Schweiz
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An employee of the restaurant

Stimmt der Abstand? Eine Lausanner Brasserie bereitet sich auf den Neustart vor. Bild: KEYSTONE

Analyse

Coronavirus? War da was? Das gefährliche Gefühl von Normalität

Die Schweiz wagt am Montag den grossen Öffnungsschritt. Gleichzeitig fragen sich immer mehr Leute, ob der Corona-Lockdown überhaupt nötig war. Dabei gilt nach wie vor die Devise: Safety first!



Es herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung im Land. Schulen, Läden und Restaurants werden auf Hochglanz geputzt und so eingerichtet, dass sie den Schutzkonzepten genügen. Das klappt nicht reibungslos. Viele Eltern ärgern sich über Kantone, die vorerst auf Halbklassen-Unterricht setzen, was ihren Alltag zusätzlich verkompliziert. Beizen und Shops stellen sich auf weniger Kunden ein.

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Insgesamt aber dominiert die Vorfreude. Nach acht Wochen Zwangsschliessung geht es am nächsten Montag wieder los. Der Öffnungsschritt fällt deutlich grösser aus als vom Bundesrat ursprünglich geplant, doch die Schweiz ist nicht allein. Viele europäische Länder beginnen, aus der Corona-Schockstarre zu erwachen, und getrauen sich langsam zurück in die Normalität.

epa08405474 A couple enjoys the sun on a street in Barcelona, Catalonia, northeastern Spain, 06 May 2020. Spain is carrying out the de-escalation phase at different speeds depending on health situation in each province.  EPA/TONI ALBIR

Endlich wieder raus: Ein Paar geniesst die Sonne in Barcelona. Bild: EPA

In den Ländern Italien und Spanien, die das Virus besonders heftig heimgesucht hat, dürfen die Menschen wieder auf die Strasse. In Deutschland, das die Krise bislang im Griff hat, werden die Regeln ab nächster Woche deutlich gelockert. Bald gibt es wieder Bundesliga-Fussball, wenn auch in Form von Geisterspielen. Selbst Grenzöffnungen sind eine realistische Perspektive geworden.

Die sinkenden Fallzahlen machen es möglich. Im Spital von Bergamo, wo die Zustände auf dem Höhepunkt der Krise jenseits des Erträglichen waren, herrscht wieder Normalbetrieb. Die positive Entwicklung der Infektionskurve spielt auch der vermeintlich riskanten Öffnungsstrategie des Bundesrats in die Hände. Seine Sitzung am Freitag dürfte die ruhigste seit Februar werden.

Vereinzelt räumen sogar Epidemiologen ein, dass die «Kollateralschäden» des Lockdown für Gesellschaft und Wirtschaft auf längere Sicht grösser sein könnten als die direkten Folgen der Pandemie. Allerdings mahnen sie weiter zur Vorsicht. Das sieht auch die Mehrheit der Bevölkerung so, doch die Stimmen, die dem Bundesrat fast blind vertrauten, sind leiser geworden.

Bundesrat Ueli Maurer, Bundesraetin Viola Amherd und Bundesrat Alain Berset, von links, waehrend einer Medienkonferenz des Bundesrates ueber die Situation des Coronavirus, am Mittwoch, 22. April 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Ueli Maurer stellt den Corona-Kurs des Bundesrats in Frage. Bild: KEYSTONE

Dafür melden sich immer mehr Leute zu Wort, die dem Bund Übertreibung vorwerfen, so etwa der Andermatt-Investor Samih Sawiris («In der Schweiz gehen Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert Tote weniger gibt»), DJ Antoine («Corona ist ein Medienhype»), und sogar Finanzminister Ueli Maurer himself zweifelt («Ich frage mich, ob das wirklich notwendig war»).

«Keine Hinweise auf Risiken»

Eine Tamedia-Journalistin findet sogar, man solle bei einer Rückkehr zum Normalbetrieb nicht ständig die Risiken betonen: «Wir brauchen Mut und Zuversicht. Keine Hinweise auf Risiken. Diese sind nicht nur müssig, sondern auch schädlich. Sie schüren Angst. Und Angst ist Gift.»

Corona? War da was?

Die Kollegin verlangt «gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse» als Grundlagen für unser soziales, politisches und wirtschaftliches Leben. Genau das aber ist das Problem. Wir wissen noch viel zu wenig über das neuartige Coronavirus. So ist nach wie vor unklar, ob das wärmere Wetter die Virulenz mindert und wir dafür im Herbst in eine umso heftigere zweite Welle schlittern.

