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Ist das eine uralte Folge «Spielhaus» aus den 70er-Jahren? Nein! Ein brandneuer Tag auf «Blick TV»! Bild: Screenshot Blick TV

Review

Ich habe «Blick TV» geschaut, es hat mich umgehaut

Ich habe mich gut 24 Stunden lang dem neuen Online-TV ausgeliefert. Es gab lustige Pannen, Pointen und Prekäres.



Wow, was ist das denn? Es fühlt sich an, als wäre man zur Stosszeit bei Ikea, aber das stünde nicht in Spreitenbach, sondern mitten im Europapark, wo der Clown aus «It» Zuckerwatte verkauft und glitzernde Delfine zu DJ Bobo durch Reifen springen. Es ist ein Delirium namens «Blick TV». Das jetzt schon seit drei Tagen tupfgenau gleich beginnt. Mit einem journalistischen Scheitern. An einer frühmorgendlichen Unwilligkeit der Schweizerinnen und Schweizer nämlich, sich medial vereinnahmen zu lassen.

Tag 1 Der arme Reporter Beni Fisch steht vor einer verschlossenen Sihlpost in Zürich, wo er irgendeinem Skandal nachgehen will, was aber ausser ihm keinen interessiert.

Tag 2 Der arme Reporter Beni Fisch steht allein in Zug und versucht, irgendwas zum Thema Überwachung herauszufinden: «Für da bini do z'Zug, zum das usefinde, aber im Momänt händ d'Zugerinne und Zuger so früeh am Morge ener no chli Angscht vor dem Mann mit der Kamera, also vor mir, und sie händ ender d'Chopfhörer ine do als mit mir z'rede.»

Tag 3 Der Reporter Pascal Scheiber stochert im Oltner Nebel und versucht in der «SV..., äh SP-Hochburg» etwas zum Thema SP-Präsidiums-Nachfolge herauszufinden, «aber jetzt am Morge früeh isch's natürlich schwirig». Und ewig grüsst das Morgenmurmeltier.

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Simone Stern muss sich im Studio schon wieder ein Lachen verkneifen, weil der arme Reporter Beni Fisch schon wieder kein Glück hat. Bild: Screenshot Blick TV

Am Nachmittag von Tag 2 wird der arme Reporter Beni Fisch übrigens auch noch nach Engelberg geschickt, wo er herausfinden soll, ob der thailändische König vor Ort sei, was ihm aber niemand bestätigt und was auch niemanden interessiert, weder die Pöstlerin, noch den Busschauffeur oder den Getränkelieferanten des Hotels, in dem der König gerade ziemlich sicher nicht weilt.

Wir sehen dabei zu, wie sich der Boulevard selbstbefruchtet: Ein Medium hat eine Idee, die sich kein bisschen verifizieren lässt, aber am Ende hat man trotzdem einen Beitrag. Unser Chef ist süchtig. Andere auch.

Nicht alle habe Freude

Im Studio stehen Simone Stern und Reto Scherrer. Sie talken über die gezeigten Beiträge. Haben immer eine Meinung dazu. Finden es beide gut, dass die Fussballerinnen der «Frauenmannschaft» von Chelsea jetzt ihren Menstruationszyklus in den Trainingsplan einbeziehen dürfen. Liefern realsatirische Dialoge ab wie diesen hier:

Scherrer: «Also, he, dasch es grosses Thema, Heuschnupfe, da chame chli drüber rede: Hesch du Heuschnupfe?»
Stern: «Äh, nei. Du?»
Scherrer: «Ich? Nei, a nöd.»
Stern: «Ja, dänn lömmer's.»
Scherrer: «Ah, ja, guet.»

Dazwischen: Sport. Ununterscheidbar von anderer Sportberichterstattung. Es gibt halt Erste, Letzte und Verletzte.

