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bild: instagram/thefashionfraction

Eine halbe Million schaut ihr zu – aus dem Leben einer Influencerin

Instagram: Michèle Krüsi aus Braunau bedauert, dass ihr Beruf als Influencerin noch immer belächelt wird.

janine bollhalder / schweiz am wochenende



«Eigentlich stehe ich lieber hinter der Kamera», sagt Michèle Krüsi. Eine paradoxe Aussage für die junge Frau aus dem beschaulichen Braunau. Sie trinkt in New York Cocktails, besucht in Paris Kunstgalerien und posiert auf der Tower Bridge – und sie teilt diese Augenblicke mit ihren 473'000 Followern auf der Internetplattform Instagram unter dem Benutzernamen «thefashionfraction».

Die 28-Jährige lädt jeden Tag ein Bild auf die soziale Plattform, das verlange der Algorithmus. Krüsi ist gelernte Polygrafin. Sie wollte sich weiterbilden, besuchte ein Studium in visueller Gestaltung. «Ich habe Montag bis Donnerstag gearbeitet, Freitag und Samstag an der Hochschule studiert und sonntags meine Eltern besucht und gebloggt. Freizeit hatte ich damals keine», sagt Krüsi rückblickend.

Heimliche Leidenschaft wird zum Erfolg

Michèle Krüsi hat vor zehn Jahren heimlich mit dem Bloggen angefangen: «Wenn meine Eltern weg waren, habe ich Kamera und Stativ gepackt und mich vor die Hauswand gestellt.» Sie habe ihre Freude an der Mode teilen wollen. In ihrem näheren Umfeld interessierte sich niemand für das Thema. Im Internet hingegen hat sie viele Gleichgesinnte gefunden: «Mein Instagramprofil gehört inzwischen zu den grössten der Schweiz.» Als das Bloggen mehr Zeit verlangte, hängte Krüsi Job und Studium an den Nagel. «Es ist mir schwergefallen, zu kündigen», sagt sie, die nie den Traum hegte, Influencerin zu werden und von der selbstständigen Tätigkeit zu leben.

Die Bilder von Michèle Krüsi sind bunt und lebendig. Man sieht die 28-Jährige mal mit dem Mund voller Spaghetti, im Bademantel und mit Zeitung auf dem Balkon oder – in einer immer wieder auftauchenden Pose – mit hochgestrecktem Bein, ähnlich einer Ballerina. Krüsi ist sichtbar beweglich und sie scheut sich auch nicht, in Bikini oder Unterwäsche zu posieren. «Das ist doch etwas Natürliches», sagt sie. «Ich will damit den Körper entsexualisieren.»

Krüsi ist auch in ihrem Alltag natürlich unterwegs, zum Interview kommt sie nicht in Designerkleidung gehüllt, sondern ohne Make-up, in einem Rollkragenpulli, Jeans und weissen Sneakern. «Die sind immer trendy», sagt sie, merkt dann aber an, dass sie eigentlich keine Ahnung hat, was gerade «in» ist. «Ich trage einfach, was ich will.» Und das kommt an: Krüsi kann gut von ihren Instagrambeiträgen leben. «Ich verdiene nicht jeden Monat gleich viel, aber ich würde doch sagen, mehr als den durchschnittlichen Schweizer Lohn.»

Trotzdem werde ihr Job oft belächelt. «Man ahnt nicht, wie viel Arbeit hinter einem Beitrag steckt», sagt sie. «Mein Tag startet und endet um sieben Uhr.» Einen Tag lang entwerfe sie Konzepte für die Instagrambilder, an einem anderen Tag beantworte sie Mails und den nächsten Tag widme sie dem Fotografieren. An diesem Punkt habe die Selbstständigkeit aber auch ihre Vorteile: «Ich mache die Bilder oft mit Influencer-Kollegen – so verbringe ich Zeit mit Freunden und arbeite.»

Den veröffentlichten Bildern fügt Krüsi stets eine Bildunterschrift hinzu – in Englisch. «Meine Follower kommen hauptsächlich aus der Schweiz, Deutschland und Amerika», sagt Krüsi. Instagram ist für sie aber keine Werbeplattform – auch wenn die publizierten Werbebeiträge ihr Leben finanzieren. «Ich will meinen Freunden Tipps geben, kein Produkt aufschwatzen.» Der Konsum sei es auch, der sie an Instagram störe. «Ich gebe auf den Bildern nicht an, von wo meine jeweilige Kleidung ist.