So lange diese Gefahr besteht, ist ein unbeschwerter Aufbruch in die «neue Normalität» brandgefährlich. Erste beunruhigende Anzeichen in diese Richtung gibt es. So hat der Verkehr auf den Strassen deutlich zugenommen. Selbst am letzten Samstag, als das Wetter kühl und trüb war und erst die Gartencenter und Baumärkte geöffnet hatten, rollte er fast wie vor Corona.

Schwierige Durchhalteparolen

«Safety first» bleibt die Devise, nach der wir uns richten müssen. Das bedeutet im Minimum die bekannten Regeln, also Hände waschen und Abstand halten. Dem Bund und der von ihm beauftragten Zürcher Werbeagentur Rod wird es so oder so schwer fallen, sich mit ihren Durchhalteparolen weiterhin Gehör zu verschaffen. Irgendwann hat man es gesehen und gehört.

Video: watson

Problematisch bleibt deshalb auch die Kommunikation des Bundesrats, und das betrifft nicht nur Ueli Maurers «Querschläger-Interview» in der NZZ, das «zufällig» genau am Tag der letzten Bundesratssitzung erschienen ist. Selbst Justizministerin Karin Keller-Sutter hat im Interview eingeräumt, dass der Bundesrat die Ankündigung der schrittweisen Öffnung am 16. April verbockt hat.

Musterland Österreich

Wie man es machen sollte, zeigen die Österreicher. Dort hat die Rückkehr zur Normalität bereits am Dienstag nach Ostern begonnen, ohne dass es zu einer Zunahme der Infektionen gekommen wäre. Das liegt auch daran, dass die türkis-grüne Regierung bemerkenswert geschlossen auftritt und jeden Öffnungsschritt mit der klaren Warnung vor zu grosser Nonchalance verbindet.

Österreich ist damit zu einem Corona-Musterland geworden. Die Kehrseite ist die geringe Kundenfrequenz in den Läden und Shoppingcentern. Bis zu einer wirtschaftlichen Normalisierung ist es ein weiter Weg. Der Druck wird deshalb kaum nachlassen. Immerhin darf man dem Bundesrat attestieren, dass der weitere Öffnungs-Fahrplan ziemlich clever gestaltet ist.

Über den für 8. Juni geplanten nächsten Schritt will er am 27. Mai entscheiden. Bis dann wird man wissen, welche Auswirkungen das «Grand Opening» am Montag auf die Infektionskurve haben wird. Einen zusätzlichen Anreiz, sich diszipliniert zu verhalten, schafft der Bundesrat, indem er mit der Öffnung von Zoos und Bergbahnen zuwartet, die zu den beliebtesten Ausflugszielen gehören.

Das schwedische Modell

Vorerst begibt sich die Schweiz mehr oder weniger auf das Niveau von Schweden. Dort waren Grundschulen, Läden und Restaurants nie geschlossen. Am schwedischen Modell scheiden sich die Geister. Ist es vorbildlich oder verheerend? Die Sterberate ist deutlich höher als in den benachbarten skandinavischen Ländern, aber tiefer als in Grossbritannien oder Italien.

epa08377361 State epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden talks during a daily news conference on the coronavirus, Covid-19 situation, in Stockholm, Sweden, 22 April 2020.  EPA/Jonas Ekstroemer ***SWEDEN OUT*** SWEDEN OUT

Staatsepidemiologe Anders Tegnell ist das Gesicht des liberalen schwedischen Modells. Bild: EPA

Die Schweden halten jedenfalls eisern an ihrem liberalen Modell fest, und zuletzt ist die Corona-Kurve gesunken. Und ein Aspekt dürfte ihre Bilanz stark getrübt haben: Zu lange wurde der Schutz der Senioren vernachlässigt. Erst am 31. März wurde ein Besuchsverbot in Altersheimen verhängt. Den mangelhaften Schutz der Risikogruppe räumen mittlerweile auch die Behörden ein.

Der schwedische Ansatz basiert auf einer hohen Eigenverantwortung. Andere Länder wie Grossbritannien und die USA, die traditionell zum Laissez-Faire tendieren, haben damit ein Desaster verursacht. Bei ihnen ist allenfalls ein schwaches Licht am Ende des Corona-Tunnels zu erkennen. Und die Schweiz ist vermutlich mehr USA als Schweden.

«Trotz der tiefen Fallzahlen müssen wir uns bewusst sein: Das ist noch lange nicht das Ende dieser Pandemie», meint die Epidemiologin Olivia Keiser im watson-Interview. Wir können die grosse Öffnung am Montag mit einer Portion Optimismus angehen. Und müssen unablässig auf die damit verbundenen Risiken hinweisen. Sonst stecken wir vielleicht bald wieder im Dreck.

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