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ZURICH, SWITZERLAND - OCTOBER 02: Johnny Depp attends the

Die Frau an Johnnys Seite heisst Victoria und ist die Gattin seines Uralt-Freundes Shane MacGowan. Bild: Getty Images Europe

Er war da: Vieles, was wir über Johnny Depp geschrieben haben, war wahrscheinlich deppert

Der Schauspieler redete am ZFF eine Stunde vor und mit dem Zürcher Publikum und war dabei so liebenswürdig, dass wir uns ein bisschen schämen.



Manchmal muss man selbstkritisch sein. Manchmal muss man sich die Dinge mit eigenen Augen ansehen und vor allem mit eigenen Ohren anschauen und nicht nur zusammenschreiben, was andere so finden. Egal, ob es um Menschen, Orte, Ereignisse oder Kunstwerke geht. Manchmal wäre nämlich genau das Journalismus. Das andere nicht. Und es tut auch gar nicht weh, dies zuzugeben. Ausser man hält seine eigenen Grenzen für unüberwindbar.

Gehen wir also zu Johnny Depp. Wörtlich, nicht sinnbildlich. Denn Johnny Depp tritt an diesem ersten Freitagnachmittag im Oktober kurz nach 13 Uhr im Saal Nummer 4 des Kinos Arena im Sihlcity auf. Redet eine Stunde lang mit Moderator Max Loong und mit dem Publikum. Und mit Victoria, der Gattin seines guten Freundes Shane MacGowan. Shane und Johnny sind seit dreissig Jahren Freunde, und Shane ist nicht irgendein Freund, sondern der Sänger der irischen Folk-Punk-Band The Pogues, und wer nicht schon zu den Pogues gepogt hat, war sicher nicht in den 80er- oder 90er-Jahren jung.

ZURICH, SWITZERLAND - OCTOBER 02: Johnny Depp speaks at the ZFF Masters during the 16th Zurich Film Festival at Arena on October 02, 2020 in Zurich, Switzerland. (Photo by Thomas Niedermueller/Getty Images for ZFF)

Depp mit Beret im Kino Arena. Bild: Getty Images Europe

Johnny hat einen Dokfilm über Shane produziert, er heisst «Crock of Gold – A Few Rounds with Shane MacGowan» und die Rounds sind natürlich Runden in einem Pub, und so sieht man denn Johnny und Shane unter gröbstem Alkoholeinfluss über Irland, die Drogen und die alte Punkszene in London plaudern. Es ist ein bisschen, als wollte Johnny in dem Film alle Vorurteile, die man eh schon über ihn hat, bestätigen, er, das abgehalfterte, gut ausgepegelte Wrack, das seine Frau schlägt und sich auch sonst nicht im Griff hat.

Hat er aber doch. Denn jetzt in Zürich sitzt ein nüchterner, warmherziger, geradezu irritierend netter und bescheidener Mann auf der Bühne, wie immer mit schwarzer Brille und Beret, das er irgendwann zu Boden schmeisst, und sich wieder und wieder durch die Haare fährt. Seine Stimme ist tief und voll und riesengross.

The Pogues mit «Fairytale of New York»

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Video: YouTube/ThePoguesOfficial

Mit Shane verbindet ihn die Musik, denn Johnny verstand sich einst als Musiker, «ich begann mit zwölf, gab mit dreizehn die ersten Konzerte in Nachtclubs und verdiente mir mit fünfzehn mein Leben damit», erzählt er, «dann brach ich die Schule ab, denn Musik war meine erste grosse Liebe.» Irgendwann kam jemand auf die Idee, dass er hübsch genug für die Kamera sei, «ich machte ein paar Filme, sie waren mir egal, jemand gab mir Geld, ich nahm es, aber auch das war mir egal, doch plötzlich merkte ich, dass die Musik in meinem Leben auf dem Rücksitz Platz genommen hatte».

Er entschloss sich, das mit dem Film ernsthafter anzugehen. «Ich will ein Punk-Rock-Schauspieler sein. Ich will keinen Applaus für gefällige Rollen.» Daraus wurden «Cry Baby» und «Edward Scissorhands», «mein Agent hatte keine Freude, aber je mehr ich mich reinkniete, desto weniger dumm wurden meine Rollen. Manchmal ist es wichtig, dass die Möglichkeit zu versagen, über dir hängt. Manchmal musst du in eine Ecke gedrängt werden, damit du dir deinen Weg rausboxen kannst.»

Die Autorin dieses neuen Depp-Artikels schämt sich etwas für diesen älteren Depp-Text

Und da trat irgendwann Shane in sein Leben, der irische Poet, Säufer und Junkie, der im Film sagt, er habe es nicht ertragen, wie verrückt gut Johnny damals ausgesehen habe. Später, sagt Depp auf der Bühne, habe Shane ihn immer nur «White Trash» und seinen Look den eines Zuhälters genannt. Shane hatte die ersten sechs Jahre auf einem Bauernhof verbracht, so richtig im Dreck, ohne Toiletten und Elektrizität, seine Grossmutter gab ihm mit vier zum ersten Mal Bier zu trinken und Zigaretten zu rauchen, er wurde schnell alkoholabhängig, als die Familie später nach London zog, wurde er zum Junkie, seinen Eltern war es lieber, wenn er zuhause konsumierte als auf der Strasse.

