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bild: simon habegger

Interview

«Die Hip-Hop-Szene ist ein fruchtbarer Boden für Verschwörungstheorien»

Luca Thoma



Ein Artikel von

Jeder kennt jemanden, der an Verschwörungstheorien glaubt. Die sozialen Medien sind ein fruchtbarer Boden für Weltanschauungen, die einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten. Auch in Hip-Hop-Kreisen sind sie beliebt: Manchmal werden sie als Stilmittel oder Metapher benutzt, manchmal aber scheinen die Künstler wirklich daran zu glauben.

Was die meisten Verschwörungstheorien miteinander verbindet, ist, dass sie sich gut mit antisemitischen Weltbildern in Einklang bringen lassen. Warum ist das so? Und was hat das mit Hip-Hop zu tun? Der Rapper und Entertainer Knackeboul beschäftigt sich seit Jahren mit virtuellem Antisemitismus. Er sucht regelmässig den Disput mit Alu-Hüten jeglicher Couleur und veröffentlicht Kolumnen und Videos zum Thema. Zeit für ein Gespräch.

LYRICS Magazin – Sonderausgabe

Dieser Artikel stammt aus der Sonderausgabe «Hat Rap ein Problem?» des Schweizer Hip-Hop-Magazins LYRICS. In Zusammenarbeit mit den Autoren wird watson in der letzten Dezember-Woche ausgewählte Artikel online stellen.

Welche Themen behandelt die Sonderausgabe?

Ist Hip-Hop sexistisch? Gewaltverherrlichend? Antisemitisch? Hip-Hop ist im Jahr 2018 die dominante Jugendkultur, Rap das führende Musikgenre in der Hitparade. Die zunehmende Popularität führte in den vergangenen Jahren vermehrt zu kontroversen Debatten. In der Sonderausgabe rollt das grösste Schweizer Hip-Hop/Urban-Medium die Brennpunkte mit interessanten Gästen neu auf.

Die Sonderausgabe gibt es für 10 Franken hier im Shop >>

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cover: lyrics

Knackeboul, wann hört die gesunde Skepsis auf und wo beginnt der Glaube an eine Verschwörungstheorie?
Knackeboul: Verschwörungstheorien haben nichts mit Skepsis zu tun. Ganz im Gegenteil: Es ist eine Überzeugung. Menschen, die sich Youtube-Videos zu 9/11 anschauen oder an einen Vortrag von Daniele Ganser gehen, wollen dort keine Relativierungen oder Kontextualisierungen hören. Sie wollen nicht etwas Neues lernen, was ihr Weltbild auf den Kopf stellen könnte. Sie wollen nur das hören, was sie sowieso schon glauben: 

«Ich hab's doch gesagt, ich hab's doch gewusst – endlich spricht mal jemand die Wahrheit aus.»

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Rapper und Entertainer Knackeboul. bild: simon habegger

Wieso verweisen so viele Verschwörungstheorien auf eine angebliche jüdische Weltverschwörung? Warum sind die Juden so oft das Feindbild?
Dieses Gespenst geht schon seit Jahrhunderten herum, Juden werden immer wieder zu Sündenböcken. Wieso es immer die Juden trifft, kann ich mir nur durch eine gewisse Eskalationslogik erklären. Verschwörungstheorien dienen immer dazu, die eigene Schuld abzuschieben. So ist es nicht verwunderlich, dass Leute, die sich nicht mit der eigenen Schuld und den Konzentrationslagern beschäftigen möchten, auf neue Verschwörungstheorien mit denselben Sündenböcken aufspringen.

«Virtueller Hass kann schnell in reale Gewalt umschlagen.»

Wie gefährlich sind Verschwörungstheorien?
Sehr gefährlich. Ich habe mich jahrelang mit dieser Thematik beschäftigt und bin zum Schluss gekommen, dass viele der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte auf einer Verschwörungstheorie basierten. Die antijüdische Vernichtungspolitik der Nazis oder der Genozid in Ruanda wurden massiv durch Verschwörungstheorien befeuert. Virtueller Hass kann schnell in reale Gewalt umschlagen.

