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Markus Bucher inmitten seines Knoblauch-Felds in der bernischen Gemeinde Grossaffoltern. bild: watson

Warum dieser Bio-Bauer keine Angst vor der Trinkwasser-Initiative hat

Es brodelt in der Bio-Branche. Die Trinkwasser-Initiative spaltet die Gemüter. Der Berner Bio-Bauer ist enttäuscht über die Nein-Parole von Bio Suisse. Bei einem Rundgang über seinen Hof erzählt er von seiner Vision – und erklärt, warum er kein Nutella isst.



Durch die malerische Landschaft des Berner Seelands, vorbei an den typisch rund geschwungenen Dächern der Berner Bauernhäuser, durch die Gemeinde Grossaffoltern führt ein einsamer Weg auf den Hof von Markus Bucher. Er trägt den lieblichen Namen «Farnigasse». Und die Farnigasse gibt Buchers Reich seinen Namen. Das «Farngut» des Bio-Bauern ist umgeben von blühenden Apfelbäumen und frisch bepflanzten Knoblauch-Feldern. Es ist ruhig auf dem Hof. In der Ferne sind einige Feldarbeitende zu erkennen. Sie setzen Rüebli-Samen in die Erde. Durch die Wolkendecke drückt die Sonne.

Es scheint, als wäre die Welt an diesem Donnerstagmorgen in Ordnung. Doch die Idylle trügt. Hinter den Kulissen brodelt es. Die Landwirtschaft steht vor einer Zäsur. Zwei Initiativen, die am 13. Juni zur Abstimmung kommen, bringen Unruhe in die Branche. Besonders zu reden gibt die Trinkwasser-Initiative. Nur wer das Trinkwasser nicht mit synthetischen Pestiziden verdreckt, soll in Zukunft noch Direktzahlungen vom Staat erhalten, so eine der Hauptforderungen.

«Ich wusste, wenn ich so weitermache, dann werde ich entweder zum mürrischen, miesepetrigen Bauern oder krank.»

Markus Bucher, Bio-Bauer

Die Initiative ist selbst in der Bio-Branche stark umstritten. Mitte April fasste Bio Suisse, der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, die Nein-Parole. Das Anliegen der Initiative sei richtig, die Lösung die falsche, erklärte Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli den Medien. Man stört sich am reinen Fokus auf die Bauern. Und der Verband fürchtet sich vor einem Preiszerfall. Wenn nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, wenn sie biologisch produzieren, würden sich zahlreiche konventionelle Betriebe Bio Suisse anschliessen. Das wiederum würde zu einer künstlichen Verbilligung von Bio-Produkten führen, so die Befürchtung.

Als Bio-Bauer Markus Bucher vom Entscheid von Bio Suisse hörte, konnte er seinen Ohren nicht trauen. Es fällt ihm schwer, die Argumente nachzuvollziehen. Wäre er nicht von der Knospen-Zertifizierung abhängig, würde er den Austritt geben. «Ich kann mich nicht mehr mit Bio Suisse identifizieren.» Bucher wählt seine Worte bedacht. Er wird nicht laut, nicht emotional. Aber seine Enttäuschung ist spürbar. Sie zeigt sich in den tiefen Furchen über seiner Stirn und den wild gestikulierenden Händen.

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Bucher setzt seit 20 Jahren auf einen umweltschonenden Anbau. 1998 übernimmt der heute 47-Jährige den modernen Munimastbetrieb von seinen Eltern. Doch die Munis machen ihn nicht glücklich. «Es hat mich innerlich zerrissen, ich habe etwas gemacht, was mir völlig widerstrebte.» Bucher hat Mühe mit dem Mästen, den Antibiotika, den unzähligen Tonnen an Futter, die er vorne reinlässt, dafür dass hinten nur ein «Häufchen Fleisch» rauskommt. «Ich wusste, wenn ich so weitermache, dann werde ich entweder zum mürrischen, miesepetrigen Bauern oder krank.»

2001 gibt Bucher das Munimästen auf. Einen konkreten Zukunftsplan hat er damals noch nicht. Über einen kurzen Abstecher in die Pensionspferdehaltung findet er zu seiner wahren Berufung: Gemüseanbau. Die ersten Versuche mit Kartoffeln, Rüebli und Zwiebeln fruchten. 2005 kommt Knoblauch dazu. Heute ist das Lauchgewächs eines der wichtigsten Standbeine des Farnguts. 40 Tonnen verkauft Bucher jährlich. Grösster Abnehmer des Bio-Chnoblis ist Coop.

«Wir Bauern sind doch keine Opfer. Wir hätten es in der Hand. Wir stehen am Anfang der ganzen Nahrungskette.»