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Reto Scherrer und Reporterin Anja Müggler, die sich schon mega auf ihren Einsatz an der Luzerner Fasnacht freut. Das Kostüm soll eine Fliegerausrüstung aus «Top Gun» darstellen. Für seinen TV-Einsatz musste es drei Tests bestehen. Bild: Screenshot Blick TV

Kunterbunt tollhaust die Welt auf «Blick TV» vor sich hin, und in den Untertiteln wird das gesprochene Schweizerdeutsch sehr kreativ in irgendwas übersetzt: «Es kommen immer wieder in Formation raus, bei Spielweise auch mit dem Buch, dass bei der Aufarbeitung hilft.»

Konkret geht es hier um den 50. Jahrestag des Flugzeugabsturzes bei Würenlingen. Im Studio 1 sitzt NZZ-Journalist und Würenlingen-Fachmann Marcel Gyr. Stern nimmt ihn regelrecht auseinander. Macht sie ausgezeichnet. Stern ist eine Waffe. In Studio 2 versucht Jonas Projer, den ehemaligen Gemeindepräsidenten von Würenlingen zu interviewen. Aber mehr als Augenzeugenbetroffenheit ist nicht zu holen.

Überhaupt: das menschliche Element! Wir sehen: Tränen, Trauer, Reue. Und Aufbegehren.

Und da wird es nun ein wenig prekär. Denn so amüsant Stern und Scherrer miteinander sind, Folgendes geht nicht: «Blick TV» macht eine Liveschaltung zur Pressekonferenz der Betreiber jener Trampolinhalle, in der vor ein paar Tagen die 13-jährige Laila tödlich verunglückte. Die Verantwortlichen verlieren die Fassung, einer weint, niemand aus ihrem Team hat einen Fehler gemacht, es war ein trauriger, tragischer Unfall.

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Die Medienkonferenz in der Trampolin-Halle. Bild: Screenshot Blick TV

Scherrer und Stern machen sich über die «Aufmachung» der beiden Gedanken, finden es geschmacklos, dass sie in den Uniform-Pullis ihrer Halle mit dem Aufdruck «Fly! And smile» vor die Kamera getreten sind (kein Mensch hätte auf seinem Smartphone den Aufdruck lesen können, aber jetzt wissen es alle), und dass man im Hintergrund Graffitis und hüpfende Kinder gesehen hatte.

Liebe, übermütige Neulinge, wenn ihr das findet, dann seid konsequent und zeigt's einfach nicht. Oder sorgt dafür, dass die Medienkonferenz an einem andern Ort in andern Pullis stattfindet. Aber die beiden erschütterten Herren erst vorzuführen und dann abzukanzeln, ist überaus geschmacklos.

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Jonas Projer hat 5 Kinder, Reto Scherrer auch schon 3, erfahren wir. Bild: Screenshot Blick TV

Diskutiert das doch bitte mal in eurer Selbstgeisselungsgruppe. Jener Nachmittags-Sektion, wo ihr User-Kommentare wie «Links, linker, Projer» diskutiert. Wo Projer an Tag 2 sagt, die private politische Meinung eines Journalisten dürfe vor der Kamera «käi Rugl» spielen, was Scherrer mit «Ich zum Bischpil bi guet bürgerlich, das säg ich offe und ehrlich» verneint. Da sind wir dann schon fast in einer grundsätzlichen Mediendebatte, die ruhig noch ein paar Sätze über ein «ich finde, du findest» hinausgehen könnte.

Was also ist das jetzt? Ein Studio, das aussieht wie echt, ein Moderationsteam, das moderiert wie echt – die Simulation eines echten Newsrooms mit erfrischend uneitlem Personal ist es allemal. Amerikanisches Frühstücksfernsehen rund um die Uhr. Natürlich ist das seicht, solange man sich (noch) nicht an relevante Themen wagt, aber es steht ja auch ein Muskelprotz des Boulevard und keine Ballerina intellektueller Analysen dahinter. Mehr lässt sich nach drei Tagen nicht sagen. Vielleicht gelingt es ja, wenigstens den Fluch des Morgenmurmeltiers zu brechen.

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