Wie präsent sind Verschwörungstheorien im Hip-Hop, besonders im CH-Rap?
Sehr präsent. Das kann ich mir dadurch erklären, dass Hip-Hop eine rebellische Kultur ist, die schon immer gegen ein reales oder imaginäres Establishment und gegen Unterdrückung gekämpft hat. Das ist an sich sehr lobenswert, aber viele Verschwörungstheorien bedienen sich ähnlicher Muster des «kleinen Mannes», der gegen eine «Elite» kämpft. Nur geht es in diesem Fall oft nicht um realen Struggle, sondern es werden Feindbilder kreiert, die sehr gefährlich sind. Du verlierst das Vertrauen in den Staat, in die Medien. Politischer Rap sollte für soziale Gerechtigkeit kämpfen, dabei aber keinen dubiosen Geschichten auf den Leim gehen. Viele Menschen verlieren sich stattdessen aber in einer Spirale aus Marihuana und YouTube-Videos und schustern sich so ihr eigenes, schräges Weltbild zusammen. Die Hip-Hop-Szene ist ein fruchtbarer Boden für Verschwörungstheorien.

«Schau dir mal Leute wie Xavier Naidoo an, die den Bezug zur Realität völlig verloren haben.»

Künstler wie Prinz Pi oder Kool Savas arbeiteten früher viel mit Verschwörungstheorien als eine Art Stilmittel. Illuminaten-Stories oder Freimaurer-Fantasien dienten als eine Art Tableau für die Battle-Rap-Texte. Ist das in Ordnung oder werden dabei die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung verwischt?
Bei der ersten Betrachtung mag das unproblematisch wirken. Es funktionieren ja schliesslich sehr viele Geschichten nach diesem Conspiracy-Prinzip. Nimm mal das Beispiel «Matrix»: Es gibt eine böse Macht, die die einfachen Leute unterjocht, es gibt einen Kampf zwischen Gut und Böse und es braucht hellsichtige Helden, die den Leuten die Augen öffnen. Das ist ein guter Stoff für einen Film, muss aber richtig eingeordnet werden. So habe ich auch die Songs und Videos von Kollegah früher anders betrachtet als heute: Damals fand ich sie abgespacet, verworren und irgendwie genial. Diese Flut an Zeichen, Symbolen und Geschichten hat mich fasziniert. Erst als ich gemerkt habe, dass er selbst an diese verworrenen kreationistischen Theorien glaubt und sie seinen Hörern einimpfen möchte, habe ich meine Meinung geändert. Sobald aus so einer Geschichte eine Message wird, haben wir ein massives Problem. Schau dir mal Leute wie Xavier Naidoo an, die den Bezug zur Realität völlig verloren haben.

«Egal ob Antisemitismus, Rassismus, Sexismus – diese Dinge existieren in den Köpfen der Menschen.»

Was kann man gegen Verschwörungstheorien und Antisemitismus im Internet machen?
Als Erstes muss man sich vor Augen halten, dass das Internet höchstens als verstärkender Resonanzkörper für solche Ideen dient. Egal ob Antisemitismus, Rassismus, Sexismus – diese Dinge existieren in den Köpfen der Menschen. Es geht also darum, den Antisemitismus aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Dafür gibt es bis anhin noch kein Allheilmittel. Zentral sind aber Bildung, Psychologie, Awareness und soziale Gerechtigkeit. Es braucht gute Lehrer und guten Unterricht. Es braucht gute Psychologen. Es braucht mehr soziale Gerechtigkeit, damit niemand auf die Idee kommen kann, unterdrückt zu werden. Der letzte und vielleicht wichtigste Baustein ist, dass die Probleme konkret angesprochen werden wie hier.

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Video: srf

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