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365 days

Ein Paar, ein Dinner am Pool, Kerzen, unmotivierte Früchteteller ... sind wir hier etwa in der «Bachelorette»? Nein! Im polnischen Erotik-Hit «365 dni». Bild: netflix

Netflix-Hit «365 dni» beweist: «Fifty Shades» hat einen fatalen Dachschaden verursacht

Frau, unterwirf dich! Dann wirst du belohnt. Ein Trend geht immer weiter und hinterlässt seine Spuren in der Realität. Achtung, in diesem Artikel herrscht hohe SPOILER-Dichte.



Es ist Sommer 2020. Auf Ron Orp sucht ein Mann nach einer devoten Frau. Eine, die «Demut und den Drang zu dienen» verspürt. Eine, die durch «Erniedrigung erregt» und befriedigt wird. Die Chancen, dass er viele Antworten erhält, stehen aktuell gut.

Auf Netflix läuft der Film «365 dni» («365 Tage»). Ein Mafioso namens Massimo rammt im Privatjet einer Stewardesse seinen Schwanz in den Rachen. Sie muss weinen, ist aber irgendwie doch auch geschmeichelt. Denn Massimo ist nicht nur brutal, sondern auch brutal reich und schön.

Dann betäubt er schnell auf offener Strasse die leckere Polin Laura, entführt sie, und als sie auf seinem Schloss erwacht wie Dornröschen im Horrorland, erklärt er ihr, dass sie ihm mal als Vision erschienen sei und er sie deshalb 365 Tage lang als Gefangene halten und ihr beibringen werde, ihn zu lieben. Logisch, oder?

Das hier entspricht am ehesten einem Trailer

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Video: YouTube/Game of TayRap

Laura scheint eigentlich ein ganz interessantes Leben zu haben, sie ist Geschäftsfrau in New York (okay, ihr Freund ist ein tumber, sexmüder Honk). Sie macht ein paar halbherzige Fluchtversüchlein und ziert sich, findet aber allmählich Spass am geilen Leben der Superreichen, vergisst darob den Rest der Welt und hätte eigentlich gern nach 53 Filmminuten Sex mit Massimo, doch der lässt sie an den Handschellen und der Teleskopstange, mit denen sie ans Bett gefesselt ist, zappeln.

Erst in Minute 67 darf sie ihm den ersten Blow Job (er hat halt schampar gerne Blow Jobs) geben, da hat er sie gerade gerettet, weil sie vor lauter Zickerei von der Yacht gefallen ist.

Und dann sind sie noch ganze 50 Minuten lang miteinander glücklich, wollen heiraten, doch ach, Massimos eifersüchtige Ex lässt Laura umlegen. Woah! What? Ja. Mafia halt.

Wie alle grossen, zu rasenden Welterfolgen gewordenen Frauenunterwerfungs-Szenarien des 21. Jahrhunderts steht auch hinter «365 dni» eine Frau. Nicht nur, aber auch. Nämlich die Drehbuchautorin und Regisseurin Barbara Bialowas, die einschlägige Erfahrung im Erotikgenre hat. Zusammen mit Tomasz Mandes, der aus dem Gangsterfilm kommt. Man kann also nicht behaupten, dass «365 Days» auf dem Mist toxischer Männlichkeit gewachsen sei.

365 days

Die Legende von Laura und Massimo. Bild: netflix

Der Erfolg des Films ist so durchschlagend wie eine Abrissbirne: Auch wenn die Juso den Film gern von Netflix verbannt sehen möchte, lieben gerade Frauen das Machwerk wie verrückt. Mädchen seufzen jetzt beim Wort Entführung. So wie vor 15 Jahren beim Wort Vampir. Damals, als «Twilight» auf den Markt kam. Die Saga von Bella und Edward.

Wir erinnern uns lebhaft: Ein normales Mädchen von heute verknallt sich in einen vornehmen Vampir aus einer Villa im Wald. Er sagt, wenn wir uns küssen, muss ich dich beissen, und Sex vor der Ehe liegt auch nicht drin (gut, vielleicht ist dies auch bloss die Meinung der Autorin Stephenie Meyer), was die Liebe ungemein gefährlich und umso reizvoller macht.

Prinz Edward ist nur mittels Schmerz, Blutverlust und überhaupt totaler Selbstaufgabe zu kriegen, aber natürlich lohnt sich das.

2011 kam die Schottin E.L. James, damals sowas wie der grösste schreibende «Twilight»-Fan, ersetzte Fantasy durch Finanzen und Beissen durch Bondage, und schwupps war der Vampirkitsch aus dem Hinterwald in die urbane Unternehmerszene des Christian Grey versetzt und gleich viel, viel realistischer und lebensnaher.

«Fifty Shades of Grey» geisterte nicht mehr durch die romantisch reizbaren Teenie-Gemüter, sondern «befreite» erwachsene Frauen. Solche, die mehr vom Sex wollten als das gewohnte Tagwerk der Geschlechtsorgane, mehr vom Mann als ein durchschnittliches Einkommen und gerne auch etwas Entspannung vom Hamsterrad der Selbstkontrolle und Selbstoptimierung und vom anstrengenden Feminismus.

