeptierten Stränge hinausschlagen. So geschehen beim kürzlich verstorbenen US-Amerikanischen Rapper XXXTentacion. Ihm wurde vorgeworfen, im Jahre 2016 seiner damals schwangeren Freundin gegenüber körperlich gewalttätig geworden zu sein.

Zufälligerweise fand die Debatte darüber, ob man das Hören der Musik von «X» jetzt noch moralisch vertreten könne, fast zwei Jahre nach besagten Vorfällen während der global polarisierenden #MeToo-Debatte statt, im Zuge welcher einflussreiche Männer aus Hollywood und Co. haufenweise der sexuellen Belästigung an, meist weiblichen, Mitmenschen beschuldigt wurden.

Die Kontroverse um XXXTentacion wurde medial genutzt, um die Diskussionen ein weiteres Mal vom Einzelfall auf das gesamte Genre ausweiten zu können. Altbekannte Phrasen wurden aus dem Archiv gezogen, um die immer gleichen Namen in gewohnter Reihenfolge aufzuzählen: Big Sean, Freddie Gibbs, Chris Brown etc. Vielen Artikeln zufolge sind Gewaltausbrüche bekannter Rapper Beweis genug dafür, dass Rap die Gewalt gegen Frauen verharmlost oder dazu aufruft.

Eine gelinde gesagt kurzsichtige Argumentation, gerade in Anbetracht des parallel dazu verlaufenden #MeToo-Skandals.

#MeToo: Diese Frauen belasten Harvey Weinstein

Offenbar muss es sich bei Weinstein und Konsorten ausschliesslich um Rap-Konsumenten handeln, wie sonst könnten sie die Hand gegen Frauen erheben. Es wird gemunkelt, dass selbst Cristiano Ronaldo, der sich zurzeit mit Vergewaltigungs-Vorwürfen herumschlägt, ein Studio in seiner Villa eingebaut habe, um gemeinsam mit Roman Polanski Battle-Rap-Tracks aufzunehmen. Ironie off: Der tiefere Grund dafür, dass bestimmte männliche Promis dazu neigen, ihre weiblichen Mitmenschen degradierend zu behandeln, ist nicht im Rap zu suchen – das wäre viel zu einfach.

Ein Showbusiness mit Spiegelfunktion

Ein global dominierendes System ist der Ursprung des Übels. An allen Ecken und Enden unserer Existenz spriesst das neoliberale Gedankengut, welches unsere Werthaltungen und Bedürfnisse definiert und uns blind und taub für alternative Ansichten macht. Das Ganze geht so weit, dass wir uns bei vollem Bewusstsein zu Objekten herabsetzen lassen.

Heutzutage existieren äusserst subtile, legale Formen des Menschenhandels in Gestalt der Vermarktung menschlicher Arbeitskräfte. International tätige Temporärbüros lassen grüssen. Der Mensch wird zur Ware – und keinen kümmert's.

Wenn jedoch Rap einen gesellschaftlichen Missstand auf die Schippe nimmt, schauen plötzlich alle ganz genau hin – und empören sich darüber. Veröffentlicht ein Rapper beispielsweise Fotos, auf denen zu sehen ist, wie ein professionelles Showgirl mit Hundeleine um den Hals zu seinen Füssen kauert, drehen alle am Rad. Max Mustermann schimpft nach angesehener Berichterstattung empört, dass Rap ein völlig verzerrtes Bild der Realität abgebe, die Jugend verrohe und überhaupt keine Scham kenne. Am nächsten Morgen stehen erwähntes Showgirl und Max zur selben Zeit, um sechs Uhr früh, auf. Sie fährt mit dem Geld aus dem Foto-Shooting an die Ostsee. Max nimmt die U-Bahn zum Geschäftsviertel, wo er im neuen Hauptsitz der Firma mit zigtausend weiteren Mitarbeitern bis zum frühen Abend Zahlen auf Bildschirme projiziert.

Das Showgirl hat ihre Leine für einen Tag abgenommen, während Max nicht einmal bemerkt, dass seine wie eh und je festgezurrt an seinem Hals baumelt.

Der Umstand, dass noch immer eine gängige Meinung existiert, welche Rap als gefährlichen Aussenseiter anstatt als Repräsentation der Wirklichkeit betrachtet, lässt sich bloss durch die Unfähigkeit des Menschen erklären, sich sein eigenes Versagen einzugestehen.

Die grobschlächtige Darstellung der Unterwürfigkeit der Frau gegenüber dem Mann soll hierbei nicht verharmlost werden. Das Beispiel mit der Hundeleine ist sexistisch. Mittels solcher Bilder soll die Überlegenheit des männlichen Rappers gegenüber seiner weiblichen Untertanin veranschaulicht werden. Doch bevor man sich die Mäuler über besagten fiktiven Rapper zerreisst, sollte man sich mit den Beweggründen des Rappers hinter dieser Handlung auseinandersetzen. Er macht Musik. Musik ist eine von unendlich vielen Möglichkeiten, Kunst darzubieten. Kunst beinhaltet immer eine Botschaft, die vermittelt werden soll.

