Leben
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«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller

Normalerweise enden Filme mit Hochzeiten, Natascha Beller beginnt ihren mit einer. Bild: cineworx

Interview

Volksproblem «Frau auf Samenjagd» (wenn ihr jetzt nicht klickt, verpasst ihr was)

Sie arbeitet für «Deville Late Night», schrieb «Bestatter»-Folgen und hat in Locarno ihre erste Kinokomödie auf der Piazza Grande laufen. Natascha Beller ist das grosse neue Schweizer Regiegesicht 2019.



Es ist ganz einfach: Wenn in der Schweiz was besonders lustig ist, steckt garantiert Natascha Beller mit dahinter. Zum Beispiel hinter dem bald dreizehn Millionen Mal auf YouTube angeklickten Video «Switzerland Second». Zum Beispiel auch hinter «Deville Late Night» auf SRF, der Kollektiv-Küche, aus der dieses Video kommt.

«Switzerland Second»

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Video: YouTube/Deville

Und vor allem hinter «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». Der brandneuen Komödie, die am 29. August in die Kinos kommt – auch sie mit reger Beteiligung aus der «Deville»-Küche, ausgedacht, abgeschmeckt und angerichtet allerdings hauptamtlich von unserer neuen Queen of Comedy herself. Oder anders: Was Hazel Brugger auf der Bühne ist, ist Natascha Beller auf dem Regiestuhl – die lustigste Frau der Schweiz. Wir haben ihr trotzdem ein paar ernste Fragen gestellt.

Natascha, welche Fragen kannst du nicht mehr hören?
«Was inspiriert dich?» «Willst du selbst Kinder kriegen?»

Und gewiss auch nicht Fragen zu deiner berühmten Stiefmutter Irina Beller.
Auch nicht. Das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. So wie auch meine Kleider nichts mit meinen Filmen zu tun haben.

Du hast eine Komödie geschrieben und gedreht über Frauen jenseits der Dreissig, die ums Verrecken Kinder wollen. Und über andere, für die ein Kind nicht prioritär ist. Beides ist total aus dem Leben gegriffen. Meiner Erfahrung nach kann zum Beispiel so ein Kinderwunsch zu einer ganz tragischen Obsession werden.
In meinem Umfeld ist das ein grosses Thema. Ich bin jetzt 37, ich habe mit 32 angefangen, das Drehbuch zu schreiben. Ich habe in dieser Zeit jahrelange glückliche Beziehungen erlebt, die zerbrachen, weil der Mann noch nicht bereit war für ein Baby. Und immer, wenn ich an einem Apéro keinen Alkohol trinke, werde ich gefragt: «Bist du schwanger?»

Alkoholabstinenz an Apéros ist natürlich ein klares Indiz.
Manchmal muss ich einfach zu viele Apéros absolvieren, jetzt in Locarno zum Beispiel, da kann ich nicht immerzu Alkohol trinken. Weshalb ich sehr oft gefragt werde, ob ich schwanger sei. Die Karrierefrau in meinem Film, die ihr Kind zwar liebt, es aber nicht an erster Stelle sieht, ist vor allem für Männer ein Problem, die verstehen das gar nicht. Frauen hingegen, die arbeiten und Kinder haben, sagen: Ja, voll, so geht es mir auch.

Deine Produktionsfirma heisst Apéro Film ...
Ein Apéro ist ja auch Arbeit! Gerade hier in Locarno. Absolut massgebend für Filmschaffende.

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei»

Drei Frauen knapp über dreissig: Die eine hat ein Kind, die andere kriegt eins, die dritte will eins. Und verfällt darüber dem totalen hormongesteuerten Wahnsinn. Wer eine Frau ist oder eine kennt – also hundert Prozent der Weltbevölkerung – kann darin sich oder andere prima wieder erkennen und wird sagen: Dieser Film war schon lange nötig. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Dein Film sieht irrsinnig teuer aus. Toll geschnitten, sehr schnell, viel Surreales, Schräges. Hattet ihr so viel Geld?
Im Gegenteil. Der Film gehört der ganzen Crew und dem ganzen Cast, wir haben bis jetzt erst kleine Honorare bezahlt, der Rest sind Rückstellungen von Löhnen, die hoffentlich später ausbezahlt werden. Wir haben viel gebettelt, viel geschenkt bekommen. Deshalb ist die Dankesliste auch das Längste am Abspann. Aber ich habe allen gesagt, dass man mit Schweizer Filmen nicht viel Geld verdient.

Na ja, du bist jetzt die neue Hoffnung des Schweizer Films.
Es wäre schön, wenn es Zuschauer gäbe. Aber ich habe da keine Erfahrung und keine Ahnung.

Die Sache mit der Schwangeren hat dich ja schon einmal beschäftigt.
Ja! Im Drehbuch zum Fernsehfilm «Vaterjagd». Eine 40-jährige schwangere Headhunterin headhuntet nach einem Mann, der ein Vater für ihr Kind werden könnte. Weshalb ich mir jetzt, im Vorfeld zu «Die fruchtbaren Jahre», auch schon mal von offizieller Seite anhören musste: «Noch eine Frauenkomödie? Hatten wir doch schon mal.» Und Männerkomödien?

Ich habe gefühlt schon 33 Männerkomödien über Eishockey gesehen.
Gell!