Fifty Shades Darker, Jamie Dornan, Dakota Johnson

Die Legende von Ana und Christian. Bild: Universal

Das Attraktivste am «Fifty Shades»-Modell jedoch war die Rückversicherung, die hier gleich mit der Selbstaufgabe geliefert wurde. Das war neu. Denn weil der neue Märchenprinz Christian Grey ein knallharter Businessmann war, wurde auch die Beziehung zum Business: Christian und seine Ana setzen einen Vertrag auf, an den sich beide halten müssen. Damit jede Ungewissheit ausgeräumt ist. Und die Beziehung zum Dienstleistungsparadies werden kann. Unromantischer war eine Romanze selten. Ihre Grundlage aber bleibt: Der Mann darf die Frau dominieren.

Es ist erstaunlich, welchen Schaden «Fifty Shades» angerichtet hat. Eigentlich muss man von einem Dachschaden reden.

Unterwerfungsfantasien gelten heute als Mainstream. Als erstrebenswert. Wer sich unterwirft, so sagt «Fifty Shades», so sagt «365 dni», wird belohnt. Durch irre guten Sex. Und irre viel Geld. Da hagelt es Orgasmen und da schneit es in einem Fort Privatjets, Yachten, Villen, Schlösser in Italien oder Chalets in Aspen. Es ist wie im Märchen. Und die kapitalistische Überlegenheit gehört ganz selbstverständlich dem Mann, den Christians und Massimos.

Kristen Stewart

Die Legende von Bella und Edward. War irgendwie herzig und harmlos. Bild: via imdb

Der Einbezug eines Gangsterfilm- und damit auch Gewaltexperten färbt die Tonalität von «365 dni» etwas anders als die von «Fifty Shades»: Es gibt da einen ganz klaren Unterschied zwischen guter und schlechter Gewalt. Schlechte Gewalt wird zum Beispiel von Kinderschändern verübt und ist unentschuldbar. Kinderschänder werden von der Mafia sofort umgenietet. Frauenschänder sind dagegen nicht böse.

Das Nein einer Frau wird irgendwann schon Ja heissen. Notfalls nach 365 Tagen. Wir sind wirklich weit gekommen.

Als wäre der Zahlenmystik noch nicht genug, gibt es ausser 50 und 365 auch noch 3, nämlich die ebenfalls zum Weltbestseller gewordene literarische Reportage «Three Women» («Drei Frauen») von Lisa Taddeo. Sie hat die echten Leben von drei amerikanischen Frauen niedergeschrieben, von einer Schülerin und zwei Erwachsenen, und sie zeigt, was geschieht, wenn der Versuch, Fiktion zu Realität zu machen, scheitert.

«Drei Frauen» ist ein süchtig machendes Buch, Lisa Taddeo kann schreiben und versteht was von Dramaturgie, aber es ist auch unendlich frustrierend: Denn die drei Frauen – eifrige «Twilight»- und «Fifty Shades»-Leserinnen, die sich mit ihrer Lektüre tragische überidentifizieren – haben alle kein Talent zum Glück.

Lisa Taddeo

Lisa Taddeo und drei Gläser mit Wasser, die gewiss symbolisch für ihre drei Frauen stehen. Bloss wie? Bild: wikipedia

Eine lässt sich von ihrem Mann zu zahllosen Dreiern überreden oder zu Fremdgängen, an denen sie ihn voyeuristische teilhaben lässt, sie verwandelt sich in seinen Pornostar, daneben hat sie keinerlei Selbstbewusstsein. Eine andere flieht aus dem erkalteten Ehebett in die Arme eines alten Schulschatzes, er hält sie sich am äussersten Rand seines Lebens als Sexpuppe, sie macht ihn zum Zentrum von allem. Eine Schülerin verliebt sich in ihren Lehrer, er kommuniziert mit ihr über «Twilight»-Zitate und lebt Lolita-Phantasien aus, später kommt es zum Prozess, er leugnet alles, Familie, Schule und der ganz Ort stehen hinter ihm, sie ist das Flittchen, das Fame will.

Die drei Frauen lassen sich willig von Männern manipulieren und legen sich dies als Liebe zurecht, weil sie die Manipulation mit Transgression und also Selbstverwirklichung verwechseln. Die Kosten für etwas mehr Sex und einen halbliterarischen Traum von romantischer Selbstaufgabe sind hochhaushoch. Es ist an Tristesse kaum zu überbieten. Und das Moment der Rückversicherung und der materiellen Erhöhung, der märchenhaften Rettung vor der Normalität, das fehlt natürlich. Showtime hat bereits die Serienrechte gekauft.

Man darf gar nicht damit beginnen, einen feministischen Massstab an diese Geschichten anzulegen. Er müsste sofort entzweibrechen vor Verzweiflung.

Selbstverständlich gehören Kontrollverlust, Submission und momenthafte Selbstaufgabe schon immer zum Kanon der erotischen Spielarten. Aber dass sie in den grossen populären Erzählungen unabdingbar mit der Aufgabe jeglicher Art von Selbstbestimmung einhergehen, offenbart einen beunruhigend rückwärtsgewandten Kern. Und wer jetzt wieder sagt: Ja, aber es ist doch nur Unterhaltung, dem sei gesagt, dass Massenunterhaltung genauso kritisch betrachtet werden muss wie Massentierhaltung. Die Konsequenzen sind nicht gering zu schätzen.

Und merkt euch, Mädchen, die ihr euch eine Entführung wünscht: Die Wirklichkeit ist nicht ein superreicher, geiler Beau. Die Wirklichkeit und ihre Perversionen, ihre Kellerlöcher und Vergewaltiger, kennen Frauen wie Natascha Kampusch oder Duffy. Und sowas wollt ihr nicht im Ernst erleben. Aber schon klar, die Fantasie fragt nicht nach Wirklichkeit.

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