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illustration: feggymin

Was möchte uns der Rapper sagen, wenn er Bilder wie aus bereits genanntem Beispiel veröffentlicht? Ich denke, du weisst es bereits. Er möchte damit sagen, dass er dank seines Bekanntheitsstatus und seiner monetären Möglichkeiten jede Frau kaufen und besitzen kann. Er gibt vor, der absolute Boss zu sein, der tun und lassen kann, was ihm gefällt. Wieso haben wir, du und ich, nun beide instinktiv gewusst, was uns der Rapper mitteilen möchte? Weil wir beide wissen – ob wir dies positiv bewerten oder nicht, sei dahingestellt – dass in unserer Realität Männer mit viel Geld und viel Einfluss auch leichtes Spiel bei gewissen Frauen haben.

Dass dies nicht überall der Fall ist und nicht für alle Frauen gilt, brauche ich nicht zu verdeutlichen. Offenbar ist dieses Bild vom reichen Mann mit den vielen, ihm ergebenen Frauen tief in unseren Köpfen verankert. Unser Rapper macht sich dieses Bild mit seiner Promo-Aktion zu Nutze.

Im Rap dreht sich alles um Selbstinszenierung. Rap ist ein Showbusiness, in dem man sich von den anderen abheben muss, um als relevant zu gelten. Rap lebt vom Vergleich unter den Teilnehmern. Man misst sich unaufhörlich mit seinen Konkurrenten und geht dabei als Reichster, Stärkster, Bestbestücktester, Intelligentester oder Süssester ins Rennen. Hauptsache, man hat seinen Mitbewerbern irgendetwas voraus, oder man gibt zumindest vor, es zu haben.

Kunst lebt von der Inszenierung – Rap ist Inszenierung.

Wenn sich ein Rapper sexistisch gibt, liefert er seinem Publikum bloss, was es hören will. Denn sein Publikum besitzt bereits jene Denkweise, die in der vorliegenden Diskussion als sexistisch beschrieben wird, die man jedoch lieber gleich beim Namen nennen sollte: Raubtierkapitalistisch. Es erwartet von seinen musikalischen Idolen, dass sich diese, einem Raubtier gleich, über ihre Beute stürzen, wobei die Beute in diesem Fall Geld bedeutet. Der Kapitalismus macht uns glauben, dass ein hohes monetäres Vermögen das höchste Ziel, das einzig Erstrebenswerte ist und uns zu allem berechtigt, alles legitimiert.

Wer so viel reicher ist als alle anderen, der braucht auch nicht wie sie zu leben und darf sich gänzlich aller irdischen Regeln und Normen entheben. Solange er das nötige Kapital dafür hat, darf er sich nehmen, was immer er möchte – oder wen er möchte.

Zwei Lager, eine Lösung

Die Debatte um Rap und Sexismus wird von zwei Parteien geführt: Das eine Lager sieht Rap als Antreiber des Sexismus innerhalb der Gesellschaft. Die Auswirkungen des Konsums von Rap seien bedenklich für die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Das andere Lager argumentiert, dass Rap weder Ursprung noch Verstärker von Sexismus sei, sondern der Gesellschaft lediglich einen Spiegel vorhalte. Vielleicht lernt sie mal daraus. Die Frage, wer Recht hat, ist von geringer Bedeutung. Entscheidend ist doch:

Was können wir tun, um in Zukunft Bilder von unterworfenen Frauen im Rap zu vermeiden?

Rap zu verbieten oder zu zensieren, wäre eine technisch anspruchsvolle Aufgabe, welche sich mit der Meinungsfreiheit beissen würde. Zudem wäre das eine reine Symptombekämpfung. Wieso sich bemühen, die Auswüchse des Übels abzuschneiden, wenn es eine Wurzel gibt? Anstatt sich sinnlos auf Rap einzuschiessen, könnte man bei sich selbst und seinem Umfeld ansetzen und auf konsumorientierte und neoliberale Werthaltungen verzichten.

Vielleicht, eines Tages, wenn der Besitz des neuesten Autos, der nobelsten Wohnung, der süssesten Zweitwohnung keine Verbesserung des sozialen Standes mehr bedeutet, kann auch ein Umdenken bezüglich der Beziehung zwischen Mann und Frau eingeleitet werden. Wenn wir so weit sind, dass das gemeinsame Posieren vor der Kamera mit Barbie-Verschnitten für Rapper keinen Mehrwert bringt, werden sexistische Rapper keinen Erfolg mehr haben und aussterben. Schliesslich muss der Wurm dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

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