Du hast jetzt deine erste Kinokomödie gemacht, du arbeitest für «Deville Late Night», zusammen mit deinem Freund Patrick Karpiczenko alias Karpi, der in der Sendung auch Dominic Devilles Sidekick ist. Wie viel Raum nimmt das Baby namens «Deville» in eurem Leben ein?
Aufs Jahr gesehen bei Karpi hundert, bei mir fünfzig Prozent. Vor der Staffel arbeite ich an den Einspielern, während der Staffel sieben Tage die Woche. Aber es ist schön!

Wie muss ich mir das vorstellen: Ihr sitzt beide zuhause und denkt euch tagein tagaus Witze aus?
Nein!

Bild

Dieses inoffizielle Bild von Natascha und Karpi (der Mann neben ihr) am Filmfestival Locarno haben wir vom Branchenverband Swissfilms geklaut und lassen es hier so lange stehen, bis sich jemand beschwert. Bild: swissfilms

Euer Alltag ist also nicht total lustig?
Lustigerweise während der Staffeln nicht, vielleicht, weil wir da all unseren Humor verpulvern und recht erschöpft sind. Aber kaum ist es vorbei, reden wir wieder richtig miteinander und sind auch privat sehr unterhaltsam.

Aha. Aber «Deville» beeinträchtigt eure Beziehung nicht.
Nein, wir arbeiten irrsinnig gern zusammen.

Ihr seid ja auch schon lang ein kreatives Paar. Erzählst du mir eure Geschichte?
Wir kennen uns seit etwa fünfzehn Jahren und sind seit fünf ein Paar. Vorher sahen wir uns eher an Apéros. Wir studierten beide Film, allerdings nicht zusammen, wir mochten uns einfach, aber wir hingen nicht in den gleichen Kreisen ab. Und dann gab es einen Brunch ... ich wirke, als würde ich nur aperölen und brunchen ...

So ist es.
Ich hatte mich mit einer Schauspielerin zum Brunch verabredet, sie fragte: «Darf Karpi auch mitkommen?», ich sagte: «Ja, eh.» Beim Brunch fragte sie uns: «Seid ihr eigentlich befreundet?» Wir antworteten gleichzeitig. Er sagte Nein. Ich sagte Ja. Ich war total schockiert, aber sagte: «Man ist erst befreundet, wenn man sich zum zweiten Mal richtig zusammen trifft.» Ich glaube, er meinte es als Date. Ich eher als Challenge. Aber wir hatten dann das Date und mussten enorm viel lachen. Und ich frage mich, ob wir es auch noch so lustig haben werden, wenn wir einmal sehr alt sind.

Sicher. Abgesehen davon, dass gewisse Leute in deiner Karriere schon fanden, eine Frauenkomödie reicht – hast du dich als Frau jemals benachteiligt gefühlt?
Nicht im Sinn von sexuellen Übergriffen. Aber was mich am meisten nervt, ist die Sache mit der Quotenfrau. Im Writers Room, in einer Jury. Eine Frau muss immer mindestens dabei sein. Eine Frauenüberzahl geht allerdings nicht. Nur Frauen gehen erst recht nicht. Ein einzelner Mann dagegen ist immer zu wenig. Ich habe auch schon mal mit der Begründung «wir haben schon zwei Frauen und erst einen Mann, wir brauchen jetzt noch einen zweiten» einen Job nicht bekommen. Sowas nervt mich wahnsinnig. Umgekehrt ist sowas nie ein Problem.

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller

Hier noch ein legales Bild von Natascha Beller. Bild: cineworx

Apropos Mann, der hinter uns braucht dringend ein Deo...
... Woah! ...

... Journalisten und Deos, ein ewiger Kampf ...
... Ist das ein Journalist?

Ich befürchte es. Arte, wie’s aussieht.
Hoffentlich habe ich nie mit so einem ein Interview! Du bist übrigens die erste Frau, die mich interviewt.

Echt?
Ja, und alle andern finden «Die fruchtbaren Jahre» «etwas ganz Spezielles», Gewagtes. Aber das ist typisch, die Schweiz ist wie immer zehn Jahre hintendrein. International gesehen gibt es aktuell ja so viele gute Stoffe von Frauen und mit Frauen, «Fleabag», «The Marvelous Mrs. Maisel», «Glow», «Killing Eve».

Und dass Frauen-Stoffe auch in der Schweiz funktionieren, hat «Die göttliche Ordnung» ja zur Genüge bewiesen. Was übrigens auffällt: Du hast irrsinnig viele tolle Kinder in deinem Film. Wie castet man denn Kinder?
Ich halte nichts von Castings. Und wenn ein Kind sagt: «Mein Hobby ist Theaterspielen», dann bin ich sofort skeptisch. Ich nehme dann lieber das andere, das sagt: «Ich spiele am liebsten Fussball.» Viele davon sind Kinder von Schauspielerinnen und Schauspielern. Nur die Tochter von Dominic Deville haben wir am Ende wieder rausgeschnitten. Ausgerechnet sie war bei den Honorarverhandlungen die Beste. Sie forderte zweihundert Gummibärchen. Die hat sie bekommen.

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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
DonChirschi
11.08.2019 14:36registriert October 2015
Mich würde die Liste mit den 33 Eishockeykomödien interessieren. Kann jemand die bitte liefern?
26031
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Sarkasmusdetektor
11.08.2019 15:01registriert September 2017
Männer sind nie bereit für ein Baby, bis sie eins haben. Viele Frauen übrigens auch.
22318
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HugiHans
11.08.2019 14:54registriert July 2018
"zweihundert Gummibärchen" ... hätte ich sein können 😄
Aber auch sonst sehr unterhaltsames Interview 👍
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39

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