Markus Bucher, Bio-Bauer

Bio ist für Bucher nicht einfach eine Anbaumethode. Es ist seine Lebensphilosophie. Auf seinen Teller kommt ausschliesslich Bio-Gemüse und -Getreide. Wenn immer möglich aus der Schweiz. Besonders gefreut hat ihn, als er erfuhr, dass einige Schweizer Bauern anfingen, Quinoa anzubauen. Seit seiner Erstausbildung als Forstwart verzichtet Bucher auch auf Fleisch. Und wenn im Küchenschrank Convenience-Produkte landen, dann weil sie einer seiner beiden Söhne gekauft hat. «Da steht zum Beispiel ein Nutella. Das würde ich nie selbst kaufen», schmunzelt er.

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Bio-Knoblauch ist das wichtigste Standbein des Farnguts. Noch sind die praktisch leer. Geerntet wird im Juni. bild: watson

Der Landwirt sieht in der Trinkwasser-Initiative eine riesige Chance. Mehr Konkurrenz würde nicht einen Preiszerfall bedeuten, sondern mehr Innovation. «Die biologische Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren nicht mehr wirklich weiterentwickelt.» Es gehe primär noch darum, Produkte zu liefern und Umsatz zu generieren. «Die ganze Landwirtschaft wurde immer von einzelnen angetrieben, die mit einfallsreichen Ideen vorangingen.» Die Trinkwasser-Initiative würde genau diesem Einfallsreichtum einen erneuten Schub verleihen, ist sich Bucher sicher. «Wenn da plötzlich mehr Wettbewerb ist, muss man sich neu erfinden.»

Ob er die Bedenken einiger Bio-Bauern nicht verstehen könne? Doch, das könne er. «Veränderungen können Angst machen. Aber wer sich vor sinkenden Preisen fürchtet, der denkt nur an seinen eigenen Betrieb, nicht an das grosse Ganze.»

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Das Farngut ist umgeben von Feldern und Wald. bild: watson

Das grosse Ganze – etwas, was Bucher immer wieder erwähnt. Ihm fehlt die Weitsicht bei vielen Bäuerinnen und Bauern. Im Gespräch fallen ihm immer wieder Begegnungen ein. Er erzählt von Gesprächen mit anderen Landwirten, Politikerinnen oder Vorstehenden von Verbänden. Am meisten Mühe habe er mit der Opferrolle, in der sich viele seiner Gesprächspartnerinnen sehen. «Wir Bauern sind doch keine Opfer. Wir hätten es in der Hand. Wir stehen am Anfang der ganzen Nahrungskette», ruft er aus und wird für einen Bruchteil eines Moments etwas lauter.

«Wenn nicht nur jeder für sich werkeln würde und wir uns zusammentun, um neue Anbaukonzepte zu erarbeiten, könnten wir der Umwelt so viel Gutes tun», sagt Bucher. Jetzt steht er draussen und kickt mit dem Fuss ein paar Holzspäne aus dem Weg. Auch er als Bio-Bauer mache ja nur Symptombekämpfung. Vielleicht sollte man sich fragen, warum Schädling X denn überhaupt zum Problem wird. «Wenn ich auf einer Fläche von 76 Tennisfeldern nur Blumenkohl anpflanze, muss ich mich nicht wundern, wenn das Unmengen von Raupen anzieht. Das ist das reinste Schlaraffenland.»

«Viele in unserer Branche sind sich leider nicht bewusst, welche Verantwortung wir tragen.»

Markus Bucher, Bio-Bauer

Ein Anbauprojekt hat Bucher bereits in Angriff genommen. Hinter dem Wohnhaus liegt das Übungsfeld. Anstatt Blumenkohlbeet um Blumenkohlbeet, sollen Gemüse, Kräuter, Beeren, Blumen und Getreide kreuz und quer wachsen. Der Gedanke dahinter: Weg von der Monokultur hin zu einem Biotop, das dem Boden und der Umwelt guttut. Ein extra dafür entwickeltes Hightech-Gerät soll die Pflanzenart erkennen und von der Saat bis zur Ernte bearbeiten. Noch steht Bucher ganz am Anfang und sucht Investoren.

«Viele in unserer Branche sind sich leider nicht bewusst, welche Verantwortung wir tragen», sagt er und lässt seinen Blick über das Testfeld schweifen. Kurz darauf verabschiedet er sich mit einem kurzen Winken und verschwindet geschäftig um die nächste Ecke.

Zurück bleibt die Ruhe vor dem Sturm. Plakate für die Trinkwasser-Initiative hat Bucher noch nicht aufgehängt. Das wolle er aber noch tun. Dass der eine oder andere Bauer in der Umgebung ihn dann nicht mehr grüsse, damit könne er leben. «Ich winke trotzdem», sagt er bestimmt.

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