«Als ich ihn kennenlernte, war er in einem Studio, das aussah wie ein Pub. Er hatte einen Pint in der einen Hand und machte mit der andern Musik, er schwankte wie ein ganz langsames Metronom, ich dachte, er lebt nur noch eine Woche», sagt Depp in Zürich, «aber er lebt immer noch. Ich liebte seine Musik sofort. Da lag Rebellion in jedem Song. Da lag Wahrheit in jedem Song.» Wie Shane denn den Film über sich gefunden habe, fragt er Victoria. «Oh, das willst du nicht wissen!», lacht sie.

ZURICH, SWITZERLAND - OCTOBER 02: Johnny Depp speaks at the ZFF Masters during the 16th Zurich Film Festival at Arena on October 02, 2020 in Zurich, Switzerland. (Photo by Thomas Niedermueller/Getty Images for ZFF)

Depp ohne Beret im Kino Arena. Bild: Getty Images Europe

Daraus, dass er selbst sehr viel trinkt und sich mit Drogen prima auskennt, macht er kein Geheimnis. Aber das ist ja auch okay. Über den Prozess mit seiner Ex-Frau Amber Heard spricht in Zürich niemand, aber man sitzt so da und denkt sich: Gut möglich, dass er und sie sich in ihrem durch Drogen und Streitereien angeheizten Ehekrieg nichts schenkten und zu zweien wurden, die sich überhaupt nicht guttaten. Denn die Sache mit dem Hineinsteigern ist für Johnny Depps Arbeitsauffassung essentiell.

«Wenn mir jemand sagt, ich soll einen Gang runterschrauben, dann drehe ich erst recht auf», sagt er, und illustriert das mit Jack Sparrow. «Als mich Disney zum ersten Mal als Jack Sparrow sah, hatten sie Todesangst. Sie fragten mich: Bist du betrunken? Ist Jack Sparrow betrunken? Ist er schwul? Ich sagte: Wisst ihr nicht, dass alle meine Figuren schwul sind? Ich glaubte an Jack Sparrow. Ich sagte: Wenn ihr mich bezahlt, könnt ihr mich gerne entlassen, ich versteh das. Oder ihr vertraut mir. Das passiert mir öfter. Aber es feuert mich an.»

In this undated photo released by Disney Enterprises, actor Johnny Depp as Jack Sparrow appears in a scene from

Wie viele sind hier betrunken, fragte sich Disney, bloss die Figur oder auch ihr Darsteller? Bild: AP DISNEY ENTERPRISES

Wie kommt eigentlich einer mit einer derart volltönenden Stimme zu den abgedrehten Stimmen, die er seinen Figuren gibt? Johnny Depp ist im Element: «Diese Stimmen beruhen auf den Ingredienzien, mit denen ich eine Figur anrichte. Grindelwald etwa ist für mich ein zerbrechliches, dünnes Stück Kristall. Ich will, dass er so spricht, als würde man ein Weinglas antippen. Und ein wenig wie einer dieser TV-Prediger oder Politiker, der dich einlullt.»

«Willy Wonka beruht auf den Moderatoren von Kindersendungen. Und auf der Frage: Wie würde George W. Bush klingen, wenn er total stoned wäre? Wenn er sein highstes High erleben würde? Das habe ich gemixt. Und beim Mad Hatter hatte ich ein kaputtes Spielzeug im Sinn. Und einen ganz bestimmten orangen Klebstoff, mit dem die Hutmacher früher arbeiteten und der so giftig war, dass einige von ihnen wirklich wahnsinnig wurden.»

In this film publicity image released by Disney, Johnny Depp is shown as The Mad Hatter in a scene from

Der Mad Hatter aus «Alice in Wonderland» – Depps Ingredienz war ein oranges Gift. Bild: AP Disney

Und dann kommt es doch noch, das Thema mit der Gewalt gegen Frauen, aber ganz anders als erwartet. Eine Frau steht auf, sagt, sie sei Schauspielerin, sie wolle einen Film über Vergewaltigungen drehen, sie habe das selbst erlebt, habe alles verloren, ob er, Johnny Depp, der doch auch als Produzent arbeite, ihr dabei behilflich sein wolle?

«Klar, was kann ich denn für Sie tun? Wow, wie mutig, dass sie für einen Film in diese Art von Schrecken hinabsteigen.» Natürlich wird er nichts für sie tun können, aber das kurze Zwiegespräch mit der Frau, das nur die beiden verstanden, schien wohl zu tun. Und dann freut er sich noch über Schweizer Schokolade von einem Fan und stellt sich hin und applaudiert den ihm applaudierenden Zürcherinnen und Zürchern viel länger als nur zwei Sekunden lang und sieht dabei so aus, wie er seinen Freund Shane dem Publikum beschrieben hat: «He is a beating heart.» Er ist ein schlagendes Herz. Und dessen Takt ist Punk-Rock.

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