Die Outfits sollen lediglich der Inspiration dienen. Ähnliche Stücke finden sich oft bereits im Kleiderschrank.» Und doch ist es die Kauflust der Follower, die Michèle Krüsis Leben schlussendlich finanziert. Eine lange Partnerschaft pflege sie mit Dyson(Interview zum Thema: siehe Box). Man sieht Krüsi vor dem Spiegel die Haare föhnen, in einem langen lila-orangenen Kleid – Vorbereitungen für das Zürich Film Festival. Weiter nach unten gescrollt sieht man Krüsi vor dem Spiegel, in Ballerinaposition – flexibel, wie es der Föhn sei. Dieser liegt am Rande des Bildes, nicht im Fokus. Das ist Krüsi wichtig – es soll nicht werberisch wirken.

Michèle Krüsi zeigt sich auf ihren Bildern mal sexy als Piratenfrau mit Champagner, mal hangelt sie sich wie ein Äffchen auf das Verdeck eines Boots, mal versteckt sie sich hinter Sonnenbrille und Kaffeetasse. Persönlich ist sie aber vor allem natürlich, locker und bodenständig. «Viele Leute sagen, ich sei privat anders als auf Instagram», sagt die gebürtige Thurgauerin.

Aber äusserlich erkennt man Krüsi wieder. Das sei es auch, worauf sie Wert lege: «Natürlich bearbeite ich meine Bilder gewissermassen – etwa die Farben. Aber ich würde mein Aussehen niemals so verändern, dass mich niemand mehr auf der Strasse erkennt.» Authentizität inmitten Perfektion. Aber diese makellose Scheinwelt Instagrams mache Krüsi schon lange nichts mehr aus. «Ich nehme das nicht mehr so ernst.»

Ihre Kreativität kann Krüsi mit einem Instagramkanal nicht ausreichend ausleben. Frecher und freizügiger zeigt sie sich auf ihrem zweiten Account: Leonessa Lingerie. Hier drehen sich die Beiträge um Krüsis Unternehmen – das Unterwäschelabel Leonessa Lingerie. «Ich habe meine Unterwäsche immer im Ausland eingekauft. In der Schweiz habe ich nur ganz selten etwas gefunden, das mir gefällt und auch bequem sitzt.» Die Produkte werden in Portugal hergestellt, versandt aber von Krüsi höchstpersönlich: «Meine Wohnung sieht aus wie ein Warenlager. Ich verpacke alles von Hand und bringe es auf die Post», sagt sie. Krüsi hofft, dass ihr «Baby» schnell wächst und ihre Haupteinkommensquelle wird. «Ich hoffe, Leonessa Lingerie ist meine Zukunft – auch, falls Instagram eines Tages das Zeitliche segnet.»

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103 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Mitläufer
01.02.2020 13:46registriert November 2019
Die dummen sind nicht die Influencer, sondern deren Follower. Kinder und eher weniger intelligente (nicht böse oder abwertend gemeint, aber ist halt so) Erwachsene. Weil ihr eigenes Leben langweilig ist, schauen sie gerne anderen beim richtig Leben zu. Oder weil Mode/Schminke alles ist, was sie interessiert.
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Campino
01.02.2020 13:39registriert February 2015
Ich verstehe das einfach nicht!
Wenn ich doch etwas schönes sehen will, dann gehe ich raus und schau mir das nicht auf dem PC an.
Ob man jetzt das als Beruf anerkennt oder nicht, ich finde einfach zum Teil schockierend was diese "Sozialen-Medien" für eine Macht ausübt!
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Gawayn
01.02.2020 16:12registriert March 2018
Liebe Watson
Ich möchte euch nochmals daran erinnern.
Ihr habt mal eine Umfrage gestartet,
Was wir Leser gerne sehenund was wir weniger sehen wollen.
Influencersachen war das mit Abstand Häufigste, was weniger gesegen werden wollte.
Bitte erinnert euch daran und lasst den Influencern ihre eigene Plattform.
Gebt denen bitte nicht hier noch eine.
Das wird hier, laut letzter Umfrage nicht gemocht!
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