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Wetten, dass das nicht lange wächst? Miley Cyrus setzt mal wieder einen Trend. bild: instagram/ mileycyrus

Das schlimmste Haar? Das Achselhaar! Lasst. Es. Sein. 

An diesem Artikel sind schuld: Miley Cyrus, der nahende Sommer und die Paranoia der Autorin vor dem Körpergeruch anderer.



Miley Cyrus färbt sich jetzt die Achselhaare pink, und ich nerv mich. Aber wieso eigentlich? Wahrscheinlich meint Miley dies ja wieder mal feministisch. So wie jedes Jahr einmal eine Frau ihr Achselhaar feministisch färbt. Und ein paar andere ihre Brüste feministisch zeigen. Gegen den heteronormativen Körperkult oder so. Dagegen hab ich nichts. Feministin war ich schon immer. Ich frag mich bloss immer: Gibt es dafür nicht andere Ausdrucksformen? Nicht auch dringendere, nachdrücklichere, relevantere, intellektuellere? 

In meiner neurotischen Beobachtung geht Achselhaar gerne auch mit Körpergeruch einher. Sehr gern. Von daher ist mir das Achselhaar noch unlieber als das Bart- (Obwohl: essen mit Bart ... ganz zu schweigen von küssen. I kissed a beard and I didn't like it.) und Beinhaar. Körpergeruch mag auf einer Alp angehen oder in «Newtopia» und selbstverständlich beim Sex, also dort, wo sich Menschen sowieso gut riechen können, weil jeder Missgeruch in einer Glückshormon-Wolke verduftet. Aber er geht nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, Grossraumbüros, Supermärkten, Städten, Luftschutzkellern, Sitzungen, überall dort, wo sich zufällige Zweckgemeinschaften finden. 

Die Antwort auf das Argument «Jedes Parfüm ist für mich Geruchsbelästigung, ich find meinen Eigengeruch am tollsten» lautet: Nein! Nein!! Nein!!! Eigengeruch tendiert dazu, im Laufe eines Tages zuverlässig nach Zersetzung, Verwesung und also Tod zu riechen. Nach Endzeit. Weltuntergang. Apokalypse. Achselhaare potenzieren die mögliche Verwesungsgeruchs-Fläche. Selbst das billigste Parfüm zeugt von einem Bemühen, sich für andere angenehm zu machen. Das gilt für Männer und Frauen. Ein gutes Deo ist pure Menschenfreundlichkeit.

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2014 wollte uns auch Madonna was beweisen. bild: Instagram/madonna

Bin ich jetzt eine schlechte Feministin? Eine domestizierte Frau? Verklemmt? Eine Selbtshasserin, die verdrängen will, was die Natur so grosszügig angerichtet hat? Ist die Sache mit dem Haar tatsächlich nur und immer frauenfeindlich? Ist sie nicht. In Wellen ist sie mal frauen-, mal männerfeindlich. 

Die alten Ägypter enthaarten Frauen wie Männer. Die antiken Griechen fanden behaarte Männer ekelerregend. Alexander der Grosse verbot Bärte, weil Krieger im Kampf Gefahr liefen, daran vom Pferd gerissen zu werden. Der römische Dichter Ovid verfasste ein Pamphlet gegen die Achsel-Zotteln der Männer und schrieb: «Und nicht soll der stinkende Bock, der Herr der Ziegenherde, unter den Achseln hausen.» Jawoll! Den Damen riet er zur Beinenthaarung. Die Krieger der Kelten wiederum, die damals den ganzen Körper rasierten, hielt Ovid für effeminiert, also für ziemlich schwul.

«Und nicht soll der stinkende Bock, der Herr der Ziegenherde, unter den Achseln hausen.»

Ovid (43 v.Chr. – 17 n.Chr.)

Zwischen 1600 und 1700 rasierten sich Männer und Frauen Stirn und Augenbrauen und ersetzen letztere mit Mäusepelz. Ende des 18. und im 19. Jahrhundert rasierten sich Dandys – und Prostituierte, die ihren Kunden so beweisen konnten, dass sie keine Läuse hatten.

Die Männerrasur unterhalb des Kinns wurde auch nach Ovid für vorwiegend schwul gehalten. Doch dann kam der Mann der Männer: Daniel Craig tauchte in «Casino Royale» als Bond mit fast blanker Brust aus dem Meer auf. Als männliche Ursula Andress. Eine reife Trans-Gender-Leistung. Und David Beckham wurde mit ganz glatter Brust zum Heros der Metrosexualität. Zusammen mit Cristiano Ronaldo. Brad Pitt. Johnny Depp, Justin Bieber, Ryan Gosling. 

Los Angeles Galaxy's David Beckham autographs pictures of himself wearing his newest Emporio Armani underwear at the launch of the line at Macy's in San Francisco on Wednesday, June 18, 2008. (AP Photo/Jakub Mosur)

Very nice! David Beckham. Bild: FR79102 AP

A scene from the movie Troy depiciting Rose Byrne (L) performing as 'Briseida' and Brad Pitt (R) as 'Achilles'. Brad Pitt and the cast of 'Troy'charged into the Cannes film festival, overshadowing French protests that threaten to spoil the event. Pitt and co-stars Erica Bana, Orlando Bloom, Sean Bean and Diane Kruger created a stir as they walked the red carpet to present their US$175 million (147 million euro)-plus swords-and-sandals epic in the blaze of Cannes publicity.  (KEYSTONE/EPA/Alex Bailey) === ,  ===

Nice! Brad Pitt in «Troy». Sehr schön auch die Abwesenheit eines Bartes. Bild: EPA EFE

Ihr Achselhaar: Vorhanden. Aber spärlich und ansprechend frisiert. Ihre Vorbilder: Pornodarsteller und Sportler. Sporno. Sie hätten auch einfach die Kunstgeschichte konsultieren können: Abgesehen von etwas Schamhaar sind nackte Menschen dort wirklich nackt. Michelangelos David hat kein Achselhaar.

Seither ist auch der Mann unter Druck und damit für einmal gleichberechtigt. Mit uns Frauen nämlich, die exakt seit hundert Jahren unter dem aktuell gültigen Enthaarungs-Diktat stehen: 1915 kam der erste Damenrasierer – explizit für Achselhaare – von Gillette auf den Markt. Die Kleider wurden kürzer und bequemer, die freigelegten Glieder gepflegter. Sie zeugten von Zeit, Geld und Stil ihrer Besitzerinnen.

Die enthaarte Frau galt also als Kulturleistung. Das klingt immerhin ein wenig besser, als der spornographisierte Mann. Aber klar folgen beide Idealen, die andere (Männer) geschaffen und etabliert haben. Meinetwegen soll sich Miley Cyrus aus Protest ihr Beinhaar wachsen lassen, wie einen Regenbogen färben und ein ganzes Album darüber schreiben. Aber den Endzeit-Flaum in den Achselhölen, den soll sie doch bitte nicht weiter propagieren. Bitte.

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